Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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OeUe 946 Nr. 50 Vr. Bloch's Wochrnschrlstc sowie durch Entfesselung des gierigsten Neides entfacht wurden, so müßte das Wort des Kaisers dröhnend an ihre Ohren tönen, ihre Herzen erfassen, ihr Gewissen erschüttern, sie zum Bewußtsein der Nichtswürdigkeiten bringen, denen sie als Handhabe dienen. Es müßte vor Allem die Volksverführer selbst' mahnen, daß die wlldgewordene Bestie nicht so leicht mehr gebändigt werden kann und daß ihre Wuth nicht mehr an Judenfenstern allein ihr Müthchen kühlen wird, es müßte sie gemahnen, daß sie dem ganzen Gemeinwesen unersätzlichen Schaden zufügen, wenn sie in ihem Volke nicht nur das Rechtsgefühl ersticken, sondern es förmlich lehren, die rohe Gewalt an die Stelle des Gesetzes und der Ordnung zu stellen. Wie vieles andere Gute könnte und müßte das kaiserliche Wort noch bewirken — wenn sich ihm nicht ein Widerstand entgegensetzt, der nicht offen auftritt, sondern Schleichwege einschlägt und alle Künste schlauer Verführung anweudet, um das Volk in jener Stimmung zu erhallen, in der es, ein willenloses Werkzeug, seine Würde vergißt und die Rohheiten begeht, die jetzt von höchster Stelle moralisch verurtheilt wurden. So wenig wie wir auf unser Recht verzichten, so wenig geben wir die Hoffnung auf, daß auch diese schweren Tage, die unsere Glaubensgenossen ertragen müssen, vorübergehen werden und die kaiserlichen Worte sind uns eine Gewähr dafür, daß diese Hoffnung eine wohlbegründete ist. A. Wiener. Ifantait kommt I Das Ghetto, es zieht unsichtbar mit uns, es begleitet uns durch die Welt Ueberall spinnt es seine feinen Fäden, die schließlich stark werden, immer stärker und kräftiger — bis eine sichtbare Scheidelinie hergestellt ist, ein dickes Seil sich schwingt — hie Jud —.hie Anti-! Lauge hat es gedauert, bis wir Juden das begriffen haben — zu lange. Die anderen hatten den Strick schon hochgezogen, so hoch, daß mancher erst einen Anlauf nehmen mußte, um in einem kräftigen Sprung zu den Seinen zu stoßen. Einige warten noch, bis man ihnen von rückwärts nach helfen wird — —! Für die Meisten von uns ist der Traum von der vollen Gleichberechtigung, von der Verbrüderung Aller — ausgeträumt. Wir wissen, daß mau uns nur soviel Gerechtigkeit, soviel Rechte gibt, als wir uns erkämpfen, und nur soviel Nutzen aus der allgemeinen Wirthschaft zukommen läßt, wie mau im eigenen Interesse muß. ttir kennen kein Gebiet, aus dem der Jude nicht bekämpft wird — keine Vereinigung, die nicht ihre Ghettoschranken aufrichten würde. Das ist unser gesellschaftlicher Erfolg, nach fünfzigjähriger Anschmiegung und Anpassung — das ist das politische Ergebniß für die aufopfernde Arbeit im Dienste der verschiedenen politischen Parteien. Die kleine Ecke diesseits des Seiles bevölkert sich, — — , — — — Man drängt sich aneinand, man besieht sich gegenseitig, man beginnt sich zu sondern und zu einen — es entstehen jüdische Gesellschaften, studentische Verbindungen, Vereine, gesellige Clubs, jüdisch-nationale Gruppen. Und jede neue Gruppirung — jeder neue Verein liefert anstatt eines kräftigen Bundes zu gemeinsammem Halt, eine neue Waffe zum Kampfe — unter uns. Bekämpft von außen, zersplittert im Innern und im Krieg unter einander — das ist die Lage der Juden in Wien — in Oesterreich. Bedarf es der Beweise? Als erster politischer Verein trat die israelitische Union auf den Kampfplatz. Sie konnte nicht viel leisten, weil das Bedürfniß nach Einigung unter den Juden noch nicht sehr groß war. Aber sie hatte eine jüdische Tribüne