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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-24 · 47 (24.11.1899) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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m. 47 Dr. V^'.ich's Wvchenschrisr. Leite 8N 1 erste Regung des Volksgewissens in Oesterreich, das erste Mal, daß eine christliche Persönlichkeit von Rang öffentlich gegen das Unrecht aufgetreten ist, welches an Juden verübt wurde. Wie oft haben wir bei Vergleich unserer Zustände mit den französischen die schmerzliche Empfindung gehabt, daß die gleiche Unmoral wie in Frankreich, auch bei uns herrsche, der Unterschied nur darin bestehe, daß uns die Männer fehlen, wie Z o l a, P i c q u a r t und L a b o r i. Es war doch zu pessimistisch gedacht. Auch in Oesterreich hat sich ein Held gefunden, der umgeben von Lüge, Verrath und Gemeinheit sein Wort für die Wahrheit zu erheben wagte. Schon zeigen sich die ersprießlichen Wirkungen. Auch unter den czechischen Studenten hat sich eine große Anzahl von jugendlichen Idealisten gefunden, welche der Tagesströmung zum Trotze sich um ihren verehrten Lehrer schaarten. In Frankreich waren es die Jntellectuellen, Schriftsteller, Gelehrte, Aerzte und Künstler, welche den Kampf mit der Lüge führten und trotz der Feigheit der Politiker die Republik retteten. Die letzten Ereignisse in der französischen Kammer scheinen endgiltig den Sieg der Republik zu bedeuten. So bedeutet nun die That Masaryk's, die Veröffentlichung der Broschüre, welche die Revision des Polnaer Processes befürwortet, einen Wendepunkt in der Geschichte des öffentlichen Geistes in Oesterreich. Daß der erste und einzige Mann, der der Hydra des Antisemitismus zuerst offen entgegentritt, ein Czeche ist, und daß sich unter den Deutsch - Oesterreichern noch keine solche Persönlichkeit gesunden hat, das gereicht den Angehörigen dieses Culturvolkes zum Ruhme. Man vergleiche die Haltung Masaryk's mit dem Betragen der Politiker aller Parteien im Reichsrathe und man wird erst dann den vollen Werth der That des Gelehrten und Menschenfreundes Masaryk voll wü digen können. Sein Beginnen läßt sich nicht nur der That Zola's gleichstellen, es gehörte beinahe noch ein größerer Muth dazu. Zola ist ein reicher, unabhängiger Mann, der sich eines Weltrufes erfreut und welcher hoffen konnte, durch sein Auftreten die öffentliche Meinung auf seine Seite zu bringen. Er war der Unterstützung der Jntellectuellen sicher. Masaryk dagegen ist auf das bescheidene Einkommen seiner Professur angewiesen mit seiner zahlreichen Familie. Ec steht ganz isolirt. Die gesammte czechische Tagespresse ist in den Händen der Jesuiten, alt- und jungczechische und radicale Blätter. All' dieses muß berücksichtigt werden, um die Größe der That Masaryk's zu begreifen und zu würdigen. Ein Mann, der solche Seelenstärke beweist, wird sich sicher nicht einschüchtern lassen durch lärmende, augestiftete Demonstrationen von jugendlichen Schwärmern und Jesuitenknaben. Wer für Wahrheit und Recht eintrilt, kann dem Martyrium uicht entgehen, der ist aber auch bereit, für seine Ansichten zu dulden und zu leiden. Er wird aber in seinem Gewiffen Trost finden für die Kränkungen, welche ihn» schlechte und irregeführte Menschen zufügen. Das Bewußtsein, eine gute That vollbracht zu haben, wird ihn erheben und stärken und ihm neue Kraft und frischen Muth verleihen, um den Kampf gegen die Finsterniß sortzusühren. Wenn auch das Häuflein der Kämpfer um die Wahrheit und das Recht ein kleines ist, so dürfen dieselben nicht vergessen, daß die Wahrheit an und für sich schon eine große Macht ist, welche auf die Dauer stets den Sieg über die Lüge und Schlechtigkeit davontragen muß. Der Kampf gegen den Jesuitismus sollte nun offen geführt werden, man muß den Feind mit den richtigen Namen bezeichnen und darf ihm nicht erlauben, sich unter falschem Namen von Antisemitismus und Nationalitätenhader zu verbergen. Die Larve muß ihm vom Gesichte gerissen werden. Das Auftreten Masaryk's ist der Beginn der Gesundung des öffentlichen Geistes in Oesterreich, die Morgenröthe einer besseren Zeit. Kaiserin Augusta und Dr. Lueger. Als kürzlich der Stadtverordnete Dr. P r e u ß in wenig geschmackvoller Form das bekannte Bibelwort: „Der Herr hat's gegeben" u. s. w. persiflirte, erhob sich alsbald im gesammten antisemitischen Blätterwalde ein wüthender Orkan, der noch bis zum heutigen Tage sich nicht völlig erschöpft hat. In der Bcandenburgischen General-Synode beantragten die Herren v. L e v e tz o w und der Hansminister v. Wedelt eine Entrüstungsresolution, die auch angenommen wurde. Dr. Prenß ist- Privatdocent an der Berliner Universität und