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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 934 Vr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 49 socialen Fragen und Bewegungen. Die jüdische Presse zeichnet sich in dieser Beziehung — abgesehen von einigen rühmlichen Ausnahmen — durch eine idyllische Unschuld aus. Die heutige Sociologie aber lehrt uns kurz folgendes: Die sociale Frage ist zum größten Theil die Frage der Landwirthschast. Die Beweise für diese Behauptung sind zahlreich. England, welches durch seine Ausbildung zum Industriestaat und die Umwandlung seines Ackerlandes in Wiesen, vollständig aus Einfuhr von außen angewiesen ist, geht seinem Untergang entgegen, wenn es ihm nicht noch gelingt, den Handel mit China an sich zu reißen. Deutschland, welches bei Weitem seinen eigene'' Bedarf an Korn bauen könnte, aber durch die Entwicklung des Großgrundbesitzes in Ostelbien und das übermäßige Anwachsen der Industrie hieran verhindert, und aus einen mächtig-n Import von Amerika angewiesen ist, würde im Falle eines Seekrieges sehr bald durch Mangel an Getreide in eine geradeswegs verhängnißvolle Lage gerathen. Lassen wir uns genügen an diesen wenigen Beispielen. Sehr charakteristisch ist übrigens, daß die Erkenntniß von der Wichtigkeit des Ackerbaus in der Zukunft auch in die Partei eingedrungen ist, die sich bisher ihm fast völlig ferngehalten hat, die Socialdemokcatie. Es ist ein Züchen der Zeit, daß Kautsky, der leidenschaftliche Anhänger Marx', dieses bisher von der Socialdemokcatie so arg vernachlässigte Gebiet in einer Specialstudie „die Agrarfrage" behandelt. Alles dies weist darauf hin, daß die ausschließliche Herrschaft der Industrie erschüttert ist, daß mehr und mehr die Nationen sich der ursprünglich productiven Tyätigkeit wieder zuwenden. Darüber herrscht in der Wissenschaft kein Zweifel. Inzwischen ist der Ackerbau wesentlich vervollkommnet. Man hat zahlreiche landwirthschaftliche Maschinen in Anwendung gebracht und chemische Entdeckungen, die zum größten Theil auf Liebig zurückgehen, haben die Ausnützung des Bodens in hohem Grade gesteigert. Dann haben sociologische Untersuchungen, so z. B. von v. d. Goltz, Sering, Oppenheimer u. A. die Eckenntniß gebracht, daß der isolirte Kleinbauer dem rationell betriebenen Großbetrieb gegenüber sich nicht mehr halten kann, daß andererseits abec auch der Großbetrieb in seiner heutigen Form nicht mehr den Kamps bestehen wird. Der zu beschreitende Weg ist die genossenschaftliche Bereinigung der Landarbeiter. Hier eröffnen sich großartige Perspectiven für die Zukunft. So liegen die allgemeinen Verhältnisse heute. Wenden wir sie auf die Judenheit im Besonderen an, so sehen wir, daß gerade für sie die Ausgabe vorliegt, sich an dieser E ltwickluig aufs Lebhafteste zu beteiligen. Im Handel, in der Industrie und im Handwerk sind Inden in überreichem Maße thätig, in der Landwirthschaft nicht. Dieser müssen sie sich zuwenden. Aber nicht etwa nach veraltetem System als vereinzelte Kleinbauer, so würden sie sehr bald unterliegen. Vielmehr müssen sie sich alle Erfahrungen der modernen.W ssenschaft und Praxis zu Nutze machen. Sie müssen als Bahnbrecher auf diesem Gebiete auftreten! Im kommenden Winter wird ein Rettungswerk im großen Stil für die galizischen Juden in Angriff genommen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier ernste, langjährige Arbeit nöthig sein wird, ehe sich ein deutlicher Erfolg aufweisen lassen wird. Wir hoffen aber, daß diese große, würdige Bewegung die gesammte Judenheit zur Theilnahme entflammen wird. Hier kann in Wahrheit „Das jüdische Herz" sich bethätigen, aber im Bunde mit dem kühlen Verstände. Es besteht in Deutschland der weitverzweigte „Verein zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands". Ec geht in mancherlei Beziehungen mit diesen Bestrebungen Hand in Hand. Es muß ein großer, überwältigender Anschluß an' diesen Verein einerseits, an das große galizische Werk andererseits erfolgen. Dies wird beweisen, daß die Juden ihre Angelegenheit social zu erfassen und zu behandeln verstehen. Verharren sie ftdoch jetzt, im entscheidenden Augenblick, in ihrer Kurzsichtigkeit, io gehen sie unwiderruflich ihrem wirthschaftlichen Ruin entgegen. Moderne