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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-15 · 50 (15.12.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
50 (15.12.1899)
Date
1899-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 948 Dr. Bloches Wochenfchrrfk. Nr- 50 Abhandlungen über die Geschichte der sanitären Zustände und des medicinischen Unterrichtes, sowie des Doctorencollegiums eine Rundschau über die Wiener Aerzte und die schönen Künste im 19. Jahrhundert von Doctor Kornfeld geboten. Welche Fülle jüdischer Geisteskraft tritt uns hier entgegen! Poeten, Publicisten und Schöngeister ziehen an unserem Auge vorüber, welche Reihe großer Namen auf dem Gebiete des edelsten und uneigenützigsten Wetteifers der Geister! Man sagt, daß wir Juden unbescheiden seien. Haben wir nicht vielmehr zu wenig Selbstbewußtsein? Wäre Ludwig August Frankl kein Jude gewesen, oder doch wenigstens ein getaufter Jude, wie anders hätten wir ihn gefeiert! Wer weiß heute etwas von seinem Habsburglied, seinem Christoforo Colombo, seiner Rachel, seinem Don Juan d'Austria? Die Publikation des Doctorcollegiums klagt darüber, daß die satirischen Schriften „Hippokrates und die moderne Medicin", die „Charlatane", „Hippokrates- und die Cholera", der Vergessenheit anheimgefallen seien, trotzdem sie noch immer zeitgemäß sind. Unsere Quelle citirt unter Anderem die folgenden ergötzlichen Proben köstlichen Humors aus Frankl's Darstellung des ersten Ganges des „Hippokrates durch das medicinische Wien. Ein Barbier belehrt den wandernden Hippokrates: „O, lernen können sie Manches, viel; Gar wenn sie Curse nehmen, ist's ein Spiel! Doch ist gesalzen der Weg zum Ziel. Der Reichste kann nur etwas lernen, Der Arme muß sich ungecurst entfernen. Lernfreiheit ist ein. schönes Recht, Könnt' Jeder lernen auch, der 's möcht', Sie lehren aber nur den, der blecht." Der redselige Barbier erklärt ferner: .... Brustspäher ist ein Instrument Französisch ein Stethoskop genennt. Ein Franzose s o l l's erfunden haben. Doch i st's ein Wiener, der lang begraben." Hippokrates steigt in einen Einspänner, dieser stürzt, und der Fremde wird von zwei Trägern auf dem Umwege über eine Kneipe in die Aufnahmskanzlei und nach peinlichen Proceduren in ein Krankenzimmer gebracht. Ein Arzt constatirt eine Rückenmarksirritation und paquelinisirt die Wirbelsäule, ein zweiter formt den Schädel in Gips ab und trepanirt ihn, ein dritter findet Aussatz und verordnet Schmierseife und Theer, ein vierter constatirt Lues, ein fünfter Urämie, ein sechster Aneurysma; der zurückgekehrte Barbier klagt: „So muß Hippokrates im Tod erblassen! Im Protokoll heißt's morgen: Geheilt entlassen." Indessen entfernt sich der Todtgesagte mit den Worten: „Den Geist, wie schmerzt das tief, hat Keiner hier erkannt; Ich geh'; ihr ruft mit Recht: Hippokrates ist tobt!" Ist es nicht schade, daß solche ewig frische Werke ungelesen bleiben? Man spricht so viel von den Sängern des Proletariats. Wir können dabei mit Genugthuung an unseren Carl Beck denken, diesen classischen Meister und Vorläufer der jetzt so beliebten „Armenleutpoesie". „Der Tag beginnt und wieder mußt du wandern Ins altgewohnte Joch nach deinem Brot: Du hörst im Schmerzenssang der anderen Das Echo nur der eignen Noch. Ach, was du denkst, ist Zahl und Maß und Wage Ach,' was du treibst, ist Trug und Streit; Die Plagtheilt sich mit der Klage Erbarmungslos in deine Zeit. Kann das Los des Armen einfacher und erschüttender dargestellt werden? Beck's Gedicht: „Die Eisenbahn" ist nach 3K Kornfeld „wohl das schönste Poem, daß diesen Culturmitt^l überhaupt gewidmet wurde, und zwar zu einer Zeit, da die Bedeutung des Schienenstranges kaum von Nationalökonomen erfaßt wurde, da ein Grillparzer und andere erleuchtete Köpfe ihrer Empörung über die „gefährliche" Neuerung Ausdruck gaben." „Die Papiere feilgeboten — Steigen, fallen, o Gemeinheit! Mir sind die Papiere Noten, Ausgestellt auf Deutschlands Einheit, Diese Schienen; Hochzeitsbänder, Trauungsringe blankgegoffen; Liebend täuschen sie die Länder Und die Ehe wird geschlossen. Eisen, du bist zahm geworden! Rasend rauschen rings die Räder, Rollend, grollend, stürmisch sausend, Tief im innersten Geäder, Kämpft der Zeitgeist freiheitsbrausend."