wurde gegen ihn von Seiten des Unterrichtsmimsters die Disciplmar-Untersuchung eingeleitet. Nun hat der Obersthofmeister der Kaiserin Baron Mirbach in einem eigenen Schreiben den „tiefen Schmerz" Ihrer Majestät der Kaiserin der Stadtverordneten- Bersammlung zur Kenntniß gebracht, „daß vor Kurzem in Eurer Hochwohlgeboren Abwesenheit in der Stadtverordneten-Bersammlung ein Lehrer der königlichen Universität, ohne in gebührender Weise zurückgewiesen zu werden, heilige evangelische und biblische Trostworte in einer Weise zum Spott benützte, welche jede Sitte, vor Allem aber das christliche Gefühl aufs tiefste verletzen mußte". Das Vergehen des Dr. P r e u ß besteht darin, daß er von einer Verfügung des Cultusministers sagte: „Excellenz hat's gegeben. Excellenz hat's genommen, der Name Seiner Excellenz sei gelobt". Unser Wiener christlich-socialer Bürgermeister und Oberantisemit Dr. Lueger sagte nun am 23. v. M. in einer antisemitischen Versammlung: „Die Sprachenverordnungen sind gegeben, die Sprachenverordnungen sind uns wieder genommen worden — gelobt sei der judäo-magyarische Einfluß". Nun ist das persiflirte Bibelwort ein Citat Hiob!, 21, und das Vorgehen des „Juden" Prenß wird als ein frevelhaftes öffentlich gezüchtigt, der Mann hat bereits öffentlich Abbitte geleistet, ohne daß es ihm sonderlich genützt hat. Während an den Wiener Bürgermeister nicht einmal der leiseste Tadel sich heranwagt. Darin manifestirt sich die arische Anschauung von Recht und Gerechtigkeit. Wie „Ritualmorde" gemacht werden! Sowohl in der Stadt Krakau, wie in der Umgebung wird eine überaus heftige Agitation aus Anlaß des angeblichen Polnaer Ritualmordes entfaltet. Vorige Woche weilte der Mechaniker Schneider einige Tage in Krakau und ließ über 20.000 Exemplare seiner Parlamentsrede in polnischer Sprache unter der Bevölkerung von Krakau vertheilen, ohne daß die Behörde dagegen eingeschritten wäre. — Am 16. d. M. Abends, versuchte ein besser gekleideter Mann in einer jüdischen Schenke in Podgorze bei Krakau, ein todtes, in blutige Fetzen gehülltes Kind, unter einer Bank abzulegen. Er wurde dabei jedoch ertappt und sofort der Polizei übergeben. Dem Commissär gegenüber behauptete er. das todte Kind sei sein eigenes, das er aus der Kirche brachte, um es in Wieliczka zu begraben; den Erlaubnißschein dazu habe er verloren. „Christliche" Frauen. In einer Versammlung des deutsch-nationalen Bezirksvereines Währing kam ein Vorfall zur Sprache, der ein neues Gebiet der Thätigkeit des christlich-socialen Amazonencorps, genannt Christlicher Frauenbund, beleuchtet. Der ehemalige antisemitische Gemeinderath, Bürgerschullehrer A r n h a r t, der wegen seiner Zugehörigkeit zur deutsch-nationalen Partei sich des Hasses dieser, christlich-sociale Politik treibenden Damen erfreut, wurde in einer Versammlung des Frauenbundes heftig angegriffen. Es wurde sogar ein Beschluß gefaßt, wonach der Währinger Ortsschulrath die Versetzung dieses Lehrers bei dem Bezirksschulrathe blos aus dem Grunde erwirken möge, weil mau „vermuthe". daß Arnhart der Verfasser mehrerer gegen die Directoren Stisc und .Tomola — bekanntlich christlich-sociale Parteigänger — gerichteter Zeitungsartikel sei und dadurch das Ansehen der Lehrerschaft dieses Bezirkes geschädigt habe. Auf diese Denunciation antwortete der obengenannte Verein durch eine geharnischte Resolution, in der es unter Anderem heißt: „Es verträgt sich unserer Ansicht nach nicht mit dem Ansehen und der Würde christlicher Frauen, wenn sie. anstatt in ihrer Familie ihren Platz voll und ganz auszufüllen, ihre Christenpflicht dahin auffaffen, daß sie ins Wirthshaus gehen und dort ehrliche Männer durch niedrige Angebereien zu schädigen suchen." Der Beschluß des Christlichen Frauenbund wird hieraus als freche Anmaßung zurückgewiesen und demselben die tiefste Mißachtung ausgesprochen. Hierauf wurde, wie wir der „Ostdeutschen Rundschau" entnehmen, ein Zusatzantrag angenommen, den wir uns nicht versagen können, hienut zum Abdruck zu bringen. Derselbe lautet: „In Anbetracht des geschilderten übermüthigen Benehmens von Mitgliedern des Christlichen Frauenbund empfiehlt die tagende Versammlung des Bezirksvereines deffen Mitgliedern, in Hinkunft von Frauenversammlungen heimkehrende, bes.Frauen des obgenannten Bundes nicht mehr hilfsbereit ihrem Heim zuzusühren, sondern unbeachtet im Kothmeer der Straßen Wiens weiter kollern zu lassen und sich höchstens einer photographischen Aufnahme zu versichern". Ein Cardinal über die Affaire Dreyfus'. Der Cardinal Baughan. Erzbischof von Westminster. hat eine Zuschrift an die Herausgeber der „Times" g richiet, in

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