Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 51 (22.12.1899)
- Date
- 1899-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 966 Dr. Blach'e- WvrffenschritL. Nr. 51 Chacham führt ebensogut in eigener Person den Pflug, wie die Bürger, die ihm ihre Seelsorge anvertrauen/' Dabei verfehlt der Verfasser nicht, daraus hinzuweisen, daß diese Bauern „zwar in bescheidenem, ländliche Maßstabe leben, daß aber die Nothdurft, von welcher die Juden in den Kleinstädten Galiziens stets heimgesucht sind, bei ihnen nicht zu treffen ist." Somit wird es also zweifellos möglich sein, durch eingehende Arbeit auch größere Kreise unter den galizischen Juden davon zu überzeugen, daß sie nicht für den Landbau zu „eidel" sind.*) Auch bei der Widerlegung des zweiten Salz'schen Einwandes unterstützt mich der Verfasser. Es war behauptet worden, daß sich für Siedlungszwecke in Galizien kein Boden finden würde, da die polnischen Adeligen nicht an Inden verkaufen würden. Diese Befürchtung erklärt er für grundlos. Es kämen, so sagt er, alljährlich einige tausend Joch großgrundbesitzerischer Boden unter den Hammer, die im Licitationswege in die Hände deutscher, französischer und belgischer Capitalisten nelen. „Daher könnten diejenigen Factoren, welche die Juden dem Ackerbau zuführen wollen, als Miterwerber auf den Licitationen erscheinen und manchen Complex für die Colonisation an sich bringen." Auch er nimmt also an, daß die stramme antisemitische Gesinnung der Szlachcicen kaum standhalten würde, wenn sich ihnen persönlicher Vortheil bieten würde. Welche Veranlassung kann also für ihn vorliegen, trotzdem die innere Colonisation Galiziens als unmöglich erweisen zu wollen? Es ist die Geldfrage. „Die Colonisations-Jdee, sagt er, zerbricht an dem felsenfesten Hindernisse der Geldfrage, welche nur im geringsten zu lösen, ein Ding der Unmöglichkeit wäre." In 20 Zeilen berechnet er, daß zu einem solchen Plane 132 Millionen Gulden oder 220 Millionen Mark nöthig wären und constatirt, daß diese Summe nie aufgebracht werden könnte, mithin sei es nichts mit diesem Plan. Konnte denn der geehrte Herr Verfasser im Ernst glauben, daß alle die Schriftsteller, welche die Ueberführung der galizischen Juden zur Landwirthschaft befürworten, sich niemals die Frage vorgelegt haben, ob das Geld dafür zu erlangen wäre? Wenn 66.000 Familien in Galizien (ich nehme die Zahlen, welche der Autor anführt) angesiedelt werden sollten, und jede 2000 Gulden nöthig hat, so wären dafür allerdings 132 Millionen Gulden erforderlich. Ich selbst setze das Verhältniß noch viel ungünstiger an, wenn ich in Berufung auf die Statistik des Professors P i l a t, auf die Berechnungen des Herrn Josef Siegel**) und des Herrn Dr. S. R. Landau und mehrere Andere, die jüdischen Armen Galiziens auf 600.000, auf Dreiviertel der gesammten jüdischen Bevölkerung, schätze; das wären, die Familie zu sechs Köpfen gerechnet, sogar 100.000 Familien im Gegensatz zu den 66.000, welche der Verfasser zählt. Demnach wären sogar 200 Millionen Gulden nöthig! Nun, diese Zahlen würden mich nicht schrecken! Wenn man bedenkt, welche Unsummen die Colonien in Argentinien verschlungen haben, welche Unsummen allein jährlich für die Umwanderung der östlichen Juden, für den Transport ausgegeben werden, wenn man ferner bedenkt, welche Mittel der 4entislr Lolonisatiori Association und manchen anderen Wvhlthätigkeitsgesellschaften sowie Privaten, zur Verfügung stehen, so kann gar kein Zweifel darüber herrschen, daß die Geldfrage, isolirt betrachtet, gar keine Rolle spielt. Wenn jene Kreise erst darüber überzeugt sein werden, daß hier eine große sociale Aufgabe von weittragendster Bedeutung vorliegt, und daß hier etwas erreicht werden kann, dann werden auch jüdische Capitalien in ausreichendem Maße vorhanden sein. Allein thatsächlich liegen doch die Verhältnisse gar nicht so Kein Mensch denkt daran, aus einen Hieb 400.000 (resp. 600.000) Juden in Galizien ansiedeln zu wollen. Dem großen, schrecklichen Elend kann überhaupt nicht von heute auf morgen abgeholfen werden, mag als Heilmittel nun angewendet werden Emigration, Hausindustrie oder Ackerbau. Wo eine derartige Zerrüttung aller Verhältnisse herrscht, da gehört sehr viel Zeit und Geld dazu, um eine Wandlung herbeizusühren. Deshalb sollte man gegen *) Soeben geht mir die „Jüdische Presse" vom 14. d. M. zu, welche die Mittheilung enthält, daß 278 Juden in Kolonien sich an die