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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-24 · 47 (24.11.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
47 (24.11.1899)
Date
1899-11-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 886 Dr. Vloch's Wochenj'üzr'lft. sinnigen zn beleuchten, dauerte nur kurze Frist miö nach etitem kläglichen Versuche im socialdemokratischcu Lager Fühlung zu gewinnen, jehen wir ihn endlich im christlich-socialen Fahrwasser sein Schifflein in den ersehnten Hafen bringen. Wir haben diesen Umwandlungsproceß ein wenig ausführlich dargestellt, weil sich schon aus diesen äußeren Umrissen erkennen läßt, daß die Behauptung, die Juden hätten den Dr. Lueger zum Antisemiten gemacht, nicht auf Wahrheit beruht. Gerade im Umgang mit den Juden hat D. ctor Lueger erfahren, daß sie nicht nur keine Macht besitzen, sondern auch keine Macht verlangen Sollte nicht eben darin die Ursache liegen, weshalb er sich von ihnen abwendete? Was war also die Ursache, daß er die Conservativen, die Liberalen, die Demokraten und die Juden verließ? Offen gesagt: die Einen, die Conservativen und die Liberalen, wollten, die Anderen, die Inden und die Demokraten, konnten seinen Ehrgeiz nicht befriedigen und so bot er sich denen an, die ihm Macht und Einfluß, Ehren und Mittel boten, weil sie in ihm ein befähigtes Werkzeug erkannten, durch das sie ihre Ziele zu .erreichen glaubten. Gerade das Hervorkehren österreichischer Gesinnung war der Angelpunkt, der Jenen willkommen sein mußte, die hierin eine Handhabe gegen die königstreuen aber freisinnigen und unabhängigen Ungarn, gegen die kaisertreuen aber anticlericalen Liberalen zu gewinnen vermeinten. Die Conservativen sowie die Liberalen mißtrauten ihm und es macht ihrer Voraussicht alle Ehre, daß sie ihm kein Mandat gaben, nach welchem er so sehr lechzte. Die Juden und die Demokraten hatten aber keines zu vergeben. So blieb ihm, der um jeden Preis gewählt sein wollte, nichts übrig, als sich zum versteckten Clericalismus zu bekehren. Diese Wandlung in Dr. Lueger war vollständig und da es von dieser keinen Rückzug gibt, so war sie wohl auch eine cndgiltige. Haben das die Juden zu Stande gebracht, Herr Dr. Lueger? Aber sich zum Clericalismus offen zu bekennen, das hätte die Wirkung nicht gehabt, die er beabsichtigt hatte. Hätte man damals die Wiener vor die Wahl gestellt, liberal oder clerical zu sein, so schwere Fehler auch die Liberalen begangen hatten, so hätte doch die Bevölkerung nicht gezaudert, sich wieder zum Liberalismus zu bekennen. Es mußte also erst die Bevölkerung zersetzt, ihr Sinn bethört, ihr Urteilsvermögen geblendet werden und dazu gab es kein besseres Mittel als den Antisemitismus. Dumm war Dr. Lueger nie, nach oben kriechend, nach unten unterwürfig, begriff er rasch, daß mit einem antisemitischen Bekenutuiß sein Lebenszweck am ehesten erfüllt werden konnte und deshalb wurde Dr. Lueger Antisemit. Und eben aus seinem hier dargelegten Wesen erklärt es sich auch, weshalb er in seinen Reden der wüthendsten Einer ist. Er muß stets an der Spitze marschieren, er fürchtet sich, es könnten Gregorig und Schneider ihn überflügln oder ein Anderer könnte ihm die Führung abgewinneu und damit er dies verhindere, bricht von Zeit zu Zeit bei ihm der filmantisemiticu:? in brutalster Form aus, deshalb seine blutrünstigen Reden sin Frauenversammlungev, deshalb seine Ausfälle im Parlamente, deshalb seine auf die rohesten Instinkte einer nach Erregung begehrenden Menge speculirenden Apostrophen. Wer hat also Dr. Lueger zum Antisemiten gemacht? Die Juden oder die Clericalen? Die objective Unwahrheit der Dr. Lueger'schen Behauptung glauben wir wohl genügend dargelegt zu haben. Wollte er aber sich darauf berufen, nicht die Juden, die er kannte, hätten seinen Gesinnungswechsel provocirt, sondern die kleine Zahl der „Besitzenden", die angeblich einen so übergroßen Einfluß besitzen, sie, diese Wenigen, deren Zahl man vielleicht an den Fingern einer Hand abzählen kann, so straft ihn die Thatsache Lügen, daß auch diese, so reich ihr Vermögen, doch so ohnmächtig sind, daß sie trotz aller Verleumdungen, die