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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 912 Br» Blockes WochrnMiLiiic Nr. 48 und moralische Erholung suchte, der ging in die Chewroth, er wurde Mitglied und wirkte. Das war die echte social-ethische Arbeit im Geiste des Judenthums. Mit dem Beginne der unseligen Reform und der tragikomischen Assimilationswirthschaft hörte die Blüthe des jüdischen Vereinswesens in Westeuropa auf. Die neue Richtung war von dem mißverstandenen Worte Freiheit förmlich berauscht. Mit kindischer Zerstörungslust vernichtete sie alles Alte und kokettirte mit allem Neuen. Man wollte ein Judenthum nach dem Modejournal schaffen und man verhöhnte die historischgeweihten Institutionen. Man machte aus der organischen jüdischen Gemeinde ein Kirchenthum, ein Staatsbürgerthum jüdischen Glaubens, und mau schämte sich der altmodischen Einrichtungen. Man beseitigte daher die Chewroth. und gründete neue Vereine, das heißr man vertrieb den geschichtlichen Geist und ließ an seiner Stelle die fremde Schablone thronen. Die Deutschen sind ja die geborenen Vereinsgründer und man ging zu ihnen in die Schule. So entstanden Vereine mit schwerfälligem Apparate nach deutschem Muster. Sie bekamen hochgeborene Gönner und berühmte Protectoren und sie veranstalteten herrliche Feste, wo schöne decolletirte Frauen zum Wohle der Armen tanzten, wo geschickte Redner ihre Toaste schmetterten und wo Männer, die die große Tugend einer reichen Frau besitzen, Aemter übernahmen. Welch ein Genuß, zu lachen und scherzen, tanzen und kokettiren, zu glänzen und zu paradiren, und — alles im Dienste der leidenden Menschheit und der hohen Wiffenschaft. Vereinsbälle, Stiftungsfeste, Banketts, Jahrmärkte, Concerte und wie diese arisch m Errungenschaften alle heißen, waren nun im Judenthum stets auf der Tagesordnung und da diese Veranstaltungen sich einer besonderen Beliebtheit erfreuten, mußten immer neue Vereine gegründet werden. Wir haben heute im mooernen Judenthnm Vereine zur Bekämpfung aller möglichen und unmöglichen Uebel. Und diese Vereine veröffentlichen lange Berichte und machen viel von sich reden und sie glänzen und bringen vielen Männern und Frauen Ehre und Ruhm ein, nur das Eine fehlt ihnen meistens — der jüdische Geist. Gewiß, alles hat seine Schattenseiten und das Unangenehme ist oft vom Angenehmen nicht zu ttennen. Aber man weiß oft bei vielen Vereinen wirklich nicht, ob der Schaden, den sie a^rrichten, nicht das Gute weit überwiegt. Vor Allem ist es ein Unglück, daß durch diese Vereine leider gar zu oft der Kastengeist. der so unjüdisch wie möglich ist. großgezogen wird. Die meisten Vereine umschließen gewisse Classen und sondern sie streng von den andern ab, und keinem Volke thut so sehr die Einigkeit Noth als uns. Unsere klugen Leute wollen nicht begreifen, daß man die Natur eines Volkes nicht ignoriren und seine Geschichte nicht rückgängig machen kann. Was sich für ein Bo'.k schickt, ist für das andere verfehlt. Dem deutschen Volke den Maßstab und die Form für jüdisch-sociale Werke 51t entnehmen, ist vollends eine psychologische Anomalie, denn es gibt keine größern Gegensätze als zwischen Germanen und Juden. So ist z. B. das sogenannte Logenwesen, das für manche Nationen sicherlich berechtigt ist, bei uns Juden gar häufig eine Carricatur. Was soll hier die Geheimthuerei mit dem mittelalterlichen Hokus-Pokus? Der kostspielige aristokratsche Apparat verschlingt kolossale Summen und für wohlthätige Zwecke fallen uns Brosamen ab. Ja, oft beträgt die Mcethe des Clublocales dreimal soviel, als der für humanitäre Zwecke ausgeworfene Posten. Was sollen ferner die Exclusivität und der vornehme Nimbus? Wenn Herr Cohn mit Herrn Lewy nicht zusammensitzen will, weil er mit neuen und der andere mit alten Kleidern handelt, so ist das echt germanisch, jüdisch aber darf man ein solches Gebühren nicht nennen, denn das Judenthnm ist demokratisch durch und durch und kennt keine Kasten. Im Judenthum gibt es nur einen Adel, den sich Jeder ohne schweres Geld kaufen kann, den Adel der Bildung und Sittlichkeit. Es ist charakteristisch, daß der Talmud den Gelehrten, auch wenn er aus unehelicher Geburt stammt, höher als den unwissenden Hohenpriester stellt. Bildung und Sittlichkeit, das sind die einzigen Qualitäten, die auf Achtung, Ehrung und Anerkennung Anspruch verleihen. Wie sehr wird diese herrliche Auffassung im heutigen Salonjudenthum verkannt! Ich kenne in einer Großgemeinde Deutschlands drei große jüdische Geselligkeitsvereine, die streng