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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-24 · 47 (24.11.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 892 Nr. 47 Dr. Bloch's Wochenschrift. welcher er, anknüpfend an die durch das in Rennes gefällte Urtheil bei den Engländern hervorgerufene Bewegung, zunächst dagegen Einsprache erhebt, daß die katholische Kirche für die Verfolgung und Verurtheilung des Capitäns Dreyfus verantwortlich gemacht werde. Die in der Sache compromittirten Generale und Officiere seien nicht aus katholischen, sondern aus Staatsschuleu hervorgegangen. Man könne bedauern, daß die Bischöfe keinen Versuch gemacht hätten, die von dem Clerus und den Gläubigen vorgetragenen Ansichten zu controliren. Indessen habe, prima facie, die Sache anfangs für Dreyfus ungünstig gelegen. Ehrliche und einsichtige Männer standen auch auf der gegnerischen Seite und Alles war ungewiß, bis die volle Evidenz zutage trat. (!) Was würde man in England dazu sagen, falls die Bischöfe die öffentliche Meinung in irgend einer discutablen Angelegenheit zu beeinflussen unternehmen? Und wo bleibt die Freiheit der Ueberzeugung, wenn man verpflichtet ist, die von einem Anderen vorgeschriebene Ansicht sich anzueignen, (ein Satz, den die Tyrannen gewisser Modemeinungen in kirchlichen Dingen sich wohl merken mögen!-. Die Franzosen haben das Recht, ebenso frei wie wir zu denken. Man hat auch den heiligen Stuhl um seine Intervention angegangen (wer?), aber er lehnte es mit Recht ab, sich in die Angelegenheiten Frankreichs zu mischen, und hätte er es thun wollen, so würde er durch seinen officiellen Vertreter in Paris zu Frankreich gesprochen haben. „Darüber kann man sich wohl wundern, daß die Verfolgung der katholischen Associationen und der caritativen Werke hier in England nicht auch einen Schrei der Entrüstung hervorgerufen hat. Dann aber ist zu betonen, daß die katholische Kirche - die Verfolgung der Juden und jeder fremden Race verurtheilt. Begehen Juden oder Christen etwas Strafbares, so sollen die Gesetze ihren Lauf haben, nicht, weil die Einen Inden sind, sondern weil sie Uebelthäter sind, gleichgiltig ob Heiden oder Juden. Die katholische Kirche hat die Juden nie verfolgt, die Päpste sind im Gezentheil ihre Beschützer gewesen. Das Renner Verdick will ich nicht vertheidigen, ich theile im Gezentheil die Entrüstung über dasselbe, da es durch keine Evidenz gerechtfertigt ist; Jedermann hat das Recht, zu sagen, daß ein derartiges Urtheil eine Infamie ist. Aber weil fünf Officiere ein solches Urtheil gefällt haben, bevor der höchste Gerichtshof des Landes es bestätigen konnte, ist es odios, eine ganze Nation als ein Land von Wilden zu denunciren und die englischen Producenten deshalb an der Beschickung der Ausstellung verhindern zu wollen. Die Presse hat auch die Aechtung aller stanzösischen Maaren bei uns vorgefchlagen, aber dabei vergessen, wie viel Gutes von den in unserem Handel und den Werken der Nächstenliebe beschäftigten Franzosen unter uns geschieht. Frankreich ist auch unser nächster Nachbar in Asien und Afrika, und es ist schon deshalb unthunlich, ein so empfindliches Volk so hart an seiner Ehre anzufassen. Es scheint mir, daß wir im Hinblick auf die Geschichte und den Charakter der uns als nächster Thürnachbar so nahestehenden großen Nation und auch im Interesse des Unglücklichen, dessen Sache wir (in England) zu der unsrigen gemacht haben, daß endlich auch die uns selbst als einem unter dem Gesetz und dem Geist des Christenthums stehenden Gemeinwesen geschuldete Achtung uns zu größerer Zurückhaltung verpflichten