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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-12-01 · 48 (1.12.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
48 (1.12.1899)
Date
1899-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 9Ö2 Dr. Slorff's WochenUffrifr Nr. 48 nach jüdischen Lehrern suchen. Der spätere Frankfurter Professor Joh. Chr. Beckmann ging mit 22 Jahren (L6öB) zu Jacob Abendana in die Lehre-, Theodor Dassov zu Jsaac Abendana, ebenso Joh. Wülfer der vorher schon als Fünfzehnjähriger zu Fürth „unter Anweisung eines wohlgeübten Rabbi täglich fünf Stunden Bibel, Commeutare und Mischna gelesen". (Zedler, Uuiversal-Lexicon, Band XL1X, 789); zu Fürth besuchte auch Adam Andreas Cnollen drei Jahre lang die jüdischen Talmudvorträge (Schiur; Wolf II, 718), Leusden, Coccejus, Surenhuysen u. A. nahmen ebenfalls, zum Th eile schon in sehr jungen Jahren, jüdischen Unterricht, die beiden erstereu in Amsterdam. Auch hielten sich Surenhuysen und Wülfer später ebenso wie Buxtorf, Wagenseil und Andere einen oder mehrere Hausjuden, die ihnen bei ihren talmudischen Studien und Werken beistanden?) Und die Resultate dieser mit eisernem Fleiße betriebenen talmudistischen Arbeit, denen wir in Monumentalwerken, wie dem Lexicon der Buxtorfe, den Horae hebraieae et talmudicae eines Lightfoot und Schöttgen, sowie vielen Hunderten') von Abhandlungen und Uebersetzungen auf diesem Gebiete begegnen, sie dienten in erster Linie und fast ausschließlich der tieferen Erforschung der Bibel, insonderheit der biblischen Theologie und der biblischen Alterthümer?) Die Philologie dieser Männer war theologisch, während unsere Theologie, besonders die alttestamentliche, heute vielfach Gefahr läuft, rein philologisch zu werden. Mit der Verflachung der Theologie gmg auch das Talmudstudium zurück, die seichte Aufklärung (bei Christen übrigens und Juden) vertrug sich mit dem „Meere des Talmud" nicht. Wo sind heute die Special-Professuren für „l-itteratura Talmudica“? Ganze drei deutsche Universitäts-Professoren lesen heute noch ab und zu über den oder jenen Mischnahtcactat, aber doch nur sozusagen im Nebenamte. „Bewunderung weckt sie in uns, jene Blüthezeit christlichen Talmudstudiums, in welcher dieses nicht (wie Siegfried Theol J.-B. II 52 noch 1882 sagen mußte) an die Pforte der Universitäten, ja an die der theologischen Facultäten klopfte", sondern daselbst zu Hause war; jene Zeit, m welcher der Theologe erst Philologie und zwar vornehmlich hebräisch, und Rabbinica studirte, ehe er sich den specifisch theologischen Fächern widmete, weshalb auch viele der UebersetzUugen ausdrücklich als Jugendarbeiten bezeichnet werden und die Magisterschrift häufig in einer solchen Uebersetzung bestand. Und nicht nur Theologen, auch Juristen (z. B. Wagenseil, Selden) widmeten sich diesem Studium, wenn auch die Theologen (zu deren Facultät meist die Philologen gehörten) b»i Weitem überwogen." Alle diese christlichen Talmudisten, welche dem Talmudstudium chre gesammte Geistesarbeit widmeten, waren bis auf.wenige Ausnahmen nicht Ankläger, sondern Vertheidiger y Surenhuysen nennt als Hausfreunde den Salomo Inda Leo, den Isaak de Mattatja Abuab, den R. Jsak Coenrads (Praef. zu Vol. I seiner „Mischna", pag. 8.) — Er dankt ihnen zwar hauptsächlich nur für die Zeichnungen und Stiche zu seinem Werke; aber diese weisen andere Namen als Zeichner und Stecher auf! Außerdem zeigt sein warmer Nachruf an R. Jsak Coenrads, Praef V. pag. 38, daß dieser ihm mehr war als bloßer Zeichner oder Stecher. — Wülfer hatte seit 1669 zu Altorf als Lpiritus familiaris den getauften portugiesischen Juden Christian de Pomis, mit dem er privatissime die Gemara selbst las und einen ziemlichen Teil davon mit Wunsch absolvirte" — Buxtorf d Ae (16 December 1564, 13 September 1639) „hielt längere Zeit auf seine Kosten verschiedene Juden eine Zeft lang in seinem Hause", wo sogar eine Beschneidung gefeiert wurde, und' stand gleich Wagenseil mit vielen gelehrten Juden in Briefwechsel — Buxtorf der Enkel (1645—1704) hatte neben seinem Vater (BuxWd I 1599—1664) den Hausgenossen R. Abraham als hebr. Lehret??) Werthvolle Sammlungen solcher Abhandlungen und Uebers. z B in Ugolino's „Illesaurua autiguitatum saerarmn" (Venedig, 1744—69; 34 Groß Foliobände). 