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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Bloch's Wochen schrie Seite 951 ihr Leben lieber Preisgaben, bevor sie ihren Glauben verriethen, die den Scheiterhaufen bestiegen, um nicht dem Gott ihrer Väter abtrünnig zn werden. Alle, Alle, Greise und Jünglinge, Frauen und Mädchen, gingen ruhig und gottergeben, ohne allePosedes Heldenthumes, das Bekenntniß des Einig-Einzigen auf den Lippen, in den Flammentod, den die patentirten Verehrer der Religion der Liebe über sie verhängt hatten. Zu Wien allein hat man „Verprent 240 Person". Wie viele haben' durch das Opfer ihrer religiösen Ueberzeugung Leben und Vermögen gerettet? Eine Einzige! Alle, Alle, wurden Märtyrer ihres Glaubens, eine Einzige ausgenommen, die berufen war, die Stammmutter L u e g e r 's,. des grimmigen Judenhassers, zu werden. Uns greift das Schicksal dieser schlichten, glaubenstreuen Menschen ans Herz, die für ihre Ueberzeugung starben, ohne dabei selbst von dem Gedanken getröstet zu werden, daß sie dereinst als Märtyrer heilig oder selig gesprochen würden. Sie starben als Juden, weil sie nur als Juden hatten leben wollen. Und noch Eines erschütterte uns beim Studium der alten Chronik. Wir sagten uns: So starben Bekenner einer Religion, Abkömmlinge eines Volksstammes, denen der erstbeste freche Lump, wenn er sich stolz Antisemit nennt, jede ideale Regung, jedes edle, bessere, höhere Gefühl abspricht. Das sind die Juden, die, verkommen in Habsucht, nichts als das gemeine Geld lieben, für das sie Alles, Alles zu opfern bereit sind ..." „Das, Herr Vergani, lag uns am Herzen, als wir die alte Chronik lasen. Der Name Lueger interessirte uns nur so nebenbei. Mit dem Schauer der Ehrfurcht, dem ideales Menschenthum uns einflößt, lasen wir von den Hunderten, die ibr Leben für ihren Glauben opferten und nur einen Augenblick verweilten wir bei dem Namen der Einen, die ihr Volk, ihren Glauben, ihren Gott verließ, um ihr Leben zu retten." Sprüche von Moriz Lazarus. (Leipzig. Commissionsverlag Ed. Heinrich Mayer.) Eine sinnige Gabe hat, wie wir bereits gemeldet, N a h i d a Ruth Lazarus ihrem Gatten zu seinem 50jährigen Doctorjubiläum überreicht: es sind über 800 Aphorismen aus den Werken des Philosophen, die in einem vornehm ausgestatteten Bändchen hier gesammelt vorliegen. Sind die Sprüche auch naturgemäß an Werth verschieden, so spiegeln sie doch die geistige Eigenart des Jubilars aufs Glücklichste. Wir geben aus der Sammlung heute die nachstehenden Proben: Um unsere Freiheit zu fühlen, müssen wir uns unserer Unfreiheit erinnern. — Der niedrigste Trieb ist der Racen- oder Stammeshaß; der niedrigste, weil er der thierische ist, der unter den Taierarten entbrennt, aus keinem anderen Grunde als wegen hrer Verschiedenheit. — Humor ist die Religion des Geistes. * Man kann der Sitte, nie aber der Sittlichkeit untreu werden, wenn man sie im Charakter erfaßt hat. * Es führt zum Verfall einer Religion, wenn ein großer Theil ihrer Bekenner Sätze nicht mehr befolgen, in ihrem Herzen nicht mehr anerkennen und dennoch als Gesetze bestehen lassen. * Ziel und Zweck des Lebens muß einen Inhalt gewinnen, der über die bloßen Familienbedürfnisse hinausgeht. * Nur durch die Pforte der Menschlichkeit kann man zur Göttlichkeit gelangen. * Das Ideal entbehren, heißt auf den Werth des Lebens und der Geschichte verzichten. * Bestimmte Berufsleute unternehmen oft aberwitzige Streifereien in andere, namentlich höhere Gebiete; großartige, messianisch angekündigte Verbesserungspläne oder fundamentale Umgestaltungen werden angekündigt; Mediciner wollen plötzlich die Philosophie, Juristen die Kirche, und alle Welt die ganze Welt verbessern. * Es gibt stets noch Leute genug, welche nicht blos Stroh einsammeln, sondern es für die eigentliche Frucht halten. * Größe schützt vor Kleinheit nicht. * Stellen wir uns Gespräche vor, wie sie ein Jean Paul, ein Humboldt, ein Rückert geführt haben und vergleiche man das Gespräch der beiden Bauern, die morgens zu Markte gehen. Schweigend schreiten sie neben einander her, bis der Eiue beim Anblick der Felder sagt: „Der Roggen steht gut." — Sie ziehen zur Stadt, verrichten