Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 933 welches dann von dessen Sohn Heinrich I., Herzog von Glogau, im Jahre 1299 52) wiederholt wurde. Ihrem Beispiele schloß sich mit einer Urkunde vom 1. Juli 1388 V i e t o l d, Herzog von Litthanen, an ä3j. (Fortsetzung folgt.) Die Existenzfrage der Zudenheit. Von Dr. Ernst Tuch in Hamburg. „Die Agitation gegen die Juden kann ein Segen sein", schrieb Berthold Auerbach im Jahre 1880, dennoch sah er selbst „in die trübste Zukunft hinein", während im Allgemeinen damals noch der Antisemitismus als eine vorübergehende Erscheinung angesehen wurde. Wie merkwürdig muthet es uns heute an, wenn der rühmlich bekannte Geschichtsforscher und alte Achtundvierziger Friedrich Kapp seiner Ueberzeugung Ausdruck gibt, daß „der Rummel gegen die Juden in drei Monaten vorbei und vergessen" sein würde, und wenn die Kaiserin Augusta Auerbach gegenüber sagt, daß „die Sache eigentlich schon vorüber, aber ganz gewiß im Verschwinden" sei, Auerbach möchte nur „ruhig sein, es wird sich Alles wieder schön ausgleichen"! Heute, nach 20 Jahren, voll der gemeinsten und niedrigsten Verhetzung, wissen wir, daß der Antisemitismus zwar seine Formen von Zeit zu Zeit wechselt, daß er zeitweise die Herrschaft auf den Bierbänken führt, dann aber auch in die stillen Studirstuben der Gelehrten seinen Einzug hält, daß er aber auf keinen Fall im Schwinden ist. Wir haben aber auch die Richtigkeit von Auerbach's Bemerkung eingesehen, daß „die Agitation gegen die Juden ein Segen sein kann". Sie ist es thatsächlich gewesen. Sie hat einen großen Theil des Verdienstes der Einigung der Judenheit, die sie allmählich aus ihrer Lethargie und ihrer Indifferenz gegenüber den gemeinsamen Interessen wachgerüttelt hat. Heute besteht eine große, gewaltige Bewegung, die von Tag zu Tag weiter um sich greift, mehr und mehr Köpfe erfaßt. Einigung wird gepredigt von jeder Kanzel; wissenschaftlich gebildete Männer suchen ihre geschichtliche Nothwendigkeit zu erweisen; begeisterte Agitatoren werben Anhänger für die Idee einer jüdischen Nationalität, und — Inst not least — praktisch haben die untersten Schichten der Juden sich schon jetzt mannhaft zusammengethan zur Hebung aus ihrer materiellen Nothlage. So wirken die verschiedensten Motive auf den verschiedensten Bildungsstufen, in den verschiedensten socialen Classen in ein und derselben Richtung, einem und demselben Ziele zu! Leider hat die jüdische Presse im allgemeinen keineswegs die große Aufgabe verstanden, die ihr in diesem Kampfe zukommt. Sie steht, man muß dies offen aussprechen, durchaus nicht auf der Höhe der Zeit. Ihre Kampfesweise erhebt sich nicht über die banausenhafteste Kirchthurmspolitik. Statt die geschichtlichen Ursachen des Antisemitismus und der großen reagirenden jüdischen Bewegung aufzudecken und dann ernste Vorschläge zur Hilfe zu machen, hat sie sich begnügt mit der Constatirung der Thatsachen und mit Angabe von Palliativmittelchen zur Heilung. So ist sie naiv genug zu glauben, daß der Antisemitismus die Ursache der jüdischen Einigung sei, statt, wie es doch in Wahrheit der Fall ist, in ihm nur eine Veranlassung zu erkennen, welch: den an sich geschichtlich nothwendigeu Zusammenschluß nur beschleunigt hat. Daher hat sie ihre Aufgabe fast ausschließlich in der Abwehr antisemitischer Angriffe und Schmähungen erblickt und sieht nicht ein, daß dies wohl so lange am Platze war, als man noch annehmen durfte, daß man es mit einer bald vorübergehenden Erscheinung zu thun habe. Nachdem man aber durch die Ereignisse zu einer besseren Eckenntniß gelangt war, hätte man längst energischer Vorgehen müssen. Statt dessen beschränken sich die jüdischen Zeitungen auch heute noch darauf, kleinliche Antworten auf kleinliche antisemitische Anrempeleren zu geben, peinlich jede jüdische „Großthat" zu registriren, zu vermelden, wenn irgendwo ein jüdisches Ehepaar seine goldene Hochzeit gefeiert, ein jüdischer Soldat zum Gefreiten oder gar zum Unterofficier befördert wird, oder einem Inden sonst „eine hohe Auszeichnung" zu Theil wird! Aber in helle Verzückung geräth sie, wenn sie gar auf das „jüdische Herz" zu sprechen kommt. Alle Achtung vor dem Wohlthätigkeitssinn der Juden, aber diese ewige Rennomage mit dem jüdischen 52) Sommersberg 1. c.; Sternberg 1. e. } r:^ 53) Sternberg S. 74 fg. Herzen muß doch allmählich abstoßen, wenn mau betrachtet was es denn nun wirklich geleistet hat gegenüber dem namenlosen Elend der östlichen Juden. Millionen