Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 922 Dr. BLoch's Wochrnschrifk. Nr. 49 Pauli, daß wir in Stille hören und fragen und die Haushaltung in die Hand nehmen, soweit denen Weibern gebührt". Und das druckt das Vaterland ab, während der ganze weibliche Heerbann des Dr. Lueger aufgeboten wird, um für die Wahl des Dr. Pattai zu agitiren! Wie, die Weiber sollen nicht mehr auf den Straßen herumlaufen und Tod den Juden schreien dürfen? Sie sollen sich fein still mit der Haushaltung beschäftigen, anstatt in den Schenken nach genügender Biervertilgung dem Prinzen Liechtenstein zuzujauchzen? Sie sollen keine Vereine bilden, um jüdische Kaufleute und Handwerker zu boycottiren, sondern zu Hause bleiben, kochen, nähen und die Kinder pflegen? Oder sollen sie es vielleicht machen, wie die neulich wegen Peinigung ihres Kindes verurtheilte Frau Hummel, von der eine Zeugin sagte, „sie habe die Hauptrolle im Hause gespielt, der Mann mußte waschen und flicken, und sie ist in die Kirche gegangen?" Also sie war eine fleißige Kirchenbesucherin. Schade, daß das Gericht nicht eruirt hat, welche Kirche sie zu besuchen pflegte, ob sie die Predigten von Pfarrer Deckert oder Schnabel am liebsten hatte. Oder vielleicht war sie gar eine andächtige Zuhörerin des Pater Abel, der so pietätvoll von seinem Großvater sprach. Es wäre überhaupt nöthig, da jetzt so viel von religiös-sittlicher Erziehung gesprochen wird, sehr oft von Leuten, die keine solche genossen haben, es wäre nützlich, wenn bei den Processen solcher Scheusale, auch nach ihrem Betragen in religiöser Beziehung, nach Besuch von Kirchen, Wallfahrten und christlich-socialen Versammlungen geforscht würde. Ebenso, ob die Angeklagten nicht etwa durch den Verkehr mit Juden, Talmudstudien oder Besuch interconfessioneller Schulen verdorben wurden. So hat erst neulich Dr. Porzer in einer Versammlung des katholischen Schulvereines auf die Verderblichkeit der „Neuschule" hingewiesen und confessionelle Schulen gefordert. Es wundert mich nur, daß er nicht als Argument den Moriz (das „Deutsche Volksblatt" würde hier ein Ausrufungszeichen machen) Hasse angeführt hat, der seine Großmutter jeden Sonntag zu bestehlen pflegte. Dieser Verletzer der Sonntagsruhe war Schüler des Lehrerseminars des katholischen Schulvereines. Auch die christlich-sociale „Daitsche" Zeitung macht sich um die Jugenderziehung verdient. In ihrem Feuilleton vom 17. November druckte sie ein deutsches Volksmärchen aus Oberösterreich ab, in welchem erzählt wird, wie eine Bauerndirne in einem Schlosse goldene Tannenzapfen stiehlt, einen verzauberten Prinzen erlöst, ihn heiratet und glücklich wird. Um die Geschichte noch moralischer zu machen, fügt der Feuilletonist noch einen Juden hinzu, der die goldenen Zapfen abkauft und dabei seinen „Rebbach" macht. Er hat nur vergessen hinzuzufügen, daß der Jude als Hehler verurtheilt wurde. Solche märchenhafte Urtheile kommen manchmal in ganz reellen Gerichtshöfen, nicht blos in Sodom vor. Dieselbe Zeitung sprach neulich von „bestialischen Rohlingen". Sie scheint aber damit nicht einen bekannten Ritualmordagitator sondern die jetzt so häufig vor Gericht erscheinenden Kinderpeiniger gemeint zu haben und versteigt sich sogar bis zu moral insanity. Solch' ein englischer Ausdruck gibt selbst dem ordinärsten Blatte einen vornehmen Anstrich. Dabei ärgern sich die Antisemiten ungemein, daß es lauter christliche Frauen waren, die sich solche Schändlichkeiten zu Schulden kommen ließen. Wenn doch wenigstens eine jüdische Frau darunter gewesen wäre! Wie hätten da die antisemitischen Blätter in jedem Berichte über den Proceß hundertmal das Wort „Jüdin" wiederholt, auf die „kannibalische Race" geschimpft. Und diese dumme Frau Kutschera, warum hat sie selbst den Tod des Kindes bei der Polizei angezeigt, anstatt es einem Juden unterzuschieben? Da hätte man eine „blutlose" Leiche gefunden, Antisemitenblätter hätten von drei schrecklichen Juden, die man im Walde gesehen, erzählen können, antisemitische Volksverdreher hätten im Reichsrathe den Talmud citiren und interpelliren können, warum der Rabbiner nicht arretirt wurde, der auf dem Hauptpostamte ein Füßchen mit zehn Liter Blut aufgegeben hat. Frau Kutschera wäre nicht als des Mordes angeklagt, sondern als Privatbetheiligte erschienen, unterstützt von einem in Ritualmordprocefsen erfahrenen Rechts (?) freunde. Uns, die wir keine „Antichristen" sind, fällt es natürlich nicht ein, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, für solche Scheußlichkeiten das Christenthum verantwortlich zu