Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021328--09459-3033889- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 50 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 957 Alles einerlei. Sie geht mitten hinein in die Staubwolke, ohne dieselbe zu bemerken, obgleich sie ihr den Athem raubt. „Gitel! Hör' auf mit dem Auskehren!" ruft Ruchel. Der große Besen fällt zur Erde. Gitel bleibt wie angewurzelt an der Wand des Gastzimmers stehen. Arm, mager, fast in Lumpen gehüllt, mußte sie nichtsdestoweniger Jedem durch die Fülle ihres rabenschwarzen Haares und durch ihre wunderbaren, nachtschwarzen Augen auffallen. Aber der Blick dieser Augen war ängstlich und bodenlos traurig. Unverwandt betrachtete sie die Fremde, die soeben ihre Handschuhe abstreifte. Kaum war dies geschehen, als sich Gitel's Lippen ein Flüstern entrang. »Ai, ri!" Und Ruchel, die in der Thür stand, wiederholte ebenfalls: Auf der weißen, schlanken Hand der Fremden war, einem grünen Flämmchen gleich, der Smaragd eines kostbaren Ringes aufgeblitzt. „Vielleicht wünschen die gnädige Frau etwas?" fragte Ruchel mit ihrem süßesten Lächeln. „Ich danke. Nlchts." Ruchel verneigte sich mit großer Eleganz. „Vielleicht werden die gnädige Frau einschlafen. Die gnädige Frau sehen aus sehr müde." „Ich danke, ick brauche nichts." Ruchel verließ das Zimmer, aber Gitel folgte ihr nicht. Der schüchterne Blick ihrer nachtschwarzen Angen war unverwandt auf die Fremde gerichtet. Es schien, als ob die Erscheinung derselben sie festgebannt habe. Diese beiden Wesen, so verschieden, als wären sie Bewohner verschiedener Welten, waren einander doch in einem Punkte ähnlich: ihrer Beiden Kehlen waren von des Schicksals grausamer Hand zusammengeschnürt. Daher waren sie Beide tieftraurig, wenngleich auch ihre Trauer eine sehr verschiedene. Nach einer Weile öffneten sich Gitel's Korallenlippen: „Soll ich vielleicht den Samovar hereinbringen? f agte sie. Ihre Sprache klang rauh und heiser. „Ich danke," erwiderte die Fremde. „Ich brauche nichts." Bei diesen Worten nahm sie den Hut ab. Ueber Stirn und Schultern strömte eine Fluth blaßgoldenen Haares nieder. Gitel verließ das Zimmer und zog leise die Thür hinter sich zu. Im Flur fragte Mendel Schapir den vorübergehenden Diener: „Wer ist sie?" Als Antwort auf den Namen, welchen der Diener nannte, wäre in mehreren Haupttstädten der Welt lauter Beifall ertönt, und eiligst hätte mau Lorbeerkränze gewunden. Mendel Schapir jedoch hörte den Klang dieses Namens zum ersten Male in seinem Leben, und fuhr daher zu fragen fort: „Wohnt sie in der Stadt, oder auf dem Lande? Was thut sie?" „Sie singt!" antwortete der Diener. In seinem Blicke malte sich der Ausdruck leisen Spottes. Mendel war erstaunt. „Sie singt? So? Immer singt sie? Wozu singt sie?" Der Diener, mit Kasten und Schachteln beladen, wollte seinen Weg fortsetzen, Mendel jedoch hielt ihn zurück. „Und wohin fährt sie?" „Auf ihr Gut." „Zehn Meilen von hier entfernt." „Ist es groß?" „Sehr groß." Mit einem Satz befand sich Mendel an einer der Thüren, die in den Flur führten, schob seinen Kopf durch dieselbe und rief: „Ruchel! Still! Sorg' es soll sein Ruhe im Hause! Das ist eine große Dame! Vielleicht schläft sie jetzt! Die Fremde jedoch schlief nicht. Mit geschickter Hand hatte sie ihr helles Haar, das, losgelöst, ihre Schultern umfluthete, hastig und nachlässig am Hinterkopfe aufgesteckt. Dann trat sie an's Fenster, öffnete es, und die balsamische Abendluft mit voller Brust einziehend, schlang sie die Hände ineinander und ließ sie an ihrem Kleide hinabgleiten. Sie blickte in die Ferne, aber man sah, daß ihre rothumrändeten Augen, in die lange kein Schlaf gekommen, weder Himmel noch Erde betrachteten. Ihr Blick war nach Innen gerichtet, versenkt in einen großen Schmerz, der auf ihrem Herzen lag. wie eine steinerne Gestalt auf einem Sarkophage ruht. Das Gastzimmer in Mendel Schapir's Einkehrhaus war. wie das ganze Städtchen, armselig, schmutzig. Unweit der Schwelle ein Haufen Kehricht, den Gitel's Besen dagelassen, an den Wänden einige Bilder, bedeckt mit