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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 910 Dr. Bloch's Vochenschrifi. Sir. 48 waren für das Studium der hebräischen Sprache bei den Protestanten von grundlegender Bedeutung. Am Schlüsse seines von den zahlreichen Zuhörern mit großem Beifall aufgenommenen Vortrages forderte der Redner die Anwesenden zum Studium der hebräischen Sprache auf. 88 Die jüdisch-gsUjische Frage. Von Dr. Ernst Tuch, Hamburg. „Darin stimmen alle jüdischen Wohlfahrtsparteien überein, daß ein bedeutendes Stück der Lösung der Judenfrage damit vollbracht wäre, wenn es gelänge, einen größeren Theil der östlichen jüdischen Bevölkerung auf einem dazu geeigneten Territorium dem Ackerbau zuzuführen". Wäre doch diese Ansicht des Herrn Dr. A. Salz in Tarnow, die er in einem letzthin veröffentlichten Artikel, betitelt „Innere oder äußere Colonisation in Galizien?" aufstellt, völlig zutreffend, wären doch wirklich die Juden allerorts darüber einig, daß es vornehmste Pflicht ist, die östlichen Juden aus der schmachvollen materiellen und socialen Lage, in der sie sich heule befinden, zu befreien! Leider überschätzt Herr Dr. Salz das sociale Verständniß seiner „westlichen Stammesgenoffeu". Noch viele unter ihnen glauben, daß mit Privatwohlthätigkeit, angewendet auf verschiedene Schäden im eigenen Lande, die große sociale Nothlage der Judenheit behoben werden könnte. Sie wollen nicht einsehen, daß man das Uebel an der Wurzel anpacken muß, daß auch in Deutschland, Frankreich und den übrigen Culturstaaten die Juden so lange nicht vollständig emancipirt sein werden, auch nicht sein können, als sie theilnahmslos der socialen Aechtung der östlichen, der „polnischen" Juden zusehen. Die Einsicht in diesen Zusammenhang ist noch bei weitem nicht genügend verbreitet. In jenem eingangs erwähnten Aufsatz polemisirt Herr Dc. Salz gegen die von mir in verschiedenen Zeitschriften verfochtene Idee der Neberführung eines großen Theiles der jüdischen Bevölkerung zur Landwirthschast in Galizien. Weil der Angriff von seiten eines Mannes erfolgt, den ich wegen seiner aufopfernden Thätigkeit zum Wohle des jüdischen galizischen Proletariats sehr schätze, weil seine Einwände ernst und sachlich gehalten sind und in mancher Beziehung höchste Beachtung verdienen, weil ich ferner glaube, daß durch eine präcise Klarlegung der beiderseitigen Standpunkte der gemeinsamen Sache genützt werden wird — denn einig sind wir in dem Bestreben, der galizischen Judenheit zu helfen — deshalb will ich eingehend Nachweisen, daß das, was Herr Dr. Salz sagt, meinen Ausführungen gegenüber nicht stichhältig ist. — Bevor ich das thue, will ich kurz die Punkte aufführen, in denen ich mich mit ihm in erfreulichster Uebereinstimmung befinde. Es gereicht mir zur Genugthuung, daß er das von mir entworfene Bild von der schrecklichen Lage der galizischen Judenheit „kaum einen blaffen Schatten der Wirklichkeit" nennt. Ich hatte mit voller Absicht von nur 5000 jährlich Hungers sterbenden Juden gesprochen, damit man mich keiner Uebertceibung von seiten jener beschuldigen möchte, die das Elend in Galizien gern zu verschleiern suchen, es als „nicht so schlimm" daczustellen belieben. Hoffentlich verfehlt die von Herrn Dr. Salz gegebene Schilderung nicht ihren Zweck; hoffentlich machen seine Worte Eindruck: „Das Judenelend überragt doppelt oder sogar dreifach das allgemeine Elend der christlichen Bevölkerung". Es kann uns von Vortheil sein, wenn die dort herrschenden trostlosen Zustände schonungslos aufgedeckt, der breiten Oeffentlichkeit vor Augen geführt werden. Es hat mich ferner sehr erfreut, daß Herr Dr. Salz den Bestrebungen der Bnei-Brith-Vereine und anderer jüdischer Kreise Deutschlands Sympathie entgegenbringt. So wird es gelingen, die verschiedenen Versuche, welche zur Rettung der galizischen Judenheit vorgeschlagen und unternommen wurden, einheitlich zusammenzufassen. Möge die Präcisirung der verschiedenen Standpunkte allerlei Jrrthümer und Mißverständnisse haben, möge sie einer großen gemeinsamen Action Vorarbeiten! Von diesem Gesichtspunkte aus gehe ich an die Widerlegung der Einwürfe des Herrn Dr. Salz. Es sind vornehmlich zwei: 1. die polnische Bevölkerung würde nie gestatten, daß die Juden auf „ihrem" Boden sich seßhaft machen, 2. der galizische Jude würde sich nie entschließen, den galizischen Boden zu bebauen. Ist es wirklich wahr, daß es den Juden nicht gestattet wird, in Galizien seßhaft zu werden? In einem sehr intereffanten Artikel, betitelt: „Die Juden als Großlandwirthe" in der „Jüdischen Presse" vom 9. Jänner 1899 bespricht Herr Dr. S. R. Landau im Anschluß an die vor einigen Jahren erschienene Statistik von