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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 48 Dr« Bloch's Wochenfchrifk. Seite 911 Allein Herr Dr. Salz glaubt, es seien noch „innere" Schwierigkeiten vorhanden, die in dem Charakter des Inden selbst liegen sollen-: Der Jude wird den galizischen Boden nicht bebauen wollen, er wird zu stolz sein. Dieser Einwand ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Mir selbst wurde in Lemberg erzählt, daß ein dortiger jüdischer Lastträger auf die Zumuthung, er solle doch lieber den regelmäßigen Beruf eines Holzhackers ergreifen, entrüstet erwidert habe, hierzu sei er doch zu „eidel" (edel). Es ist wahr, specüll die Landwirthschaft erscheint dem galizischen Juden als etwas Entehrendes. Und doch betreibt er sie in Palästina, und doch berichtet Herr Dr. Salz selbst, daß dort in den zahlreichen Ackerbau- und Weincolonien „die noch vor Kurzem mit der Elle und Waage hantirenden Krämer rüstig hinter dem Pflug einhergehen und kunstgerecht die Winzerzange handhaben." Wie ist es möglich, daß Herr Doctor Salz zugibt, daß der Uebergang vom Krämerthum zum Ackerbau in Palästina sich leicht und schnell vollzieht, während er unmittelbar vorher sagt, daß er in Galizien erst langsam, nach jahrelanger cultureller Arbeit eintreten könnte? Er erklärt diesen Widerspruch dadurch, daß die galizischen Juden aus kulturgeschichtlichen und national-religiösen Motiven mit Hingebung und Liebe den Boden des heiligen Landes beackern, daß sie aber, wo diese Motive fehlen, und „statt dessen ihnen nur der Haß und die Verachtung der autochthonen Bevölkerung entgegengrinst", sich nicht zur Landwirthschaft entschließen würden. Diese Behauptung hat auf den ersten Blick viel Bestrickendes an sich, und doch wird sie den Verhältnissen keineswegs gerecht. Wieso gibt es 95.000 jüdische Ackerbauer in Rußland, also außerhalb des heiligen Landes? Weil sie dort in geschlossenen Siedlungen ansässig sind. Das ist der Zauberstab. Wenn die Juden geschlossen zusammen arbeiten, fällt die Abneigung gegen die Landwirthschaft von selbst. Innerhalb einer gleichstrebenden Gemeinschaft würden sie sich nicht zu „eidel" halten, wie sie es nicht thun in Palästina, nicht in Rußland. Hiezu kommt nun, daß die Form der landwirthschaftlichen Genossenschaften, vor Allem aber der Productiv- Genossenschaften. welche alle Bortheile moderner Technik, Chemie und die Möglichkeit größter Arbeitstheilung bieten, die Juden gar bald materiell und social über den galizischen Bauer erheben, würde. Und darauf kommt es an! Die Juden nur aus städtischen in ländliche Proletarier zu verwandeln, das fürwahr hätte keinen Sinn. Wie aber die Landwirthschaft im höchsten Grade productiv ist und den, 'der sich ihr widmet, vorzüglich nährt, wenn sie rationell betrieben wird, bedarf keines Beweises. Sobald die ersten Erfolge sich zeigen würden, wiirde die ganze galizische Judenheit begeistert dieser Erlösung zujauchzen. Gewiß bin ich der Ansicht des Herrn Dr. Salz, daß ein solcher Umschwung der Meinungen nicht von heute auf morgen eintreten wird, sondern jahrelanger cultureller Arbeit bedarf. Aber gerade Herr Dr. Salz kann hier unendlich viel wirken, wenn er auf dem eingeschlagenen Wege fortsährt, Propaganda zu machen für den Genossenschaftsgedanken. Alle Verständigen werden ihn hierin unterstützen. Herr Dr. Landau bezeichnet treffend in jener oben erwähnten Versammlung die genossenschaftliche Form als „ein bedeutungsvolles Symptom der Selbsthilfe unter der galizischen Judenschaft". Die landwirthschaftliche Genossenschaft auf galizischem Boden wird die Juden aus ihrer materiellen und socialen Versumpfung erretten. Bin ich damit ein Gegner der Emigration? Keineswegs! Herr Dr. Salz scheint dies anzunehmen. Allein ausdrücklich gab ich in meinem Artikel außer der inneren Colonisation die Emigration als wichtigstes Rettungsmittel für das jüdische Proletariat Galiziens an. Nur stehe ich nicht auf Dr. Salz's Standpunkt, hierin das einzige Heilmittel zu sehen, ja, ich halte sie im Verhältniß zur Seßhaftmachung in Galizien selbst für ein Mittel zweiten Grades. Denn die Emigration, wennsie auch in noch so großem Stile betrieben würde, könnte in absehbarer Zeit nicht *U Millionen Juden nach Palästina befördern, zumal unter den heutigen erschwerten Umständen. Soll man nun die Juden bis zu der Zeit, wo dies möglich sein wird, ohne Beistand lassen? Das kann doch unmöglich die Absicht sein. Warum soll man sich also auf dies eine Mittel, welches vorläufig überhaupt nicht in Anwendung gebracht werden kann, beschränken? Ich vermag hiefür nicht den geringsten Grund einzusehen. Man kann beides thun. Innere Colonisation und Emigration sind keine Gegensätze. Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß von großen socialen Gesichtspunkten aus, eine Ansiedelung der Juden in Galizien nicht nur möglich, sondern höchst nothwendig erscheint. Wenn Herr Dr. Salz in seinem Schlußwort den Vorkämpfern der inneren Colonisation eine schwere Verantwortung zuschiebt, so möchte ich ihm meinerseits warnend zurrufen, daß er sich nicht denen anschließen möge, von denen sein Freund, Herr Doctor Landau sagt: „sie fördern das Werk derer, die den galizischen Juden einreden, es sei ihnen hierzulande gar nicht mehr zu helfen." Moderne Vereinsmeierei. Von Fabins Schach. I. Das jüdische Volk ist das Vereinsvolk par excellence stets gewesen. Das sociale Empfinden ist ein Thest seines Wesens und ein Grundzug seiner Geschichte. Hier, wo geistige und sittliche Bildung, Religion und reines Menschenthum, wie bei keiner anderen Nation, Hand in Hand gingen; hier, wo das Familienleben in seiner ganzen harmonischen Schönheit blühte, mußte ein lebhaftes Bedürfniß für die Erweiterung des Familiensinnes, für die Übertragung dieser Gefühle auf weitere Kreise entstehen. Der Jude ist das aristotelische Zoon politikon im besten Sinne des Wortes und der Drang, mit Gleichgesinnten auf socialem und culturellem Gebiete gemeinsam zu arbeiten, äußerte sich hier in schlichtmenschlicher und praktischer Gestalt. Besonders im Ghetto, von der Außenwelt durch barbarische Gesetze und fremde Sitten getrennt, war der Jude auf sich selbst angewiesen, und der natürliche Trieb nach Bethätigung seiner Kräfte und nach Anerkennung seiner Fähigkeiten krystallisirte sich bald zu der Idee einer social-religiösen Gemeinschaft. Der Sohn des Ghettos fand das Feld seiner Thätigkeit scharf begrenzt und die Bahn seines Strebens genau vorgezeichnet: die Gemeinde. Hier wurzelte für ihn alles Hohe und Schöne und hier war der Nährboden seiner Ideale. Von hier empfing er die Impulse, hier schöpfte er Kraft und Hoffnung in der Zeit des Drangsals und der Noth. Je mehr der Sturm draußen tobte, desto mehr war er bemüht, das Leben der Familie und der Gemeinde zu pflegen und zu veredeln. Je mehr seine materielle Existenz bedroht war, desto mehr war er bestrebt, seine sittliche und geistige Zukunft zu retten. So mußten hier mit psychologischer Nothwendigkeit humanitäre und wisienschaftliche Vereine entstehen. Denn das Unterstützen, das Lernen und Belehren, das Schützen und Warnen war ja ein heiliges Gebot. „Alle Kinder Israels sind Genoffen." Das war die Parole. Und man war auch weise einzusehen, daß die Armen durch die Reichen, die Unwissenden durch die Gelehrten gefördert und unterstützt, die Entarteten durch die berufenen Führer belehrt und bekehrt werden müssen. Der Spruch: „Alle Israeliten sind für einander verantwortlich", enthält eine tiefe Weisheit, die täglich durch die Geschichte bestätigt wird. Ja, Jeder fühlte sich verantwortlich, wenn der Andere körperlich und moralisch litt, wenn ein Mitglied der Gemeinde entartete, denn man wußte, daß jedes Leid und jedes innere Uebel nicht allein in der inneren Natur des Trägers, sondern auch in der socialen Constellation, in der ökonomischen Constructur der Gesellschaft seine Quelle hat. Der Betende flehte: „Hilf, o Herr, der Gemeinde Israel!" und der Reuige beichtete: „Wir haben gesündigt, wir haben gefehlt!" Das war der Gemeinsinn in seiner höchsten Entfaltung, wie ihn kein Volk kannte. Zu einer Zeit, wo die Arier sich zur Jagd auf Thiere und Menschen vereinigten, schllfen die Juden Institutionen zur Unterstützung der Armen, zur Heilung der Kranken und zur würdigen Bestattung der Todten. Während die freien Völker sich zur Kirchmeß versammelten, um sinnlos zu trinken und zu tollen oder Feste für körperliche oft blutige Uebungen veranstalteten, strömten die geknechteten Schaaren Judas in die Lehrhäuser, um Vertiefung in Religion und Wissenschaft zu suchen. So finden wir die Einrichtungen der Chewra-Kadischa, Bikur- Cholim, Talmud-Thora rc. rc. schon früh im Judenthum und sie bildeten sich zu Bestandtheilen des Gemeindelebens aus. Hier wurde im Stillen ohne schweren Apparat, ohne viele Aufwandskosten segensreich social und culturell gewirkt. Man begreift heute kaum, wie einfach diese primitiven Organisationen waren. Ohne lange Statuten und verwirrende Generalversammlungen, ohne vielköpfigen Vorstand und kopflose Berathungen, ohne Festessen und Paradeconcerte ging die Sache ihren natürlichen Lauf. Wer Schmerzen lindern und Noth mildern wollte — und Niemand entzog sich dieser Pflicht — der gab sein Schärflein, das vollständig der Sache zugute kam. Wer geistige Anregung

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