— An Karl Beck's „Armenleutpoesie" erinnert Eduard Mautner's „Dämon". In jedes jüdischen Literaten sorgengequältem Herzen wird dieses Gedicht seine Resonnanz finden: „Oft scheint es mir in meinem Innern, Daß alles um mich wankt und bricht, Dann hebt ein trauriges Erinnern Sein weinend Kinderangesicht, Dann brechen auf die alten Wunden Vernarbt geglaubt seit manchem Tag, Dann rauschen all' die bösen Stunden Um mich niit finstrem Flügelschlag Bald hat er mich hinabgerungen, Der finstere Dämon, der mir droht; Er hat so manchen schon bezwungen: Denn dieser Dämon heißt — die Noth". Je näher wir der Gegenwart kommen, desto reicher wird der Antheil der Juden an dem literarischen Schaffen. Aus Professor Salomon Stricker's Publicationen bietet die Festschrift seine classischen Interpretationen des „Zeus Ostricoli", aus Professor Heitler's Arbeiten die geistvolle S.udie überOvid's Verbannung, in welcher der Dichter oer „ars amandi“, wegen seiner ewigen Klagen von Tonicaus, mit einer posthumen diagnosticirten Neurasthenie entschuldigt wird. Auch Pick's „poetischer Briefsteller für Liebende" wird vorgeführt. Aus Josef Winter's Gedichten lernen wir folgende herrliche Apostrophe kennen: „Du Wiege deutscher Weisen, Vieltrautes altes Wien Wer mag den Zauber preisen. Den Dir ein Gott verlieh'n?" Die „Wiener Studenten" singen: „Ureigne Weise tönet hier, Nicht: Heidelberg du Feine! Von Bechelarn fingen wir, Vom Kahlenberg, Dürrensteine. Wir merkten, wo vor alter Zeit Geruht die Nibelungen, Und was von Wiener Gastlichkeit Herr Walter einst gesungen." Die Namen eines Arnold Hirsch, Wilhelm Schlesinger, Moritz Benedickt. Sigmund Fried, Heinrich Kahane, Ignatz Schwarz ziehen . . uns vorüber, geschmückt durch die Angabe ihrer Werke; die glänzende Reihe wird mit dem Meister der Moderne, Arthur Schnitzler geschlossen. Von seinen hochoriginellen Motiven und der glänzenden Ausführung werden Proben dargeboten. Als ergötzliches Schlußstück möchten wir noch die folgende Skizze einer Erzählung aus dem satirischen Werke Abraham Eitelberg's „Unmoderne Ansichten über die moderne Cultur" vorführen. Ein Traum entführte ihn in ein böses Land, wo kleine Kerlchen wohnten, die größtentheils sehr devot und gebückt umherwandelten, theilweise den Kopf stolz nach rückwärts trugen — je nachdem sie „Höheren" oder „Untergebenen" gegenüberstanden. Eine imposante Minderheit bestand jedoch aus normalen Männern und Frauen, welchen letzteren schon der Anblick jener gebogenen Charaktere einen Abscheu erregte und deren zarte Seele sich dagegen sträubte, zur Erhaltung eines für den Untergang reifen Geschlechtes beizutragen. Eines Tages hatte unser Erzähler Gelegenheit eine wichtige Landessitte, das Wettkriechen aus eigener Anschauung kennen zn lernen. „Es war ein düsterer Herbstmorgen. Hinter dichten Wolken verbarg sich die Sonne, als wollte sie nicht Zeuge sein der schändlichsten Selbsterniedrigung, deren die Menschen fähig sind. . . . Mit dem Bauche am Boden liegend, krochen die Kerle, indem sie, sich auf die Hände stützend, den Körper nachzvgen, bis an die in Lehnstühlen lächerlich aufgebläht ruhenden „Protektoren" heran und küßten ihnen die nicht einmal sauber geputzten Schuhe. Ein nicht unempfindlicher Fußtritt, bei dem sogar Mancher .... laut wehklagend aufschrie, war das Signal zum Rückzuge, der in der demüthigst kriechenden Weise bewerkstelligt werden mußte. Dann begann abermals das „Vorkriechen", welches gleich wie beim ersten Male, mit einem erhaltenen Fußtritte abschloß. Drei Mal erneuerte sich dieselbe Procedur vor

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