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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-08 · 49 (8.12.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
49 (8.12.1899)
Date
1899-12-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 923 gegen die Inden nickt einzustimmen. Er erkannte sehr scharf die Nothwendigigkeit seiner kräftigen und entschiedenen Abwehr und im Vereine mit dem unvergeßlichen Dr. Adolf Fischhof hat er aus diesem Gesichtspunkt die Wahl Dr. Bloch's für den Reichsrath durch Fürsprache und schriftliche Empfehlungen wiederholt befürwortet und unterstützt. Im galizischen Landtag war Franz Smolka ein energischer Vertheidiger der Gleichberechtigung. Im Jahre 1868 hatte sich der galizische Landtag mit einer Vorlage der Regierung zu beschäftigen, welche die Aufhebung .der in der galizischen Gesetzgebung enthaltenen, mit dem Staatsgrundgesetze vom 21. December 1867 über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger nicht im Einklänge stehenden Beschränkungen der Juden in der Theilnahme an der Gemeindevertretung zum Inhalt hatte. Abgeordneter Dr. Franz Smolka war Berichterstatter und seine an Form und Inhalt gleich ausgezeichnete Rede zur Vertheidigung der Vorlage gegen die Angriffe judenfeindlicher Abgeordneten, unter welchen namentlich der Großgrundbesitzer T o r o s i e w i c z, ein polonisirter Armenier, welcher die Juden anklagte, daß sie sich dem polnischen Volke nicht assimiliren wollen, und der Abgeordnete P o p i e l, in vorderster Reihe standen, verdient in der Erinnerung der Zeitgenossen wieder aufgefrischt zu werden. Was den guten Redner ausmacht. Geist, Witz, oft beißender Sarcasmus, Feinheit des Ausdruckes, eingestreute interessante historische Reminiscenzen und dies Alles auf dem Boden einer humanen Gesinnung aufgebaut, erhebt diese Rede, welche den Landtag und die Galerien wiederholt zu stürmischen Beifall enthusiasmirte, zu einer oratorischen Meisterleistung ersten Ranges. Einzelne Stellen dieser Rede müssen heute noch wie Geschützkugeln gellen über die Reihen der antisemitisch-clericalen Bundesbrüder. Außerdem gewährt sie eine sehr instructive Uebersicht über die Geschichte der Juden in Polen und berührt Verhältnisse, die auch heute noch leider zur Discussion stehen. Dr. Smolka wandte sich am 30. September 1868 gegen die Gegner der Vorlage: „Ich gestehe, daß mich die heutige Verhandlung tief betrübt hat, besonders, da alle Stimmen gegen den Commissionsantrag blos von dieser Seite des hohen Hauses (er deutet auf die Linke) kamen. Hätten dies noch diejenigen geehrten Abgeordneten gethan, welche durch Verhältnisse und Umstände, die von ihnen nicht abhingen, noch nicht auf der Höhe der Wissenschaft und modernen Cultur stehen — hätten diese, sage ich, ihre Stimme gegen den Commissionsantrag erhoben, so hätte ich mich nicht gewundert; aber daß es gerade Stimmen derjenigen Abgeordneten sind, die schon auf dieser Höhe stehen, und dennoch fordern, daß einem Theile unserer Gesellschaft Rechte abgesprochen werden, die ihm, abgesehen vom Gesetze, vor Gott und der Gerechtigkeit gebühren; das, gestehe ich, begreife ich nicht — und dieses, meine Herren ist sehr traurig. (Bravo.) Meine Herren! Heute ist nicht mehr die Rede davon, ob Derjenige, welcher sich zu dieser oder jener Religion bekennt, auf den Rechtsschutz, auf Gleichberechtigung Anspruch hat; denn die große europäische Völkerfamilie strebt nicht mehr nach Beschränkung der Andersgläubigen, sondern gerade nach Freiheit, nach Hinwegräumung aller Beschränkungen, damit alle diejenigen, die noch ähnliche Beschränkungen erdulden, ihre Kräfte frei ausbilden und hierdurch zum allgemeinen Fortschritt beitragen können. Politiker, Historiker, Nationalökonomen, Dichter, Philosophen, Alle streben darnach, damit der Same der Wahrheit, Aufklärung und Gerechtigkeit in allen Enden der Welt ausgestreuet werde; aber sie hetzen nicht mehr die Einen gegen die Andern, sondern sie verkündigen Toleranz und allgemeine Gleichberechtigung, sie untersuchen die Quelle des Uebels in der Vergangenheit, um dasselbe in der Gegenwart zu beseitigen und der Zukunft die Bahnen zu weisen, auf denen fortschreitend die Ziele der Civilisation, die höchsten Ziele der Menschheit erreicht werden! Daher ist auch der wahre Maßstab der Civilisation die Gesetzgebung und das Verhalten einer Nation Andersgläubigen gegenüber, nicht nur in Bezug auf die Gleichberechtigung in Glaubensangelegenheiten, sondern auch rücksichtlich ihrer politischen Gleichstellung. Die Juden, die einen so wichtigen Theil unserer Gesellschaft bilden, die seit Jahrhunderten mit uns Freud und Leid getheilt haben, brauchen heute nicht zu verlangen, daß;ene Grundsätze der vollen Gleichberechtigung ihnen in der Theorie