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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 950 Dr. Bloch's WochenfchrM. Nr. 50 Abgeordneter Leopold Steiner: Wo sind denn die Minister? Schriftführer H o r i c a (liest): Am II. d wurde der Verantwortliche Nedactcur des „Deutschen Volksblatt" August Schreiber (lebhafte Rufe: Hört! Hört! bei den Cbristlich-Socialen) vor einem Erkenutnißsenat des Wiener Landesgerichtcs über eine vom zweiten k. k Staatsanwalt Dr v. Bobies. . (Lebhafte Rufe: Hört! Hört! bei den Christlich-Socialen) Abgeordneter Schneider: Der Bobies, so ein Lump! Der Präsident ertheilt dem Abgeordneten Schneider den Ordnungsruf. Abgeordneter S ch n e i d e r: Er ist ein Lump! Ein Lump ist er! Der Präsident ertheilt dem Abgeordneten Schneider nochmals den Ordnungsruf. Abgeordneter Bielohlawek: Ein elender Judenknecht ist er in optima forma! Abgeordneter Gregorig: Ein Judenknecht! (Anhaltender Lärm.) Schriftführer H o r i c a: (liest) : . . . erhobene Anklage wegen Veröffentlichung von Mittheilungen eines im Zuge befindlichen Strafprocesses, der in erster Instanz bereits entschieden erscheint, zu einem Vonat Arrest verurtheilt . . . (Hört! Hört! bei den Christlich- Socialen. Abgeordneter W o h l m e Y e r: So geht's einem ehrlichen Manne, der die Wahrheit sagt! Der kriegt einen Monat! Schriftführer H o r i c a (liest): . . . Der Verlauf dieser Gerichtsverhandlung bot ein trauriges Bild eines Gerichtsverfahrens, das zu der Befürchtung berechtigten Anlaß gibt, daß es in dem Belieben der öffentlichen Ankläger unter Umständen gelegen sein kann, persönliche Anschauungen ... Abgeordneter G r e g o r i g : Im Gerichtssaale Parteireden halten! Abgeordneter Bielohlawek: Die Alliance israelite hat wieder comn andirt! Schriftführer H o r i c a (liest) : .... über politische Parteien und deren Richtungen im Gerichtssale zum Vortrag zu bringen . . . Abgeordneter Berks; Wie in Cilli! Schriftführer H o r i c a (liest): Abgesehen davon, daß ein solches Vorgehen des öffentlichen Anklägers geeignet erscheint, den entscheidenden Richter gegen den Angeklagten im nachtheiligen Sinne zu beeinflussen und die Rechtsprechung hiedurch in eine gefährliche Richtung zu zwingen, besteht noch weiter die Gefahr, daß durch ein solches Vorgehen eines mit dem Amte des öfsenilichen Anklägers betrauten Functionärs die Möglichkeit einer geschickten Vermengung von Dichtung und Wahrheit bei der Verwerthung des vorliegenden Anklagematerials nickt ausgeschlossen erscheint. In der hier in Rede stehenden Strafverhandlung hat der genannte zweite Heir Staatsanwalt des k. k Landesgerichtes in Wien in seinem Klageplaidoyer es für gut erachtet, seinem persönlichen Empfinden .... Abgeordneter Biehlohlawek: Pfui! Das ist kein Richter! Hinaus mit dem Kerl! Abgeordnet-r Gregorig: Wohin kommt das Ansehen des Gerichtes bei solchen Verhandlungen? Abgeordneter Wohlmeyer: Das ist der Rechtsstaat Oesterreich. Schriftführer H o r i c a (liest): . . . über eine bestimmte politische Parteirichtung und deren Vertreter, im gegebenen Falle die antisemitische Partei, Ausdruck zu verleihen. Inwieweit von der Oeffentlichkeit das Vorgehen des Herrn Dr. Bobies mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet wurde, dafür sprechen die Tagesblätter jener politischen Parteien, die sich im Gegensätze zur antisemitischen Richtung befinden. Die Verurtheilung des angeklagten Redacteurs Schreiber bedingt aber auch, daß von nun ab jede Berichterstattung über Vorkommnisse strafgerichtl-cher Natur... Abgeordneter Bielohlawek: Damit sie noch mehr umbringen können, die Saujuden, die miserablen! Abgeordneter Wohlmeyer: Christen umbringen! Ja, wenn man die Wahrheit schreibt, wird man eingesperrt! Schriftführer Horica (liest): .... die das Interesse der Gesammtheit der Bevölkerung erheischen, insolange unstatthaft sei, als nicht die betreffenden strafgerichtlichen Fälle die vollständige gerichtsordnungsmäßige Austragung erfahren haben. Hiedurch wird erstens das Recht der freien Meinungsäußerung widerrechtlich verletzt und zweitens in einer systematischen und gewaltsamen- Weise einem dem Staatsanwalt mißliebigen Preßorgan (Hört! Hört! bei den Christlich- Socialen) und dessen Vertretern die Berichterstattung über strafrechtliche Vorfälle unmöglich gemacht und auch die strafgerichtliche Verfolgung einzelner Personen der Willkür der Staatsanwälte preisgegeben. Die Interpellanten fragen daher den Justizminister: I. Ist er bereit, den hier besprochenen Vorfall einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen und durch Verfügungen zu veranloffen, daß sich eine Wiederholung solcher und ähnlicher Willküracte, die auf die Beurtbeilung unseres Rechtslebens schwer Einfluß nehmen, nicht wiederholen könne? 