Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 896 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 47 gegen den Christenglauben zu finden sei. Er kenne nur Nizachon und Toledoth Jeschu; diese würden aber von der Mehrheit fürerlogen gehalten. Sein Gutachten ging dahin, man solle den Juden ihre Bücher nicht nehmen, sondern sie sanftmüthig und gütig zum Christenthum überreden; ferner sollten an jeder Universität zwei Lehrstühle für die hebräische Sprache errichtet werden, wozu die Juden kostenlos ihre Bücher herzuleihen hätten. Andere der vom Kaiser eingesetzten Gutachter sprachen sich ähnlich aus. die meisten jedoch mehr oder weniger für Vernichtung der Bücher. Pfefferkorn schrieb darauf den „Handspiegel" und warf Reuchlin vor, nicht die geringste Kenntniß des Hebräischen zu besitzen und von den Juden bestochen zu sein. In der Frankfurter Ostermeffe 1512 bot er selbst das Buch feil. Als Antwort schrieb Reuchlin den „Augenspiegel", um den sich nunmehr der ganze Streit drehen sollte, der Deutschland in zwei Lager spaltete. Er behauptet dann, der getaufte Jude habe nicht weniger als 34 Mal gelogen und betrachte die ganze Geschichte nur als Geschäft. Nun legte sich die Kölner Universität ins Mittel. Der Ketzrrmeister Arnold von Tungen und der Decan Hoogstraten nahmen sich Pfefferkornes an, Reuchlin wurde nach Mainz vor Gericht geladen, appellirte aber an den Papst Leo X. Dieser übertrug die Entscheidung dem Bischof von Speyer. Gegen dessen, für Reuchlin günstiges Urtheil appellirte Hoogstraten wieder an den Papst, der eine Commission von 18 Prälaten zur endgiltigen Entscheidung ernannte. Am 2. Juli 1516 fiel das Urtheil zu Gunsten Reuchlin's aus, das nur noch der Bestätigung des Papstes bedurfte, der aber die Entscheidung aussetzte. Groß war der Jubel. Der Nürnberger Senator Willibald Purkheimer schrieb eine Schrift zu Reuchlin's Vertheidigung, Luther versicherte ihn seiner Ergebenheit, im Vordergrund aber stand Ullrich von Hutten, der auch an den „Briefen der Dunkelmänner" eifrig mitarbeitete. Dies sind angeblich an Ortwin Grazius in schlechtem Mönchslatein gerichtete Briefe voll der einfältigsten Fragen, wovon der Redner einige intercffante Proben gab. Zu Reuchlin's Bertheidigern gesellte sich auch Franz von Sickingen. Inzwischen war der Streit um die jüdischen Schriften längst in den Hintergrund getreten, es handelte sich jetzt darum, ob die aufkeimende Wissenschaft das Recht haben sollte, ihre Ansichten frei zu vertreten. Der Streit bereitete die Gemüther für die Reformation vor. Inzwischen war aber in Rom ein vollständiger Umschwung der Meinungen eingetreten. Papst Leo glaubte der Bewegung der Geister nur durch Festigkeit Herr werden zu können. Fieberhaft war die Thätigkeit der Dominikaner und wirklich wurde am 23. Juni 1520 die Speyerer Entscheidung aufgehoben, der „Augenspiegel" als ein ärgerliches, für fromme Christen anstößiges, den Juden unerlaubt günstiges Buch für den Gebrauch untersagt und sollte vernichtet werden. Reuchlin wurde ewiges Schweigen auferlegt und er außerdem in die Kosten des gesummten Protestes verurtheilt. Der Ausgang hat den Dominikanern nichts genützt und Reuchlin nichts geschadet. Er lebte unangefochten und in hohen Ehren bis an sein Lebensende. Wir Juden aber weihen dem Manne, der zu seiner Zeit allein unter Millionen die Fahne des Judenthums hochhielt, der seine heilige Sprache lehrte und mit Gefahr des eigenen Lebens für seine Bücher eintrat, ein treues nimmer wankendes Gedenken. Berlin. Sehr geehrter Herr Redacteur! Ihre geschätzte Zeitnng vom 17. November enthielt einen längeren Artikel vom M. L. über „Der Zionsstaat noch einmal". Der Verfasser schlägt Australien als Ziel einer jüdischen Maffenauswanderung vor. Dem gegenüber muß constatirt werden, daß 1891 ebenfalls dieser Gedanke auftauchte, aber sofort aufgegeben werden mußte, weil die Arbeiter der australischen Colonien, die zur Zeit die herrschende Partei waren und noch sind, in Massenversammlungen gegen eine jüdische Einwanderung Front machten. Bis heute hat sich in diesen Dingen nichts geändert, die größte Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß bei einer irgendwie zahlreichen Einwanderung von Israeliten sofort ein Einwanderungsverbot erlassen würde, wie es gegen Chinesen schon besteht. Damit erscheint der Gedanke des Herrn M. L. wohl erledigt. Hochachtend