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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 918 ’jir. 4Ö Br. Bloch's Wochr.ejchrlft erhalten hat: — nicht jeder übersteht eine solche Operation — und daß ich es erlebte, Dich wiederzusehen", und so sprechend küßte er Michael und drückte ihn an seine Brust. Die alte treue Channa war fortgeeilt, um Sara zu holen. Diese war ins Pfarrhaus gegangen. Ihr Vater sollte nach ärztlicher Vorschrift, um sich als Reconvalescent rasch zu stärken, täglich ein gebratenes Huhn essen; nun war in dem ganzen Städtchen kein Huhn aufzutreiben und sie war zum Pfarrer Willibald gegangen, sich von seinem Hühnerhofe ein Huhn für ihren Vater zu erbitten. Sara war bei der Kunde von Michaelas Ankunft so rasch heimgeeilt, daß sie das Huhn im Stiche ließ und Channa, die dasselbe heimbrachte, ihr beim besten Willen nicht zu folgen vermochte. Das anmuthige, elfjährige Kind, daß seinem Aeußern nach schon 15jährig zu sein schien, stürmte athemlos ins Zimmer. Sie ließ Michael nicht Zeit, die sich rasch entwickelte Menschenknospe zu bewundern, sie flog ihm an den Hals, drückte ihre Purpurlippen auf seinen Mund, preßte ihn heftig an sich, dann erst sprach sie mit vor Auftegung bebender Stimme: „Wenn Du da bist — dann ist mit Gottes Hilfe wieder Alles gut! ... . Alles gut?" wiederholte sie wehmüthig, das reizende Köpfchen schüttelnd, und die Thränen, die an ihren langen, seidenen Wimpern zitterten, flößen langsam über ihre Wangen, „das kann ich doch nicht sagen. Wir haben in der letzten Zeit viel gelitten, und ich Hab' mich nach Dir gesehnt, ich kann Dirs gar nicht schildern wie! ... . Du hättest mir das schwere Weh ertragen helfen, das der unergründlich große Gott über uns gesandt!" Michael war wortlos; war das holde Wesen, daß ihm gegenüberstand, noch ein Kind? Ihm schien es nicht mehr ein solches. „Wie groß und schön Du geworden bist!" sprach er. Sara fand mit der rührenden Naivität der Unschuld diesen Ausspruch natürlich, und sie fuhr fort: „Wir hatten wohl Freunde, die sich während unseres Unglückes theilnehmend bewiesen; aber sie sind uns jedoch fremd, ich habe ja außer dem Vater doch keinen Menschen auf der Welt, als Dich, und als man meinem lieben, guten Vater den Fuß absägte" — Sara drohte in Schluchzen auszubrechen, aber die kleine Heldin bekämpfte ihre Rührung, „da hatte ich alle meine schwachen Kräfte aufgeboten, stark zu bleiben und es war mir gelungen, mich wenigstens so zu zeigen.... ich war während des schrecklichen Momentes äußerlich ruhig an dem Bette des Vaters gestanden, und hatte, obwohl mein Herz vor Qual aufzuckte, doch nicht die Wimpern bewegt, — aber dann fürchtete ich umzusinken; und als die Nacht hereinbrach und ich zu schlafen versuchte, da wurde mir fürchterlich zu Muthe, mein theurer Vater ein . . . „Krüppel" wollte das Kind in überwallendem Schmerze sagen, aber es faßte sich und sagte „ein hilfloser Mann, — ich ein unkluges unbeholfenes Kind und Du, unsere einzige Stütze, unser Alles — fern! . . . . Pötzlich tauchte der böse entsetzliche Gedanke in mir auf, Du könntest uns . . . ." Sara konnte nicht rasch genug das entsprechende Wort finden und fuhr erst nach einer Pause fort „untreu geworden sein, könntest uns vergeffen haben, dann wären wir ja ganz verlaflen gewesen und ich fühlte mich unglücklich, elend .... ich habe so bitterlich geweint, wie noch nie in meinem ganzen Leben! . . . ." und einen Moment schien es, als »volle sie jetzt wieder zu weinen beginnen, aber nach tiefem Athemzuge fuhr sie fort, „allein dann schalt ich mich tüchtig aus über meine dummen Gedanken, daß Du uns verlassen könntest! Das könnte ja gar nicht sein! Wir lassen uicht von Dir und auch Du nicht von uns, nicht wahr. Michael?" und das holde Kind reichte dem Jünglinge die Hand und blickte ihn mit seinen wundervollen Augen an, daß es ihm schier Herz und Seele erwärmte, „und da ward ich ruhig und konnte, ermattet wie ich war, einschlafen, und es ttäumte mir von Dir, Du lieber Michael! Du wärst aus Prag oder aus Wien heimgekehrt, und Du halfst meinem lieben Vater, Du gabst ihm ein Mittel und sein abgenommener Fuß wuchs wieder an, und ich freute mich und dankte Dir und dem lieben unendlich großen Gotte, der durch Dich Wunder wirkte. Freilich, als ich