Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Atr. 48 Dr. Bwch's Wochenschrift. Seite 909 überhaupt, sondern nur um den Polnaer Proceß und um den Beweis gehandelt, daß durch diesen Proceß der Ritualmord nicht nachgewiesen worden sei. „Ich wiederhole" — bemerkte er weiter — „daß sich meine Studie blos mit dem Polnaer Processe befaßt. Ich habe diese Studie deshalb unternommen, weil mir zahlreiche Personen den Polnaer Mord als Beweis für ihren Glauben an den Ritualmord bezeichnet haben. Aus Interesse für die Sache, um mich zu überzeugen, habe ich sehr sorgfältig das stenographische Protokoll durchstudirt, einen Grund für den Glauben an einen Ritualmord habe ich nicht gefunden, dagegen Gründe, welche das Gegentheil beweisen. Diese meine Ueberzeugung habe ich veröffentlicht. Hiezu fühlte ich mich berechtigt und verpflichtet und in diesem Rechte und in dieser Pflicht werde ich mich von Niemandem beinflussen lassen . . . Man wirft mir vor, daß ich in deutsche Blätter schreibe. Ja, ich schreibe in deutsche Blätter und werde in dieselben auch weiter schreiben. Ich kann doch nicht in czechische Blätter schreiben, die über mich Jahre hindurch Lügen verbreiten. Das soll ich nun ruhig mitansehen und mich todtschweigen lassen. Wenn ich chinesisch könnte, würde ich selbst in chinesische Blätter schreiben, um gegen unsere journalistische Corruption die Wahrheit zu vertheidigen. Kurz, ich lasse mich von Niemandem vergewaltigen und werde vor Lügen und unbegreiflichen Losunqsworten niemals zurückweichen. Die Studentenschaft hat die Pflicht zu denken und danach zu handeln. Ich bin überzeugt, daß die Mehrheit der Studentenschaft denken und überlegt handeln werde. Sie kann einen anderen Weg, ja selbst den entgegengesetzten gehen, als den, welchen ich gehe, dazu hat sie das Recht, dazu hat sie die Pflicht, sobald sie wissentlich und consequeur vorgeht . . ." Eine Berichtigung Shakespeares. Folgendes unglaubliches Stückchen ist passirt: Der christlich -soclale „Wiener Bezirksbote" brachte neulich ein längeres Referat über den „Kaufmann von Venedig", von welchem „antisemitischen Drama" behauptet wurde, sein Verfasser sei — Grillparzer. Und zwar nicht einmal, sondern ein dutzendmal war der Name Grillparzer's genannt. Diese unerhörte Unwissenheit wollte ein lustiger Kopf in ihrer ganzen Bodenlosigkeit ergründen. Er schickte dem „Wiener Bezirksboten" eine Berichtigung folgenden Inhaltes: Geehrter Herr Redacteur! Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie die Freundlichkeit hätten, in Ihrer nächsten Nummer richtigzustellen, daß „Der Kaufmann von Venedig" nicht, wie Sie in Ihrer letzten ' Nummer angaben, vou Grillparzrr, sondern von mir ist. Ein Stück mit so stramm antisemitischer Tendenz hätte dieser waschlappige Liberale doch nie übers Herz gebracht. Mit ergebenstem Dank im Voraus Ihr ergebener William Shakespeare. Wien, 7. November 1899. Und: der „Wiener Bezirksbote" druckte d i e s e Berich t i g u n g ab! Ja, er fügte noch eine Glosse bei, daß nun „beiden Theilen Rechnung getragen sei." So etwas war noch nicht da. Aber das ist eben die Bildung der Antisemiten. Das schönste an der Geschichte ist, daß der Redacteur des „Wiener Bezirksboten" der antisemitische Ortsschulrath König ist. Es erscheint wirklich überflüssig, noch ein Wort beizufügen. Christlicher Religionsunterricht. Man schreibt uns aus Krakau: In dem hiesigen höheren Mädcheninstitute (Kursa Baranieckiego) hat der Professor, welcher den Lehrgegenstand Aethik vorträgt, ein Geistlicher namens Bakanowski, in einem Bortrage über Moral den Schülerinnen folgendes erzählt: „Die Gegner der Moral sind die Juden, eine menschliche Ausartung, ein schädlicher Bestandtheil der Menschheit und darum müssen wir die Juden überall auszurotten trachten." Er wies auf Polna hin, sprach vom Ritualmord und schloß mit einem Appell, die Juden überall auszurotten. P. P. Die Ethik der hebräischen Sprache. So lautete das Thema eines Vortrages, mit dem Herr Prediger Dr. L e i m d ö r f e r vor Kurzem den Cyclus der dieswinterlichen Vorträge im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" eröffnete. Mit dem Worte Herdec's: „Durch die Sprache, in der der Mensch die Bilder des Alls nennt und nach seiner Empfindung ordnet, ist er ein Nacheiferer der Gottheit, ein zweiter Schöpfer," begann der Redner. Was Herder hier