darben unter furchtbarstem ökonomischen und socialen Druck, und „das jüdische Herz" ihrer westlichen Stammesgenoffen blutet vor Schmerz, aber wirklich große Leistungen im staatsmännischen Sinne sind doch bisher nur sehr vereinzelt vorgekommen. Gegenüber dieser Thatsache war es Pflicht der Presse, nicht immer wieder das schon Geschehene preisend und lobend hervorzuheben, sondern die jüdische Wohlthätigkeit, deren bisherige Erfolglosigkeit zu einem großen Theil auf ihrer irrationellen Bethütigung beruht, in richtige Bahnen zu lenken. Statt dessen vertritt sie gar häufig einen schwächlichen „Idealismus", der eine große Gefahr in sich birgt. Sie glaubt mit Phrasen und wohlklingenden Worten genug gethan zu haben, schwelgt in den schönsten Vorstellungen von Bruderliebe und -Einigkeit und vergißt über all diesem Humanitätsdusel, daß nicht Worte Rettung bringen, sondern nur energisches, ernstes und rastloses Arbeiten. Nicht scharf genug kann dieses bloße Hurrah-Judenthum gegeißelt werden. Infolge dieser Beschränkung auf Abwehr des Antisemitismus und auf die Vertretung ganz intern jüdischer Angelegenheiten hat die jüdische Presse es versäumt, wirklich ernste geschichtliche und sociale Studien anzustellen, die uns den Antisemitismus nur als eine Nebenerscheinung erkennen lassen. Der Ursachen der jüdischen Einigungsbewegung gibt es viele. Es sind theilweise religiöse, theilweise nationale, theilweise stammesgenossenschaftliche Motive, auch rein ethische und vor allem ökonomische wirken mit. Jedes einzelne entflammt zahlreiche Ver-, treter, alle zusammen zielen in einer Richtung. Eine Untersuchung des Antisemitismus ergibt, daß er aus zwei Quellen fließt, aus Concurrenzneid und Racenhaß. Während der erstere es mehr darauf absieht, die Juden ökonomisch zu unterdrücken, ist es das Ziel des letzteren, ihre sociale Stellung zu untergraben. Dies zeigt, daß die jüdische Frage eine wirthschaftliche u n d eine sociale ist. Dies haben die jüdischen Proletarier znm Theil sehr wohl eingesehen, namentlich in Rußland und Polen. In Galizien freilich gehören die jüdischen Arbeiter fast ausschließlich der socialdemokratischen Partei an, hingegen wurde im Jahre 1897 der „Allgemeine jüdische Arbeiterbund von Rußland und Polen" gegründet. Dies zeigt, daß hier die Eckenntniß durchgedrungen ist, daß die jüdischen Proletarier nicht nur unter der allgemeinen Nothlage der Proletarier leiden, sondern noch unter ihrer besonderen „Judennoth". 4M Sobald diese Thatsache in ihrer ganzen Bedeutung richtig erkannt und gewürdigt ist, muß die Ueberzeugung sich Bahn brechen, daß nur „große Mittel" helfen, daß hier nicht private Wohlthätigkeit zu localen Zwecken, so gut sie auch gemeint ist, ausreicht, sondern daß hier eine sociale Frage im eminenten Sinne des Wortes vorliegt, die nur durch Zurückgehen auf die letzten Gründe dieser Erscheinung und durch radicale Heilmittel gelöst werden kann. Das aber ist gerade der Fehler der Inden und auch der jüdischen Presse, daß sie die jüdische Frage als eine gesonderte betrachten, die für sich behandelt werden könnte, ohne die allgemeinen Verhältnisse die heute vorliegen, in Betracht zu ziehen. Dies ist ein fundamentaler Jrrthum. Es gibt keine einzige Erscheinung im ganzen Weltall, die für sich isolirt dastände, die nicht durch tausend und abertausend Verknüpfungen mit anderen Vorgängen kausal zusammenhinge. Wie ist es denn da nur möglich, die Angelegenheit der Juden rein für sich zu betrachten, die doch wahrlich wie wenige andere seit zwei Jahrtausenden aufs innigste verknüpft ist mit der Geschichte aller übrigen Völker?! Aber die jüdischen Zeitungen glauben ernsthaft, daß dies möglich sei. Alles, was in der Welt vorgeht, wird durch die jüdische Brille angesehen, immer wird nur gefragt, was mag dieser Vorgang für eine Bedeutung für die Jndenheit haben, welche Stellung nimmt jener Monarch und jener Duodezfürst den Juden gegenüber ein, wie hat sich jener große Dichter oder Schriftsteller über die Juden geäußert? Als ob wirklich hiervon die Geschichte der Juden abhinge! Als ob man nicht längst wüßte, daß vor allen Dingen ökonomische Wandlungen die Weltgeschichte beeinflussen! Statt uns immer nur um die Beurtheilung von anderer Seite zu kümmern, sollten wir vielmehr fragen: Was können wir aus den uns umgebenden allgemeinen Verhältnissen als für uns nützlich abstrahiren?! Wirklich verstanden kann die jüdische Frage nur werden, wenn sie im Zusammenhang aufgefaßt wird mit den übrigen großen