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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 929 Die katholische Presse Englands über den Ritualmord. Die zwei Hauptorgane der englischen Katholiken, der „Weekly Register“ und der ,.Tablet“, veröffentlichen in ihren vorwöchentlichen Nummern entrüstete Zurückweisung des Ritualmordmärchens. Besonders der „Weekly Register“ läßt an Entschiedenheit und Offenheit nichts zu wünschen übrig. Der „Tablet“ erinnert an die feierlichen Aussagen hervorragender Juden und Convertiten, z. Bdes (Dompredigers Veith, über die Blutlüge, nnd meint: „Der gesunde Menschenverstand nnd die christliche Liebe zwingen uns, diesen Aussagen Glauben zu schenken, und die Thatsache, daß nicht weniger als vier Päpste die Blutbeschuldiguug ausdrücklich als Verleumdung qualificirten, erhöht diese unsere Verpflichtung. Unserem katholischen Denken erscheint es ganz unbegreiflich, daß eingestandenermaßen katholische Zeitungen, wie „Ra Croix“ und „La Verite“, diese Thatsache unterdrücken können, und das ein Pere Constant, O. P.. in seinem Buche „Les Juifs devant l’Eglise et l’Histoire“ mit aller Vehemenz die Blutanklage erheben konnte, gerade so, als ob die dawider erlassenen päpstlichen Bullen niemals existirt hätten. Gewisse katholische Schriftsteller begnügen sich damit, auf gefälschte Documente oder auf wilde Interpretationen vollkommen harmloser Gesetzesstellen als auf Beweiselemente hinzuweisen — ein Zeugniß noch mehr für ihre Ignoranz, als für ihren bösen Willen. Als Katholiken müssen wir gestehen, noch niemals etwas Peinlicheres erlebt zu haben, als die Publicationen des katholischen Professors Dr. A. R o h l i n g und die denselben seitens des protestantischen Orientalisten Professor Delitzsch zutheil gewordene Abfertigung. Noch ärger als Rohling treiben es seine französischen Freunde und Nachahmer Drumont, Desportes, Martin C h a g n y u. a. In Hinblick aus alle diese Schriftsteller können wir nur erklären, daß der.Antisemitismus als Religion ein erbärmlicher Ersatz wäre für den praktischen Katholicismus. der uns Gott über Alles und den Nebenmenschen wie uns selbst zu lieben befiehlt. Wir Katholiken, die insbesondere in diesem Lande (England) so viel unter ungerechten Vorurtheilen zu leiden hatten, sollten am wenigsten mit unseren Sympathien für Diejenigen zurückhalten, die, ebenfalls ohne Verschulden, den allgemeinen Haß zu ertragen haben." Der „Weekly Register“ sagt: „Die Antisemiten unter unserer, österreichischen Gesinnungsgenossen werden, wenn sie ihre Politik der Unduldsamkeit fortsetzen, die katholische Kirche in allen Ländern der Welt schädigen. Leider scheinen aus die fanatischen Clericalen Oesterreichs ernstgemeinte Warnungsworte wenig Eindruck zu machen. Was aber in den letzten sechs Wochen in Wien und anderen großen Städten Oesterreichs vor sich gegangen ist, verpflichtet die englischen Katholiken zu mehr als einer blos schweigenden Verurtheilung der unchristlichen Haltung ihrer österreichischen Glaubensgenossen . .." Der „Weekly Register“ schildert sodann die Rolle, welche die Clericalen Oesterreichs in der antisemitischen Agitation gespielt haben und schließt mit folgenden bemerkenswerthen Worten: „Es kann den Katholiken in der ganzen Welt nicht oft genug zum Bewußtsein gebracht werden, daß ihre Kirche vor allen anderen es als ihre Aufgabe in Anspruch nimmt, die Einzelheiten der menschlichen Lebensführung zu regeln. Auf der Stockporter Conferenz betonte Cardinal V a u g h a n, daß die katholische Kirche die des Volkes sei und allein im Staude, die durch Sünde und Nachlässigkeit geschlagenen Wunden zu heilen Er hätte, mit Rücksicht auf den beklagenswerthen Umstand, daß der Antisemitismus hauptsächlich in katholischen Ländern gedeiht, hinzufügen dürfen, daß die Lehren der Kirche ebenso auch das einzige Heilmittel seien gegen die verheerenden Ansbrüche irregeführter Leidenschaften, welche — die Katholiken Englands haben in diesem Zeitpunkte Gelegenheit, es zu beobachten — von der clericalen Partei in Oesterreich