zuerkannt werden, wie es der geehrte Abgeordnete aus dem Brzezaner Kreise (Torosiewicz) wünscht; denn in der Theorie besitzen sie bereits diese Rechte; — Wien hat sie ihnen zuerkannt, aber es geht ihnen darum, diese Theorie in der Praxis angewendet, ins Leben eingeführt zu sehen, es handelt sich darum, daß alle Besonderheiten beseitigt werden, die sie noch von der Nation trennen, und die ihre Quelle im schmerzvollen Buche ihrer Erinnerungen in der Vergangenheit haben. Sie, meine Herren, berufen sich so gerne auf unsere Geschichte, auf unsere Traditionen, und auf dieser Grundlage forderten Sie auch in der an Seine Majestät dieser Tage gerichteten Adresse die Zuerkennung unserer Rechte — und mit Recht — aber wenn Ihr, meine Herren, eben auf dieser Grundlage, d. i. auf der Grundlage unserer Geschichte und Traditionen, den Juden die ihnen gebührenden Rechte absprechen wollet, so sage ich Euch, daß Ihr sehr schlecht in unserer Geschichte leset, daß Ihr sehr falsch unsere Traditionen auffasset. Einer unserer Abgeordneten aus dem Jasloer Kreise hat bereits diese Seite unserer Geschichte und Traditionen he> vorgehoben, aber er that es nicht in der Weise, wie sie es verdient. Man muß eben danegen und gehörig hervorheben, jene freisinnigen, von Licht und Gerechtigkeit umstrahlten Denkmäler der die Juden betreffenden polnischen Gesetzgebung der vergangenen Jahrhunderte, um nachzuweisen, wie sehr jene Gesetzgebung an Freisinnigkeit, Aufklärung, staatsmännischem Verstände und christlicher Liebe, das Niveau der heute in diesem hohen Hause ausgesprochenen Anschauungen und Ansichten überragt. Wenn wir nun unsere Geschichte und Traditionen schon berührt haben, so möge es auch mir erlaubt sein, zu dem, was in dieser Beziehrmg der geehrte Abgeordnete aus dem Jasloer Kreise und einige andere bereits vorgebracht, noch das hinzuzufügen, was diesfalls noch gesagt werden soll. Wenn wir von unserer Geschichte zu sprechen haben, so steigen wir in die ältesten Zeiten hinauf, kehren wir zu jenen Mythen von P o p i e l und P i a st zurück, und dies deshalb, weil wir eben dort die erste Erwähnung von den Juden finden. Eben schon in jene Mythe findet sich die Gestalt eines der Söhne Israels verwebt, was Ihnen vielleicht nicht genau bekannt ist, was jedoch die tiefsten Forscher unserer Geschichte Lelewel und Andere bestätigt haben — wie dies bis zum heutigen Tage im Munde des Volkes lebt, welches in der Gegend von Kruszwica und am Gopler See wohnt. Sie kennen, meine Herren, die Mythe von Popiel und seiner Ungastfreundlichkeit für zwei Wanderer, Sie kennen auch die Fortsetzung dieser Mythe, d. i. jene, welche den Piast betrifft, der eben diese Himmelsboten aufnimmt und sie freundlich und gastlich mit jenen Speisen und Getränken bewirthet, welch" für die Feier der Haarbeschneidung seines Sohnes Ziemowit vorbereitet worden. Und diese Himmelsboten prophezeien ihm zum Danke, daß er und seine Nachkommen die höchste Würde im Lande erreichen werden. Nicht so genau vielleicht wissen Sie, meine Herren, den weiteren Verlauf dieser Sage, wie solche ihre Bestätigung fand, und noch heute unverfälscht im Munde des Volkes in der Gegend von Kruszwica und des Gopler Sees lebt, trotzdem daß die Geistlichkeit die Spuren der Gestalt jenes in dieser Volkssage verflochtenen Sohnes Israels zu verwischen bestrebt war. Das Weitere dieser Mythe lautet: Als die Mäuse den Popiel in seinem Thurme am See aufgefreffen (Heiterkeit), da traten die Aeltesten des Volkes zusammen und beriethen über die Wahl eines Königs; sie konnten sich nicht einigen, denn es waren der Würdigen Biele; da sagte der Aelteste von ihnen : „Die Götter mögen uns zeigen, wen wir wählen sollen; wer morgen der Erste in dieStadt kommen wird, der möge unser König sein." Sie warteten also und erblickten den Ersten, der in die Stadt kam; es war dies ein Sohn Israels, Abraham genannt, welcher in der Gegend von Kruszwica lebte und von Allen geachtet war; sie freuen sich und rufen ihn zum Könige aus; er aber sagt: „Nein. — Gebt mir Zeit, ich muß mich bedenken, ich muß zu Gott beten, und ihn bitten, mich zu belehren, ob ich die Wahl amrehmen solle und könne, oder nicht." Zugleich gab er den strengen Befehl, ihn nicht zu stören, sondern zu warten, bis er erscheinen werde. Sie warteten und es verflossen zwei Tage, sie warteten auch den dritten Tag, und er zeigte sich nicht, da sprach Piast: „So kann es nicht sein, das Volk kann nicht länger ohne König bleiben;" — hierauf ergreift er ein Beil und eilt zur Wohnung des Abraham, da tritt Abraham heraus und sagt: „Nehmt den Piast zum König, er hat Verstand, da er erkannte, daß das Land lange ohne König nicht bleiben könne, er ist tapfer und

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