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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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»eite 962 Dr. Block s Wockrnsckrist. ^r. i» Kind von 4 Jahren ungefähr, über Bord hinausgebeugt sieht, mit dem halben Körperchen schon über den Wasserspiegel geneigt. Jnstinctiv stürzt er auf das Kind los, um es im Falle des Sturzes festzuhalten, aber er sieht gerade noch die Mutter des Kindes an demselben vorübergehen; lächelnd fragt sie: „Angenehm, nicht wahr?" Es wird eben schon im zarten Alter jedes menschliche Wesen dazu angehalten, über sich selbst zu wachen und für sich selbst zu sorgen, während unsere Kinder aus „guten" Häusern fast willenlos von der Amme der Bonne, von dieser dem Hauslehrer, vom Hauslehrer dem Corpora! überliefert werden, dann erhalten sie plötzlich ihre Selbständigkeit und nun erwartet man, daß sie sie zu gebrauchen wissen. Es ist kein Wunder, daß ein so erzogenes Kind die Ehre des Martyriums für unser verkanntes Volksthum nicht zu schätzen weiß, daß es für seine Ueberzeugung einzutreten absolut nicht versteht, ja überhaupt keine eigene Ueberzeugung und nicht den Muth des eigenen Glaubens hat. Bleibt es doch Kind sein Leben lang! In Amerika ist es anders. Man muß nur einen 12- oder 15jährigen Amerikaner in der Fremde, in Paris beispielsweise, als auf sich gestellten Gast beobachten; es ist wahrhaftig viel schwerer, ihn zu betrügen und auszubeuten, als unsere gesetzten Männer, welche nach Paris kommen, mit dem Hintergedanken, daselbst etwas von ihrer Gesetztheit zeitweilig abzugeben. Der Franzose erzählt, wie eine Dame seiner Bekanntschaft einen kleinen Jungen von 11 Jahren in eine Bank schickt, um 5000 Francs einzucassiren; der Casiier wagt es nicht, den Check zurückzuweisen, zählt ihm die Summe zu, benützt aber die nächste Gelegenheit, um den Vater vor solcher Unvorsichtigkeit zu warnen. „Aber", erwidert dieser lachend, „glauben sie denn wirklich, daß ein großer Junge von 11 Jahren noch nicht eine Commission für seine Mutter ausrichten kann?" Derselbe kleine Amerikaner wird während der Ausstellung von 1889 in Paris allein gelassen, wandert alle Tage durch die ganze Ausstellung, spricht deutsch mit den deutschen Ausstellern, englisch mit den Engländern, französisch mit den Anderen, forscht sie aus, sammelt nützliche Thatsachen und Informationen, und als gegen Schluß der Ausstellung der Vater endlich Zeit findet, von New- Aork herüberzukommen, um sich die Ausstellung auch anzusehen, wird er von dem Söhnchen überall herumgeführt und über Alles aufgeklärt. Einem solchen kleinen Manne braucht daun freilich niemals geholfen zu werden, er hilft sich selbst. Genau dasselbe war das Princip der jüdischen Erziehung. Mit einem Silberzwanziger in der Tasche und allen religiösen Geboten im Kopfe wurde der kleine Bar-Mizwah in die Welt hinausgesendet, und er war dazu reif. Hatte er doch, solange der Lehrer in der Thora- und Talmud-Schule mit ihm zufrieden war, schon als Kind die allergrößte Freiheit, und wie frei war er selbst geistig! Konnte er nicht fast von Kindesbeinen an dem Lehrer ins Wort fallen, seine eigene Meinung geltend machen, und je absonderlicher diese war, desto mehr gefiel sie! Die alte Talmud-Thora-Schule ist eine Pflanzstätte des ^Selbstdenkens und der Originalität gewesen, während die moderne Mittelschule und nur zu oft, selbst die Hochschule zu einer Schule schablonenhaften Brodstudiums und gedankenlosen Nachplapperns herabgedrückt wird. Wie kann nun eine solche Erziehung bestehen, bei der man jedes junge Wesen machen läßt, was es will? Sehr einfach, im Hintergründe der ganzen Jugend harrt schon genau so wie in den kinderreichen altjüdischen Familien die Aussicht, den Kampf ums Dasein selbst durchführen zu müssen. Das äußerst schwierige Problem, mit welchem jeder wohlhabende Vater hier so schwer zu ringen hat, die Aufgabe nämlich, einen jungen Menschen, der es nicht nöthig zu haben glaubt, zur Arbeit zu erziehen, ist dort spielend gelöst. Es gibt eben einfach, von Ausnahmssällen abgesehen, überhaupt keinen jungen Menschen, der es nicht nöthig hätte, zu arbeiten. Der Sohn des reichsten Mannes weiß, daß er von der Universität zurückgekehrt, sich sein Brod selbst zu verdienen haben wird. Schon wenn er dies in der Fabrik oder Kanzlei seines Vaters thut, setzt er sich schon dem Verdachte aus, von der väterlichen Börse zu leben, was allein für einen erwachsenen Menschen in Amerika als schimpflich gilt, keineswegs aber etwa irgend eine Handarbeit, selbst ein Dienerposten oder eine Stellung als Kellner. Zieht ihn seine Neigung zum Beruf seines Vaters, so arbeitet der )unge Mensch doppelt hart, um diesem Verdachte zu entgehen. Ein Gast aus der alten Welt besichtigt die Schmiedewerkstatt eines großen Maschinenfabrikanten, plötzlich erkennt er, starr vor Staunen, in einem rußigen Arbeiter den einen Sohn des