Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Mr. 49 Br. Bloch's Wochr.tschrif^ Seite 941 schied der E o n f e s s i o u oder de» St a lr d c », alle Honoratioren unseres Städtchens gaben dem Verblichene das letzte Geleite als Beweis der allseitigen Verehrung, deren sich der Verstorbene ZN erfreuen hatte. Rabbiner Dr. H erzog aus Ung.-Ostran hielt die ergreifende Gedenkrede, welche auf die grosse Tranerbersammlung tiefen und nachhaltigen Eindruck machte. Möge ihm die Erde leicht sein, möge er den ewigen Frieden finden, fein Angedenken wird in der Gemeinde gesegnet bleiben für immerwährende Zeiten! Aus Heffen. Der Großherzog hat aus Anlaß seines Geburtstages Herrn Ferd. Sender iu Darmstadt das Ritterkreuz I. Classe des Verdienstordens Philipp's des Großmüthigen, ferner dem ordentlichen Professor an der technischen Hochschule zu Darmstadt, Herrn S. G u n d e l f i n g e r, den Charakter als Geheimer Hofrath und Herrn M. B a r u ch, Präsidenten der Handelskammer in Worms, den Titel eines Commercienraths verliehen. Feuilleton. Ein Augenblick Novelle von Elise O r z e s z k o, einzig berechtigte Uebersetzung ans dem Polnischen von M a l w i n e B l u m b e r g. Es war ein stiller Sommerabend; die Sonne war im Untergehen begriffen, auf den Feldern, in der Luft und am Himmel herrschte vollkommene Ruhe. Still lösten sich die goldigen und rosenrothen Wo.kchen von der Abendröthe und zogen an der blauen Kuppel dahin, still blühten ans den sanft aussteigenden Feldern feuerrothe Feigbohne und schneeweißer Buchweizen inmitten bräunlichen Hafers; das Summen der Jnsecten und fröhliches Vogelgezwitscher waren die einzigen Laute, welche die über Allem lagernde Stille unterbrachen. Selbst aus der größten Entfernung kein Pfiff einer Locomotive; nichts von jenem Lärm und Geräusch, das von Weitem schon den Sammelplatz einer großen Menschenmenge verräth, auch sah man, da es ein Festtag war, auf den Feldern weder Pflüge noch Arbeiter. Stille und Oede. Ein anmuthiges, aber menschenleeres, gleichsam in Schlummer versunkenes Fleckchen Erde; ein verfallener Winkel, weit entfernt von Allem, was mit Glanz und Genuß in irgend welcher Verbindung steht. Und doch schlängelt sich zwischen dem gelben und bräunlichen Getreide ein Weg. Wohin derselbe führt, das wäre schwer zu errathen. Fast möchte man glauben, an das Ende der Welt, wo die Existenz menschlicher Wesen aufhört. Aber die Ameisenhaufen, welche die Menschen bauen, sind häufig kaum sichtbar und gleichen in so täuschender Weise Kehrichthaufen, daß man erst bei genauer Betrachtung gewahr wird, daß es von Menschen bewohnte Stätten sind. Zu solch' einem Ameisenhaufen geleitete der weißlich schimmernde, zwischen Hügeln und Getreidefeldern sich windende Pfad. Von der Stille der Felder, der Lust und des Himmels wie von einer durchsichtigen Glasglocke umgeben, lag dort ein kleines, eintönig graues, einem Kehrichthaufen gleichendes Städtchen. Schmale Straßen mit niedrigen, von der Zeit geschwärzten Häuschen, deren winzige Fenster den Eindruck von trüben in alter Einrahmung steckenden Augen niachten; in den Höfen, in die man durch die weit offen stehenden Thorflügel zu jeder Zeit gelangen konnte, eine übelriechende Luft und ewiger, von Kindern und Thieren verursachter Lärm. In der Mitte der Straßen Streisen schwarzer Erdklumpen; in der Sonnengluth versteinerter Schmutz, zu dessen beiden Seiten zwei schmale Pfade sich entlang ziehen. Sie gleichen den Wegen, auf welchen die harte Armuty und die graue Finsterniß zu wandern gezwungen sind. Hin und wieder, inmitten dieser farblosen Eintönigkeit, taucht ein neuer, grell gelb bemalter Bretterzaun auf, oder eine Birke mit herabhängenden Zweigen, eine Weide mit verrenktem Geäst, ein Birnbaum, der seine Arme nach allen Richtungen hin ausbreitet. Zu Füßen der Zäune faulen ganze Wälder wilden Unkrauts. Hie und da stehen alte, eingefallene Häuser, deren in die Luft ragende Bretter und nackte Schlote an von Fleisch entblößte Knochen gemahnen. Der Ort ist fast menschenleer, selten