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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 967 Moderne Vereinsmeierei*). Von Fabius Schach in Köln am Rhein. HI. Daß die sogenannten reinen Wvhlthätigkeitsvereine, d. h. solche Vereine, die sich das Almosenvertheilen zur Ausgabe gestellt haben, ein Nebel sind, darüber dürsten Alle, die Verständniß für das Armenwesen haben, einig sein. Jedes Almosen widerspricht dem Geiste eines gesunden socialen Resormwerkes. Aber auch darüber dürfte eine Meinungsverschiedenheit nicht herrschen, daß diese Vereine heute noch nicht zu entbehren sind. Man darf nichts zerstören, solange man nicht etwas Besseres an seine Stelle setzen kann. Gewiß, das Almosen entehrt den Empfänger und ist peinlich für den Geber. Geld anzunehmen, ohne in irgend einer Form Gegenleistung zu bieten, ist schmachvoll und Geld zu geben, ohne den directen oder indirecten Nutzen zu sehen, ist sinnlos. Allein, solange wir Hungrige haben, werden wir sie erst sättigen müssen, daun erst dürfen wir ihnen von Menschenwürde predigen und den Weg zur Arbeit zeigen. Wer kennt nicht die Klagen über die unselige Chaluka? Ohne Zweifel, die ganze Einrichtung ist krank und morsch, aber wir dürfen den Armen in Palästina, gegen die die Proletarier in Deutschland Fürsten sind, das karge Brod, das ohnehin zum Sattwerden kaum reicht, nicht entziehen. Radicalcuren dürfen wir uns bei einem ausgehungerten Volke nicht gestatten. Mir klagte vor Jahren ein berühmter Arzt, der um die jüdische Wohlthätigkeit große Verdienste hat, über das Verkehrte unseres Unterstützungswesens. Ein christlicher Arbeiter wisse, daß er zur Arbeit und zur Noth geboren sei, und wenn man ihm helfe, dann sei er dankbar. Der "jüdische Proletarier dagegen komme aber mit der Prätension, daß man ihm Geld geben müsse und trete unbescheiden auf. Es ist viel Wahres in dieser Klage. Bei einem Theile unserer' Proletarier ist tatsächlich das Schnorren in Fleisch und Blut übergegangen und sie sind bereits des Schamgefühls bar. Wenn dieser Herr aber daraus folgert, daß man sie durch Hunger oder gar durch die Polizei zur Arbeit zwingen solle, so ist das verfehlt. Was eine Geschichte von Jahrhunderten verdorben hat, das kann mau nicht plötzlich mit Gewalt gut machen. Langsam müssen diese Fehler beseitigt werden. Das Unterstützungswerk soll zugleich ein Werk der Erziehung sein. Reformen sollen und müssen ans diesem Gebiete durchgeführt werden, aber sie müssen vom großen Gesichtspunkte aus erfaßt werden und dahin zielen, eine bessere Zukunft anzubahnen. Bor Allem darf keine Wohlthätigkeit ohne Ziel und Plan geübt werden. Aus bloßer Mizwah und ohne nach dem Nutzen zu fragen, soll kein Geld vergeudet werden. Wir dürfen keine Schnorrer züchten, wir müssen die Leute zur Arbeit und zur Selbsthilfe erziehen, um wenigstens die jüngere Generation zu retten und in ihr das Ehrgefühl wachzurufen. Und daher soll und muß jedes directe private Almosen abgeschafft werden. Der Arme darf nie wissen, wer ihn unterstützt, und der Spender soll nicht erfahren, wem er hilft. Die Vereine sind dazu da, zwischen Geber und Nehmer zu vermitteln, und sie sind auch anl besten in der Lage, die Dürftigkeit und Würdigkeit zu prüfen. Jede Zersplitterung und jedes Prunken ist hier von Uebel. Als ich vor zwei Jahren in Frankfurt am Main war und ein bekannter Philantrop mir schilderte, welche Summen hier für Wohlthätigkeit fließen, da antwortete ich ihm: „Jawohl, ganz Frankfurt besteht nur aus Almosengebern und Almosenempfängern!" In der That, es gibt Wohlthäter in dieser Stadt, die sich unbehaglich fühlen würden, wenn es keine Schnorrer gäbe. So sehr ist ihnen diese widersinnige Einrichtung zur Lebensgewohnheit geworden. Diese Art Wohlthätigkeit zeigt nur, um mit John Stuart M i l l zu sprechen, was die Menschen können, nicht aber was sie sollen. Kein Volk gibt soviel Geld für Wohlthätigkeit aus, wie wir Juden, aber nirgends auch wird soviel Geld, Zeit und Kraft nutzlos vergeudet, wie bei uns. Das muß aufhören. Es muß Alles rationell organisirt und stets geprüft werden, ob die Unterstützung vom Werthe ist. *) Auch die Ausführungen in dem vorstehenden Artikel unseres geehrten Correspondenten enthalten Partien, welchen die Redaction zuzustimmen nicht in der Lage ist. Es mußten denn die Verhältnisse in den jüdischen Gemeinden der Rheingegend ganz andere sein, als wie bei uns in Oesterreich. Die Redaciiou. Wohlthun heißt Gutes stiften. Es muß Wohlthätigkeit geübt werden, nicht um den Armen los zu werden, sondern um ihm zu helfen. Der Hebräer