Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021328--09449-3033879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 60 Vr. Bloch's Wochenschrift. Sette 947 Mitgliedern der höchsten Körperschaften des Reiches gepflegt und gefördert! Von einer Partei wird man sagen — und die anderen Gruppen? Die Polen ließen in dieser Frage einen Paradejuden sprechen — aber in seinem Namen — ja nicht im Namen des Polenclubs. Wer wird sich mit rituellen Schächtblutstropfen bespritzen lassen, wenn er es irgend vermeiden kann. Und wie kann man sich im Parlament der Juden annehmen, wenn man sie zuhause boykottirt, wenn man ihnen durch das Salzmonopol und christliche Consumvereine die Nahrung entzieht? Die deutsche Fortschrittspartei — die ist froh, nenn kein gewählter Jude sich ihr anbiedert. Sie hat ihr Seil hochgezogen und ein kleines trautes Ghettoclübchen organisirt, die freie deutsche Vereinigung genannt. Die Clericalen? Die reiben sich vergnügt die Hände. Polna hat sie viel Geld gekostet — aber es hat gelohnt — sie kriegen Holleschau und Wsetin mit in den Kauf — und von überall kommen Ritualmordofferte — halb umsonst, unterm Erzeugungspreis .. Und die liberalen (!) Jungczechen, die es so schwer verwinden, daß man ihren Voreltern mit Brand und Mord die Religion der wahren Menschenliebe beibringen wollte, sie, die geborenen Gegner der Ultramontanen, sie werden abgelenkt durch die Parforcejagd auf Judenwild. Aus diesem parlamentarischen Sumpf tauchen die Köpfe der Herren Steinwender und Genossen verhältnißmäßig reinlich herauf. Die deutsche Volkspartei ist eine ehrliche Gesellschaft, sie hat aus ihrem Antisemitismus nie ein Hehl gemacht. Sie und ihre Anhänger werden auch kein Fensterglas demoliren — das sind gebildete und geschulte Männer, sie haben ihre Schranken hoch gezogen — da kommt kein Jude in die Rähe. Sollen wir von den Schönerianern sprechen? — Sogar die Socialdemokraten haben sich ihren Judenschrecker bestellt — und zum höheren Gaudium des Pöbels — war es ein Jude, der da antisemitelte. Und greift man den „Genossen" Berner an, dann schmunzelt die Parteileitung, denn sie bekommt von uns ein Antidot gegen das giftige Wort vom „Judensoci". Ist eine solche Parteigruppirung nicht genug, um uns Juden mit Schrecken in die Zukunft sehen zu lassen? Nein, noch lange nicht! Gut, lassen wir die Herren Mechaniker Schneider, Gregorig, Bielohlawek und Lueger aufmarschiren. Diese Herren haben das Vertrauen hoher und höchster Herren, die. Neigung der Polen, die Connivenz der Fortschrittlichen ist ihnen sicher. Die Volkspartei wird ihnen unter dem Tisch die Hand drücken und die Czechen werden sich nicht sträuben, weil sie mit dem schmutzfarbenen Deutschthum dieser Herren am ehesten auskommen können. Im Leibe dieser Gruppe reift das Embryo des künftigen Ministeriums. Dort bereitet sich das Mysterium der Völkerversöhnung vor-und am Tage des großen Verbrüderungsfestes, wird man sich die Juden als Opfer schlachten — ad majorem dei gloriam. Wer kennt nicht das Pasquill, das die Abgeordneten lachen machte. Alois L i e ch t e n st e i n, Ministerpräsident, Lueger, Minister des Innern. Schneider, Justizminister. Bielohlawek, Unterrichtsminist er. Gregorig für das Handelsportefeuille-Man lacht nicht mehr im Abgeordnetenhaus über diese Liste, denn über kurz oder lang werden die Antisemiten im Ministerium vertreten sein. Das ist unausweichlich. Oder es kommt ein Ministerpräsid nt Graf Pininski — was dann? Und die Juden — sie sind noch immer uneinig — der Feind ist vor den Mauern — noch einige Augenblicke — dann wird er rauben, was die Belagerung uns gelassen hat. -Sie meiden sich gegenseitig. — — Man wird uns nicht blos wirthschaftlich zurückdrängen, im Verordnungswege peinigen, nein, die Hallen der Gesetzgebung sind nuferen Feinden ausgeliesert. Die Juden vereinigen sich noch immer nicht! Unsere geschworenen Feinde kommen in die Regierung, aus Ohr des Monarchen. Die Juden mögen