einer Staubschichte, die sie vollkommen unkenntlich machte, auf der Kommode ein Strauß farbloser Papierblumen, daneben eine Lampe mit gedrungener Glasglocke. Die Möbel aus gelbem Holze. Wo das Auge hinblickte: Flecke, Risse, Spinngewebe. Die Frau mit den schneeweißen Händen und den großen Brillanten in den Ohren, sah weder Schmutz noch Verfall. Ihr war Alles gleichgiltig. Sie wandte sich weg vom Fenster und ging langsam auf das an der Wand stehende Canapee zu. Welches auch immer ihre Gefühle sein mochten, in diesem Augenblick empfand sie nur unendliche Müdigkeit, eine Müdigkeit, wie man sie nur nach großen Krankheiten des Körpers und der Seele kennen lernt. Mlt dem einen Unterschied jedoch, daß im ersteren Falle das menschliche Auge die Bilder der Welt freudig in sich aufnimmt, während es im zweiten am liebsten die Lider schließen und einschlafen möchte. Und wär' es auch auf immer! Die umflorten, gerötheten Augen der Fremden verriethen lang andauernde Schlaflosigkeit. Durch die Löcher im Ueberzuge des Canapses kamen Flocken schmutzigen Filzes zum Vorschein; auf dem Kissen, das auf demselben lag, war eine riesengroße, ziegelrothe Rose gestickt. Sicherlich hatte noch nie eine so anmuthige Erscheinung auf einem solchen Canapee gelegen, nie ein so zartes Gesicht in ein solches Kffsen sich verborgen, nie eine so biegsame Gestalt an eine so häßliche Lehne sich gestützt und die Arme so verzweiflungsvoll über das todesmüoe Haupt geschlungen. Bon den malerischen Falten ihres eng an den Körper sich schmiegenden Kleides umflossen, lag sie regungslos da, ohne Jemanden zu rufen, ohne irgend etwas zu verlangen. Sie brauchte nichts. Auf dem Markt wurde es stiller, am Himmel stieg der Mond auf, durch das offenstehende Fenster drang Resedaduft ins Zimmer. Fast war es ein Wunder zu nennen, daß diese Blume in der dürren Erde vor dem Hause aufgeblüht war. Die Frau jedoch sah nichts, hörte nichts, fühlte nichts. Ihr war Alles gleichgiltig. In Mendel Schapir's Einkehrhause bemerkte Niemand den aufsteigenden Mond. Der nervöse, immer bewegliche Mendel hatte wahrlich keine Zeit, um poetische oder astronomische Betrachtungen anzustellen; die Britschka eines Schlachziz, mit dem er ein wichtiges Gescväft zu besprechen hatte, fuhr soeben über den Marktplatz. Ohne sich erst lange zu besinnen, begann Mendel dem Gefährt nachzueilen und schrie dabei: „Halt! halt!" mit der ganzen Kraft seiner Lungen. Da die Pferde ziemlich rasch liefen, hastete Schapir, die langen Schöße seines Rockes emporhebend, immer rascher hinter dem Wagen her und rief auch immer lamer. Die Mütze auf seinem Kopfe hatte sich verschoben, das nervös zuckende Gesicht war von großen Schweißtropfen bedeckt. Endlich blieb die Britschka an einer Straßenecke stehen, und Mendel vertiefte sich mit denk Edelmanne in eine lange, ein wichtiges Geschäft behandelnde Unterredung. Konnte er da bemerken, ob der Mond strahlte oder ob er von Wolken verhüllt war? Ruchel wiederum besaß neben vielen häuslichen Tugenden einen großen Fehler. Sie war zänkisch und sehr laut. Mag sein, daß dies ein Ausfluß ihrer Arbeitsamkeit und ihres Fleißes war, arten doch die Tugenden der Menschen sehr oft in Fehler aus, jedenfalls war dieses zänkische Wesen die Ursache fortwährenden, in Mendel's Wohnung herrschenden Lärmens. Ein Topfwar zerbrochen worden. Ruchel kommt in die Küche und bemerkt die Scherben. Wer hat diesen Schaden angerichtet? eines der Kinder oder Gitel. Die Kinder leugnen es, also hat Gitel das gethan. Dieses ungeschickte, dumme Mädchen muß immer etwas zerbrechen oder verderben. Trotzdem Mendel gesagt hatte, daß sie für die Ruhe sorgen solle, schalt Ruchel mit lauter Stimme, erst die Kinder — jedes ins Besondere — dann Gitel, dann klagte sie über ihren Mann, der überall sei, nur nicht zu Hause, und zuletzt über ihr unglückliches Schicksal und den Verlust ihres schönsten Topfes. Dabei ging sie, da sie stark und schwerfällig war, mit lauten Schritten hin und her. In ihrer Jugend mochte Ruchel wohl recht hübsch gewesen sein, denn ihre ewig aufgeregten Züge waren regelmäßig, und