SB. Bambus. Jaffy. Die Auswanderung der Juden nimmt hier täglich zu. Viele gehen nach Amerika, manche denken an Armenien. Das Cypernproject beschäftigt mehrere rumänische Zeitungen, die Interviews mit Davis Trietsch, der hier war, Dr. Lippe und Rabbiner Dr. Nemirower bringen. Ein Lichtpunkt in dieser allgemeinen Verwirrung ist die Subvention der hiesigen Schulen seitens der Jewish Kolonisation. Nachdem Dr. Sonnenfeld und Director Astruck hier gewesen, der Seccetär der Jewish Colonisation Dr. Schwarzfeld, Bukarester und Jassyer Mitglieder des Landesschulcomites, Rabbiner Dr. Beck, Brociner Dr. Tiktin, Dr. Herzenberg, Weisengrün, Rabbiner Dr. Niemirower und Dr. Margulies in Paris, zum Theil in Berlin, intervenirten, sicherte man mehreren Schulen des Landes eine größere Unterstützung zu. Ferner ist es erfreulich, daß auch in den hiesigen Culturaschulen jetzt genügend hebräisch und Religion unterrichtet wird, Dank der Energie der hiesigen Rabbiner Dr. Niemirower, Schnürer, Goldenthal und Rosenbaum. Die Bnebrith- Loge hat eine jüdische Handelsschule unter dem Ehrendirectorat Rabbiner Dr. Niemirower eröffnet. Jerusalem. (Einwanderungsschwierigkeiten.) Der hiesige amerikanische Consul Mr. M e r i l l hat in dem an seine Regierung erstatteten Bericht folgende Angabe über die Schwierigkeiten der Einwanderung in Palästina gemacht: „Die türkische Regierung verlangt, daß alle Fremden, die als einfache Besucher des heiligen Landes hier ankommen, sich verpflichten, in einem Monat, spätestens in drei Monaten das Land wieder zu verlassen, aber es ist keine Vorschrift darüber vorhanden, wie diese Abreise garantirt werden soll. Das Versprechen der Ankommenden genügt den Türken natürlich nicht, und so wird von ihnen eine Geldabgabe erhoben, die die verschiedensten Namen führt: Taxe, Abgabe, Depot, Contract oder ganz einfach Backschisch. Wer von den Einwanderern kein Geld dafür bezahlt, hat große Scherereien. In vielen Fällen wird der Consul angerufen, und da dieser die Leute nicht kann umkommen lasten und überzeugt ist, daß der Dampfer, der sie hergebracht, die Aermsten nicht ohne Bezahlung zurücknimmt, garantirt er mit seinem Wort dafür, daß die Fremden zur festgesetzten Zeit wieder abreisen werden. Amerikanische Juden, die als bona üäs- Reisende hier ankommen, haben keine größeren Umstände bei ihrer Landung als christliche Reisende. Nur die einwandernden russischen und polnischen Juden, von denen die Regierung voraussetzt, daß sie im Lande bleiben und die Zahl der Colonisten vermehren wollen, haben unter den Maßregeln der Hafenbehörde zu leiden." Vermischtes. Wien. (Zum Lazarus-Jubiläum.) Anläßlich des am 30. November d. I. stattfindenden fünfzigjährigen Doctorjubiläums des allverehrten Geheimrathes Universitäts-Professors Dr. M. Lazarus veranstaltet der Politische Volksverein unter Vorsitz des Präsidenten Herrn Dr. F i a l l a Dienstag, den 28. d. M. um 7'/- Uhr Abends im Festsaale des Kaufmännischen Vereines, I., Johannesgasse 4, eine F e st f e i e r, bei welcher der Schriftsteller Herr Dr. Bernhard Münz die dem Wirken des hochverdienten Jubilars gewidmete Festrede halten wird. Aus demselben Anlasse ist aus der Feder des Herrn Dr. Münz im Verlage von Dümmler in Berlin soeben eine die philosophisch-wissenschaftliche Thätigkeit des Professor Lazarus behandelnde Jubiläums-Festschrift erschienen, welche wir im allgemeinen Interesse den weitesten Kreisen empfehlen. Wien. Samstag, den 9. December 1899, 77, Uhr Abends präcise, findet im Festsaale des Nieder-Oesterr. Gewerbe- Vereines, I. Eschenbachgasse, 11, folgender Bortrag statt: Professor Dr. I. Freude nthal: Spinoza und die modernen Denker Deutschlands. Wien. Der israelitische Cultusvorstand von Czernowitz hat an ddn Reichsrathsabgeordneten Dr. Straucher aus Anlaß seiner letzten Rede im Abgeordnetenhaus folgendes Telegramm abgesandt: Cultusrath in gestriger Abendsitzung einhellig Ihnen für ihr mannhaftes Auftreten im Abgeordnetenhause gelegentlich Debatte über Vorfälle in Mähren durch entschiedene Abwehr Angriffe auf unsere Glaubensgenossen Dank und Anerkennung hiesiger Cultnsgemeinde ausgesprochen. Mit collegialem Gruß Präses T i t t i n g e r. Wien. Unter zahlreicher Betheiligung fand Dienstag den 21. d. M. das Leichenbegängniß Rabbiner B r e u e r's statt. Im Trauerhause, woselbst der Schwager des Verblichenen, Herr