ihre Geschäfte, kehren zurück — immer noch schweigend — bis sie an ein anderes Stück Feld gelangen und der zweite Bauer sagt: „Die Gerichte ooch." Dieses „Ooch" mit der dazwischen liegenden gat ist der Maaßstab für die Dauer der Entwicklung seines Geoankens, für das Tempo seines Denkens. Wenn die Fülle des Lebens durchmessen ist, wenn widrige Geschicke und Reflexion über das eigene Leben nicht blos, sondern über menschliches Leben überhaupt dahin geführt haben, die Interessen als unzureichend, die Ideale als Träume zu erkennen, und der Mensch zur Resignation gedrängt nurd, dann bleibt ihm schließlich als das Einzige: „Beschäftigung, die nie ermattet." * Wenn ein fester Glaube nicht möglich wäre ohne Intoleranz gegen Andersgläubige, dann steht der Werth des Glaubens sehr in Frage. _ Der Boykott jüdischer Geschäfte. Wien, Decembrr. Bielohlawek. der Unvermeidliche, wo es gilt über die Juden mit seiner unvergleichlichen Rohheit und widerlichen Bestialität herzufallen, hat mittelst Ordonnanz angekündigt, christliche Frauen dürfen für den Weihnachtsmarkt bei jüdischen Geschäftsleuten nichts kaufen. Es fällt uns nicht ein, das Beginnen Bielohlawek's als eine unter das Strafrecht gestellte Handlung der Aufmerksamkeit der berufenen Organe hinzuft-. fielt und nach Ahndung zu rufen, denn diese wäre ja unter den gegegebenen Verhältnissen nicht zu erlangen und auch nicht zu finden. Es soll nur untersucht werden, wer unter dem allerneuesten Boykott eigentlich schwerer zu leiden haben wird: die Juden oder die Arier, für welche L tztere die jüdischen Geschäftsleute den Handlanger machen, für die sie derzeit die Kastanien aus dem Feuer holen und sich dabei tüchtig die Finger verbrennen. Die Frage zu beantworten, wer denn die Industriellen sind, die für das Weihnach'sgeschäft marktgängige Waaren produciren, fällt nicht schwer. Es sind nahezu ausschließlich Arier. Die jüdischen Geschäftsleute beziehen diese Waaren von den arischen Industriellen, welche wieder von ausschließlich arischen Arbeitern angefertigt werden, schon zu früherer Zeit. Wenn die jüdischen Krämer, Händler und Geschäftsbesitzer außer Stande sind, die Weihnachtsartikel abzusetzen, so trifft die Calamität die jüdischen Krämer, Händler und Geschäftsbesitzer ebenso, wie die arischen Jndustrielleu, beziehentlich deren arische Arbeiter. Man dürfte allerdings einwenden, daß durch den Boykott jüdischer Geschäfte dann die arischen Geschäftsleute einen besseren Absatz erzielen werden. Dem ist aber nicht so. Abgesehen davon, daß der jüdische Händler seinen Erwerbszweig intensiver und extensiver betreibt, ist er auch mehr darauf bedacht, einen größeren Absatz durch billige Preise zu erzielen, und da fällt wieder der Vortheil den arischen C o n s u m e n t e n zu, in deren Jntereffe es liegt, den Einkauf zu mäßigeren Preisen zu bewerkstelligen. Der Blödsinn und die Trottelosis des Antisemitismus ist durch den von Bielohlawek heraufbeschworenen Boykott wieder ad oculos demonstrirt. Er wendet sich gegen die Juden, trifft dabei aber ebenso die Arier. Es muß nur füglich befremden, daß von Seite der arischen Producenten nichts unternommen worden ist, Herrn Bielohlawek entgegenzutreten und gegen sein sträfliches Beginnen Remedur zu schaffen. Die arischen Fabrikanten werden von den jüdischen Händlern zur Stunde Zahlung verlangen, wo aber hernehmen, nachdem ihnen die Möglichkeit benommen worden ist, die betreffenden Waaren auch abzusetzen. Groß ist die Noth unter den jüdischen Geschäftsleuten, die auf den kümmerlichen Erwerb aus ihrem Geschäftsbetriebe angewiesen sind. Die Erwartungen und Hoffnungen auf lebhaften Warenabsatz vor Jahresschluß, sind zunichte gemacht. Es geht aber nicht nur den jüdischen Geschäftsleuten schlecht, auch ihre arischen Collegen klagen und jammern und haben hiezu vollen Grund. Die geschäftliche Stagnation ist zum allergrößten Thüle auf die durch die unaufhörliche Verhetzung hervorgerufene Situation in socialer und politischer Richtung zurückzuführen. Aus jüdischer Seite wird möglichste Einschränkung prakticirt, um nicht den Neid der — antisemitischen Götzen wachzurufen, während d'e

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