gefördert und ermuthigt werden. Die Haltung der clericalen Presse in Oesterreich, Frankreich und Italien bedeutet für das religiöse Bewußtsein dieser Nation eine dauernde Brandmarkung. Blätter, die von Clericalen mit Geld unterstützt und von ihnen inspirirt werden, haben durch ihre gegen die Juden gerichtete Politik den Katholicismus in Verruf gebracht In Oesterreich haben die clericalen Agitatoren das Gewicht ihrer Autorität zu Gunsten des Fanatismus und der Intoleranz geltend gemacht, und geistliche Führer der Judenhetze wurden für ihre wilden Excesse öffentlich geehrt. Es ist traurig, dies eiugestehen zu müssen — aber die Kirche sollte niemals vergessen, daß die Wahrheit nichts von der Wahrheit zu fürchten hat!" Die Vlutlüge Bon Dr. Hirsch-Hildesheimer in Berlin. IV. Zn Beginn des XIV. Jahrhunderts war es die Jndenheit Thüringens, über welche die Blutlüge gräßliches Unheil brachte. Den Vorwand für diese Raserei, der Hekatomben blindwüthend Hingeschlachteter zum Opfer fielen, bildete die angebliche Ermordung des Knaben Konrad in W e i ß e n s e e. Hören wir darüber einen Chronisten, der zur Zeit des Geschehnisses und in unmittelbarster Nähe schrieb! Sigfrid von Balnhausen (Siffridus Presbyter), Pfarrer inKlein-Balnhausen bei Weißensee ^berichtet wörtlich wie folgt'): „Im Jahre des Herrn 1303 haben die verruchten Inden in ihrer Gier, Christenblnt zu vergießen, einen Schulknaben, Konrad mit Namen, den Sohn eines Rittersniannes in Weißensee, einer Stadt Thüringens, mit zahlreichen Marterungen gepeinigt, nach Turchschneidung sämmtlicher Venen und Adern all' sein Blut ausgepreßt und ihn vor dem Passahfeste grausam ermordet. Aber der allmächtige Gott, der verherrlicht wird in seinen Heiligen, duldete nicht, daß der Mord des unschuldigen Knaben verborgen blieb, verrieth die Mörder und zeichnete das M a r t y r i u m des Unschuldigen durch zahlreiche Wunder aus. Denn als die Juden die Leiche des Knaben durch viele Orte Thüringens führten, um ihn zu begraben, fügte es Gott, daß sie ihn nirgends zu beerdigen vermochten'), weshalb sie ihn zurückbrachten und bei Weißensee in einem Weingarten aushängten. Als dann die grausame Mordthat verrathen und die Wahrheit der Sache bekannt geworden war, stürmten die Burgmannen aus dem Schlosse hervor; die Bürger der Stadt und das übrige Volk stürzten sich gemeinsam mit dem Markgrafen Friedrich, dem Sohne Albrecht's, Landgrafen von Thüringen, auf die Juden und tödteten dieselben haufenweise (turmatim). Aber die Herrlichkeit Gottes erstrahlte am Grabe dieses neuen Märtyrers in vielfacher Art, weshalb die Leute herbeizuströmen begannen, voll Verlangen, die zahlreichen Wunder zu schauen, welche durch ihn vollbracht wurden." Mit dieser Darstellung stimmen alle anderen Berichte ') in dem einen entscheidenden Punkte überein. ') Vgl. Lorenz, Deutschlands Geschichtsguellen im Mittelalter (Berlin 1886) II, 99. -) Compos. historia in Monum. Germ. Hist. 88., XXV, 717. 3) Dieses „Wunder" bestand nach anderen Berichten (vgl. die folg. Anm. und Act. Sanct. II April S. 502 ff. darin, daß die Erde den verscharrten Leichnam jedesmal wiedergab. Dasselbe „Wunder" ereignete sich schon bei früheren „Fällen", so z. B. bei Hugo v. Lincoln (1255 vgl Act. 8anct. VI,, Juli, S. 495), bei Werner von Oberwesel, re. 4) Chron. 8. Petri Erphordensis modema (II. G. H., 88. XXX, 435: mnltis miracullis a deo insignittvr. pro qua re omnes Judei . . . sunt occisi); daraus wörtlich übereinstimmend Aunal. Bheinhardbrunnenses QI. G. H. 88. XXX, 644), Varioloquus antiqnit. Erphurdianus (bei Mencken Script, rer. Germanic. II, 494) und die Sächsische Weltchronik Thüring. Fortsetz. QI. G. H., Chron.. II, 309: „da tet got vil zeicheue derch en. Damm me worden die Juden alle erslagen); ferner Chron. Engelhusii (ed. Leibnitz Script, rer. Brunsviciarum II, 1125: qui puer miraculis claruit. Propter q u o d Judei occisi sunt) und Joh. Rothe, der (Düringische Chronik ed. Liliencron S. 500 ff.) hinzufügt, daß „die

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