Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 48 (1.12.1899)
- Date
- 1899-12-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 908 Dr. Bloch's Wochrnfchrifk. Nr. 48 dürfen wir unsäglicher Kraft, immer neuer, immer reicherer gesegneter Kraft. Darum erhebe ich meine Hände und rufe Euch zu, meine Brüder und meine Schwestern, Gott segne Euch! — Gott segne Eure Kraft zu Kampf und Sieg. In tiefer Ergriffenheit Lazarus. Der Eindruck dieser Zeilen war ein überaus mächtiger, der sich in einer spontanen Ovation für den Jubilar auslöste. Anknüpfend hieran entwickelte Dr. F i a l l a, daß der sprechende Lazarus, den wir soeben vernommen, das Bild nur vervollständige, welches der Festredner des Abends uns von dem Meister entworfen, und widmete seinen Dank und sein Hoch dem Herrn Dr. Münz. Dieser und nach ihm auch Herr Rabbiner Dr. G e l bh?a u s erwiderte mit einem beifälligst aufgenommenen Trinkspruche auf den „Politischen Volksverein" und dessen Präsidenten, während Herr Dr. Bloch unter begeisterter Zustimmung der Versammlung der an Geist und Gemüth gleich hervorragenden Gattin des Jubilars gedachte, welche dessen Lebensabend verschönere und dadurch allem schon sich ein großes Verdienst um uns Alle erwerbe. Nachdem noch Dr. Münz und Dr. F i a l l a die herrliche literarische Festgabe besprochen hatten, mit welcher die edle Gattin den Jubilar und das ganze jüdische Volk durch die Herausgabe des überaus reichhaltigen Sammelwerkes: „Sprüche von Lazarus" beschenkt, welches als wahres Volks-und Familienbuch, als Schatzkammer für Geist, Empfinden und Belehrung nirgends fehlen dürfe, endete die schöne Festfeier, welche, gleichwie in der Eröffnungsrede des Vorsitzenden, auch von den nachfolgenden Rednern vielfach in sinnige Verbindung mit der dieswöchentlichen Chanukahfeier gebracht worden war. Vom Jahrmarkt des Lebens. Es dämmert. Der Anbruch der antisemitischen Reaction in Oesterreich kündigte sich bei einer Ergänzungswahl für den Reichsrath im Jahre 1884 im Wahlbezirk Mariahilf zum ersten Male damit an, daß 900 Stimmen auf den Candidaten Dr. Robert Pattai entfielen. Gewählt wurde damals noch mit großer Majorität der Fortschrittliche Neubert. Allein die 900 Wahlzettel, welche aus der Mne des sechsten Wener Wahlbezirks mtt dem Namen Pattai hervorgeholt worden, kündigten für Alle, welche die Zeichen der Zeit zu deuten wiffen, daß die Nacht im Anzuge ist. Und diese Zeichen haben nicht gelogen; settdem ist die Finsterniß über ganz Oesterreich hereingebrochen und hat eine Macht gewonnen wie in keinem Lande Europas. Nun scheint eine Wandlung der Geister sich vorzubereiten und sie kündigte sich wiederum deutlich an bei der Landtagswahl in Mariahilf vom 27. November 1899. Herr Dr. Pattai wurde allerdings gewählt mtt einer Mehrheit von nicht ganz dritthalbhundert Stimmen, allein der fortschrittliche Candidat Schlechter vereinigte auf sich 802 und der socialdemokcatische Candidat Pernerstorfer 801 Stimmen. Dieses Wahlresultat sieht ganz anders aus als jenes vom Jahre 1896; damals erhielt der christlichsociale Candidat Loquai 2119 Sttmmen, sein fortschrittlicher Gegeucandidat Schlechter aber nur 955: Der Christlichsociale hatte also eine Majorttät von fast 1200 Stimmen. Bei dieser Wahl aber standen 2438 christlichsocialen und clericalen Stimmen 1875 fteisinnige gegenüber. Die freisinnigen Stimmen haben sich also nahezu verdoppelt, während die Christlichsocialen nur um 309 sich vermehrten. Das ist ein Symptom für einen tiefen Umschwung in den Gesinnungen der Bevölkerung. Die Zahl der Wähler hat um 714 zugenommen, die Zahl der Wahlberechtigten freilich um viel mehr. Das socialdemokratische Parteiorgan hat aus einem Vergleiche der Wählerliste mit dem Berzeichniffe der Personal-Einkommensteuerpflichttgen constattrt, daß nicht weniger als 4012 Fünf-Guldenmänner einfach aus der Wählerliste ausgelassen wurden. Daß der Magistrat in allerletzter Stunde diese „Enterbten" des Wahlrechtes zur Reclamation aufforderte, hat zur legalen Vervollständigung der Wählerliste nur mehr wenig beittagen können. Wie diese willkürlich ausgelassenen Wähler zum größten Theile estimut hätten, g-ht aus der Stimmenzahl hervor, die heute der .socialdemokratische Candidat erzielte, während vor 2 Jahren keine socialdemokratischen Stimmen gezählt wurden. * * * Der socialdemokratische Wählerverein berief kürzlich