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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · page 22

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
– (sequence 22)
Language
German
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Seite 942 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. ->9 Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Sechszehntes Capitel. Aron Brack hatte mit schwerem Herzen, der zwingenden Nothwendigkeit nachgebend, es gestatten müssen, daß Michael, der Student, plötzlich zu einem Handlungsgehilfen (diese nahmen zu der Zeit unserer Erzählung eine niedrige Stellung in der Gesellschaft ein) herabsinke. Er mußte es einsehen, daß er als Krüppel sein Geschäft nicht allein fortführen könne, daß in diesem Falle sein kleines Vermögen um so rascher aufgezehrt würde, als sein Waarenlager und sein relativ großer Ausstand, die Haupttheile desselben bildeten. Ersteres wäre entwerthet, letzterer zum großen Theile uneinbringlich geworden. Sara schien mit ihrer kühnen Behauptung, Michael verstehe Alles, tauge zu Allem, recht gehabt zu haben. Er bewies sür den Kaufmannsstand nicht weniger Eignung als für den gelehrten. Er arbeitete sich mit großer Raschheit iit das Geschäftsleben ein. Er erwarb schnell die nöthigen Waarenkenntnisse, er wußte mit den Käufern verständig zu sprechen und gut umzugehen, und hatte an Brack einen vortrefflichen Lehrmeister. Dieser ertrug seine Körperverstümmelung, den Verlust eines so wichtigen Körpertheilcs, mit jener würdigen Ruhe, welche das Ergebniß echter Frömmigkeit, innigen Gottvertrauens ist. Aron Brack hatte nun die Gemeindevorsteherstelle in die Hände seiner Wähler zurücklegen wollen, und seinen Entschluß mit seinem Körpergebrechen hinreichend motivirt. Aber seine Resignation wurde nicht angenommen. Eine aus den angesehensten uno ältesten Gemeindemitgliedern bestehende Deputation hatte Brack dringend ersucht, sein Amt noch weiter zu behalten. Der Wahrheit vollkommen entsprechend, versicherten sie: daß es in der Gemeinde keinen Einzigen gäbe, der ihn zu ersetzen vermöchte. Der frühere Roschhakohl Reb Joffes Singer war schon einige Jahre todt, alle Anderen wären der schwierigen Ausgabe nicht gewachsen. Als Brack wiederholt auf sein körperliches Gebrechen hinwies, welches ihm die in seinem Amte nothwendigen Reisen nach der Kreis- und Hauptstadt erschwere, erwiderte ein Mitglied der Deputation: daß er jetzt an seinem Pflegesohn Michael einen tüchtigen Gehilfen habe, der ihn nicht nur in seinem Handelsgeschäfte, sondern auch in seinem Ehrenamte, und in diesem um so mehr vertreten könne, als er einen ungewöhnlichen Bildungsgrad besitze, alle schriftlichen Eingaben an die Behörden vortrefflich ausarbeiten und im persönlichen Verkehre mit den Beamten, auf diese günstig einwirken könne. Brack war nicht der Mann, der stch einer — wenn auch unangenehmen Pflicht entziehen wollte und er entschloß sich die Bürde seines Ehrenamtes noch weiter fortzutragen. Kurze Zeit nach Michaelas Rückkehr in das Hans seines Pflegevaters schienen die Verhältnisse in demselben ziemlich erfreuliche geworden zu sein. Die ans Wunderbare grenzende Ergebenheit, mit welcher Brack den Verlust seines Fußes ertrug, mußte auch auf Sara und Michael beruhigend einwirken. Brack's Geschäft war allerdings durch seine Unfälle zurückgegangen, allein unter Michaelas kräftiger Mitwirkung hob es sich bald wieder und gewann an Umfang und Erträgniß; auch daß dieser seine in Nikolsburg gesammelten Ersparnisse, sechshundert Gulden — eine für jene Zeit nicht' unbeträchtliche Summe — trotz seines Pflegevaters Einsprache in deffen Geschäfte investirte, trug etwas zur Hebung desselben bei. — Auch das häusliche Leben in Brack's engem Familienkreise hatte an Reiz gewonnen. Michael benutzte, namentlich im Winter, die späten Abendstunden dazu, Sara zu unterrichten, ihr viel Schönes und Wissenswerthes beizubringen, und es war eine angenehme Beschäftigung, eine so aufmerksame und gelehrige Schülerin zu unterrichten. Die Winier-Freitag-Abende und die Sommer-Samstag-Nachmittage verbrachten sie in belehrender und unterhaltender Weise. Sara las die Bücher aus Michael's kleiner Bibliothek, welche dieser als Abschiedsgeschenk seiner ehemaligen Schüler aus Nikolsburg mitgebracht hatte. Brack und Michael lasen gemeinschaftlich die Bibel mit deren hervorragendesten Commentatoren, die Sprüche der Väter oder versenkten sich in andere religiös-wissenschaftliche Studien. Aeußerlich hatte sich also das Leben in Brack's Hause recht freundlich gestaltet; aber Brack fühlte sich, wenn er in die Zukunft blickte — und das mußte der vorsorgliche Mann und Vater thun — schwer bedrückt, tief bedrückt, tief bekümmert. Sara entwickelte sich täglich herrlicher, in wenigen Jahren mußte