sollten. Die Berliner Finkenschaft und die Judensrage. An der Berliner Universität hat sich am Ende des vorigen Semesters die Finkenschast organisirt, eine Thatsache, die auch für die Judenfrage nicht ohne Bedeutung ist. Da an den Universitäten der Theil des Heranwachsenden Geschlechts, der gemäß seiner Bildung vor allem berufen ist, die Führung des Volkes in allen Fragen, die dasselbe bewegen und erregen zu übernehmen, sich seine Anschauungen bildet und festigt, da die Jugend empfänglich für neue Eindrücke, leicht geneigt, frische Ideen in sich aufzunehmen, ist, so ist jede neue Strömung um so beachtenswerther, sobald sie in diesen Kreisen Eingang findet. Und es scheint so, als ob ein neuer Geist betreffs der Judenfrage in die Räume der Friedrichs-Wilhelm-Universität einzuziehen beginnt, als ob eines neuen Frühlings Wehen junge Keime hervorsprießen läßt. Officiell nimmt die Finkenschast zu politischen oder religiösen Fragen überhaupt nicht Stellung; sie gestattet jedem ohne Weiteres in politischer wie religiöser Beziehung „nach seiner Fa^on selig zu werden." Sie will ja nicht das Trennende — und was wäre trennender als politische und religiöse Divergenzen? — sondern vielmehr das Gemeinsame aller Studirenden hervorheben, um so alle Nichtorganisirten auf neutraler Basis zu einen. Niemand soll Gewissenszwang angethan, Niemand eine Stellungnahme in diesen Dingen aufgedrängt werden. Indessen auch eine negative Stellungnahme birgt einen positiven Kern in sich. Die Finkenschast hat die Studenten gelehrt, nicht in der Judenstage „in verba magistri“ zu schwören, nicht nachzubeten und blind zu glauben, was „Staatsbürgerzeitung" und Graf Pückler'sche Reden erzählen, sondern ohne Vorurtheil an die Dinge heranzugehen, mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenen Ohren zu hören. Wie wichtig es vorerst war, die Studirenden von blindem Gefolgsthum abzubringen, mag folgende kurze Skizzirung der bisherigen Verhältnisse an der hiesigen Universität lehren: Bis zur Gründung der Finkenschast war der „Verein deutscher Studenten" in der Studentenschaft allmächtig. Ohne seine antisemitischen Ziele auf seine Fahne zu schreiben, verstand er es unter der ausgezeichneten Leitung seines augenblicklichen ersten Vorsitzenden durch ostentative Hervorhebung seines „nationalen" Standpunktes, die Leitung aller studentischen Angelegenheiten in seine Hand zu bekommen, so unter anderem das Uebergewicht in der „parteilosen" Akademischen Lesehalle. Gegen ihn kämpften vor allem die „Freie wissenschaftliche Vereinigung" und der „Socialwissenschastliche Studentenverein", Vereine, die, wenn auch nicht officiell, so doch thatsächlich eine oppositionelle (oppositionell im politischen Parteisinne) Stellung einnahmen und andererseits zum großen Theil aus Juden bestanden. Nun hatten die nichtcorporirten Studirenden (der bei weitem größte Theil an der hiesigen Universität) und manche Vereine, die keineswegs die antisemitischen Neigungen des „V. D. St." thnlten, indessen auch nicht insoweit „Philosemiten" waren, daß sie jüdischen Kampfvereinen ihre Unterstützung leihen wollten, nur die Wahl zwischen jenem und diesen. Oft schlossen sie sich dann dem „V. D. St." an, da es schließlich noch ein weiter Weg, zumal für einen wenig energischen Menschen ist, vom Nichtantisemitsein bis zur offenen Unterstützung des Kampfes für die Juden. Zum Anschluß an den „V. D. St." wurden insbesondere auch die politisch mehr rechtsstehenden, nicht nichtjudenfeindlichen, Studirenden bestimmt, da es für sie ganz und gar unmöglich war, die politisch links stehenden Vereine, die den Kampf