in die Gumpendorfer Bierhalle eine Versammlung ein, auf deren Tagesordnung erstens „Der Ausfall der Landtagswahl" und zweitens „Wie schützen wir uns vor künftigem Wahlrechtsraub?" stand. Der geräumige Saal war bereits eine Stunde vor Beginn überfüllt, so daß mehrere Hundert Personen, welche zur Versammlung kamen, keinen Einlaß mehr finden konnten. Die Stimmung der Theilnehmer, welche den Ausfall der Wahl sehr lebhaft erörterten, war eine ftoh erregte. Der Letter des socialdemokratischen Wahlcomitä. Handlungsgehilfe P i ck, gab das ziffermäßige Wahlergebniß bekannt und constatirte den unerwarteten Erfolg der Socialdemokratie. Engelbert P e r n e r st o r f e r, der Candidat der Socialdemokraten, mtt stürmischen Hochrufen acclamirt, besprach die Bedeutung der vorgenommenen Wahl, welche eine entschiedene Niederlage der christlich-socialen Partei bedeute und den großen Rückgang derselben beweise. In Anbettacht der brutalen Entziehung des Wahlrechtes von viertausend Wählern (Rufe: Wahlrechtsraub!), der eolossalen Geldmittel, die für diese Wahl von den Christlich-Socialen aufgewendet wurden, und im Hinblicke darauf, daß für Doetor Pattai der letzte Mann aufgeboten wurde, müsse constatirt werden, daß die Christlich-Socialen eine entschiedene Niederlage erlitten haben. Die Thatsache, daß die Socialdemokraten so viel Stimmen auf sich vereinigt haben, sei ein Beweis für die zunehmende Unzufriedenheit mit der christlichsocialen Herrschaft. Der Kampf wurde seitens der Christlich- Socialen mit den gemeinsten und niedrigsten Schmähungen gegen deren Gegner geführt. Die christlich-socialen Wähler jubeln zwar über ihren Sieg, aber die Führer sehen schon das Nene tekel an der Wand und erkennen aus dem eolossalen Anwachsen der Opposition ihren baldigen Untergang. Hierauf wurde unter Absingung des „Lied der Arbeit" die Versammlung geschlossen. Der Polnaer Proceß und Professor Masaryk. Das Organ der czechischen Studentenschaft „Studentsky Sbornik" widmet den jüngsten Demonstrationen gegen Professor Masaryk eine etgeue Nummer, welche rnit einer Kundgebung, in der die Demonstrationen entschieden verurtheilt werden, eingeleitet wird. In dieser Kundgebung, welche bisher von 604 Hörern der czechischen Hochschulen unterschrieben wurde und der sich eine große Anzahl czechischer Studentenvereine angeschlossen hat, heiß es unter Anderem: „Wir bedauern es, daß sich ein Theil unserer College» zu. unseligen und unwürdigen Demonstrationen in den letzten Tagen im Universitätsgebäude und auf der Straße gegen Professor Masaryk verleiten ließ. Wir wollen auch nicht die Ueberzeugung Jener angreifen, die mit Masaryk's Auftreten nicht übereinstimmen, glauben jedoch, daß sie ihm ihre Nichtübereinstimmung mtt Angabe von Gründen ruhig und würdig hätten mittheilen sollen, wozu die Presse und der persönliche Verkehr ihnen hinreichende Gelegenheit bieten. Sie hätten sich aber nicht zu Handlungen hinreißen lassen sollen, durch welche sie ihren und unseren Ruf geschädigt haben. Wir betrachten es als die erste Pflicht der studentischen Ehre, stets und bei Jedem ohne Ausnahme die Freiheit der Ueberzeugung zu respectiren." Professor Masaryk selbst veröffentlicht in dieser Nummer eine aus die gegen ihn inscenirten Demonstrationen bezügliche Erklärung, in welcher es heißt: „Ich will der Studentenschaft, das Recht, Demonstrationen zu veranstalten, nicht absprechen. Wurden mir ja doch selbst wiederholt freundschaftliche Demonstrationen bereitet, und so muß ich denn, nolens volens, auch feindliche Demonstrationen über mich ergehen lassen. Warum sollte nicht die Jugend ihrer Meinung und ihrem Fühlen einen lebendigen, lärmhaften Ausdruck verleihen? Es handelt sich nur darum, weshalb und wie demonstrirt wird! Deshalb habe ich am Donnerstag im Clementinum die Demonstrationen nicht im Allgemeinen verurtheilt, sondern habe nach dem Grunde derselben gefragt. Denn ich konnte nicht glauben, daß die Studentenschaft keine anderen Gründe, als die aufgelegten Lügen hat, die in verschiedenen Tagesblättern enthalten waren. Ich erfuhr jedoch keine Gründe, sondern nur vergewaltigendes Geschrei. Meine Broschüre ist bereits lange genug in Händen, so daß sich intelligente Leute ein Urtheil über sie bilden können." Professor Masaryk greift dann die czechische Journalistik an und erwähnt, ihm habe es sich nicht um den Antisemitismus