Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 49 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 925 Erlauben Sie jetzt, meine Herren, daß ich in Kürze die Einwürfe jener Herren beantworte, welche gegen den Commissionsantrag gesprochen, inwieweit solche von den früheren Rednern, welche für den Antrag sprachen, nicht widerlegt worden sind. So sagte der geehrte Abgeordnete des Großgrundbesitzes des Brzezaner Wahlkreises (Torosiewicz), daß, wiewohl der Regierungsvorlage Gerechtigkeit nicht abzusprechen sei, derselben jedoch vorgeworfen werden müsse, daß sie nicht an der Zeit sei. Ich frage nun den geehrten Abgeordneten, wann wird es an der Zeit sein? Der geehrte Abgeordnete sagt, daß wir den Inden diese Rechte dann ertheilen können, wenn sie Polen werden. Aber ich bitte Sie, meine Herren, ich frage, ob es möglich ist, daß die Juden Polen werden, wenn wir ihnen Rechte absprechen, welche man ihnen sogar in Wien g-geben hat? Es verhält sich damit in ganz ähnlicher Weise, wie wenn ich unseren Brüdern jenseits der Grenze an der Weichsel und Wilia zumuthen würde, die Russen vorerst zu lieben, da dann die Russen ihnen jene Rechte gewähren werden, welche ihnen gebiihren. Zuerst, meine Herren, muß man gerecht sein und dann hum man Liebe begehren. Derselbe geehrte Abgeordnete sagt: Die Juden seien schon über 20 Jahre gleichberechtigt und sie seien noch nicht Polen geworden. Ich aber sage: So ist es allerdings, aber es ist dies eben deshalb, weil sie nur in der Theorie, aber nicht in der Praxis gleichberechtigt sind und eben weil sie in der Theorie schon gleichberechtigt sind, mußte sich in ihren Herzen eine um so größere Bitterkeit gegen uns einnisten, als sie wissen, daß man ihnen diese Freiheiten in Wien gegeben hat und wir sie ihnen in der Praxis absprechen. Sie werden und können früher nicht Polen werden, bevor wir ihnen nicht Alles geben, was ihnen gebührt, in dieser Beziehung demnach ist das Recht vollends auf ihrer Seite. Seit Aufhebung der Robot sind auch bereits 20 Jahre verflossen und hängt dieses brave Volk schon so an uns, wie es sollte und wie wir es wünschen? Nein, noch nicht, wiewohl 20 Jahre, verstrichen sind und das Landvolk von uns doch nicht verfolgt war! — Andererseits wollen wir uns erinnern, daß die Juden verfolgt waren und wir werden begreifen, daß sie nicht von Liebe für uns hingerissen sein können, denn die Folgen der Verfolgung übergehen ins Blut, formen den menschlichen Organismus um, man kann daher nicht fordern, daß Alles in einem Augenblicke sich bessere, was durch Jahrhunderte verdorben wurde und Generationen müssen noch vorübergehen, ehe die den Juden beigebrachten Wunden gänzlich vernarben. Aber damit sie vernarben, muß mit Gerechtigkeit gegen dieselben angefangen werden, und zwar mit einer durch nichts geschmälerten Gerechtigkeit und dann sage ich Ihnen, meine Herren, werden, wenn nicht die jetzigen Juden, doch gewiß ihre Kinder Polen werden, früher aber verlangen wir dies nicht von den Juden, denn wir haben kein Recht dazu. Derselbe geehrte Abgeordnete ist nicht zufrieden, daß die Juden so großen Einfluß haben; aber ich wollte, daß wir auf sie sehen möchten, weshalb sie einen so großen Einfluß haben, und daß wir ihnen in dieser Beziehung nachahmen. Sie haben Einfluß, weil sie stets auf ihrer Huth sind, weil sie stets solidarisch handeln, weil sie ihre nationalen Interessen nie verschlafen, weil sie überall, wo es gilt ihre Nationalinteressen zu wahren, stets wie e i n Mann dastehen. Jst's bei uns auch so? Leider nicht! Meine Herren! ahmen wir den Juden nach und wir werden kräftig sein und selbst kräftiger als sie, denn ihrer sind Wenige und unser weit mehr. Der geehrte Abgeordnete aus dem Brzezaner Kreise hat ein auf die Donaufürstenthümer Bezug nehmendes Beispiel angeführt, daß, als dort im Frühlinge des laufenden Jahres die Juden beunruhigt wurden, die Journalistik einen Schrei der Entrüstung erhob und eine vielseitige diplomatische Action in Scene gesetzt wurde. Der geehrte Abgeordnete sagt dann weiter: Wenn man aber im jenseitigen Polen unsere Brüder noch ärger drückt und martert, sieht sich die Diplomatie zu keiner Action bewogen. Darauf antworte ich: Wie schön verhielten sich die Juden bei diesem Vorfälle! Montefiore eilte in die Moldau, sie setzten alle Triebfedern in Bewegung, um ihren unterdrückten Brüdern zu Hilfe zu kommen. O, möchten wir doch es immer so thnn! Und was den Mangel an diplomatischer Action in Bezug auf den Druck unserer Brüder an der Wilia und Weichsel betrifft, so möge der geehrte Abgeordnete dies auf das Sprichwort beziehen: „Quod licet Jovi, non licet Irovi" — oder polnisch: „was gegenüber der Diplomatie einem solchen Machthaber, wie es der moskowitische Hospodar ist, erlaubt ist, ist dem walachischen Fürstlein Karl nicht erlaubt". Es wundert mich auch sehr, daß eben der geehrte Abgeordnete aus dem Brzezaner Bezirke diesen Vorwurf erhob und daß rer begehrt die Juden mögen sich zuerst mit der Polnischen Naion verschmelzen, worauf sie ihre Rechte erlangen würden; und es wundert mich dies deshalb, weil der geehrte Abgeordnete eben zum armenischen Stamme gehört, welcher ftüher abgesondert existirte, und dennoch vollständig mit uns verschmolz — und warum verschmolz er mit uns so, daß wir sie zu den tüchtigsten Söhnen Polens zählen? Deshalb: sie hatten nämlich und haben seit Jahrhunderten vollständige Gleichberechtigung; wenn aber das nicht wäre, wären die Armenier gewiß ebenso wie die Juden bis zum heutigen Tage ein abgesonderter Stamm, und der geehrte Abgeordnete würde heute vergebens Gleichberechtigung fordern — denn man würde ihm die Abgesondertheit vorwerfen und verlangen, daß die Armenier früher mit der polnischen Nation sich vereinigen mögen. Der geehrte Abgeordnete aus dem Brzezaner Bezirke sagt weiter: Man muß diese Absonderung zwischen den Juden und Polen aufrecht halten, da sie der Verschiedenheit des Religionsbekenntniffes entstammt. — Als ob das Glaubensbekenntniß der Maßstab der Bürgerrechte wäre! Als ob für unsere Brüder an der Weichsel und Wilia das Religionsbekenntniß der Maßftab der Rechte wäre! Als ob man ihnen mit Recht die ihnen gebührenden Rechte deshalb abspräche, weil sie Katholiken und nicht Schismatiker sind. Das ist ganz dasselbe. Weiter sagt der geehrte Abgeordnete aus dem Brzezaner Kreise: Die Juden entziehen sich dem Militärdienste, die Blutsteuer entrichten sie nicht so wie wir! Ich frage den geehrten Abgeordneten: Wer von uns drängt sich denn zum österreichischen Heere? Wer? Gewiß geht Niemand dahin aus eigenem Willen; wir müssen, daher gehen wir; aber auch wir entziehen uns, wenn wir können. Und daß die Juden sich mehr entziehen, kommt daher, weil sie vielleicht mehr Geschick dazu haben, übrigens haben sie auch mehr Recht dazu; denn wie kann man von ihnen verlangen, daß sie ihr Blut für ein System vergießen, welches ihnen alle denselben gebührenden Rechte nicht zugestehen will? Sie also haben ein größeres Recht, sich dem Militärdienste zu entziehen, als wir; denn wir vertheidigen unsere Privilegien, u id es ist schwer, von den Juden zu fordern, daß sie ihr Blut für unsere Privilegien und ihre Beschränkungen vergießen. Dem geehrten Abgeordneten aus dem Brzezaner Bezirk gefallen auch nicht die Kahale. Ich muß freilich gestehen, daß ich in den jüdischen religiösen Institutionen nicht so bewandert bin, um gründlich zu beurtheilen, was der Kahal sei; aber es scheint mir, daß dieser eine rein religiöse Institution ist, welche außer den religiösen Angelegenheiten auch andere sociale Fragen und streitige Privatsachen unter den Juden erledigt. Wer kann sich darüber beklagen? Ereignet es sich nicht, daß bei Streitigkeiten zwischen einem Christen und einem Juden die Parteien sich einmüthig auf den Ausspruch des Rabbiners oder des Kahals verlassen? Ich kenne eine Menge solcher Urtheile. ich weiß, daß man gerecht geurtheilt hat. und daß die Parteien sich freiwillig dem Urtheile unterworfen haben. Gebe Gott, daß auch wir eine solche Institution hätten, an die wir uns in unser» Privatangelegenheiten wenden könnten! Auch bei uns kommt dieser Gedanke zum Durchbruch; es finden sich solche, und ich gehöre zu ihnen, welche sehr häufig das Schiedsrichteramt pflegen und Privatsachen entscheiden, Niemand hat sich darüber beschwert, und wird sich gewiß Niemand beschweren. Würden Sie sich, meine Herren, darüber beschweren, wenn zum Beispiel unser Consistorium ein solches Vertrauen besäße, daß man es ersuchte, irgend welche Privatangelegenheiten zu schlichten? Gewiß würde sich Niemand darüber beschweren, und gebe Gott, daß wir es eben so thäten, wie die Juden, daß wir auch ein solches Vertrauen zu unseren Confistorien hätten. In dieser Beziehung können wir den Juden keinen Vorwurf machen, denn das wäre unbillig und ungerecht. Eben dies rechne ich den Juden zum großen Vorzüge, daß sie ihre Privatangelegenheiten nicht vor die öffentlichen Gerichte schleppen, sondern sie unter sich erledigen, und ich würde sehr wünschen, daß auch wir ein solches Organ haben könnten, dem wir überhaupt so gehorchten, wie die Juden ihren Rabbinern und Kahalen gehorchen, — daß wir wie die Juden immer wie e i n Mann dastehen möchten, wo es sich um Nationalangelegenheiten handelt, denn darauf beruht eben ihre ganze Kraft — wir haben also