Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Dr» Blockes WochrnsÄrrM Nr. 46 Seite 882 Gemeindeschule widmete er seine liebevollste Aufmerksamkeit. Er vermehrte aus eigenen Mitteln die Lehrbehelfe mit werthvollen Exemplaren; alle armen, die Schule besuchenden fremden Kinder fanden in seinem Hause Nrhrung und Sättigung. Mögen ihm von der Vorsehung noch viele Jahre gegönnt sein, damit er so wie bisher zum Wähle der Gemeinde thätig sein könne! Breslau, 30. October. Herr Amtsgerichtsrath Wöllstein ist zum Landesgerichtsrath ernannt worden. Berlin, 18. October. (Berufung des Dr. Adler.) An Stelle des Herrn Bärwald ist Herr Rector Dr. Adler zum Director des Philantropin in Frankfurt am Main einstimmig gewählt worden. Serajevo. (Generalversammlung der iff r. Cu l t u s g e m e i n d e.) Die hiesige österr.-ungar. israelitische Eultuszemeinde hielt eine außerordentliche Generalversammlung ab, welche den einstimmigen Beschluß faßte. Herrn Rabbiner Dr. Samuel Weffel in dieser Eigenschaft definitiv zu bestätigen. Es ist der erste Fall in Bosnien, daß der Functionär einer israelitischen Cultusgemeinde eine definitive Bestallung erhält. Gotheuburg, 22. October. Nach zweiundzwanzigjähriger Wirksamkeit in unserer Gemeinde nahm gestern Herr Rabbiner Dr. M. Wolff Abschied von derselben, und zugleich wurde sein Nachfolger, Herr Rabbiner Dr. C. Koch, der aus Barmen (Westphalen) hierher berufen ist, in sein Amt eingeführt. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Michael Klein konnte mit den Erfolgen seines dreijährigen Aufenthaltes in Nikolsburg vollkommen zufrieden sein. Er hatte die philosophische Lehranstalt mit glänzenden Zeugnissen verlassen und hatte sich während dieser Zeit einen Betrag von sechshundert Gulden erspart, so daß er mit Beruhigung eine Universitätsstadt besuchen konnte. — Pinkas Eisler und seine Frau entließen ihn sehr ungerne. Als Hauslehrer und Erzieher war er ihnen allerdings entbehrlich geworden. Der ältere von Eisler's Söhnen, der sechzehnjährige Josef war zwar ein ziemlich guter Schüler, aber es fehlte ihm die nöthige Ausdauer, und als er älter und reifer wurde, fand er an dem ausgebreiteten Handlungsgeschäfte seines Vaters Gefallen und gab dem Wunsche desselben, in dieses einzutreten, nach; Jacob aber, der stets lernbegierig gewesen und bezüglich seiner Fähigkeiten von seinen Eltern unrichtig taxirt worden war, hatte sich unter Michael's Leitung zu einem tüchtigen Schüler entwickelt und bedurfte nun keines Lehrers mehr; für die zwei jüngeren Mädchen, die ja auch in weiblichen Handarbeiten Unterricht erhalten mußten, war schon früher über Michael's Anrathen eine junge Dame aus Breslau als Gouvernante berufen worden, so daß Michael als Lehrer und Erzieher keine Lücke im Hause zurückließ. Aber Pinkas Eisler und seiner Frau war er als Hausgenosse fast unentbehrlich geworden. Die beiden Gatten hatten sich eines Samstags gestanden, sie dächten daran, Michael für immer an ihr Haus zu fesseln. Sie könnten sich nämlich für ihre zwölfjährige Tochter gar keinen bessern Gatten als Michael, der ohne Zweifel ein tüchtiger Arzt werden würde, wünschen. Beide verkannten allerdings die großen Schwierigkeiten, die sich ihrem Projecte entgegenstellten, nicht. Michael hatte aus seinen Verhältnissen kein Geheimniß gemacht. Jedermann wußte, daß er ein „Heimatsloser" war, und das war für einen Juden, der in Mähren lebte, ein schweres Unglück. Jeder Familienvater, der Töchter besaß, mußte, vorausgesetzt, daß er sie im Lande behalten wollte, bei der Wahl eines Eidams sein Augenmerk auf einen Familianten richten. Allerdings kamen einzelne Fälle vor, wo eine jüdische Familienstelle durch den Tod eines kinderlosen Mannes, oder durch Uebertritt zur christlichen Religion erledigt wurde, und die Familien, in den Städten den Gemeinden, auf dem flachen Lande Grundherren zufielen; aber da diese Fälle nur höchst selten vorkamen und sich Viele um eine solche erledigte Stelle bewarben, wurden die Preise derselben entsetzlich hoch hinaufgetrieben und waren nur mit den schwersten Opfern zu erlangen. Trotz alledem zogen Pinkas und Debora Eisler die Sache doch in eingehende Erwägung, und kamen nach reiflichem Erwägen überein, das zu thun, was ihnen als das Richtigsteerschien: Michael trotz seinen achtzehn Jahren offen' zu gestehen, daß