es ihnen zumuthen, nicht im Stande sind, auch nur den geringsten Schutz der ungemein großen Zahl der Schwer- Rr. 47 bedrückten, in Jammer und Elend verkommenden, unter der antisemitischen Wuth erliegenden zu gewähren. Soll man Dr. Lueger für so einsichtslos und urtheilsunfähig halten, daß er nicht auch die subjective Unwahrheit seiner Behauptung erkennen müßte? Und weil wir nun die Unwahrheit einer seiner Behauptungen dargelegt haben, können wir an einer anderen vorübergehen, -.hne auch sie in ihrer ganzen Nichtigkeit bloszustelleu? Dr. Lueger hat in seiner Rede über die Polnaer Affaire einfließen lassen, wenn auch nicht alle Inden Ritualmörder seien, so könne es doch eine Secte geben, welche dieses Verbrechens fähig wäre. Die Verdächtigung, die darin liegt, muß angenagelt werden. Wo ist diese Secte? Wäre sie in Oesterreich, so hätten doch die Herren, deren bewußter oder unbewußter Helfershelfer Dr. Lueger ist, sie gewiß ausgeschnüffelt, ganz abgesehen davon, daß in diesem Polizeistaate eine so verbrecherische Secte absolut auch nicht einen Tag verborgen sein könnte. Wäre sie in Rußland, so hätten die Pobjedonoszew und seine Creaturen, welche mit Feuer und Schwert die christlichen Secten verfolgen,, vor einer solchen jüdischen Secte sicherlich nicht Halt gemacht. Wo es Juden in einem civilisirten Staate gibt, hätten die Judenfeinde, die ja nicht erst von heute datiren, kein Mittel verabsäumt, einer solchen Secte auf die Spur zu kommen und in civilisirten Staaten hätte man mit ihnen doch ebensowenig Federlesens gemacht. Ihre Namen, ihre Existenz, wäre nicht nur längst festgestellt, sondern ihre Personen wären mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden. Und ob es Dr. Lueger glauben mag oder nicht, die Juden selbst, die ja nach ihm. nicht allesammt der Secte angehören, hätten Alles aufgeboten, um diese Individuen dem gerechten Gerichte zu überantworten. Nein, aller Judenhaß, alle erlogenen Erzählungen und alle Beschuldigungen haben nicht vermocht, auch nur einen einzigen Beweis für die Wahrheit dieser aus teuflischer Bosheit hervvrgegangenen Behauptung zu erbringen, und so haben wir das vollste Recht, die absolute Unwahrheit auch nur der Vermuthung, daß es eine solche Secte geben könnte, zu behaupten. Welche Begründung aber kann Dr. Lueger dafür angeben, daß die objective Unwahrheit nicht auch eine subjective ist? A. W i e n e r. Innere Lvlvnijntivn in Galizien. Von Dr. Ernst Tuch» Hamburg. „Eine große und herrliche That ist es, durch Rathen, Mahnen, Treiben. Zwingen und Drängen das Vaterland zu nöthigen, daß es seme Schmach erkenne und sich ermanne, seine urväterliche Freiheit wieder zu erringen," so schrieb im Jahre 1520 der edle Ritter von Hutten, einer der Verfasser jener berühmten „Briefe von Dunkelmännern", die als unvergängliches Musterbild echten Manneszvrnes über angethanes Unrecht für alle Zeiten bestehen werden. Auch heute gilt es wieder, muthig den Kampf aufzunehmeu gegen alle Aengstlichkeit, alle Verzagtheit, alles muthlose Vertuschen zugefügter Unbill. Lange genug haben die Juden geglaubt, es wäre am besten zu schweigen, nicht noch mehr Aufsehen zu machen von der so wie so übermäßig in den Vordergrund gedrängten „Judenfrage". Sie beginnen heute von dieser Politik zu ihrem Glücke sich abzuwenden; sie beginnen „ihre Schmach zu erkennen", und dies ist der erste Schritt, um „die urväterliche Freiheit wieder zu erringen". Worin besteht ihre Schuld? Darin, daß die westlichen Juden die ihnen durch ihre Emancipation geschenkte Freiheit und politische Gleichberechtigung dazu benutzten, ihre östlichen Stammesgenossen, die noch immer unter betrübenden Ausnahmsgesetzen und brutalen Excessen der Volksleidenschaften zu dulden haben, zu vergessen, statt sich ihrer mit verstärkter Energie und wärmerem Herzen anzunehmen. Darin, daß sie es dulden konnten, daß viele Millionen ihrer Brüder als Menschen und Bürger zweiten Grades behandelt wurden, daß sie unter unsäglichem Elend dahinsiechen zur Schande des Menschengeschlechts. Unsanft genug hat der Antisemitismus sie aus ihren Träumen aufge-

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