Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 49 (8.12.1899)
- Date
- 1899-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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|tv. 49 Di*« BlOCh’S Jahr-««, IN. Centralorgan für die gefammken Interessen des Iudenthums. «- -U A. K. Post fparrs ssen-Amr Clearingverkehr Ar. 810.976. Red actton und Administration: Wien II,, Ankere Nuanrkenstr la. Telephon* <Vp. 14.847 Men, 8. Verrmber 1899. Erscheint jeden Freitag. > —- Brief-Adresse: Wien- II.. Untere Augartenstraße la. Telegramm-Adresse; Dloch's Wochenschrift. Wien. Vrxugspreis für Oesterreich- Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzeleremplare 25 kr. Für'» Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gesval: .ne Petitzeile 12 kr. Inhalt. Leitarti kel: Arische Kinderliebe. — Der Präsident von 1848 Franz Smolka und die Juden. — Die antisemitische Pest. -- Die katholische Presse Englands über den Ritualmord. — Die Blutlüge. — Die Existenzfrage derzJndenheit. — Moderne Vereins» meierei. — Korrespondenzen: Die Fahnenflüchtigen, Wien, Leipnik, Meran, Falkenau a. E-, Radnitz, München, Berlin, Odesta, Melbourne, Paris, London. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Mmbnrg, Prag, Strakonitz. Proßnitz, Kgl. Weinberge, Falkenau a. E., Raab, Proßnitz. Wessely a. d. March, Aus Hessen. — Feuilleton: Ein Augenblick. — Michael — Briefkasten. — Inserate. Arische Kinderliebe. Aus Reinlichkeitsliebe suche ich die Berührung der antisemitischen Schmutz- und Lügenblätter zu vermeiden; da man aber nach alter Regel auch vom Feinde lernen muß, habe ich zwischen Reinlichkeitsliebe und Pflichtgefühl einen Vergleich geschlossen und bin Leser des „Vaterlandes" geworden. Viel wahrheitsliebender und reinlicher als die anderen Antisemitenblätter ist zwar das Jesuitenblatt nicht, aber es ist nicht ausschließlich antisemitisch. Ja ich frage mich oft, ist Antisemitismus sein Hauptberuf und betreibt es nur nebenher den Clericalismus oder verhält es sich umgekehrt? Jedenfalls bezahlt es ehrlich den „Tribut, den das Laster der Tugend entrichtet". Am meisten aber amüsirt mich dabei sein geschicktes Laviren zwischen Racenantisemitismus und religiösem Fanatismus. Es bekennt sich ja zur Religion der Liebe, unterläßt aber keine Gelegenheit, Judenhaß zu predigen. Es verdammt die nationalen Wodansverehrer, läßt sich aber ihre Bundesgenossenschaft gern gefallen. Aber auf dem Alten Testament beruht das Neue, und da muß denn das „Vaterland" darauf Acht geben, daß es sich nicht von seinen „nurdeutschen" Freunden verführen lasse, die mitunter auf das Alte so ungestüm losschlagen, daß das Neue mitgetroffen wird. Manchmal macht es beinahe den Eindruck, als ob es die anderen Antisemitenblätter um ihre Lästerungsfreiheit beneide. So in der Polnaer Affaire, wo gewisse päpstliche Bullen es an frischem freien Vorgehen hinderten. Da sah es beinahe wie ein an der Kette liegender Hund aus, dem nur ein halblautes Knurren gestattet ist. Besser benahm es sich während des Dreyfusprocesses; ja beim Schlußbericht über die Polnaer Affaire entschlüpfte ihm sogar der Satz von dem „Kriegs gericht, welches sich in Kuttenberg mit der Blutthat beschäftigte". Solche Entgleisungen sind das Amüsanteste am „Vaterland", und sie kommen nicht selten vor. Neulich hat es sich sogar einen scharfen Ausfall gegen die guten Freundinnen, nicht des Herrn Purscht, sondern des Doctor Lueger selbst zu Schulden kommen lassen. Das kommt davon, daß der Antisemitismus nicht der einzige Beruf des Blattes ist. Man kämpft als „vereinte Christen" gegen die Juden, aber wenn es gerade keine Juden zu schlagen gibt, haut man nach „Lutheranern, Schismatikern" (nicht unirten Griechen) und andern „Ketzern", und in der Hitze des Kampfes trifft man manchmal seine besten Freunde. Die deutsche Kaiserin hat dem Berliner Gemeinderath ihre Mißbilligung darüber aussprechen lassen, daß er die Entstellung eines Bibelcitats duldete und kein Geld zu Kirchenbauten geben will. Das sollte eigentlich den Beifall des „Vaterland" finden, das ja auch in Wien recht viele Kirchen gebaut haben möchte, auf Kosten auch der jüdischen Steuerzahler. Mein Gott, man kann ja nicht, wie in der guten alten Zeit den Juden einfach die Synagogen wegnehmen und sie zu Kirchen umwandeln, und „der Verwaltungsgerichtshof läßt nicht mit sich spaßen", sagt der antisemitische Stadtrath, sobald es sich um Gelder für Volksbildung und Wohlthätigkeit handelt. Nur wenn man bei einem Feste achttausend Gulden aus Steuergeldern vertrinken und verfressen will, fragt man nicht nach dem Verwaltungsgerichtshof. Doch kehren wir zu unserem lieben „Vaterland" zurück. Kirchen bauen ist löblich, denkt es sich, aber nur katholische Kirchen, und in Berlin sollen ja ketzerische oder sektirerische gebaut werden. Und die deutsche Kaiserin ist ja auch eine Lutheranerin. Deutschland hat Oesterreich in den Dreibund mit dem kirchenräuberischen Italien hineingezogen, dem man in clericalen und feudalen Kreisen spinnefeind ist. Da möchte man die Gelegenheit benutzen, der Kaiserin ein paar Nadelstiche zu versetzen. Aber wie kann man das ohne die „schuldige Ehrfurcht vor gekrönten Häuptern" zu verletzen, mit der man sich in diesen Kreisen so gerne brüstet, wo man die Stützen von Thron und Altar zu sein vorgibt, den Katholicismus als einzige Schutzwehr gegen Revolution und Socialdemokratie preist? Aber ein schlauer Jesuit weiß sich zu helfen. Das „Vaterland" erinnert sich auf einmal an eine Geschichte die vor dreihundertfünfzig Jahren paffirte. Damals, zur Zeit der „lutherischen Revolution", soll die Ketzerin Frau Judith von Pollheim es versucht haben, die in Linz weilende Königin Katharina von Polen (Schwester Kaiser Maximilian II.) zum Abfall vom katholischen Glauben zum Lutherthum zu bewegen. „Die vortreffliche Antwort der Königin ist so liebevoll und zugleich gerade heute so zeitgemäß, daß wir sie hiemit unseren Lesern vorlegen wollen", meint die Redaction. Was antwortete nun die Königin nach dem Vaterland und dessen Quelle, den Linzer „Katholischen Blättern"? Nachdem sie erzählt, daß sie fleißig die Bibel lese, eine Lectüre, die übrigens die katholische Geistlichkeit bei Laien nicht gerne sah. mitunter auch verbot — fährt sie fort: „Derohalber rathe ich Dir und mir, wir bekümmern uns nicht um die Sache», die uns nicht befohlen seind, sondern halten uns nach der Lehr