hat ein schönes Wort für Wohlthätigkeit, Zedakah, d. h. Gerechtigkeit. Ein Werk der socialen Gerechtigkeit und menschlichen Weisheit soll die Unterstützung der Armen sein, Das ist im Geiste des Jndenthums. Auch eine würdige geeignete Geselligkeit thut uns Juden sehr Noch. Wir können und wollen uns den christlichen Nachbarn, die uns offen hassen oder großmüthig dulden, nicht aufdrängen. Wenn sie uns nicht haben wollen, müssen wir Stolz genug besitzen, um ihnen nicht nachzulaufen. Wir wollen uns nirgends hineinschmuggeln, und wenn ein Jude einem Verein beitritt, der nur ausnahmsweise Juden aufnimmt, so zeigt das sicherlich von keinem ausgeprägten Ehrgefühl. Als die Burschenschaft in Deutschland vor einigen Jahren beschlossen hatte, keine Juden mehr aufzunehmen, da meldeten viele liberal denkende christliche Alte Herren ihren Austritt, während eine Anzahl jüdischer Alter Herren blieb und sich nicht „zu erkennen gab", wie der kluge reisende Schmul sagte. Solche Feiglinge schänden den Namen Jude mehr als alle Antisemiten. Wir müssen Stätten haben, wo wir uns frei als Juden und Menschen bewegen und schlicht und natürlich mit einander verkehren. Die geselligen Vereine müssen in erster Reihe die jüdische Jugend im Freilicht erziehen und sie von dem Wunden des Ghetto und den Schlacken der Assimilation heilen, um die Stammesgenossen der Zukunft zu freien, stolzen Juden zu machen. Diese Vereine müssen betonen, was uns eint und nicht was uns trennt. Sie dürfen keine andere Tendenz haben, als die des gemeinsamen Bolksthums. Es müssen die politischen und religiösen Differenzen von dieser Stätte, die der Gemüthsbilduug geweiht ist. gänzlich weichen, denn sonst ist eine gedeihliche Geselligkeit nicht denkbar. Wie viel auf diesem Gebiete noch heute gesündigt wird, das kann man täglich beobachten. Ich kenne einen Geselligkeitsverein in Deutschland, der in kurzer Zeit aufblühte und eine große Zukunft hatte, weil ein dringendes Bedürfniß ihn erzeugte. Da kamen die genialen Sendlinge der heiligen zionistischen Schablone, die nicht begreifen können, daß die Pflege des jüdischen Lebens ein Hauptpunkt des Nationaljudenthums 'bilden müsse, mit ihren auswendig gelernten Sprüchlein. Sie trugen Zivfft und Streit hinein, riefen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zionistische Discussivnen hervor und zwangen durch unsinnige Resolutionen einen großen Theil der Mitglieder zum Austritt. Heute ist dieser Verein zn einer Brutstätte des echten Streberthums geworden. Ein „Führer", der der deutschen Grammatik ewige Feindschaft geschworen hat, hält dort seine Reden, ein würdiger Repräsentant der Nullität auf allen Gebieten des Wissens ist der edle Gönner, Leute, die kaum orthographisch richtig schreiben, lesen ihre Gedichte vor, kluge Politiker schmettern mit studentischer Schneidigkeit deutschpatriotische Hochrufe und Ignoranz und Protzenthum führen da das Scepter. Wahrlich ein abschreckendes Beispiel und eine Lehre, wie man Vereine nicht machen soll. In einem Geselligkeitsverein wurde unlängst bei der Makkabäerfeier die Chanuka-Hymne „Maos Zur" mit lateinisch e n Lettern gedruckt, zum Singen vertheilt. Ich schämte mich, als ich das sah. Wenn Juden oder gar ZionD.en kein Hebräisch verstehen, so ist das traurig. Wenn man aber die Sprache unserer Väter nicht einmal lesen kann, so sollte man ihr doch wenigstens die Schmach ersparen, sie in ein lateinisches Gewand zu zwängen. Die Gesellschaft könnte ja ebensogut chinesische Hymnen singen. Was soll hier das Kokettiren mit jüdischen Ideen, wenn man dem jüdischen Geiste so fern steht? Andererseits dürfen aber die Vereine kein Verstecken spielen, sich nicht hinter griechische und lateinische Namen verbergen und so thun, als wenn sie nur zufällig nebenbei Juden sind. Es hilft ihnen nicht einmal, wenn sie sich einen Reuommir- Goi gegen Freibier halten. Man weiß doch, daß sie zufällig eine andere Geschichte hatten, daß sie zufällig andere Nasen haben. Welche komische Scenen spielen sich da ab, wenn an einem literarischen Abend die Discussion einmal aufs politische Gebiet hinüderspielt! Man geht dann wie die Katze um den heißen Brei, dreht und windet sich in allerhand gedrechselten Phrasen und fürchtet, das Wort Jude zu erwähnen. Dadurch wird nur das Eine erreicht, daß man seine Sclavenseele offenbart und das Judenthum als etwas Inferiores hiustellt. Beim nichtjüdischen Zuschauer gesellt sich dann zum Hasse noch die Verachtung. Wenn Juden unter sich sich der jüdischen Abstammung schämen,

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