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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Bloch's dortzenschrift. Sette 907 Und wahrlich, gerade die Tage dieser Woche, der heutige Abend, gewidmet unserem altehrwürdigen lichtvollen „W eihef e st e" sind besonders geeignet, mit den großen ruhmreichen Erinnerungen der Vergangenheit die Feier aufrichtenden Beispieles der Gegenwart zu verbinden. Wie es damals galt, kämpfend einzutreten für die ewigen Wahrheiten und Offenbarungen unserer Lehre und unseres Gesetzes gegen äußere nnd innere Feinde und deren Segnungen zu retten für die gesammte Menschheit, — also gilt es heute, da wieder ringsum Feinde uns umgeben, die unsere Glaubenssätze, Moral und Ehre verdächtigen, beschmutzen und leugnen, den unerschöpflichen Gedankeninhalt unseres religiösen Seins, unsere Weltanschauung zu offenbaren und zu bethätigen und an ihrem Lichtquell uns zu erheben und zu kräftigen. (Lebhafte Zustimmung.) Und diesen Gedankenschatz und diesen Lichtquell erschließt uns unseres Meisters, aus den Tiefen des Wissens und der Forschung wie aus den Geheimnissen der jüdischen Volksseele geschöpfte „Ethik", die wie ein Kampf- und Weckruf ertönt zur Belebung und Festigung unseres Selbstvertrauens und unserer Ausdauer in dem häßlichen Kampfe an der Neige des Jahrhunderts, So sei denn unsere Huldigung an den pfadfindendeu Meister mit ein würdiger Theil der diesjährigen Chanukahf e i e r, indem wir unserem großen Denker, Lehrer und Kämpfer, den in unserem Kreise zu erscheinen fortgesetzter Arbeit gewissenhafte Pflicht verhindert, in Verehrung unsere hingebungsvollen Glückwünsche erstatten zu dem seltenen Feste einer halbsäcularen Rückschau auf sein segensreiches Wirken, und mit dem Danke an die Vorsehung für die Gnaden, die sie bisher diesem Makkabäer des Geistes, der Feder und des Wortes gespendet, die Bitte verbinden, daß ihm noch iveiterhin unter dem treuen Walten seiner geistes- und gemüthsverwaudten Gattin sein Lebensabend verklärt und bis an die äußerste Altersgrenze Lebensfreude und Schaffenskraft verliehen bleibe zu seiner Befriedigung und zu unserem Heile. Jubelnder Beifall und Händeklatschen folgte diesen inhalts- und gefühlvollen Worten, denen sich nun die Festrede des Schriftstellers Herrn Dr. Bernhard Münz anschloß. Er schilderte das Leben des Gelehrten von den Tagen seiner Kindheit an. An den Spruch Goethe's mahnend: „Wer den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande gehen", entrollte der Redner den Werdegang des Denkers und Gelehrten und charakterisirte seine Bedeutung als Philosoph, dem es um die Herstellung eines ehrlichen und dauerhaften Friedens zwischen Wissenschaft und Gemüth zu thun sei. Lazarus hängt mit Leib und Seele an dem Gedanken, daß die Idee und die Idealität der Gesinnungen zugleich Quelle und Ziel des menschlichen Handelns sein müssen, und er verlor trotz der sich breit machenden Pflege der mechanischen Weltanschauung den Glauben an die erlösende Macht des Idealismus nicht. Und er that wohl daran, daß er den Muth nicht sinken ließ; denn die hochgestimmten Gedanken, die er wie kaum ein anderer Philosoph in eine stilvolle und abgeklärte Form faßte, haben einem großen Leserkreise vortrefflich gemundet. Die wiederholten Auflagen, die seine Werke erlebten, zeigen, daß das gebildete Publicum gern mit ihm von dem Geiste der Realität zu der Realität des Geistes flüchtete. Er hütete eifersüchtig das Vermächtniß S ch i l l e r's, dessen Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen niemals lesenswerther waren, als in unserer Zeit und vielleicht auch niemals schwerer zu verstehen waren als jetzt. Nächst Schiller diente ihm als Leitstern H e r b a r t, der es ihm durch die Erhebung der lange genug als Stiefkind der Philosophie behandelten Psychologie zum Range einer exacten Wissenschaft angethan hatte. Ohne ein Schulphilosoph zu sein, steht Lazarus auf dem Boden des von Herbart begründeten Realismus und bildet seine Psychologie in dem berühmten Werke „Das Leben der Seele" fort. Dieses bietet keine systematische Bearbeitung der Psychologie, sondern eine mehr oder weniger zusammenhängende Reihe von ausgezeichneten Monographien, welche von Erscheinungen ausgehen, die bisher entweder noch gar keine oder nur eine sehr gelegentliche und nothdürftige Behandlung erfahren