I. C. A. gewendet hätten, da sie als Landbauer in Galizien angesicdelt zu werden wünschten. **) Moderne Wohlthätigkcit, Krakau 1895. einen Plan, der so große und weite Ziele hat, wie die Seßhaftmachung der Juden auf galizischem Boden nicht mit so kleinlichen Einwürfen kämpfen wollen. Es wird sich übrigens im Laufe meiner Ausführung ergeben, daß das erforderliche Geld weit geringer ist, als der Verfasser jenes Artikels rein mechanisch herausrechnet. Will man einem Nebel ernsthaft zu Leibe gehen, so muß man seine letzte Ursache zu erkennen suchen. Es nützt nichts, ob man von der Ursache sechsten Grades zu der dritten oder zweiten Grades herabsteigt, man muß wirklich ganz auf den Grund gehen. So kommt es vom großen, weltgeschichtlichen Standpunkt aus wenig darauf an, ob ganz äußerlich in rein privater, verstreuter Wohlthätigkeit einem oder dem anderen der leidenden Brüder geholfen wird, odr ob man für einen ganzen Ort die sociale Nothlage ein wenig behebt, oder gar für eine Zeit lang ganzen Ländern wirthschaftliche Förderung bereitet, wenn doch die Gewißheit besteht, daß der nächste Windstoß das ganze Kartenhaus umwerfen wird, oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, daß die bösen Wetter, denen man an einer Stelle den Ausgang verwehrte, an einer andern umso gewaltsamer sich Luft machen müssen. Wer es heute wagt, mit der Angabe eines socialen Heilmittels auf dem Plan zu erscheinen, der hat die Verpflichtung, nachzuweisen, daß sein Mittel kein ausschließlich locales ist, sondern daß es dem ganzen Organismus zu Gute kommt, indem es die letzte Ursache der Krankheit beseitigt. Dies wurde bei den meisten Vorschlägen zur Hebung der Judenheit vernachlässigt. Man sah auf der einen Seite das furchtbare Elend, erkannte auf der anderen Seite ein Heilmittel und begann nun zu curiren, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, daß man es dabei nur mit einer Theilerscheinung, nicht aber mit dem Grundübel selbst zu thun hatte. Die Frage ist sehr ernst. Wenn Jemand zu nur käme und mir sagte: „Ich habe ein Mittel gefunden, um die Inden aller Länder in einem Jahre pecuniär sicher zu stellen. Alle Noth wird schwinden. Der Hunger wird aufhören, seine zahllosen Opfer innerhalb der Reihen Israels zu heischen. Die Juden werden sich der Pflege der höheren menschlichen Ziele zuwenden, aus der furchtbaren moralischen Versumpfung sich erheben können, in welche sie im Osten durch Jahrhunderte lange Unterdrückung verfallen sind." Und wenn Jener mir dann die Ausführbarkeit seines Planes zahlenmäßig und logisch bewiese, so daß auch kein Zweifel daran bestehen könnte, und wenn er zum Schluffe noch hinzufügen würde: „Ich habe die dazu erforderlichen Gelder zur Verfügung, es kann unmittelbar begonnen werden", so würde ich doch so lange mich weigern, an dieser Rettung theilzunehmen, ja ich würde mich ihr aufs Entschiedenste widersetzen, bis mir .dargethan ist, daß die ganze Action durchaus im Interesse der gesammten Menschheit.liegt! Dies ist der Kernpunkt! Das sociale Verständniß beginnt zu erwachen, dafür, daß im letzten Grunde die Interessen der gesammten Menschheit identisch sind. Die wirthschaftliche Vereinigung, die Solidarität des Menschen, daß ist das Banner, welches immer mehr Streiter um sich sammelt. Daher hat heute eine Politik keinen Sinn mehr, die vielleicht einer ganzen Classe Hebung und Förderung brächte, aber auf Kosten anderer Classen, die um so schonungsloser niedergedrückt würden. Nur d i e Politik verdient Unterstützung, welche für den gesammten großen Menschheitsorganismus von Nutzen ist, denn sie allein gewährt Garantie für die Heilung aller einzelnen Glieder. Das ist der Grund, weshalb ich, wenn Jemand ausschließlich das Wohl der Judenheit im Auge hätte und dieses ohne Rücksicht auf den allgemeinen Culturfortschritt, vielleicht gar im Widerspruch zu ihm, durchführen wollte, dies als durchaus verfehlt erachten würde. Das Glied, das es auf Kosten des Gesammtkörpers zu stärken versuchte, würde unter der Krankheit, die in Folge dessen den Organismus um so heftiger anpacken würde, auch später um so intensiver zu leiden haben. Dieser Zusammenhang wird von vielen jüdischen Schriftstellern übersehen. Die jüdische Frage kann nur gelöst werden im Zusammenhänge mit der allgemeinen socialen Frage. Daß die Ansiedlung der Juden auf galizischem Boden nun thatsächlich eine große sociale That ist, wird im folgenden Artikel näher ausgesührt werden.