2. Ist er bereit, das geschilderte Vorgehen des Staatsanwalts Tr. v. Bobies auch in einer dessen Person würdigenden Weise zu behandeln? Abgeordneter Bielohlawek: Hinaus mit ihm! Er darf nicht mehr Staatsanwalt bleiben! Schriftführer H o r i c a (liest): 3. Ist er bereit, auch zum Schutze des Rechtes der freien Meinungsäußerung durch die Berichterstattung der öffentlichen Prcßorgane im Verordnungswege die nöthigen Verfügungen zu treffen? (Lebhafte Zurufe bei den Ehristlich- Socialen. — Unruhe.) Wenn es etwas Ekelhaftes gibt, so ist es diese wohlvorbereitete Entrüstung, die an einem bestimmten Augenblick — „explodirt"! Natürlich st das keine Interpellation, sondern einfach Einschüchterung der I u st i z. _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Dr. Carl Lueger ein Judenstämmling. Zahlreiche auswärtige Blätter beschäftigen sich dermalen mit der Abstammung des Wiener Bürgermeisters Dr. Carl Lueger. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat bereits in Nummer 5 vom 5. Februar 18v7 aus die Thatsache hingewiesen, daß Dr. Lueger mütterlicherseits ein Judenstämmling ist. Der „Herr von Wien" ist der Sproß einer alten Wiener Bürgerfamilie. Er selbst hat sich einmal mit nicht geringem Stolz auf das Alter seiner Abstammung berufen. Dazumal lebte nun allerdings in Wien nur ein einziger Bürger des Namens Lueger. Es war dies das Jahr der furchtbaren, von Herzog Ä l b r e ch t angeordneten Judenverfolgung, über welche uns die von Dr. I. Zeibig im „Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen" publicirte „Kleine Klosterneuburger Chronik" eingehend berichtet. In dieser Chronik heißt es nun (Bd. VIII, S. 245) wörtlich: „Darnach am schwarzen funkag Wordert man „dieselben juden, all die zeigten diel guets an, „vnder der irden, zu Wien und Ijat man allein „verpennt 240 perlvn, rin jüdin zu rlollernrubnrg „liell sich Lausten und wardt genant barbara, „hat vor zu der rhe den lchebrlrin juden ge- „habt, die nam darnach zu der ehr nirlafrn, „des luegrr» eines ehrbaren burgrrs son." Die dem Flammentode entgangene Gattin des Juden Schebelcin, die in der Taufe den Namen Barbara erhielt und sich mit Niclas Lueger zum zweitenmale verehelichte, ist die Stammmutter des heutigen Judenhassers und ersten Vicebürgermeisters von Wien Dr. Carl Lueger. Und aus dieser Abstammung wird auch Manches im Wesen und Charakter des Dr. Carl Lueger klar. Es hat eine Zeit gegeben, in der Dr Lueger fast ausschließlich mit Juden verkehrte, den Juden Mandl seinen besten Freund und Lehrmeister nannte und eine ihm von Juden gespendete Busennadel mit den zehn Geboten in hebräischen Lettern trug. In seinem Privatverkehr steht der Mann, der sich noch nicht darüber im Klaren ist, ob man die Juden hängen oder köpfen sollte, mit vielen Juden auf dem Dutz Fuße. Die Nachwirkung des Blutes der jüdischen Stammmutter ist da unverkennbar. Dann kam die große Wandlung, Herr Lueger wurde Antisemit und predigt die Ausrottung der Juden. Wieder ist es der Geist der jüdischen Ahnfrau, der da in ihm lebendig ist, jener Frau die ihren jüdischen Gatten in der Todesnoth verließ, von ihrem Glauben abfiel und uneingedenk der Pflichten gegen Gott und ihr Volk sich einem ihrer christlichen Bedränger hingab. Die Jüdin Schebelein, nachmals Barbara Lueger, ist das Prototyp jener Wankelmüthigkeit, jener Charakter- und Gesinnungsschwäche, welche das bezeichnendste Merkmal der Persönlichkeit des Dr. Carl Lueger ist. Herr Vergani hatte gegen uns den Vorwurf erhoben, daß wir in dem Bestreben, „Lueger in den jüdischen Schmutz hinabzuziehen", die alten Chroniken durchstöberten. Wir haben darauf in Nummer 6 obgenannten Jahrganges geantwortet : „daß bei dem Studium der alten Chronik unser Interesse weniger von dem Namen Lueger gefesselt wurde, als vielmehr von dem Berichte über das Verhalten jener unglücklichen Juden, die durch die finsteren Dämone des Glaubenshasses einem gräßlichen Tode geweiht wurden. Uns, und wohl Jeden, der menschliches Gefühl im Herzen trägt, ergreift auf das Tiefste das Schicksal dieser Armen, die

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