von einander nach echt indischer Art getrennt sind. Im Grunde aber sind sie alle drei jüdische Vereine ohne Judenthum, und was sie unterscheidet, das ist, daß man im ersten um einen ganzen, im zweiten um einen halben und im dritten um einen viertel Pfennig Scat spielt. Diese großthuenden Vereine behaupten mit wichtiger Miene, sie wollen die Judenheit erziehen und legen großen Werth darauf, sich vornehme Manieren zuzulegen. Allein die äußere Erziehung der deutschen Judenheit ist bereits zum Abschluß gelangt und wir copiren die germanischen Sitten ziemlich getreu. Was uns fehlt, das ist die innere Aufrichtung, die Erziehung zum freien, stolzen, jüdischen Bewußtsein, und dieser Punkt wird nicht nur nicht gepflegt, sondern nicht einmal verstanden. In all diesen Vereinen sieht man stets den Drang zu prunken und zu glänzen, und viele bilden sich zu Stätten des echten Streberthums aus. Gar manchen dieser Vereine könnte , man „Verein zur Unterbringung obdachloser Vorstandsmitglieder" nennen, denn er könnte sonst durch nichts seine Existenzberechtigung documentiren. Daher strömen diese Gesellschaften auch kein frisches pulsirendes Leben aus, sie vegetiren und sonnen sich im Glanze ihrer hohen Gönner. Eine Schattenseite des modernen jüdischen, Vereinswesens ist auch die Zersplitterung der Kräfte und Mittel und die kleinlichen Eifersüchteleien, die dadurch unbedingt entstehen müssen. Der Außenstehende begreift kaum, wie viel Geld, Zeit und Arbeit diese Vereinsmeierei verschlingt und wie wenig davon dem eigentlichen Zwecke zugute kommt. Und dann die häßliche Concurrenz der einzelnen Vereine und die ewigen Reibereien! Man sieht nicht ein, wie unwürdig und lächerlich dieses Treiben ist. Es ist die Zerfahrenheit des jüdischen Volkes, die sich hier so kraß zeigt. Wir, die wir die ersten socialen Organisatoren waren, haben uns dazu bequemt, alles Fremde nachzuäffen. Und wie jede sinnlos nachgeahmte Culturschablone zur Carricatur werden muß, so haben wir auch das herrliche Vereinswesen Altisraels vernichtet und im Täusche dafür einen Schein erhalten, der uns weder Nutzen noch Ehre einbringt. Correspondenzen. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 26. November 1899 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Nath Klinger.) Beginn 10 Uhr Vormittags. . An Spenden sind eingelaufen: Bon ^Sigmund und Regina K a u d e r s anläßlich der Verheiratung ihrer Tochter Fräulein Elsa K a u d e r s für das Siechenhaus 400 fl., für den Armenfond des Vertreter-Collegiums 400 fl., für den israelitischen Bethausverein, III., Untere Viaductgasse 13, 100 fl., für den Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studierender 25 fl., für den Talmud-Thora-Verein 25 fl., für den Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten 20 fl., für den Handlungskrankenverein 10 fl., für den Waisenverein 10 fl., für die Armenanstalt 10 fl., für arme Bräute 25 fl., weiters zur Errichtung einer Sigmund und Regine Kauders'schen Heiratsausstattungsstiftung Nominale 6000 Kronen. Vom Verein zur Errichtung und Erhaltung der Ersten Wiener Suppen- und Thee-Anstalt für Arme 400 Theemarken und 400 Brodmarken. Bon Herrn I. Kraus für den Sichenhausbau 2 fl. Den Spendern wird der Dank votirt. Im Einlaufe befinden sich Dankschreiben folgender Vereine für die aus dem Dr. Hayum Salomon Goldschmidt'schen Legate bewilligten Subventionen: Wiener Bet-ha-Midrasch-Verein, Verein zur unentgeltlichen Verpflegung Brustleidender auf dem Lande, Mädchen-Unterstützungs-Verein, Theresien-Kreuzerverein. Im Präsidialbericht macht der Präsident Mittheilung von dem in der vergangenen Woche durch den Verwaltungsgerichtshof gefällten Erkenntniß in Angelegenheit der Besetzung der Schulleiterstelle für die Mädchen-Volksschule am Czerninplatz im II. Bezirke, wodurch festgestellt wurde, daß der Leiter dieser Schule gemäß den Bestimmungen des Schulgesetzes vom 2. Mai 1883 die Befähigung zur Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichtes haben müsse. Diese Entscheidung, welche der Verwaltungsgerichtshof in Aushebung der widersprechenden Anordnungen sämmtlicher schulbehördlicher Instanzen getroffen hat, sei von hoher principieller Bedeutung. Der Cultusvorstand habe diesen Erfolg der sachkundigen und ausgezeichneten Vertretung durch Herrn Bice-Präsidenten Landesschulrath Dr. Gustav Kohn zu danken. (Lebhafter Beifall.) Der Präsident gibt ferner bekannt, daß er im Sinne der statutarischen Bestimmungen behufs rechtzeitiger Berathung des

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