Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 47 (24.11.1899)
- Date
- 1899-11-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Vr. Bloch's Wochenschrifk. Seite 687 weckt. Wenn aber heute noch Inden es für angebracht halten, die Verhältnisse im Osten als weniger schlimm hinzustellen, als sie in Wirklichkeit sind, so laden sie hiermit eine schwere Verantwortlichkeit aus sich. Galizien ganz besonders hat mit Recht die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Die ökonomische Nothlage der dortigen Judenheit spottet jeder Beschreibung. Wenn durch viele jüdische Zeitungen die Angabe ging, daß dort jährlich 10.000 Juden an Hungertyphus zu Grunde gehen, so ist diese Zahl allerdings zu hoch angesetzt. Andererseits aber muß auch die Behauptung, die neuerdings ausgestellt worden ist, daß überhaupt in Galizien keine Hunger-Typhus-Epidemie bestände, daß sie rein erfunden sei, zurückgewiesen werden. Die Wahrheit liegt genau in der Mitte. Die statistischen Angaben, welche S. R. Landau in seinem trefflichen Buche „Unter jüdischen Proletariern" im Anschluß an Szczepauowsky gibt, wonach fünf bis sechs tausend Juden jährlich Hungers sterben, dulden keinen Zweifel. In einem Artikel, „die Landwirtschaft in Galizien", den W. B u dz y n o w s k i j in den Pernerstvrfer'schen Monatsheften „Deutsche Worte" vom Juli 1893, veröffentlicht hat, gibt er, auch mit Berufung auf S z c z e p a n o w s k y, die Zahl der jährlich an Hungertod sterbenden Galizianer ans 50.000 an! Da die Einwohnerschaft Galiziens 6% Millionen beträgt, und 772,000, also z/t Millionen Juden dort leben, so ergibt sich, daß etwa 6.000 unter den 50.000 verhungerten Menschen Juden sein werden. Bringen wir nun in Rechnung, daß im Allgemeinen die Sterblichkeit der Juden eine geringere ist, als die der übrigen Bewohner, so wird man ohne Uebertreibung von 5000 jährlich Hungers sterbenden Juden in Galizien sprechen können. Diese Thatsache kann nicht grell genug beleuchtet werden. Ebenso ist es durchaus zu verwerfen, wenn kürzlich der Versuch gemacht wurde, eine andere Thatsche, die einen ebenso tiefen Einblick gewährt in die ökonomische und sociale Versumpfung, die in Galizien herrscht, wegzuleugnen. Es handelt sich um die Prostitution und den Mädchenhandel. An dem schändlichen Verkaufen und Verhandeln weißer Sclavinnen nehmen fraglos galizische Juden in hohem Grade theil. Fast jeder Proceß, der in neuester Zeit aus diesem dunkeln Gebiet geführt worden ist, beweist dies. Und auch, daß jüdische Mädchen in immer wachsender Anzahl diesem trostlosen „Gewerbe" zugsführt werden, ist eine nur allzubekannte Thatsache. Der Versuch eines im übrigen verdienstvollen Mannes, den Vorwurf der Prostitution dadurch von Galizien abzuwenden, daß er darstellt, die unehelichen Kinder der Juden seien solche, die von nur rituell, nicht aber civil getrauten Eltern abstammen, trifft doch ganz und gar nicht die Sache. Nicht die „unehelichen" Kinder werden als Beweis für die Prostitution unter den Jüdinnen Galiziens angeführt, sondern die jüdischen Mädchen, die außerhalb Galiziens, meistens unter dem südlichen Himmel von Buenos Ayres, als lebendige Zeugen des schmachvollen Druckes leben, unter denen ihre Eltern und sie im Heimatlande zu leiden haben! Es ist eine entschieden verdienstvolle Thal, daß sich die Juden in Deutschland energisch der Bekämpfung dieses scheußlichen Handels zuwenden wollen, und daß sie die Angelegenheit, so weil es angeht, in voller Oeffentlichkeit behandeln. Die furchtbaren Zustände, die in jeder Beziehung m Galizien herrschen, müssen völlig aufgedeckt werden, nur dann wird man mit vollem Erfolg die Hebel zur Rettung ansetzen können. Zwei Mittel sind es hauptsächlich, die zum Wohle der galizischen Juden in Vorschlag gebracht werden, das sind: die Emigration und die innere Colvnisation. Ich will mich hier darauf beschränken, darzulegen, welche Gründe besonders für die Ueberführung der Juden zur Landwirthschaft sprechen, und in welcher Weise diese Seßhastmachung zu erfolgen hätte. Die Juden sind in den letzten Decennien durch die antisemitische Haltung der Regierung und der Bevölkerung planmäßig aus den Gewerben vertrieben worden, die ihnen bisher Unterhalt gewährt hatten. Der Salzhandel, das Schankgewerbe, das Tabakgeschäft sind ihnen beinahe völlig heute verschlossen. Sie sind fast ausschließlich im Kleinhandel und im Handwerk beschäftigt. Aber gerade der Kleinhandel ist das Berhängnißvollste, was sie betreiben können. Da Galizien überhaupt ein armes Land ist, das keine große