gegen den Antisemitismus führten, zu, unterstützen. Jetzt trat die Finkenschaft auf, mit ihrem Programm politischer und religiöser Nichtparteinahme. Sie stellte jedem frei, welche Gesinnung er pflegen wollte, sagte indessen allen: ihr sollt auch hierin stuckiosi, d. h. Beflissene, die Wahrheit uno das Rechte zu finden, sein; ihr sollt euch auch noch gar nicht entscheiden, weder für Philosemitismus, noch für Antisemitismus, sollt neutral bleiben, bis ihr im Laufe Eurer ferneren Entwicklung, in ernster Arbeit, austichtigem Bestreben, den Kern der Dinge zu betrachten, einen festen Standpunkt gewonnen haben könnt. Und wo wäre es leichter, einen solchen zu gewinnen, als in einer Vereinigung, in der Juden und Christen gemeinsam arbeiten, vereint wirken. Auf wlsseuschaftlichem und sportlichem Gebiet, also auf gänzlich Neutralem Boden finden sich Juden und Nichtjuden in der Finkenschaft zusammen, um hier mit oder wenigstens nebeneinander ihren Neigungen nachzugehen. Wohl mag es manchem, von Haus aus antisemitischen Studenten im Anfang nicht gerade angenehm sein, mit jüdischen Commilitonen zusammen zu sein, indessen die ausgleichende Wirkung der Zeit läßt diese Herren an das bloße Zusammensein sich gewöhnen. Einen Schritt weiter und der frühere Antisemit lernt, daß auch Juden sozusagen Menschen, selbst anständige Menschen sind. Er lernt sie kennen und damit manches „von den Vätern ererbte" Vorurtheil bei Seite legen. 'CI Daß gegen diese Bewegung aufs erbittertste vom „Verein deutscher Studenten" gekämpft ist und gekämpft wird, ist erklärlich. Doch, wenn nicht alle Zeichen trügen, wird sie blühen und gedeihen. In der vor einiger Zeit erfolgten Wahl des Präsidiums wurde dasselbe aus 6 christlichen und 1 jüdischem Studenten zusammengesetzt. In den Abtheilungsvorständen und dem Ausschüsse sind zahlreiche jüdische Studirende. Und nicht allein in Berlin, auch auf anderen Universitäten, z. B. Halle und Leipzig, haben sich Finkenschaftsorganisationen gebildet, auch nicht ohne daß heftige Angriffe gegen das Princip religiöser und politischer Toleranz erfolgt wären. Döch es ist Hoffnung, daß die Worte des ersten Berichtes der Leipziger Finkenschast zu schöner Wirklichkeit werden: „Das war der Grundsatz, weder politische noch religiöse Tendenzen in der Finkenschast groß zu ziehen. Burgfriede soll herrschen in diesen Dingen und Achtung vor der gegegseitigen Ueberzeugung der Commilitonen". S. I. Der Gesinnungswechsel des Judenplatzes. Jeder christlich-sociale Gemeinderath hat das Recht und die Pflicht, nicht nur bei passenden Gelegenheiten „Hoch Lueger!" zu rufen, sondern auch in der lieben Stadt Wien womöglich Alles zu vertilgen, was die Harmonie dieses schönen Rufes stören könnte. Da gibt es im christlichen Wien seit einigen hundert Jahren einen stillen Platz, der den Namen „Judenplatz" führt. Es ist wahr, er ist halb versteckt, der Platz mit dem schauderhaften Namen, aber es ist und bleibt der „Judenplatz" und die Straßentafeln, die Eigenthum der Stadt Wien sind, tragen diesen Namen. Das müßte anders werden. In einer kürzlichen Gemeinderathssitzung beantragte Gemeinderath Pichler: „Der Gemeinderath wolle im Interesse der W ü r d e und des Fortschrittes der Reichshaupt- und Residenzstadt, sowie im Interesse des absolut deutschen und christlichen Charakters unserer lieben Vaterstadt Wien, als der vornehmsten Stadt des Reiches, sowie endlich zurHebung der äußeren Repräs e n t a t i o n d e s h o h e n M i n i st e r i u m s des Innern beschließen: Der diesen Platz verunzierende Name „Judenplatz" sei

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