ausspricht, hat er unbewußt einem aramäischen Interpreten der Bibel nachgesprochen, der bei dem Worte „Und der Mensch war ein beseeltes Wesen" denselben Gedanken hat. Was ist nun Ethik der Sprache, gibt es überhaupt eine Ethik der Sprache? Es gibt eine Ethik oer Sprache, um wie viel mehr gibt es eine Ethik der Sprache, in der die Gottheit geredet. Herder sagt in seinem Werke „Vom Geist der hebräischen Poesie" das Folgende: „Ich zweifle, ob der Ursprung der erhabensten und rührendsten Dichtkunst schöner als durch die hebräische ausgedrückt werden könnte. Was Ethymologie und Grammatik anbetrifft, ist die althebrüische Sprache ein Meisterwerk sinniger Kürze und sittlicher Ordnung, man möchte sagen, Gott habe sie für kindliche Menschen erfunden, um mit ihnen gleichsam ein Spiel frischester Lebenslust zu spielen." Unter kindlich ist rein, unschuldig, naiv zu verstehen. Kindlichkeit bezieht sich auf Erwachsene. Denn was ist der Unterschied zwischen Ethik und Sittenlehre? Die Ethik ist die psychologische Begründung der Sittenlehre. Die hebräiiche Sprache ist in dreifacher Beziehung ethisch, insofern es sich 1. um die Suche nach Wahrheit, 2. um ästhetisches Fühlen und 3. um sittliches Wollen handelt, ad 1. Die hebräische Sprache offenbart psychologische Momente größter Tragweite, ad 2. Sie enthält ästhetische Gefühle erhabenster Art. ad 3. Die reinste Ethik zeigt sich in der Welt und im Menschenleben. l. Gott. Welt, Mensch. Welch' Unterschied zwischen der deutschen und der hebräischen Sprache. Im Deutschen denkt man bei dem Worte Gott an etwas Gewaltiges, Erhabenes, aber Unbestimmtes. Der Hebräer hat verschiedene Ausdrücke für Gott: El, Elohim, Zebaoth, Schadai, die alle einen bestimmten Gedanken enthalten. Nie hat es eine Philosophie gegeben, die mit einen Worte das Wesen Gottes bezeichnet hat, wie die hebräische Sprache, das in dem vierbuch stab igen Namen ruht. Darin liegt das ewige, unendliche Sein. Gott war, ist und wird ewig sein. Unter dem Worte Welt versteht der Deutsche das All. das Universum, ab-r auch etwas Unbestimmtes. Der Hebräer hat für Welt sehr viele Worte, wie „Tewel", „Olam", „Schomajim woarez", die alle, wie Redner an ihrem sprachlichen Ursprung nachweist, einen ethischen Gedanken enthalten, und ebenso ist es bei dem Ausdrucke Mensch. Beim Moment des sittlichen Wollens zeigt sich die reinste Ethik der hebräischen Sprache in allen Phasen des menschlichen Lebens. Erstens in der Familie. Die meisten Kinder lallen zuerst das „b" und „m". Dies sind die Naturlaute des Kindes, daher im Hebräischen „Ab" (Vater), „Em" (Mutter). Sohn und Tochter heißen im Hebräischen „Ben" und „Baß" und diese Wörter werden abgeleitet von „bonoh" (bauen) und „bajith" (Haus). Der Hebräer versteht also unter Kinder die Erbauer des (elterlichen) Hauses. Redner geht weiter über zur Erziehung und Schule. Jetzt wird die Erziehung von der Schule getrennt. Im Hebräischen dagegen heißt die Schule „Beth chinuch" (Haus der Weihe). Eine Weihung soll das Schul- und Unterrichtsleben für die Kinder werden. Die Kinder sollen nicht nur — wie heute zumeist — Geistesbildung, sondern auch ganz besonders Herzensbildung besitzen. Für Glück und Unglück hat der Hebräer kein eigentliches Wort, „Masol" und „SchUaumasol" ist nicht hebräisch (Masol ist ein Planet) und bedeutet erst später Glück und Unglück. Das Gute heißt Glück, das Böse Unglück. Welch hohe Ethik. Menschliches Gutesthun heißt menschliches Glück, menschliches Freveln heißt Unglück. Am Grabe eines Papstes steht Michel Angelo's Mosesstatue. Diese zeigt uns, daß der große Künstler auf dem Gebiete der hebräischen Sprache nicht sehr bewandert war, denn der unsterbliche Bildhauer lieh seinem Moses durch eine falsche Lesart statt der Gloriole ein Paar Hörner. Einen gehörnten Moses gab es aber nie. Die jüdische Literatur zeigt uns, wie Christen (besonders zur Zeit der Humanisten) von Juden lernten. Luther selbst wird rul Hebräischen von Nikolaus de Lyra unterrichtet und durch denselben mit dem größten französischen Bibelforscher „Raschi" bekannt gemacht. Auch italienische Bischöfe lernten bei Juden Hebräisch, so ließen sich bei den Deutschen Tajus und Sebastian Münster im Hebräischen unterweisen. Die judenfenfeindliche Bewegung Pfefferkorn's ward bekämpft durch Reuchlin, der hebräische Studien gemacht hatte. Seine „kvndimknta linguae liebraieae“