Professor Pilat die Thatsache, daß sich die Juden in Galizien „über den normalen Percentsatz hinaus der Landwirthschaft widmen". Es gibt unter 5080 Großgrundbesitzern 630 jüdische, das sind 12°40'’/o, während die Juden nur VYI'% der Bevölkerung ausmachen. Es gibt ferner 783 jüdische Grvßpächter gegenüber 857 christlichen! Kaum der verpachteten Güter gehören Juden, mithin bewirthschaften 565 jüdische Großgrundbesitzer ihre Felder selbst. Diese zusammen mit den 783 Großpächtern ergeben also die immerhin recht stattliche Anzahl von 1348 jüdischen Großlandwirthen. Kann man dem gegenüber noch sagen: Die polnische Bevölkerung würde es den Juden nie gestatten, sich dort seßhaft zu machen? Herr Dr. Salz meint, in dem letzten Decenium sei die Zahl der jüdischen Besitzer von Landgütern stark zurückgegangen, er gibt jedoch keine Zahl an. Herr Josef Siegel schrieb 1895 in seinem lesenswerthen kleinen Büchlein „Moderne Wohlthätigkeit": „Sie (die jüdischen Großgrundbesitzer) haben größtentheils von der Zeit an, als das Wuchergesetz in Wirksamkeit getreten (1877) stark zugenommen, auch die Pächterzahl hat sich vermehrt." Doch mag selbst in den letzten Jahren eine Abnahme der jüdischen Landwirthe stattgefunden haben, mag es den Juden heute noch schwerer fallen als früher, Boden zu erwerben, unmöglich ist es doch nicht, denn es ist tatsächlich der Fall. Dafür, daß es den Juden fast unmöglich sein wird, größere Complexe für eine Besiedlung in Galizien anzukaufen, dafür erblickt Herr Dr. Salz einen Beweis in den Schwierigkeiten, auf welche die Jewish Colonisation Association bei Erwerbung eines Gutes behufs Gründung einer Ackerbauschule gestoßen sei. Allein wer die Verhältnisse kennt, weiß daß hier Gründe, die nicht rein landwirtschaftlicher Natur waren, Vorlagen, welche gerade die Erwerbung des Gutes Slobudka bena wünschenswert erscheinen ließen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätten genug andere Güter zur Verfügung gestanden. Es gibt nicht nur verschuldete Minister in Galizien, auch Szlachcicen, deren Stammbaum älter als drei Generationen ist, würden gerne und bereitwilligst ihr Gut an Juden verkaufen, wenn sie einen etwas höheren Preis erhielten, als die umwohnenden Kleinbauern im Parcellirungsfalle ihnen zahlen können. - Als^ weitere Bestätigung dafür, daß es unmöglich sein würde, Juden in größeren Massen anzusiedeln, führt Herr Dr. Salz an, daß vor einigen Jahren ein Jude, der sich erlaubt hatte, ein Herrengut käuflich an sich zu bringen, durch den in der polnischen Bevölkerung ausgebrochenen Sturm der Entrüstung gezwungen worden sei, den Kauf rückgängig zu machen. Allein dieser Einwand trifft mich gar nicht. Habe ich denn vorgeschlagen, galizische Kleinhändler und Luftmenschen plötzlich zu Großgrundbesitzern zu machen?! Ein jüdischer Bauern st and soll geschaffen werden, und als einzigen gangbaren Weg hiezu habe ich nachgewiesen, daß landwirthschaflliche Genossenschaften gegründet werden müffen. Diese aber würden unter den von Dr. Salz geschilderten Schwierigkeiten keineswegs zu leiden haben. Was der Einzelne, und sei er noch so capitalkräftig, nicht vermag, bewältigt eine Genossenschaft mit Leichtigkeit; sie steht von vorneherein materiell und moralisch den Anstürmen von Außen widerstandsfähiger gegenüber. Dies wird mir Herr Doctor Salz gewiß nicht bestreiten, war er es doch gerade, der in der Generalversammlung des Vereines „Abawas Zion" vom 28. April d. I. das Referat hielt über „das Projekt der Gründung einer zweiten galizischen Colonie auf genossenschaftlicher Basis." Das aber gerade ist es, was meinen Plan der Besiedelung Galiziens ausführbar gestaltet. Wollte ich freilich sporadisch jüdische Bauern ansetzen, so würden sie gar bald jämmerlich zu Grunde gehen, da sie einzeln der antisemitischen Verhetzung nicht zu trotzen vermöchten. Allein „eine dauernde jüdische Ackerbauansiedlung hat aus rituellen und socialpolitischen Gründen zugegebenermaßen nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie auf größeren zusammenhängend.'n Komplexen angelegt wird, z. B. auf Gütercomplexen zu je 1500 bis 2000 oder mehr österreichischen Morgen." So sagt Herr Dr. Salz, und ich constatire mit Freuden meine völlige Uebereinstimmung mit ihm. Ich verweise auf meinen Aufsatz, wo es hieß: „Es kann naturgemäß dem galizischen Rettungswerk nicht darauf ankommen, jüdische Kleinbauern zu schaffen. .... Vielmehr wird man vorneherein die Gründung zusammenhängender Colonien ins Auge fassen." Diese Siedlungsgenossenschasten würden allerdings in der Lage sein, Boden zu kaufen und auch ihn zu halten; sie könnten den antisemitischen Wuthausbrüchen die Waage halten.

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