Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr« Wochenschrr^ Seite 935 Als vor etwa sieben Jahren die Bewegung der jüdischen Literaturvereine in Deutschland anfing, begrüßte sie Jeder mit Freuden. Aber gar bald trat die Ernüchterung und Enttäuschung ein. Niemand wird leugnen wollen, daß diese Vereine Gutes gestiftet haben, Niemand aber wird sich verhehlen dürfen, daß sie noch fern vom Ideale jüdischer volkswissenschaftlicher Vereine sind. Sie sind modern geworden, das ist ihre starke, aber auch ihre schwache Seite. Eine Sache die von der Mode und der Zeitlaune abhängig ist, hat für die Dauer eine schwache Existenz. Sie wird zum Gegenstand der Decoration und verliert den Ernst der Idee. Es waren von vornherein nicht die richtigen Männer, die sich dieser Strömung bemächtigt haben. Es haben sich vielfach Leute in den Dienst dieser Bewegung gestellt, die ihren verblaßten Ruhm erneuern wollten. Die Vereine mußten daher eine einseitige und seichte Richtung nehmen. Jedes Product trägt den Stempel seines Schöpfers. Eine Bewegung, die das Unglück hat, Phrasenhelden und Dilettanten zu Führern zu bekommen, muß schließlich auf Abwege gerathen. Besieht man sich die meisten Literaturvereine genauer, so findet man, daß sie darauf zugeschnitten sind, die freie, selbstständige Meinung zu unterdrücken, wirkliche Talente im Keime zu ersticken, um denjenigen Herren, die von den Weibern beider Geschlechter als Ungeheuer der Gelehrsamkeit bewundert werden, die Alleinherrschaft zu sichern, daß die Bildung der jüdischen Bevölkerung dabei nicht fortschreiten kann, ist selbstverständlich. Sieht man sich die Rednerlisten der Vereine an, dann muß man sagen, daß sie häufig mehr zum glänzen, als zum nützen geeignet sind. Es sind Namen darunter, die der jüdischen Wissenschaft gänzlich fern stehen, und mau begreift nicht, wie sie lehren sollen, ohne gelernt zu haben. Ueberhaupt bilden die Wanderredner eine häßliche Einrichtung, weil sie den Lehrberuf zum Handwerk degradiren. Was sott man dazu sagen, wenn man in den Berichten des Verbandes liest, daß e i u Bortrag von ein und demselben Redner innerhalb vier Monate nicht weniger als siebe nmal gehalten worden ist? Ist das nicht eine Art literarischen Hausirerthums? Wenn mau bosast sein will, kann man mit Leichtigkeit Nachweisen, daß mancher Redner innerhalb drei Jahre aus einem Bortrag 2—3000 fl. Capital geschlagen hat. Kann man da nicht zu der Ansicht gelangen, daß die ganze jüdische Literatur für solche Herren lediglich ein Geschäft ist? Das unwürdige Prunken mit klangvollen Namen muß endlich aufhören. Die Literaturvereine sind Stätten der jüdischen Volksbildung. Hier sott nicht das Wort, sondern der Inhalt wirken. Nur Diejenigen sind dazu berufen, hier Vorträge zu halten, die mit jüdischem Wissen ausgerüstet sind, die die jüdische Geschichte und Literatur und das jüdische Leben gründlich kennen. Die fahrenden Künstler sind zu entbehren. Ohne Wahrheit gibt es keine Lehre. Das sollten sich die Literaturvereine ins Stammbuch schreiben. Die jüdische Geschichte pflegen heißt, den historischen Geist neu beleben und nicht Komödie treiben. Die Geschichtsvereine werden nicht Ganzes leisten können, so lange sie nicht jede äußere Rücksicht außer Acht lasten und das einzige Ziel im Auge behalten, die jüdische Bevölkerung über das Große und Schöne in der jüdischen Geschichte und Literatur aufzuklären und ihr aus der Vergangenheit eine ewige Quelle des Wissens, des Trostes und der Erstarkung für die Gegenwart zu bieten. Daß die Erziehung der Juden zum Handwerk und zum Ackerbau, ein nothwendiges Mittel der Regeneration ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Es ist unser Unglück, daß wir in Westeuropa nur Kaufleute und Gelehrte sind. Wir verzehren unsere Kraft im ewigen Hasten und Ringen und bilden das nervöseste Element, das der Decadenz immer mehr zusteuert. Nicht allein den Kindern selber, sondern dem ganzen Volke nützen wir, wenn wir Handwerker erziehen und die Totalsumme der physischen Kraft vermehren. Handwerk und Ackerbau sind die natürlichen Grundlagen eines jeden gesunden Volkes. Eine Nation, die dieser Basis entbehrt, geht dem Verfalle entgegen. Jeder jüdische Bauer und Handwerker, mag er uns noch so viel kosten, bildet eine Stütze der Zukunft. Allein, die erzogenen Lehrlinge wollen nachher Gesellen sein, und da beginnt die größte Schwierigkeit. Daß für einen jüdischen Bauer in Westeuropa kein Platz vorhanden ist, weiß Jeder, der die Verhältnisse kennt. Zunächst ist der Agrarier bei uns nicht auf Rosen gebettet, und