einander nicht. Noch eine kurze Spanne Zeit zur Besinnung. Eine große Einigung muß erstehen, den starken Widerstand zu organisiren. Alle Juden, die irgendwo organisirt sind, in Wohllhätigkeitsvereineu, in politischen oder wirthschafilichen Gruppen — sie müssen einen mächtigen Verband bilden. Ein Hauptquartier muß geschaffen werden und jeder Jude sei ein Soldat. Noch ist es. Zelt. Wie ein Trompetenstoß soll es hinaustönen das Signal: „Saimnelt Euch, Ihr Brüder, und seid einig"! Ein schwerer, harter Kampf beginnt. Vereinte Kraft gegen vereinte Feinde, das sei die Losung. Maccabbi. Der Idealismus des jüdischen Arztes. (Nach der Festschrift des Wiener Doctorcollegiums). Unsere F°iude sprechen von den jüdischen Aer,stell immer nur als von ernem Unglück des ganzen Standes und von der Ursache seiner Erniedrigung. Sie erinnern dabei gewöhnlich an einige Annonceure und raffinirte Geschäftsleute ärzllichkn Standes, wie sich deren selbstverständlich unter den Aerzten aller Confessionen finden, während andererseits gerade einige der eifrigsten Vorkämpfer für die Standesehre und gegen dieses ganze Treiben zu den Z erden des Wiener Judenlhnms gehören. Soweit jüdische Aerzte sich dazu Hinreißen lassen, den Beruf als Geschäft zll betreiben, folgen sie sicherlich nicht den Traditionen des alten jüdischen Aerztestandes. Das ganze Mittelalter hindurch waren die jüdischen Aerzte als die Träger arabischer und talmudifcher Gelehrsamkeit aus dem Gebiete der Heilkunde bei den Reichen nnd Weltkennern jedes Glaubens ein gerne gesehener Rathgeber. Der bekannte Wiener Professor der Geschichte der Mrd'cin Pu'chmann schrieb noch kurz vor seinem Tode in seinem Essay über die Vorgeschichte der Wiener mediciiuschen Facullät („Wiener medicinische Wochenschrift" Nr. 29—32 ex 1899): »An den Fürstenhöfen suchte man Aerzte zu gewinnen, welche ihre fachmännische Bildung in Constankinop l, wo die Quellen griechischer Weisheit, wenn sie auch spärlich stoßen, doch nicht versiegt waren, oder im Orient erworben hatten. Als sich in den der arab scheu Cultur erschlossenen Ländern ein reiches Geistesleben entfaltete, waren es namentlich die Juden, welche die Ergebnisie desselben den Völkern des Abendlandes übermittelten. Zu gleicher Zeit fanden sie in den Schriften gelehrter Rabbiner Belehrung, welche die medicinische Literatur des Alterthums als Vorlage benützt hatten. Es war begreiflich, daß die jüdischen Aerzte viele ihrer christlichen Zunftgenossen an Wessen und Gesch cklichkeit überragten und ihnen, beiorweis in Ländern, wo die Heilkunde vernachlässigt wurde, vom Publikum vorgezogen wurden. So kam es. daß selbst Päpste und Bischöfe jüdische Leibärzte anstellten und in den meisten Klöstern Juden die ärztliche Praxis ausübten. In Prag lag im 12. Jahrhundert fast die ganze Praxis in den Händen jüdischer Aerzte und ähnlich war es in Avignon/ Bekanntlich war auch unser großer Maimonides am Hofe des Sultans von Egypten als Leibarzt und zugleich bei der Gemeinde von Cairo als geistlicher Oberhirt thätig. Doch wozu so weit greifen! Wer das Leben der alten jüdischen Gemeinden kennt, weiß, was der „Raufe" für eine Rolle spielte, wie er, regelmäßig in ritueller Beziehung nicht ganz von allem Einwand oder wenigstens Verpacht frei, doch vermöge seines relativen Wohlstandes als Stütze der Armen und vermöge seiner Bildung als Orakel der Gemeinde beliebt zu sein pflegte, auch in uneigennützigster Weise die Brücke zur „Herrschaft" und zu den Beamten hinüber zu schlagen wußte. Doch eilen wir zum eigentlichen Gegenstände unserer heutigen Ausführungen, zum Jvealismus specnll des Wiener jüdischen A-ztes in unsere*' Zeit. In der soeben erschienenen Festschrift des Wiener medicinischen Doctorcollegiums anläßlich fernes 500jährigen Bestandes l), wird nebst zahlreichen, hochinterkssanten ') „Ein halbes Jahrtausend". Festschrift, redigirt von Toctor Heinrich Adler, Verlag des Wiener medicinüchen Toctorcöllegimns Wien 1699