Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 928 Br» Bloch's WochrnfürLM Nr. 49 Schwierigkeiten dieser Reichstag zu kämpfen und welche schädlichen Einflüsse er zu besiegen hatte; wer sich erinnert, daß dieser Reichstag, ungeachtet der von den Nachbarmächten ihm zugefügten Gewalt, und ungeachtet er gleichsam gebunden und gefesselt, dennoch alle Hemmnisie durchbrechend, die Constitution vom 3. Mai 1791 beschloß, der muß zugestehen, daß dieser Reichstag, ein beinahe übermenschliches Werk zu Wege brachte, daß er in Bezug auf die Gesetzgebung einen Höhepunkt einnahm, auf dem in jener Zeit noch keine Nation, weder in Hinsicht auf die Gesetzgebung überhaupt, noch insbesondere in Hinsicht auf Freisinnigkeit und religiöse Toleranz stand. Meine Herren, wer alle diese Verhältnisse, Thatsachen, Vorschläge, Beschlüße, alle diese Gesetze geprüft, dem muß sich unfehlbar die Ueberzeugung ausdrängen, daß zu jener Zeit den Juden die Gleichberechtigung in jeder Beziehung ausnahmslos zuerkannt, oder eigentlich zurückgegeben wurde, und daß deren Jnslebentreten nur durch die Theilung unseres Vaterlandes gehemmt wurde. Nun, meine Herren, dieser Nationalgeist, welcher aus jenen Gesetzen des letzten polnischen Reichstags in Bezug auf religiösen Freisinn und die volle Gleichberechtigung der Juden heroorleuchtet, hat uns wohl die Vollziehung derselben unter Strafe unseres eigenen Unterganges überwiesen, denn eine Nation, die von ihrem leitenden Nationalgedanken zurücktritt, muß untergehen. Der Nationalgeist, meine Herren, hat uns die Vollziehung dieses seines letzten Willens überwiesen, deshalb, meine Herren, werden Sie wohl die heutige Commissionsvorlage in ihrer Gänze annehmen." (Langanhaltender Beifall.) Die antisemitische Pest. »Blumen — nichts als Blumen!* Resolutionen — nichts als Resolutionen! In der allerlöblichsten Absicht traten neulich alle möglichen Corporationen zusammen, um unter gerechtfertigter Entrüstung gegen die Niedertracht der aufgewärmten Blutmärchen und gegen die ungerechtfertigten Judenverfolgungen zu protestiren. Was fruchtet es? Die Leute, welche in ihrer Verbissenheit und Verblendung einem Schneider und Vergani, trotz ihrer notorischen Verlogenheit, mehr Glauben schenken, als den Pipsten und Cardinälen, einem Pseudogelehrten wie Rohling mehr vertrauen als wirklichen Forschern, werden sich durch die heiligsten Eide verehrungswürdiger Männer nicht überzeugen lassen. Einem so tief umnachteten, irregeleiteten und von gewissenlosen Schurken aufgewühlten Volke, deffen Leidenschaften und bestialische Raubgier gereizt wurden, ist auf papierenem Wege entschieden keineswegs beizukommen. Ihr könnt in Wien schöne Reden halten und Proteste formuliren — am nächsten Abend klirren in irgend einem böhmischen Orte an Judenwohnungen die Scheiben, krachen die Thüren, fliegen Möbels und Waarenballen auf die Straße hinaus, wo sie der beutelüsterne Mob in Empfang nimmt! Nach der glänzenden Rede Dr. Güdemann's und seinem feierlichen Priesterschwur, konnte ein Mensch, wie Schneider, im österreichischen Abgeordnetenhause, ohne einer allgemeinen Entrüstung zu begegnen, Verleumdung auf Verleumdung häufen. Wahrhaftig, ich dachte mir dabei: Dr. Bloch fehlt doch bei solcher Gelegenheit! Und nach der Interpellation der polnischen Abgeordneten, durfte abermals dieser unglückselige Mechaniker in Krakau unter den Augen der politischen und Gerichtsbehörden jene blutrünstigen Broschüren vertheilen, die er sich schreiben läßt! Und diesem schändlichen Treiben gegenüber, nichts als Entrüstungsproteste und noch immer keine stramme Organisation! Während man von allen Seiten auf uns wuchtig dreinhauet, schreien wir unisono: „Gewalt!" und quittiren in Verbänden und Vereinen winselnd den Empfang der Schläge, ohne uns in Kriegsbereitschaft zu setzen. Ist dies Feigheit? Nein; es i st Mangel a n O r g a n i s a t i o n, es ist die Zerstückelung unserer Kräfte, die in die Brüche gehen, statt concentrirt zu werden. Der Führer ist nicht da. Wir sollten uns einen schneidigen Jungczechen borgen! * . sMären wir nicht so zahmer Natur — hätte uns das Ungemach zweier Jahrtausende nicht so weich gewalkt, so ließen wir uns wirklich nicht Verfolgungen