Mannes, der mindestens 20 Millionen Francs im Vermögen haben soll; ein anderer Sohn desselben Millionärs steht in jeder Nacht um 2 Uhr aus, um gewisse Lieferungen und Arbeiten zu überwachen, ein dritter beklagt sich, nur im Sommer den nöthigen Schlaf genießen zu dürfen, weil er im Winter keine Zeit dazu habe! Wem fällt da nicht die Ehrung der körperlichen Arbeit durch unsere Weisen und die arbeitsame Lebensweise der Söhne altjüdischer reicher Geschäftsleute ein? Ganz wie in Israel ist auch der Amerikaner bereit, für die Bildung seiner Kinder jedes Opfer zu bringen. Ist der Sohn fertig, so gibt ihm der Vater keinen Dollar; aber ohne viele Bedenken für eine Bildungsreise jedes Sohnes und wenn er deren wie in dem von Rousiers berichteten Falle, auch ähnlich altjüdischen Sitten, nicht weniger als 13 hat, jedesmal 10.000—15.000 Francs herzugeben, das gehört zur Erziehung und wird gerne gethan, wenn die Mittel es gestatten. Mißräth aber die Erziehung, so macht es der Vater wie der berühmte Pullman, der Schöpfer der größten Schlafwagenunternehmung, indem er mit einem Federstrich ein Riesenvermögen den eigenen Kindern entzieht; es ist eine besondere Gnade, wenn er ihnen in diesem Falle eine Rente von 10.000 Francs hinterläßt, wie Pullman es gethan hat; denn verpflichtet ist er zu gar nichts. Der Vater hat, wie inAlt-Jsrael, eine unbeschränkte Autorität, es gibt keinen Pflichttheil in Amerika. Und das weiß jeder reiche Jüngling sehr genau. Darum macht sich der junge Mensch selbständig, sobald er nur kann. Auch ein altjüdischer Zug! Unser Gewährsmann erzählt von einem Unternehmer, der ihn durch seine umfangreichen Werke selbst geleitet, auf die Frage ob er nicht eine Cigarre annehmen möchte, antwortet der Fabrikant: „Danke mein Herr ich glaube, ich bin noch zu jung zum Rauchen." Zu jung zum Rauchen und nicht zu jung für einem important manufacturer! Sobald der junge Mensch nur kann, versucht er seine Kraft, ohne daß ihm auch nur der Gedanke käme, sich bei dem zuerst gewählten Beruf für immer festzunageln. Ein junger Mann von 20 Jahren hat ein paar tausend Dollars geerbt. Mit speculativen Kreisen wohl bekannt, hat er die Idee, sein Glück auf der Börse zu versuchen und fragt seinen Vater um Rath. „Gehe nur geschwind nnd verspiele dein Geld, denn dadurch wirst du besser als aus allen meinen Predigten lernen, daß man das Geld durch Arbeit gewinnt und durch Spiel verliert." Zwei Monate später hatte der Sohn Alles verloren. Well, you kave learned your lesson, sagt der Alte zufrieden. Ganz genau so benimmt sich der amerikanischen Durchschnittsvater auch seinen Töchtern gegenüber. Eine junge Dame, deren Vater eine halbe Million Francs jährlich zu verzehren hat, gesteht 'ihm ihre Liebe zu einem Schullehrer mit 300 Francs Monatsgehalt. Der Alte zürnt nicht, er schleudert nicht seinen Fluch gegen sie, sondern sagt ganz gemüthlich: „Well, wenn du mit 300 Francs leben kannst, so heirate ihn nur, warum denn nicht?" Und sie lebt mit 300 Francs, d. h. in Amerika ohne Dienstboten, und vielleicht glücklicher als die nervöse Mama mit ihrem grand train. So weiß schon jedes Kind in Amerika, daß die Sachen einmal ernst werden und es aus sich selbst gestellt sein wird. Es verliert auch nicht seine Zeit und speculirt womöglich schon im Kindergarten. Ein Familienblatt von New-Jork erzählt folgende Kindergeschichte: Ein hervorragender Financier sagt zu seinem jüngsten Knaben: „Johnnie, du bekommst einen Dollar, aber du mußt dafür deiner kleinen Schwester ihr Gärtchen tüchtig umgraben. Johnnie wird sofort ernst. „Well", sagt er, „ich bin bereit, aber ich brauche 25 Percent Vorschuß. Es ist nicht etwa weil ich Mißtrauen gegen dich hätte, Papa, aber ich muß das haben, um das Geschäft anzufangen". „Was willst du damit sagen, Johnnie?" „Schau Papa, den Vierteldollar, den du mir als Vorschuß geben wirst, werde ich in dem Gärtchen vergraben. Dann sammle ich meine Spielkameraden und erzähle ihnen, daß ein Räuber einmal einen Schatz an djesem Platz versteckt hat. Sobald Einer von Ihnen den Vierteldollar gefunden haben wird, werden sie darauf losgraben, daß es eine Freude sein wird. Die Erde wird umgegraben sein und ich werde 75 Percent verdient haben, ohne mich zu ermüden. Doch halt, da fällt mir etwas ein! „Ja, was willst du denn noch?" „Wenn ich die Sache recht bedenke, könnte ich meinen. Vierteldollar auch selbst finden; so haben die Jungens gerade soviel Eifer bei der Arbeit und das Geschäft zahlt sich noch besser aus." Erinnert das nicht an jeden Speculationsgeist, den angeblich nur wir Juden haben sollen, während in Wirklichkeit die bibelfest protestantischen Angelsachsen uns darin so sehr überlegen sind, daß sie unsere Concurrenz gar nicht zu fürchten haben, also auch lieber nützlichere Dinge betreiben als den öden, unfruchtbaren und schon darum blitzdummen Antisemitismus!

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