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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 924 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 49 hat Math, denn um das Land zu retten, hat er sogar meinem Befehle nicht gehorcht." Und man rief den Piast zum König ans. Es entsteht die Frage, ob diese Sage irgend eine historische Grundlage habe? Es wurden drei sehr alte Münzen gefunden, und zwar eben in der Gegend von Kruszwica. Die berühmtesten polnischen Numismatiker und Geschichtsschreiber Stronczynski, Raczynski, Mikocki und Lelewel bezeugen, daß man diesen Münzen die Kennzeichen der Glaubwürdigkeit und Originalität nicht absprechen könne. Diese drei Münzen haben hebräische Inschriften, die jener Sage entsprechen: „Abraham erster Fürst" u. drgl., dies kann wohl seinen Grund auch darin haben, daß, wie dies geschichtlich nachgewiesen ist. zu Zeiten der Mieczyslaw schon die Münzprägung den Juden in Pacht überlassen war, weshalb dies auch früher so gewesen sein konnte, aber darum handelt es sich nicht; jedoch ist es immerhin sehr bedeutungsvoll, es bleibt immer ein ungewöhnlich interessantes Factum, das nach der Volkstradition man darin gar nichts Absonderliches und Abstoßendes erblickte, daß ein Jude König des polnischen Volkes war, da die Mythe besagt, daß Abraham freudig begrüßt und zum König ausgerufen wurde. Wenn wir von den Mythen zu den constatirten historischen Facten übergehen, die sich aus die Ankunft der Juden in Großpolen beziehen, so unterscheiden sich die Forscher unserer Geschichte, Naruszewiez, Czacki, Szachnocha blos darin, daß die einen behaupten, die Juden wären im 8., andere, daß sie im 9. oder sogar erst im 10. Jahrhundert nach Polen gekommen, aber Alle kommen darin überein, daß sie noch zu Zeiten des Heidenthums kamen, beinahe 100 Jahre vor der Taufe Mieczyslaw's; sie einigen sich auch darin, daß sie nach Polen aus Deutschland zu jener Zeit kamen, als in Deutschland der erbittertste Kampf zwischen den Bekennern des „Wodan" und dem aufkeimenden Christenthume wüthete, welche jedoch sowohl die Einen wie die Anderen die wüthendsten Verfolger der Juden waren; zu jener Zeit, als über Deutschlands weite Fluren und Gauen das schreckliche: Hep! Hep! erschallte, jenes schreckliche Losungswort, welches den unglücklichen Kindern Israels unfehlbare Vernichtung ankündigte. Als die Juden dazumal aus Deutschland flohen, entsendeten sie als Botschaft ihre ersten Rabbiner, sich an Leszek wendend; nachdem dieser inmitten seiner Priester durch drei Tage im Tempel gebetet und von den Göttern Weisung begehrte, nahm er sie sogleich gastfreundlich auf und gestattete ihnen fteien Aufenthalt aller Orts, Freiheit der Beschäftigung, vollständigen Rechtsschutz und vollständige Religionsfreiheit. Die ersten Schaaren der Juden kamen sonach aus Deutschland nach Polen ungefähr um 890 und Lelewel sagt: daß schon dazumal Freiheit und Gastlichkeit die charakteristischen Merkmale der polnischen Fürsten und des polnischen Volkes waren. Also schon zu Zeiten des Heidenthums genossen die Juden in Polen gleiche Rechte und alle Freiheiten; also noch bevor die göttliche Flamme der christlichen Liebe das polnische Volk erwärmte, waren die Juden in Polen aller Rechte und Frecheiten theilhaftig. So, meine Herren, handelte das heidnische Polen. Und jetzt? — doch davon später! Und welche Folge hatte eine solche Aufnahme der Juden in Polen? Diese, daß schon zu heidnischer Zeit und später in den ersten Jahrhunderten des Christenthums in Polen die Juden in socialer und nationaler Beziehung mit der Nation verschmolzen und blos die religiöse Absonderung beibehielten; hierüber haben wir unumstößliche, urkundliche Beweise, die jedweden Zweifel ausschließen, daß erst in den späteren Jahrhunderten, als in Polen der Geist der Intoleranz sich zu verbreiten anfing, die Juden in jene ihre sociale und nationale Absonderung gewaltsam gedrängt wurden, in welcher sie bis zu diesem Augenblicke verharren. Und daß es so ist, wie ich gesagt, werde ich Ihnen, wie folgt, beweisen: Neben der königlichen Gewalt und der der Reichstage gelangten zur Bedeutung von Factoren der Gesetzgebung mrch die Synodalversammlungen. Die Acten der ersten Krakauer Synode (1189s sind in Verlust gerochen. Die zweite Synode war die Ofner (1279), welche ihre rechtliche Kraft auch auf Polen ausdehnte, welches zur Legation des päpstlichen Legaten Philip gehörte, der auf der Ofner Synode den Vorsitz führte. Diese Synode erließ nun einige Constitutionen, die sich auf die polnischen Juden bezogen und darunter auch diese, daß, um den schädlichen Einfluß der Juden auf die Christen zu begegnen, damit