halbwüchsiger Gassenjungen mit Steinen in den Taschen und Schnaps in den Köpfen, geführt von bankerotten Existenzen, gefallen. In früheren Jahrhunderten, als wir außerhalb des Gesetzes standen, als übermächtige geistliche Behörden und Schaaren bewaffneter Kreuzfahrer, erlauchte Raubritter mit ihren Reisigen, über uns herfielen, konnten wir eben nichts anderes thun, als mit einem gottergebenen »Schemah Israel!" die brennenden Scheiterhaufen besteigen oder ausgeplündert die Heimat fliehen, wo man unsere Kräfte und Säfte auspreßte. Jene Zeiten, wo die Regenten die Juden wie Leibeigene an die Vasallen verschacherten, sind denn doch vorüber. Das Strafgesetz ist für den Wischen Hausirer von gleichen Bestimmungen wie für den Fürsten Liechtenstein und es ist gar nicht nothwendig, daß wir schüchtern und zagend an der Schwelle der Minister um staatsgrundgesetzlich garantirte Rechte, um Schutz gegen Räuberhorden betteln. Ist es doch die erste Pflicht eines jeden Staates, alle seine Bürger in gleicher Weise zu schützen, wie sie in gleicher Weise besteuert und zu den Waffen einberusen werden. An diese ihre Pflicht müßte die Regierung nicht erst erinnert werden, wenn unsere Vertretung energischer, entschiedener wäre, wenn die jüdische Bevölkerung unseres Staates sich einheitlich organisirt hätte. Bilden wir doch eine höhere Ziffer als die gesammten Slovenen, und weit mehr als die gesammten Italiener Oesterreichs; auch ist unsere Steuerleistung eine höhere — und doch welch' ungleiches Maß! Wie würde man die Sache behandeln, wenn die interessanten Slovenen in der Steiermark oder in Kärnten, wenn die Italiener im Küstengebiete von einem anderen Volksstamme mißhandelt und beraubt würden? Würde auch da die Regierung erst »ganz ergebenst», »ehrfurchtsvoll", »unterthänigst" — um ihr Einschreiten gebeten werden müssen? Ein Schrei der Entrüstung ginge durch das Parlamnt, die Presse und die Bevölkerung; man würde eine Specialcommission entsenden, die Staatsanwaltschaften befeuern und wohl auch über das aufgewühlte Gebiet die Zwangsjacke des Belagerungszustandes werfen, die bei solchen wilden Ausschreitungen nicht wirkungslos sein soll! Die geringe Beachtung unserer trostlosen und unerträglichen Lage seitens des Regierung, ist zum Theil auf uns selbst, auf unsere Kleinmüthigkeit zurückzuführen. Wir sind in der Defensive zu schwach; wir zersplittern unsere Kräfte, wir geben uns in kleine Vereine aus, statt uns einheitlich zu concentriren und gleiche Wege zu gehen. Nur mit vereinten Mitteln und vereinter Kraft kann ein radikaler Umschwung bewirkt werden. Ich habe vor etwa drei Jahren in diesen, den jüdischen Interessen gewidmeten Blättern, die Nothwendigkeit einer gründlichen Organisation der Juden in Oesterreich nachgewiesen und zwar von Unten herauf, von den kleinsten Gemeinden bis zur Hauptstadt, und von sämmtlichen Provinzialhauptstädten zu einer Central-Repräsentanz in der Residenz, welche die Spitze, die werkthätige Mandatarin sämmtlicher zwölfmalhunderttausend Juden bilden sollte. Erfüllt von dem Bewußtsein ihrer Pflicht, die Interessen und das Wohl der hinter ihr stehenden, organisch geeinten jüdischen Bevölkerung zu vertreten, würde diese Repräsentanz, würden wohl auch unsere Abgeordneten im Reichsrathe in entschiedener und schneidigerer Weise auftreten. Man blicke auf das kleine Häuflein der Schönerianer im Abgeordnetenhause, welche Bedeutung dies halbe Dutzend Menschen, unter denen nicht Eine hervorragende Intelligenz, nicht Ein bedeutender Redner vorhanden, einzig durch Ausdauer und Energie erlangte. Und diese Herren sind Krakehler, während wir uns blos wehren würden. Die schönen Resolutionen und Interpellationen scheinen mir ganz ungenügend und wirkungslos; sie schrecken Niemanden und die Tragödie von Kuttenberg kann Morgen auch anderswo spielen, wie dies neulich in Budweis bereits eingeleitet wurde. Es muß die höch st e Potenz des Reiches angerufen werden, auf daß weitere Gräuelthaten, welche unserer Zeit und unserer Monarchie das Schandmal der Rohheit und der Verwilderung aufdrücken, verhütet werden und die Gleichberechtigung der Juden aus der Theorie in die Wirklichkeit trete! Teplitz. Leo Herzberg-Fränkel.