Industrie, keinen Großhandel aufzuweisen hat, so lastet dieser Zwischenhandel schwer auf der Gesammtheit. Ist es da verwunderlich, wenn die antisemitischen Aufhetzungen günstigen Boden in der Bevölkerung finden? Aus diesen unerträglichen Zuständen müssen die Juden heraus, sie müssen der Landwirtschaft zugeführt werden. Den immer wieder angeführten Borwurf, die Juden wären hierzu ungeeignet, widerlegt Dr. L. H o r o w i tz aus Krakau mit den Worten: „Der Jude arbeitet in der Landwirthschaft commerciell. In der Ausnützung der Zeit, in der Verwerthung der Products, in der Benutzung des Credits, im Einkaui des Rohstoffes, in der Berechnung der Conjunctur und endlich in dem geringen Maße seiner Ansprüche, in seiner Bedürfnißlosigkeit liegen ungeheure Vortheile, welche den jüdischen Landwirth im Vergleiche zu den Szlachcice concurrenzfähig machen." Dieser Hinweis daraus, daß der Jude befähigt ist, den Landbau „commerciell" zu betreiben, ist von allergrößter Bedeutung. Ist dies der Fall, so wird er zweifellos den Concurrenzkampf mit dem galizischen Bauer und dem Großgrundbesitz der Szlachta ausnehmen können. Budzynowskij erklärt die allgemeine Darniederlage der galizischen Landwirthschaft aus folgenden zwei Gründen: „Die ländlichen Erzeugnisse werden mit zu großen Productionskosten hergestellt, und sie haben keinen genügenden Absatz. Die Productionsweise aus dem Lande ist die denkbar primitivste". Die Dreifelderwirthschaft, welche viele Jahrhunderte hindurch betrieben wurde, trieb so tiefe Wurzeln, ging so ins Fleisch und Blut unserer Landwirtye über, daß jede Aenderung, jeder Fortschritt aus diesen! Gebiete des gesellschaftlichen Lebens fast zu einer Umöglichkeir geworden ist. In Galizien finden die modernen technischen Verbesserungen entweder gar keine oder sehr beschränkte Anwendung. Statt des amerikanischen Dampfpfluges bedient man sich dort des primitiven, mit Ochsen gezogenen Pfluges! Die Saat wird sehr oft durch die Hände eines langsam dahinschreitenden Arbeiters ausgestreut. Was jedoch am meisten an die guten urbarbarischen Zeiten erinnert, das ist die Ernte. Sogar diejenigen Landwirthe, die schon theilweise bei sich die Maschinen eingefühct haben, schneiden manche Getreicearten, wie z. B. Roggen, mit der primitiven Handsichel — um das Stroh nicht zu verknitten!!! Wie viel könnte blos durch Anwendung einer Sense an den Kosten erspart werden! Das mit der Sichel geschnittene Getreide wird mit der Handflegel gedroschen — das Stroh wird geschont! Das Getreide wird nicht sortirt, und deshalb hat es auf de.» Weltmärkte einen gering-ren Preis als das sortirte amerikanische." Es ist einleuchtend, daß bei dieser Betriebsweise die Landwirthschast sich nicht halten kann. Es kommt noch hinzu, daß die Gesetzgebung im Jahre 1868 die Beschränkung des Theilens des Bauernbesitzes aushob. Dadurch wurde eine unglaubliche Zerstückelung hervorgerufen, denn die galizische Bevölkerung war und ist auch heute noch nicht aus der Höhe der wirthschaftlichen Erkenntniß, um einzusehen, wie diesem Unheil durch genossenschaftliche Vereinigung vorgebeugt werden kann. So ist nach B u d z y n o w s k i j's Ansicht für den galizischen Kleinbauer vor der allmäligen Verhungerung keine Rettung mehr". Aber gerade hier werden sich die erwähnten Vorzüge der Juden bewähren. Es kann natürlich dem galizischen Rettungswerk nicht darauf ankommen, jüdische Kleinbauer zu schaffen. Dlese haben nicht die geringste Aussicht mehr als die christlichen Kleinbauer. Vielmehr wird man von vornherein die Gründung zusammenhängender Colonien ins Auge fassen. Diese bieten drei Vortheile: 1) Es würden die rituellen Gesetze kein Hinderniß in der Cvncurrenz bilden. 2 ^Es würden die Juden nicht der Gefahr ausgesetzt sein, wieder in den Handelsstand zurückzukehren, was unfehlbar geschehen würde, wenn sie unter den christlichen Bauern angesiedelt würden. 3) Es würde sich dann ein genossenschaftlicher Betrieb einrichten lassen, der allein — dafür aber auch in vorzüglicher Weise — im stände ist, die Landwirthschaft zu erhalten. Diese Genossenschaften würden der Landwirthschaft den ihr nöthigen Credit sichern, und da es sich um jüdische Genossenschaften handelt, würde sicherlich genügend jüdisches Capital vorhanden sein, um die Einführung dieser Einrichtung zu erleichtern. Sie würden die Zersplitterung des Grundbesitzes verhindern und so dem Einzelnen eine sorgenfreie Existenz schaffen. Sie können einheitlich den Betrieb regeln, können die Außenschläge verwerthen, ebenso die Raine und Feldwege. Sie können landwirth-