sie, wenn sie Gott am Leben ließ und vor Krankheit schützte, zu einer Jungftau von unvergleichlicher Schöhnheit emporblühen. Michael war schon jetzt ein ungewöhnlich wohlgestalteter Mann, und ohne Zweifel mußte sich dann die innige Neigung der beiden jungen Leute in jene heiße, gluthvolle Liebe umwandeln, die nur dann beglückt, wenn sie zu einer Vereinigung führt. In welcher Weise aber konnte unter den bestehenden Verhältnissen dieses Ziel erreicht werden? Konnte diese beseligende Neigung anders als mit bitterer Enttäuschung, mit tiefem Schmerze der beiden Menschen enden, die ihm die Theuersten auf Erden waren? Gegen diesen marternden Gedanken besaß er nur in seinem endlos großen Gottvertranen ein wirksames Mittel; den Glauben, daß der allmächtige Gott, wenn er nur helfen wolle, auch helfen könne. Es waren drei, viertbalb Jahre in dieser Weise vergangen, ohne daß irgend ein Ereigniß von wesentlicher Bedeutung in den stillen Kreis der Brack'schen Familie getreten war; als Aron bemerkte, daß sich Sara's und Michael's Benehmen gegen einander zu ändern begann. Jene war nun fünfzehn Jahre und bei frühzeitiger Entwicklung kein Kind mehr, sie war ein entzückend schönes Weib. Während Brack oft Michael's Blicken begegnete, wie diese mit verzehrender Gluth an Sara hingen, war das Mädchen plötzlich zurückhaltender, schüchterner gegen Michael geworden. Ohne daß es ihr ein Mensch gesagt hätte, fühlte Sara doch durch Intuition — wie man die Gottesstimme im Menschen, die innere göttliche, menschenveredelnde Offenbarung nennt — daß sich die Art, in welcher sie bisher mit ihrem Bruder verkehrte, nicht mehr für sie schicke. Brack hatte als kluger, welterfahrener Mann diese voraussichtliche Wandlung erwartet, aber sie war früher eingetreten, als er vermuthet hatte, nur die besonderen Glücksfälle, die er von Gottes Huld erwartet hatte, waren noch immer nicht eingetroffen. Nach einer in schweren Gedanken schlaflos durchwachten Nacht war er zu dem Entschlüsse gekommen, die Beiden von einander zu trennen, aber sein Versuch mißlang. Samstag nach Tische war Sara zu einem armen kranken Mädchen, der sie einige Erfrischungen brachte, zu Besuch gegangen und Brack und Michael waren allein zu Hause geblieben und hatten, wie sie dies an Sommer Samstags - Nachmittag immer thaten, Pirke-Owos*) gelesen. Brack war gegen seine Gewohnheit unaufmerksam und hatte früher als gewöhnlich abgebrochen. „Du scheinst verstimmt zu sein," meinte Michael, „ich bemerke schon seit längerer Zeit, daß Du nicht mehr so heiter bist wie früher, ein äußerer Anlaß hierzu ist mir nicht bekannt. Daß Dich das Unglück traf, einen Fnß zu verlieren, hast Du wohl um so leichter verschmerzt, als Du, Gott sei Dank, trotzdem ein rüstiger, kräftiger Mann bist. Du kannst sogar mit Deinem Stelzfuß und Deiner Krücke ziemlich weite Strecken zurücklegen. Bedrückt Dich etwas, was wir, Sara und ich nicht wissen können, so sprich Dich aus. Der Schmerz vermindert sich, wenn man den Grund desselben theilnehmenden Menschen mittheilt; — oder fühlst Du Dich köperlich unwohl?" fuhr Michael aufgeregt fort, „so verschweige es uns nicht, lieber Vater, ein kleines Uebel, das leicht im Keime erstickt wird, kann unbeachtet rasche Fortschritte machen; ich will den Doctor rufen!" „Ich befinde mich körperlich so wohl, als sich ein Mensch in meiner Lage befinden kann", erwiederte Brack mit einem wehmüthigen Lächeln; — „aber ich habe mit Dir zu sprechen und — liebe lange Einleitungen nicht — ich glaube es ist am Besten, Du verläßt mein Haus!" Michael fuhr überrascht, erschreckt von feinem Stuhle empor. „Warum, weshalb?" rief er. „Woher dieser plötzliche, mir unerklärliche Gedanke? Weshalb willst Du mich von Dir, von der Schwelle Deines Hauses stoßen, das mir zur Heimat, zum Vaterhause geworden. Und wohin sollte ich, Verlassener, meine Schritte wenden? Ich habe auf der weiten Welt keine Stelle, auf der ich mein Haupt niederlegen könnte, ich habe auf der großen weiten Welt keinen Menschen, dem ich angehöre, der zu mir gehört, ich habe nur Dich und Sara — und nun sollte ich Euch verlassen, fortgehen von Euch, unter wildfremde Leute! — und ich könnte es nicht, mein Herz hängt an Euch, an Dir und Sara . . . ." plötzlich wurde er blutroth und fuhr heftig fort: „Warum sollte ich Dir etwas verheimlichen, was Du ja ohnehin weißt, was Du ja gebilligt hast; — ich liebe Sara mit starker, heißer Liebe und das Kind liebt ja auch mich! ... . O! hättest Du mich lieber nicht ausgenommen, hättest Du mich lieber erfrieren, verhungern, im Elend verkommen lassen! . . . . Du bist hart, sehr gegen mich und gegen Dein Kind!" „Mein lieber armer Michael, müßt ich nicht, daß Du nicht glaubst, was Du gesprochen, sagte ich: Du thust mir Un-

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