Vereinsmeierei. *) Von Fabius Schach. II. Der englische Philosoph Spencer machte einmal die interessante Bemerkung, daß die komische Eigenschaft der Wilden, mehr für den Putz als für den Schutz ihres Körpers zu sorgen, auch bei den Culturmenschen zu finden ist, daß auch sie mehr um den äußeren Schein, als um das innere Wesen besorgt sind. In der That sind die geschminkte Armuth, das aufgeputzte Elend häufige Erscheinungen des modernen Lebens, und sie sind um so häßlicher, je mehr sie bemüht sind, sich unter der glänzenden Maske zu verbergen. Es ist traurig, daß man dieses auch im geistig-sittlichen Leben täglich beobachten kann. Unsere ganze moderne Erziehung, die Erziehung der kleinen und großen Kinder ist darauf berechnet, zu glänzen und nicht zu nützen. Wir wollen keine Charaktere ausbilden, sondern nur Sklaven der gesellschaftlichen Schablone. Es sind in den letzten Jahrzenten nur wenige Institutionen ins Leben gerufen worden, bei denen das Wirken und nicht das Scheinen die Absicht war. „Was werden die vielen Leute dazu sagen?" Das ist die Frage, die im Vordergrund unserer Bestrebungen steht. Man hegt zwarkeine innere Achtung vor diesen Leuten, findet aber nicht den Math, sich von ihnen zu emaucipiren. So schreiten die Halbheit und Hohlheit immer fort und die Phrase feiert ihre Triumphe. Wahrlich, ein Jesaias thäte uns Noth, der mit der elementaren Gewalt seines Wortes hervortritt, den unberufenen Führern die Maske vom Gesicht reißt und alles Kranke und Schwache, alles, was Lüge und Eitelkeit erzeugt haben, mit dem Feuerbesen hinwegfegt. Unsere demokratisch sein wollende moderne Welt spricht zwar gerne vom Stolze vor Königsthronen, wenn es sich aber darum handelt, im engsten Kreise rücksichtslos die Wahrheit zu bekennen, dann sind die Wenigsten tapfer genug, um dieses erste Gebot der Mannesüberzeugung zu befolgen. Wie soll es da nun besser werden? Auch wir Juden sind Mitglieder der modernen Gesellschaft. Ja, wir bilden gewissermaßen ein Mikrokosmus, denn wir vereinigen die Tugenden und Untugenden aller Völker. Wir machen jede Mode und jede Bewegung mit, nur für eine echt jüdische Bewegung sind wir nicht zu haben. Wir sind Kinder des Galuih und haben noch immer nicht gelernt, stolz und frei zu denken. Es ist unser Verhängniß, daß wir zu viele Denker und z i wenig Männer der That haben. Uns fehlt es an muthigen Männern, die ihre Ueberzeugung frank und frei bekennen, ohne danach zu fragen, welchen Eindruck das auf die ungebildete Menge oder auf einige Geldprotzen machen würde. Ja, wir gefallen uns so sehr im alten Schlendrian, daß wir es gar nicht begreifen, wie einer an dieser heiligen Ordnung Kritik üben kann. Und doch ist es Zeit, daß wir aus dem inneren Ghetto heraustreten und ganze Männer werden, daß wir in allen Dingen nicht den Beifall der compacten Masse, sondern die Wahrheit und Gerechtigkeit zum Richter machen. Wer will es leugnen, das Vieles in unserem socialem und geistigen Leben morsch und siech ist? Aber es fehlt uns an Männern, die von ihrer Idee beseelt sind, die an sich selbst glauben und mit der ganzen Kraft ihres Können und Wollens für ihre Sache eintreten. Diese tieftraurige Ueberzeugung drängt sich Einem auf, wenn man das jüdische Vereinswesen einer ernsten Kritik unterzieht. Mag man sich den wissenschaftlichen, den social-humanitären oder den Geselligkeitsvereinen zuwenden, überall begegnet man Verhältnissen, die dringend der Reform bedürfen. Keine Institution birgt in sich so viel Gutes für die Gegenwart und Zukunft des Volkes, wie eine gesundes Vereinswesen. Nirgends aber sieht es noch heute so trostlos auf diesem Gebiete aus, wie bei uns Juden. Kein Volk und keine Gemeinschaft ist so schlecht ocganisirt wie die Judenheit. Wir aber bedürfen der neubelebenden Organisation, um nicht zu Grunde zu gehen. Wie sagt doch der Talmud so drastisch „Chabrutha oder Mithutha", Zusammenhalten oder Vernichtung! *) Wir haben den Ausführungen unseres geschätzten Mitarbeiters Raum gegeben, obgleich unsere österreichischen Verhältnisse sich in Wirklichkeit anders darstellen, als sie vom Schein aus gesehen werden und in vielen Punkten kaum jene Beurtheilung verdienen, welche sie im Artikel I erfahren haben.

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