sie ihn lieb gewonnen, ihn dauernd an sich fesseln; ihn bis er sein Ziel erreicht, Medicinae-Doctor geworden, m ausgiebigster Weise unterstützen wollten, so daß er sich ungestört dem Studium der Heilkunde hingeben konnte, und daß sie ihm, wenn er ihrer bis dorthin erwachsenen Tochter gefallen und ihre Neigung erwiedern würde, zur Gattin geben wollten. Eisler war kein gebildeter Mensch im Sinne unserer Zeit, aber sein Geist war durch talmudische Studien geschärft worden, er hatte in seinem alten, von seinen Eltern ererbten, aus gebreiteten Geschäfte reiche Erfahrungen gesammelt, war ein kluger Mann, ein gewandter Naturredner, der für Alles eine gefällige Form fand. — Ohne in plumper Weise den Werth des Reichthums allzusehr zu betonen, wußte er es doch hecvorzuheben, welchen Nutzen der Besitz irdischen Gutes, gerade dem Manne der Wissenschaften biete, welcher ohne von der Sorge um das tägliche Bcod, dieser leben könne. Pinkas hatte umso gewisser auf die Annahme seines Anbotes gerechnet, als sein zwölfjähriges Töchterchen ein schönes wohlerzogenes Kind war, das eine schöne Jungfrau zu werden versprach. Um so größer war sein Erstaunen, als Michael unter starkem Erröthen, verwirrt erwiderte: Er fühle sich durch die Güte und das Vertrauen, das ihm Eisler und seine würdige Frau entgegenbrachten, hochgeehrt; aber er müsse den Antrag, so ehrenvoll und schmeichelhaft er auch sei, doch mit herzlichem Danke ablehnen. Trotz seiner Jugend sei er doch durch doppelte Bande, jener einer warmen Neigung und jener der Dankbarkeit gebunden. Er betrachtete sich schon jetzt als den Verlobten seiner nunmehr elfjährigen Pflegeschwester Sara. — Was unwiderbringlich verloren, was unerreichbar ist, erscheint in erhöhtem Grade begehrenswerth, und die edle Festigkeit, mit welcher Michael einen Antrag, der einen Anderen in seiner Lage glücklich gemacht hätte, ließ ihn das Scheitern seines Lieblingsplanes noch schmerzlicher empfinden. — Allein nach kurzem Bedenken freute es trotzdem den gewissenhaften, frommen Eisler, daß Michael die harte Versuchung so ehrenvoll bestanden. „Ich hätte," sagte n zu seiner Frau, als er ihr das Ergebniß seiner Unterredung mit Michael Klein mittheilte, „es nie verwinden können, wenn ich, ohne es zu wollen, meinem alten Jugendfreunde einen solchen Schaden zugefügt hätte. Mr sind ja boruch Haschern') reich, w i r werden für unsere zuckerigen Kinder leicht einen Eidam finden, wir können im jirze Haschens) unserer Tochter eine große Mitgift geben, und für unseren künftigen Schwiegersohn, wenn es nöthig ist, auch um den höchsten Preis eine Familienstelle kaufen, das Alles aber kann der brave Aron Brack nicht." „Weißt Du- Pinchas," erwiderte Frau Debora, „es ist mir ganz Recht, daß es so gekommen, denn hätte Michael unseren Antrag angenommen, wäre er gar nit der brave Mensch gewesen, wie wir ihn uns vorgestellt haben, und wir hätten uns und unsere Kind betrogen .... und ich gönne dem braven Reb Aron Brack sein großes Glück!" Daß unter diesen Umständen Michael's Abschied aus Eisler's Hause ein rührender und ehrenvoller war, läßt sich leicht vorstellen. Alle, auch die Kinder, begleiteten ihn auf seiner Heimreise nach W. wohl eine Wegestunde zu Wagen. Pinkas Eisler segnete ihn, als wenn er sein Sohn wäre, die beiden Knaben und sogar die Mädchen schluchzten laut, als wenn ihr Bruder von ihnen scheiden würde . . . Michael selbst konnte vor Bewegung gar nicht sprechen. * * * Michael»mußte, um von Nikolsburg nach W. zu gelangen, Brünn passiven. Es bestand damals dort zwar keine Judengemeinde, doch hielt sich dort zur Meßzeit ein jüdischer Garküchler auf, und da gerade Brünner Markt war und Michael spät am Abende in der Hauptstadt anlangte, beschloß er um so mehr bei Reb Baruch Jamnitz zu übernachten, als dieser ein W.er war und er daher dort Marktgäste aus W. zu finden hoffte, die ihm über Pflegevater und Pflegeschwester aus eigener Anschauung das Neueste berichten konnten^ Als Michael in das Gastzimmer seines Landsmannes trat, trug dieser eben mehreren Gemeindegenossen aus der Heimat, die ihr Mahl gemeinschaftlich an einem Tische verzehren wollten, eine große Schüssel Suppe auf. Alle anwesenden W.er hatten Michael schon drei Jahre nicht gesehen, dieser hatte sich wesentlich verändert; er war hochgewachsen, ') Gott Lob. 2) So Gott will.