namentlich der Kleinbauer wird durch die Concurrenz des Auslandes erdrückt. Dann würde sich auch social und culturell die Lage eines jüdischen Bauern unter vielen nichtjüdischen ungünstig gestalten. Als Knechte und Feldarbeiter dürsten Juden bei den durchweg conservativantrsemitischen Gutsbesitzern und Bauern kaum Anstellung finden. Um jüdische Paradeagrarier zu erziehen, dazu ist die Sache zu kostspielig und die Zeit zu ernst. Für mich steht es daher fest, daß es in jeder Beziehung wichtiger ist, die für dieses Fach bestimmten Zöglinge in he vorzüglich geleitete Alliance-Schule M i k w e h Israel bei Jaffa auf Kosten der betreffenden Vereine zu schicken. Allein auch für de» Heranwachsenden Handwerker bieten sich gewaltige Hindernisse dar, die zu befestigen Aufgabe der Vereine sein muß. Der jüdische Geselle findet bei einem christlichen Meister nicht leich^Beschäftigung. Will er noch den Sabbath feiern, dann wird die L-ache zu einer Unmöglichkeit. Die Vereine zur Förderung des jüdischen Handwerks müßten danach trachten, genossenschaftliche Werkstätten zu errichten, um darin die jüdischen Gesellen zu beschäftigen. Noch schwieriger ist es, diesen Handwerkern, wenn sie selbstständig geworden sind, Arbeit zu beschaffen. Ich muß häufig die Klage jüdischer Handwerker hören, daß sie in jüdischen Häusern keine Arbeit finden, trotzdem sie billiger und bester arbeiten, als ihre nicht jüdischen Collegen. Ich mußte mich zu meinem Schmerze von der Gerechtigkeit dieser Klage überzeugen. Unsere Salonjuden geben gerne ihren Beitrag, aber ihre Arbeit einem Juden anzuvertrauen, — dazu find sie zu „vornehm", daß die Nichtjuden, auch wenn sie relativ vorurtheilsfrei sind, bei Vergebung von Arbeit den Juden nicht gerade bevorzugen, versteht sich von selbst. Wie soll das nun die jüdischen Handwerker ermuthigen, ihre Kinder der Arbeit zuzusühren? Ist es da nicht begreiflich, daß die Meisten danach streben, ihre Söhne zu - Handelsgehilfen zu machen. Die Zöglinge recrutiren sich daher meistens aus solchen proletarischen Familien, die nichts zu verlieren haben und froh sind, daß ihre Kinder zu essen bekommen. Das ist ein sehr ungesunder Zustand. Hier müssen also die „Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden" ansetzen. Sie müssen nicht müde werden zu predigen, daß es Pflicht der Inden ist, in erster Reihe die jüdischen Handwerker. die nach Brot und Arbeit schreien, zu unterstützen, da ihre ganze Existenz davon abhängt. Mit dem Mitgliedsbeitrag allein ist es nicht gethan. Jede» sociale Hilfswerk erfordert die persönliche Mitarbeit, das Wirken auf der Basis der Gegenleistung, die stets die ehrenvollste und segensreichste ist und bleibt. Dann wird es auch unbedingt nöthig sein, eine rationelle Organisation aller Vereine dieser Tendenz anzubahnen. Sie müssen alle Hand in Hand gehen, um ein Wirken im großen Stile zu ermöglichen. Jeder einzelne Verein wird mehr ausrichten können, wenn er sich als Glied eines großen Organismus betrachtet und zu jeder Zeit an der Hauptcentrale einen Halt findet. Es gibt auch eine Oekonomie der Vereine, und die Ersparniß von Zeit und Geld ist hier um so nothwendiger, weil jeder Pfennig und jede Secunde einen hohen Zweck geweiht ist. Wir Juden müssen endlich lernen, jedes Unterstützungswerk von» großen socialen Gesichtspunkte aus zu betrachten. Wir arbeiten ja für unsere Brüder, für uns selbst und unsere Zukunft. Correspondenzen. Tie Fahnenflüchtigen. Löbliche Redaction der Oe st er reicht s che n Wochenschrift. Hier. Hiemit ersuche Sie um Aufnahme nachstehender Zeilen: Der Magistrat der Stadt Wien veröffentlicht allmonatlich statistische Mittheilungen, und darunter auch die Anzahl der stattgefundenen Confeffionsänderungen. Im Monat October sind hiernach in Wien aus dem Judenlhum ausgetreten 58 Personen, wovon 34 Männer und 24 Frauen sind; eingetreten sind 3 Frauen. Ich weiß zwar nicht, ol> das Judenthum diese Verluste zu bedauern hat, aber es ergeben sich aus diesem Vorgänge auch praktische Conseqnenzen. Die Zugehörigkeit zum Judenthum bietet neben manchen Unannehmlichkeiten doch auch gar manche praktische, greifbare, persönliche und sociale Vortheile, ein Umstand, der oft vergessen wird. Unsere hebräischen Neuchristen pflegen deshalb recht häufig ihren semitischen Bekannten ihre neu erworbene Ueberzeugung zu verheimlichen, da sie sich zum Theil noch einigermaßen geniren, zum Theil doch noch einigen Vortheil aus oeralten Zugehörigkeit ziehen. So sehr unsere Zeit auch antisemitisch gesinnt ist, diese Art von Neuchristenthum, das noch nach frischer