aus dem Schlafe erwachte, da wurde ich wieder traurig. . . . Du warst noch nicht da, mein Vater hatte nur einen Fuß, und Du wirst niemals wieder ihn, noch irgend einen andern Menschen heilen können. Du kannst ja nicht Medicin studiren. kannst nicht, wie wir Alle es gewünscht, Arzt werden!" „Warum sollte Michael nicht Arzt werden können?" frug Brack, überrascht ans sein anmuth-g Kiud blickend. „Das fragst Du. Du lieber kluger Vater?" erwiderte Sara. „Michael muß ja jetzt bei uns bleiben, kann uns nicht verlassen; Du bist ja nicht mehr im Staude, Dich allein zu erhalten, Du kannst, nachdem du einen Fnß verloren, nicht mehr ohne Unterstützung Dein Geschäft fortfühcen, Du mußt einen treuen, verläßlichen Gehilfen haben; und da findest Du gewiß keinen besseren, tüchtigeren als unfern Michael!" „Was sprichst Du da?" fiel ihr Brack ins Wort, Michael kann es bei seiner Begabung weit bringen, haben wir das Recht, uns seinem Glücke in den Weg zu stellen?" „Du hast das volle Recht, es zu verlangen", erwiderte Sara, „daß er, da Du es jetzt nicht vermagst, für Dich und mich sorge. Du hast ihn ausgenommen, als er allein, verlassen war, Du hast ihm den Vater ersetzt, es ist nur billig, daß er jetzt er jetzt die Sohnespflicht gegen Dich erfülle; und ich müßte Michael nicht kennen, wenn er diese nicht willig zu erfüllen beabsichtigte." „Gewiß, bestimmt", rief Michael, /Sara hat ganz recht, ich muß und werde so thun, wie sie gesprochen; — ich will Dir in Deinem Geschäfte ein treuer Gehilfe werden." „Ihr seid beide unerfahrene, kindische Menschen," sprach Brack, seine tiefe Rührung unter der Maske des Zornes verbergend, „Ihr sprecht über Sachen, die Euch ganz fremd sind, . . . Michael hat ja gar keine Eignung für einen Geschäftsmann; er versteht Latein, Griechisch, Mathematik, Philosophie, aber nichts vom Handel und Wandel, es wäre ewig schade für das schöne Wissen, daß sich der arme Junge mit so viel Fleiß und Anstrenguug erworben." „Michael versteht Alles, widerstritt Sara energisch —" Michael kann Alles!" mit jenem Enthusiasmus, den innige Neigung einflößt, „er ist zu Allem begabt. Ich glaube auch, Michael wäre, wenn er Medicin studirt hätte, ein tüchtiger Arzt geworden, aber er wird, wenn er in Dein Geschäft eintritt, mit Gottes Hilfe ein angesehener Kauf- und Handelsherr werden. Ich für meinen Theil", fügte sie etwas altklug hinzu, „glaube, daß er es in Allem, was er unternehmen würde, zu einer hohen Stufe brächte, würde er Rabbi werden, würde er es gewiß zum Ober-Landesrabbiner bringen, würde er Jus studiren, wäre er der beste Advocat, würde er Maler werden, würde er die Welt durch seine Bilder entzücken, würde er Soldat, so vermöchte er — wenn er kein Jude wäre — gewiß General zu werden." „Das Alles will ich nicht behaupten", entgegnete Michael lachend, ich bin durchaus nicht von großen Talenten überzeugt,, die mir mein Schwesterchen andichtet; allein ich glaube, daß ich, wenn ich auch etwas später die neue Laufbahn antrete, doch durch Fleiß und guten Willen die verlorene Zeit werde einbringen können, und . . . ." „Aber, wo habe ich nur meinen Verstand!" unterbrach ihn Sara plötzlich, „Du hast gewiß heute noch nicht gefrühstückt und wirst hungrig sein, hast Du schon gebetet? 3) wenn nicht, thue dies sofort, ich eile in die Küche, um Dir unter Channa's Mithilfe einen kräftigen Imbiß zu bereiten." Sara eilte hinaus, Brack und Michael (dieser hatte sein Gebet schon früher, bei Tagesanbruch verrichtet) blieben allein. Michael erkundigte sich nun eingehend über die Art und Weise, in welcher seinem Pflegevater das Unglück zugestoßen und dieser bestätigte in der Hauptsache die Mitheilungen Asriel Schreibers, freilich ohne der großen Verdienste zu gedenken, die er sich erworben hatte. Dagegen erkundigte sich Brack bei Michael über die Gemeindeverhältnisse und die alten Freunde in Nikolsburg, und ließ sich Michael's letzte Zeugnisse zeigen. „Ich möchte auf Sara's klugen Gedanken: in Dein Geschäft zu treten, sofort zurückkommen, lieber Vater," meinte Michael. „Sara's Gedanken war ein kindischer; sie ist ja bei all' ihrer großen Klugheit und geistigen Frühreife, doch nur ein elf- 3) Die Juden genießen am Morgen vor dem Gebet weder Speise noch Trank.

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