3) Wie allgemein verbreitet damals das Talmudstudium war, beweisen die Talmudica, die sich aus jener Zeit selbst in kleinen Orlen, z B. Wernigerode a. H. (Fürstl. Bibl.), noch heute finden. des Talmuds, wie in unserer Zeit hervorragende Männer: Franz Delitzsch, August Wünsche, Carl Siegfried, Hermann Strack, Theodor Nöldeke. Nichtig ist, daß - es an einer streng wissenschaftlichen Uebersetzung des gesammten Talmud trotz fast 400jähriger Uebersetzungsbemühungen derzeit noch fehlt. Die Kosten für eine solche Aufgabe veranschlagt Dr. Erich Bischofs (S. 88) auf eine Million Mark — „für das Reich eine Bagatelle." Er fügt ferner hinzu: „Schon oft ist der gleiche Betrag unnützlicheren Zwecken geopfert worden." „Oder wird ein Reicher das Reich beschämen durch eine Stiftung für wissenschaftliche Talmudübersetzung? Möge es bald geschehen." Freilich macht sich hier auch der Schwindel „gelehrter Jndustrieritter", wie der katholische Priester, Professor an der Wiener Universität, Dr. Bickel es richtig bezeichnete, sich besonders breit und die sogenannten „Talmudhusaren" wissen in antisemitischen und clericalen Kreisen die Meinung zu verbreiten, daß man sich vor ihnen und ihren Publicationen fürchte. Daß die Juden den Schwindel nicht unterstützen, wird man wohl verzeihlich finden.Ebenso, daß die Antisemiten stets die Geleimten waren. Da hat ein Schweizer Jndustrieritter, ein ehemaliger Droguist, Namens Stephan M a r u g g die Herausgabe einer Schulchan-Aruch-Uebersetzung „von I. Pavly" unternommen. Welch gewaltige Posaunenstöße der Reclame drangen damals für dieselbe in die Welt! Zu den Subscribenten des Schulchan-Aruch des Stephan Marugg und I. Pavly zählten seinerzeit die Prinzen Alfred, Alois, Franz und Heinrich von Liechten st ein, ferner die D a m e n G r ä f i n Clotilde Clam-Gallas, Gräfin Fünfkirchen-Liechteustein, die Grafen von B l ome, Beritz o l d, R u do l f K h e v e n h ü l l e r, Z d e n k o K i n s k y, Markgraf Alphous Pallavicini, Baron Dräsche und der treffliche Concordatsminister Freiherr von Bach, welcher in seiner politischen Zurückgezogenheit die jüdischen Gesetze studirte. Es war gewiß eine hohe Ehre für das Judenthum, wenn Gräfinnen und Fürstinnen anstatt der Romane von Zola den Schulchan-Aruch studirten. Die antisemitischen Blätter, allen voran das damals hochantisemitische „Vaterland", machten dem Unternehmen die lärmendste, die begeistertste Reclame. So schrieb das „Vaterland" z. B. in der Nummer vom 16. Juni 1887 u. A. Folgendes: „Die Publication beginnt in jüdischen Kreisen gewaltiges Aufsehen zu erregen. Es handelt sich um die von mehreren deutschen Gelehrten unternommene Uebersetzung des Schulchan-Aruch, jenes Buches, welches die Satzungen und das Rituale des sogenannten orthodoxen Judenthums enthält. Der „Osservatore Cattolico" will nun erfahren haben, daß die Oberrabbiner von Berlin, Hamburg, Amsterdam, Kopenhagen, Lemberg und Krakau verkündeten, es sei für Juden eine Sünde, diese Publication durch Abonnement zu unterstützen." Natürlich war das alles erlogen, erlogen, wie die weitere nichtswürdige Behauptung desselben ultramontanen römischen Blattes, „das jüdische Gesetz befehle, die Verfasser von solchen indiscreten „Uebersetzungen" einfach bei Seite zu schaffen!" Zum Beweis dieser frechen Lüge wurde vorgebracht. Dr. Pinner, der eine Talmudübersetzung begonnen, sei vergiftet worden! Die frommen Lügner wußten zwar, daß Dr. Pinner mehrere Decennien, nachdem er die Talmudübersetzung begonnen, im 80. Lebensjahre eines natürlichen Todes gestorben ist — aber das genirte sie nicht. Die ganze antisemitische Presse war unermüdlich thätig, das Werk Pavly's anzupreisen und zu verherrlichen, und wie das nur selbstverständlich ist, hat Professor Rohling, der im Original nicht vorwärts konnte, Alles gethan, um einer congenialen Uebersetzung den Weg zu bahnen.

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