man den Juden erkennen und ihn vom Christen unterscheiden könne, der Jude auf der Kleidung, auf der linken Seite au der Brust, ein Zeichen von rothem Tuch augenäht haben solle, während bei anderen Andersgläubigen dieses Zeichen aus gelben Tuch zu sein hätte. Also schon damals wurde in diesen Constitutionen gesagt, daß wenn die Juden sich mit den Christen vermengen, mit ihnen umgehen und handeln werden, die Christen sich vor der Sünde nicht werden hüten können und am Glauben Schaden nehmen werden; die Beobachtung dieser Vorschrift wurde daher den Juden unter Strafe des Verbotes des Handels und den Christen unter kirchlichen Strafen befohlen. Aus diesen Synodalvorschriften ist also zu ersehen, daß man den Juden vom Christen weder durch die Kleidung, noch durch die Sprache, noch durch die Sitte unterscheiden konnte und es mußte dem Juden erst anbefohlen werden, sich durch ein Zeichen von rothem Tuche zu unterscheiden, damit man erkennen könne, daß er ein Jude sei. Später verordneten die Synodalconstitutionen sogar, daß die Juden, damit man sie sogleich erkenne, sich so kleiden, wie sie sich im Anfang ihrer Ankunft nach Polen zu kleiden pflegten. Noch spätere Synodalgesetze stürzten die Juden in vollständige Absonderung und Abscheidung, denn es wurde z. B. verordnet, daß die Christen bei Juden nicht dienen sollten; daß sie jüdische Gesellschaften und Hochzeiten zu meiden haben;' daß die Juden abgesondert wohnen und von den Wohnungen der Christen durch eine Mauer, einen Planken oder wenigstens durch einen Graben u. dgl. abgeschieden sein sollten. Mit Recht hat der geehrte Abgeordnete aus dem Jasloer Kreise (Rogawski) hervorgehoben, daß die polnischen Könige den Juden immer Schutz und große Privilegien gewährt haben, und daß sogar die Reichstage die Juden in Schutz nahmen, aber er hätte hinzufügen sollen, was gerade hier entscheidend ist, daß die Juden ungeachtet dieser königlichen Privilegien deshalb bei ihrer Absonderheit verblieben oder vielmehr zu derselben zurückkehrten, weil die Geistlichkeit unausgesetzt, und zwar mit Erfolg bestrebt war, die Juden in ihren Rechten zu verkürzen und dies stets dringender, besonders zu Zeiten der Einsührung des Jesuitenordens in Polen. Nichtsdestoweniger erließen die polnischen Könige Gesetze, welche die Rechte der Juden in Schutz nahmen, aber sie waren leider in deren Ausführung so schwach, daß die Synodalverordnungen sich aufrecht erhielten, die Juden immer mehr in jenes Berhältniß der Absonderung zwängend, welches noch heute besteht und in seinen Folgen so schädlich ist. Ich könnte eine Menge solcher Gesetze und Privilegien citiren, welche die Könige zu Gunsten der Juden erließen, denn fast jeder polnische König bestätige ihre früheren Privilegien, sowie auch das Wislicer Statut, diese unsere Magna Charta“, welches nicht nur die Nation im Allgemeinen, sondern auch die Juden insbesondere betrifft. In dieses Statut ist auch das Privilegium Boleslaw's einbezogen und hat große Vorzüge vor allen anderen Privilegien ähnlicher Art, welche die deutschen Kaiser den Juden gegeben und die immer noch Barbarei athmen; abgesehen davon, daß trotz dieser deutschen Privilegien die Juden in Deutschland unbarmherzig verfolgt und gemartert wurden. Alle polnischen Könige, wie gesagt, fast ohne Ausnahme, haben also dieses Wislicer Statut, sowie auch die späteren Verordnungen der polnischen Könige bestätigt, welche den Juden unbeschränkte Gleichberechtigung gewählten, wie wir es z. B. in dem vom geehrten Abgeordneten aus dem Jasloer Kreise citirten, vom König Stefan Batory erlassenen Statut finden. Aber auch in späteren Zeiten, wie z. B. unter der Herrschaft des Königs Johann lll., als die Geistlichkeit das größte Uebergewicht in Polen hatte, ließen sich die Könige gegenüber den Juden immer von demselben Geiste der. Toleranz leiten, da Johann lll., gleich seinen Vorgängern, das Wislicer Statut und die späteren den Juden gewährten Privilegien bestätigte, ja, was noch mehr: der König Johann lll. war sogar, wie Sie sich überzeugen können, der Gründer der Synagoge in Zolkiew, wiewohl er einer der frömmsten polnischen Könige war, was ihn durchaus nicht hinderte, daß, als die Synagoge in Zolkiew einstürzte und sie von neuem aufgebaut werden sollte, was damals die Synodalverordnungen verwehrten, indem sie blos die Reparatur gestatteten — er nicht nur diese Wiederaufbauung bewilligte, sondern gewissermaßen ihr Gründer war, denn er befahl, aus seinen eigenen Wäldern und Steinbrüchen das zum Aufbaue der jüdischen Synagoge in Zolkiew nöthige Material geschenkweise auszufolgen.

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