errichtet. Man gewöhnte sich aneinand und die Außenstehenden lernten den Namen verdauen. Als die Bewegung immer stärker wurde und der Antisemitismus immer frecher und gefährlicher, fand er ein leider nur zu großes Arbeitsfeld im Rechtsschutz. Immer mehr Juden wurden vergewaltigt, immer größere Kreise der jüdischen Bevölkerung geistig und körperlich mißhandelt. — Die Abwehr war ein'Bedürfniß geworden. Da hatte sich der „politische Volksverein" gebildet, dessen ausgesprochener Zweck es war, eine Polittk im jüdischen Interesse zu beeinflußen. Auch dieser Verein fand nur zu häufig Gelegenheit sich zu bewähren. Es kam der Zionismus, von diesem zweigte sich eine jüdisch-nationale Gruppe ab, der „jüdische Volksverein" und im Stillen wirken die „Bnei Brith". Nun ist auch im „Allg. israelitischen Bund" ein Verein entstanden, der alle Gemeinden umfassen soll — und allen Parteischattirungen eine Arbeitsstätte bieten könnte, unbeschadet der Entwicklung der Partei-Individualitäten. Was aber geschieht? Nirgends Einheit und Zusammenwirken, sondern gegenseitige Eifersucht. Ueberall Dissonanzen, überall Zwiespalt überall nur Krieg und draußen lauert der Feind. Nie war die Lage der Juden kritischer - nie ihre im Kampf erworbene Stellung mehr bedroht als heute — und doch Uneinigkeit oder gar Zwiespalt unter uns. Wir haben uns nie Illusionen hingegeben; an dieser Stelle ist es oft als ein Fehler hingestellt worden, wenn die Juden sich mit den Interessen der einzelnen politischen Parteien zn sehr identificirten; wir warnten vor Deutschen, Czechen und Polen, aber ein solches Debatte, einen solchen Zusammenbruch, haben wir selbst in unseren pessimistischesten Stunden nicht vorausgehen Die brutalen Schimpf-Scenen im Parlament gegen den Wiener Staatsanwalt, welcher eine kleine Andeutung auf das unerhörte Treiben der Bluthetzer gewagt hat, zeigen unsere Situation in Oesterreich in bengalischer Beleuchtung, Wie viele charakterstarke Männer gibt es, die solchen Beschimpfungen sich aussetzen? Die blutrünstige Partei unternimmt es, die österreichische Justiz unter ihre Gewalt zu beugen und wer möchte sich dafür verbürgen, daß dieser Versuch mißlingt? Welche Blutprocesse steten uns noch bevor? Sollen wir die Schatten von Chodorow, Nachod, Prag, Holleschau und Wsetin heraufbeschwören, sollen wir Nachweisen, wie in manchen Orten, in großen Bezirken, ja in ganzen Läuderstrichen der Jude seines Lebens nur sicher ist, hinter den Flintenläufen der Gendarmen? Sollen wir jenen Bluttaumel genau beschreiben, der breite Volksschichten ergriffen hat, die Gefahr schildern, der jeder von uns unterworfen ist, wenn er christliche Dienstboten hält, wenn er in seinem Berufe mit Blut in Berührung kommt, scharfe Instrumente benützt, oder auch nur mit rother Flüssigkeit hantirt? Nein, lassen wir den Pöbel, gehen wir ab von der breiten Basis der Pyramide und sehen wir uns oben um, nahe der Spitze, dort, wo die Gesetze berathen werden, wo man über die Zukunft des Staates beräth, wo man unser Schicksal in Händen hat. Es wäre ja naturgemäß, daß im Parlament die Empfindungen des Volkes sich wiederspiegeln, schließlich dringen selbst die perfidesten Strömungen in die geheiligten Hallen der gesetzgebenden Körperschaft — sie mag sich noch so sehr sträuben. Wer spricht von Sträuben, von Widerstreben. Wir leben nicht vergeblich im Lande der Unwahrscheinlichkeiten. Jene perversen Gerichtsverhandlungen, die mordgierigen Blutbeschuldigungen, und Alles was darauf folgte: die Plünderungsspiele mit ihren blutigen Actschlüssen, sie werden im österreichischen Parlament vorbereitet, von den