Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 50 (15.12.1899)
- Date
- 1899-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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N«. 50 Dr■ Bloches Jahrgang XYI. Centralorgan für die gessmmken Interessen des -W K. ft. Postsparragen-Amr Elrsringverkehr Ar. 810.976. Redactioir und NVminiür-Nivn: w i r n H., litt Irre Butt£trfE::Ift. la. Telephon -Nr. 14.847 ( Wien, 15. Derember 1899. Erscheint jeden F r c i i a a. Brief-Adresse: Wien» II.. Untere 4!ugartenstras:e 1 a, ^elearamm-Ndresse: Vloci)'s Wochenschrift, Wien. Judrnthums. .- ------- g Bejugaprsia für Srsterrrichjährig 4 fl. — 8 Stx. Ei.'.zei>rcmplare 25 ft; lür's Nuslsnd r halbjährig 5 fl. — 13 Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 fr. -* Inhalt. Leitartikel: Der Kaiser über die antiieiilktischen Excesse.— Ha inan kommt! — Der Idealismus des jüdischen Arztes. — Die Bluthetzer und Ritualmordmacher. — V o m I a h r m a r k t d e s L e b e n s : Dr. Carl Lueger ein Judenstämmling. Sprüche von Moriz Lazarus. — Der Boykott jüdischer Geschäfte. — Korrespondenzen: Der Kaiser über die antisemitischen Excesse, Die Schächtfrage im Wiener Thierschutzvereine, lieber Spinoza, Wien, Nachod, Czernotvitz, Burgkanstadt, Dresden. - Berm i s ch t e s: Wien, Schüttenhofen, Mahrisch-Weißkirchen, Straßnitz, Bielitz, Nikolsbnrg, Friedet, Prag, Paulowitz, Krakau, Triest, Budapest, Raab. Feuilleton: Ein Augenblick. — Michael — Literatur. — Notizen. — Briefkasten. — Inserate. Der Kaiser über die antisemitischen Excesse Kaiser Franz Josef: „Ich bin empört über diese Rohheiten." Mit innigstem Danke begrüßen wir die Worte, welche Kaiser Franz Josef in der Audienz, die er den: von ihm ausgezeichneten Rabbiner Dr. Kisch gewährt halte, an ihn gerichtet hat. Bon den schweren Tagen sprechend, denen die Juden jetzt namentlich in Böhmen und Mähren ausgesetzt sind, sagte der Kaiser„Ich bin empört über diese Rohheiten" und er wiederholte nicht nur diese Worte, sondern er gab denselben eine noch viel weitertragende Bedeutung, indem er den Rabbiner, ermächtigte, die kaiserlichen Worte auch zu veröffentlichen. Wenngleich noch kein offieielles oder officiöses Blatt bisher die Worte des Kaisers veröffentlicht hat, so darf man sie doch als vollkommen authentisch betrachten, nicht nur deshalb, weil über die Lippen des Rabbiner Dr. K is ch überhaupt und am allerwenigsten, wenn es sich um die Worte des Kaisers handelt, eine Entstellung oder eine Ungenauigkeit, selbst auch nur eine unwillkürliche Veränderung kommen könnte, sondern Hauptsächlich deshalb, weil der Kaiser selbst als der wahrheitsliebendste, gerechteste, correcteste und gewissenhafteste Monarch, als der edelste Vater aller seiner Unterthanen anerkannt ist, und weil er jedes Unrecht mißbilligt, mag es von wem immer ausgehen, gegen wen immer gerichtet sein. Gewiß ist er voll des guten Glaubens, daß in seinem Reiche gleiches Recht für Alle gilt und seinem Sinne widerstrebt der Gedanke, daß nicht für alle Bürger der Schutz der Staatsgewalt derselbe sein soll, und indem er mit jener Wahrheit und Offenheit, die zu seinen herrlichsten Eigenschaften zählen, den Ereignissen, die auch seiner Kenntnißnahme nicht verborgen bleiben können, den richtigen Namen gibt, den sie verdienen, läßt er offenbar ohne jegliche andere Absicht erkennen, als was sie von aller Welt — auch von den die Staatsgewalt repräsentireudeu Behörden und von den Staatsbürgern selbst beurtheilt werden sollen. Rohheiten sind es, welche gegen die Juden verübt werden: in Galizien und in Böhmen, in Mähren und in Niederösterreich von Deutschen, von Polen, von Czeten ohne jeglichen Unterschied. Glicht nationale Gegensätze, nicht sociale Mißstände haben sie hervorgerufen, nur die in gewissen Krei'en nicht unterdrückte, von gewissen Elementen mit satanischer Bosheit aufgehetzte Bestie im Menschen tritt in diesen Excessen in Erscheinung. Roh.eiten sind verübt worden uuD werden verübt. Man straft die Schuldigen, wenn man ihrer habhaft wird, aber beseitigt man die Rohheiten, wenn man die Anstifter nicht unschädlich macht? Der Kaiser hat aus seinem edlen Herzen heraus seiner Empörung über die Thatsachen den gerechten Ausdruck verliehen. Er hat die Vorkommnisse gebrandmarkt. Gilt aber sein Urtheil den Urhebern nicht? Hat er nur die Verführten, nicht auch die Verführer mit seiner Mißbilligung getroffen? Wir glauben wohl, daß dem so ist. Der Vorwurf der Rohheit trifft sie alle, alle, welche mit Wort und That, mit Schrift und Bild, mit offener und versteckter Rede oder mit Duldung und Achselzucken die „Rohheiten" Hervorrufen oder schweigend sie geschehen lassen Ist es bei den Einen Rohheit im Handeln, Rohheit, welche durch die Fünfte zum Ausdruck gelangt, so haben die Anderen Gesinnuugs- und Gemnthsrohheit, Gewffsensrohheit und Pflichtvergessenheit an den Tag gelegt und wer die Folgen mißbilligt, kann die Ursachen nicht gutheißen, die Urheber nicht in Schutz nehmen Die Rohheiten, welche den Kaiser empört haben, entspringen der antisemitischen Hetze, die sich nationaler oder socialer Motive nur bedient, um mit ihrer '.ilfe die Leidenschaften um so stärker anzufachen und so trifft den Antisemitismus und alle die ihn zu ihrem Werkzeug machen, das Urtheil, das der Kaiser über die Consequenzeu gezogen hat, die ihre Thätigkeit zu Folge gehabt hat. Sie können ihre Urheberschaft nicht ableuguen und sie können daher auch das Stigma nicht verwischen, das ihnen das kaiserliche Wort aufgedrückt hat. _ Wären die Völker nicht so tief versunken im Sumpfe der niedrigsten Leidenschaften, welche durch nationale Herrschbegier und durch Schürung confessionellen Hasses