nur erblickt man einen Wanderer, der, den hartgetretenen, schmalen Pfad an den Zäunen entlanggehend, in einem der übelriechenden Höfe verschwindet. Auf den Schwellen einiger Häuser sieht man magere, traurigblickende Hunde, andere irren, Futter suchend, bald in den Höfen, bald um die eingefallenen Häuser umher. Lärm vou Kindern und Thieren, aber kein Laut einer menschlichen Stimme. Mau könnte glauben, daß hier überhaupt niemals gesprochen wird. Trotzdem der Tag heiß war und die Abendluft äußerst erfrischend ist, sind alle Fenster der Häuser geschlossen. Man könnte glauben, daß hier überhaupt niemals ein Fenster geöffnet wird, das einen Ausblick in die Welt gestattet. Schmutz und Enge, üble Luft und Oedigkeit. Ueber den Streifen fchivarzer Erde scheinen blutleere Schemen träger, ungesunder Träume zu schweben, die dann an den eingefallenen Häusern hängen bleiben. Nur über den moosbedeckten Dächern schwingen sich durchsichtige, so wie die Wolken am Horizont goldig und rosenroth schimmernde Rauchsäulen zum Himmel empor. Sind das Seufzer, hinaufgesandt von den Seelen der Menschen, deren Körper an diesen elenden Kehrichthaufen gefesselt sind? Nur am Ende der Straßen, in unmittelbarer Nähe der Felder, sieht man einige Häuser, die zwar ebenso klein sind wie die anderen, aber etwas frischer und fröhlicher aussehen. Auf den Fensterbrettern stehen im Hellem Blüthenschmuck prangende Pelargonien, in den Gärten leuchten bunte Georginien und Malven. Hier wachsen die Bäume in dichteren Gruppen, auf den Höfen hört man Menschenstimmen, die Hunde sind munterer und nicht so mager. In einem der Häuser jedoch scheint etwas Düsteres vorzugehen. Durch die Fenster sieht mau das Flimmern brennender Kerzen, und mehrstimmiger, traurig klingender Gesang dringt ins Freie. Drinnen liegt ein Todter. Auch hört man lautes Weinen. Im Gärtchen vor dem Hause sitzt ein Mann, dessen Züge so starr und regungslos sind, als wären sie aus grauem Stein geformt. Die zu Fäusten geballten Hände liegen ebenfalls wie Steine auf seinen Knien. Hier, zwischen die Malven und Georginien, in das vom duftenden Athem des Feldes umwobene Haus hatte der Tod Einzug gehalten. Wie dunkle Quellen in einen trüben Teich, so mündeten alle Straßen des Städtchens in einen runden, ziemlich großen Rauni. Die Häuser, die denselben umgaben, waren etwas frischer als die anderen, und hatten auf kleinen Pfeilern ruhende Balcons; neben Letzteren wuchsen Bäume, hinter den Fenstern standen Blumen. Aber Bäume und Blumen waren welk, und auf den Balcons lagen Stücke zerrissenen Papiers, Leinwandstreifen, Stroh, Holzsplitter, Cigarrettenstummel, und allerlei form- und farblose Abfälle aus Zimmern, Reisewagen und Kisten, die von Vorübergehenden hingeworfen worden waren. Die gleichen Abfälle bedeckten die holperige Oberfläche des Marktplatzes, überall, wo die Pfützen dies gestatteten. Denn diese auszutrocknen, hatte nicht einmal die glühende Julisonne vermocht. Glanz- und regungslos lagen sie da, und glichen den festverschlossenen, trüben Fenstern der den Marktplatz umgebenden Häuser. Auf den Balcons hingegen war ein reges Treiben; schlechtgekleidete, derbe, graue Gestalten sprachen, zankten und feilschten; man sah, daß sie vor Anbruch der Nacht die grauen, groben Angelegenheiten des Tages beendigen wollten. Hier pulsirte das Leb«»» des Städtchens am lebhaftesten und von hier aus strömte das verdichtete, ungesunde Blut dem ganzen Organismus zu. Wie über den Straßen träge Träume zu schweben schienen, so glaubte man hier die Gespenster der Armuth, des Neides und der Habgier kauern zu sehen. In der Mitte des Marktplatzes stand eine Kirche, die von uralten Lindenbäumen umgeben, in diesem Getümmel eine eigenartige Ruhe auszuströmen schien. Aus dem iu ihrem Schutze sich bergenden Pfarrhause drangen die Stimmen einer zahlreichen Kinderschaar, welcher der Pfarrer Unterricht ertheilte. Plötzlich ertönten vom Kirchthurm sanfte, klare Glockenklänge, und fast gleichzeitig stimmten die Kinder das Vespergebet au. (Fortsetzung folgt).