machen, oder von einer „geheimen Secte" von Kindesmörderinnen zu faseln. Aber es läßt sich doch nicht bestreiten, daß solche Fälle gerade unter der Herrschaft der christlich-socialen Antisemiten in Wien so häufig geworden sind. Sollte nicht das beständige Hetzen, Lügen nnd Verleumden zur Verrohung des Volkes, das Beschönigen und Vertheidigen aller Excesse gegen die Juden zur Mißachtung der Gesetze, die prahlerisch zur Schau getragene äußerliche Frömmigkeit zur Abnahme wahrer Religiosität beigetragen haben? Die verschiedenen „arischen" Nationen Preisen jede sich selbst als die beste, edelste nnd tugendhafteste an. Wir Juden wollen uns solchen Selbstlobes nicht schuldig machen. Wir sind, trotz Drumont und Schneider, Menschen, mit menschlichen Fehlern und! Tugenden. Wenn aber solche Mütter wie sie jetzt vor den Schranken des Gerichtes erscheinen, bei Juden gar nicht oder äußerst selten Vorkommen, so muß doch in der jüdischen Religion, Sitte oder Race, die Ursache liegen. Im Gegensatz zu manchen „arischen" Völkern des Alterthums, bei denen der Vater das Recht hatte, den Sohn als Sclaven zu verkaufen oder zu entscheiden ob das neugeborene Kind am Leben bleiben sollte, galt den Inden Kindersegen stets als besondere Gnade Gottes; die „Fruchtbarkeit", die jetzt Zola seinen Landsleuten predigt, war den Juden göttliches Gebot und Ehelosigkeit galt fast als Sünde. Klöster kennt das Judenthum nicht, und so konnte es auch nicht Vorkommen, daß Kinder von den Eltern ins Kloster gethan wurden, um die Mitgift zu ersparen oder um das Erbe des ältesten Sohnes nicht zu schmälern. Und erst vor Kurzem hat sich ein katholischer Geistlicher das Verdienst erworben, auf die Ausbeutung von Kindern in den Nonnenklöstern „zum guten Hirten" aufmerksam zu machen. Zum Schlüsse will ich, da der Stampiglien-Schneider neulich im Reichsrathe eine sehr schöne Geschichte aus dem Talmud von einem ermordeten Judenkinde erzählte, aus Dankbarkeit von einem christlichen Knaben erzählen: In der Legende vom heiligen Julian Sabas wird berichtet, daß er einmal auf seiner Wanderung in einer Ortschaft auf dem Wege nach Antiochia sich von einer frommen reichen Witwe erbitten ließ, in ihrem Hause zu übernachten. Während sie mit den Zurüstungen zum Nachtmahl für den theuren Gast beschäftigt war, meldete man ihr, daß ihr einziges siebenjähriges Söhnchen in den tiefen Brunnen gestürzt sei. Die liebevolle fromme Mutter befahl den Dienern keinen Lärm zu machen und den Brunnen zuzudecken. Dann beschäftigte sie sich weiter mit den Zurüstungen zum Nachtmahl. Als man bei Tische saß, sagte der Heilige sie solle ihr Kind hereinbringen, er möchte ihm seinen Segen geben. Es ist krank, antwortete die Frau. Da aber Julian auf seinem Wunsch bestand, mußte sie endlich die Wahrheit gestehen. Der Heilige begab sich hierauf zum Brunnen, ließ ihn aufdecken, und da fand man das Kind lebend auf dem Wasser sitzen und spielen. Heutzutage geschehen keine Wunder für fromme Weiber, und wenn entartete Mütter ihre Kinder zu Tode Peinigen, so bleiben sie eben todt. L. Der Präsident von 1848 Franz Smolka, und die Inden. Neunzigjährig ist in Lemberg Franz Smolka gestorben, er, der halb im Scherze und halb im Ernste zu versichern pflegte, sein Lebensalter würde 120 Jahre werden. So hatte es ihm in seiner Jugend einmal ein ehrwürdiger Greis rabbinischen Standes prophezeit, und er schien daran festen Glaubens zu halten, selbst damals, als er, zum Tode verurtheilt, im Gefängnisse saß. jeden Tag seiner Hinrichtung gewärtig. Das Aeußerste, was er zugestand, war ein Compromiß: wenn nicht 120, so würden es mindestens 100 Jahre werden; so oft er in den letzten Jahren von einer Krankheit heimgesucht wurde, hatte er für seine Umgebung die Trostworte der Prophezeiung auf den Lippen. Die Wahrheit war wohl, daß er die tiefe Ueberzeugung hatte, es werde ihm gegönnt sein, seine volle Zeit auszuleben, einen ganzen Abschnitt in der Geschichte des modernen Oesterreich, mit der sein Name aufs innigste verknüpft ist. Er war der letzten Einer aus dem „Bunde der Strahlenden", er war Präsident des ersten österreichischen Abgeordnetenhauses gewesen, ein volles Menschenalter später leitete er wieder Parlamentsverhandlungen. Die Blätter des In- und Auslandes bringen ausführliche Lebensbeschreibungen Smolka's und feiern seine Lichtgestalt in starken zum Theil poetischen Accenten. Was aber besonders hervorgehoben zu werden verdient, ist seine Stellung zu den Juden. Franz Smolka war nicht einer jener platonischen Liberalen, deren Selbstzufriedenheit dabei sich Genüge thut, in die Anklagen