hatten. Lazarus handhabt die psychologische Analyse mit ungemein großer Schärfe und Feinheit des Blickes insbesondere für die zarteren und verhüllteren Erscheinungen des Seelenlebens und überrascht durch eine Fülle sinniger Beziehungen, die er zwischen scheinbar fernliegenden Processen zu entdecken weiß. Sein größtes Verdienst ist die im Verein mit S t e i n t h a l unternommene Begründung der Völkerpsychologie. Diese große That hat unsere Lebens- und Weltanschauung erhöht, erweitert und vertieft. Sie entzieht beispielsweise der maßgebenden Ansicht, daß Recht und Sitte als Erfindungen einzelner Heroen zu betrachten oder aus bestimmten Satzungen und vertragsmäßigen Verabredungen, aus einem contrat social abzuleiten sind, die Grundlage und eröffnet der Ethik eine neue Perspective. Lazarus ist nicht ein Jude und a u ch ein Bölkerpsychologe; er ist auch nicht Bölkerpsychologe und auch Jude, sondern er ist Völkerpsychologe geworden, weil er ein Jnde ist, und je mehr er Völkerpsychologe wurde, desto mehr ist er Jude geworden. Seine Zugehörigkeit zu dem Judenthum ist kein Widerschein der Llebe zu den Eltern, sondern haftet tief in seinem Innenleben. Die Religion bildet einen höchsten Theil seines Daseins, das Herz im Organismus seines Geistes. In einer Zeit, in welcher mit der Religion so viel Mißbrauch getrieben wird, sprach Lazarus die Worte: „Es sei denn, daß man die Religion um ihrer s e l b st willen sucht, s o n st wird man sie nicht finde n." Seine „Ethik des Judenthums" ist eine wirkliche nnd wahrhaftige Offenbarung. Sie zeigt das Judenthum in einem ganz neuen Lichte, in dem es weder Freunde noch Feinde bisher gesehen haben. Und nichts ist darin erkünstelt, nichts in das Judenthum bineingeschaut, was nicht aus demselben herausschaut. Der Vater der Völkerpsychologie konnte fürwahr seinen Lebensabend nicht würdiger zubringen, als indem er der Menschheit die in Dunkel gehüllte jüdische Volksseele erschloß. Die fesselnden, gedankentiefen Ausführungen fanden bei dem Auditorium, in welchem sich viele Damen befanden, volles Verständniß und lebhaften Büfall. Nach Schluß dieses officiellen Theiles der Festseier, versammelte sich eine große Anzahl von Freunden und Gästen zu einer Tafelrunde in Khuner's Restaurant, in welcher Anlaß und Zweck des Festabendes vielfachen beredten und sinnigen Ausdruck fand. Zunächst erfreute der Vorsitzende Herr Dr. F i a l l a die Anwesenden durch Mittheilung des Nachfolgenden, von Lazarus an den „Politischen Volksverein" gerichteten Schreibens: An den verehrlichen Vorstand des „Politischen Volksverein" in Wien zu Händen des Herrn Dr. F i a l l a. Meran, 25. November 1899. Hochgeehrte Herren! Aufs Tiefste gerührt, danke ich Ihnen für die hohe Auszeichnung, daß Sie Ihre gütige Theilnahme an meinem Doctor-Jublläum in einer öffentlichen Feier desselben bekunden wollen. Was selten ist, wird hochgeschätzt. Die Ehre aber, die Sie mir erweisen, ist von einer absoluten Seltenheit. Es ist mein Stolz, wenn ich glaube, daß Sie bei aller Herzenssreundlichkeit für mich, doch nicht sowohl meine Person ehren, als den Gedanken huldigen lvollen, die uns mit einander verbinden und den Gesinnungen, die uns vereinen. Es ist jetzt bei uns keine Zeit, frohe Feste zu feiern: aber alle Bereinigungen, alle Zusammenkünfte sind jetzt gut: ob festlich-heiter, ob arbeitsernst, ob praktisch gerichtet odertheoretisch verwerthet, alle Zusammenkünfte sind jetzt Controlversammlungen! - Die zum Kampfe berufen sind — und Alle sind berufen!! — — sollen sich treffen, ihrer Einheit und Zusammengehörigkeit inne werden, — sie sollen einander den Muth und die Ausdauer stärken, den Gedanken Klarheit und Richtung, den Plänen Energie geben und ganz besonders die Zuversicht befestigen auf endlichen Sieg, — auf den Sieg, der den Besiegten noch werthvoller ist als dem Sieger — auf den Sieg der Gerechtigkeit! Ich werde mit^meiner Frau im Geiste mitten unter Ihnen sein. Fühlen wir doch mit sicherster Ueberzeugung und höchster Genugthuung die Innigkeit, mit der Sie uns anhängen und wir I h n e n! Wenn ich bei Ihnen wäre, würde ich darauf Hinweisen, daß wir Juden die Träger der höchsten Ideen sind, welche die ganze Menschheit zu Tage gefördert, - darum und wegen der Anfechtungen, die daraus folgen, be-

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