Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Bloches stark geworden und auf Wangen, Kinn und Oberlippe sproßte der dunkle Bart, aber dennoch erkannten ihn Alle sofort. Reb Baruch hätte vor freudiger Ueberraschung bald die Schüssel fallen lassen und konnte es vor Ungeduld nicht erwarten, die Suppe auf den Tisch zu stellen, um die Hände frei zu bekommen und Michael, wie es alle Andere thaten, beim Scholom alechem 3) Die Rechte zu schütteln. „Daß ist schön von Euch!" rief Reb David, der Lederhändler aus W.; „ich Hab' es gleich gesagt, Ihr werdet, sobald Ihr von dem Schlemasl4), das Reb Aron Brack getroffen, hören werdet, gleich nach Hause kommen. Hat Euch Sara — das Stück Zucker mit Mandelkern — geschrieben, oder habt Jhrs auf andere Weise erfahren?" Ein furchtbarer Schrecken erfaßte Michael, er begann so heftig zu zittern, daß der Wirth befürchtete, er würde umsinken und ihm schnell einen Stuhl näher schob, auf dem jener sich niederließ. „Ich weiß nichts, gar nichts!'' erwiederte er hastig. Den letzten Brief hatte ich vor vier Tagen erhalten und er ist vor acht Tagen datirt. Da schrieben mir Pflegevater und Schwester, sie befänden sich wohl. Was ist vorgefollen, was ist geschehen? ..." nnd als sich Niemand rasch zu einer Antwort entschließen konnte, wiederholte er dringend „fo sprecht doch, quält mich nicht mit Eurem peinlichen Schweigen, ich bin", fügte er nach einer zweiten kurzen Pause hinzu, „wenn es sein muß auch auf das Aergste gefaßt." David Lederhändler, ein Mensch von großer Ehrliebe und geringen Geistesgaben, dem seine zahlreichen Gegner unter andern Fehlern auch Plauderhaftigkeit und Uebereilung vorwarfen, sah plötzlich Aller AUgen auf sich gerichtet, namentlich jene Reb Jizchak Leinewandhändler's, welche ihn vorwurfsvoll aubli'ckten. Dieser war sein Widersacher^ seitdem er ihm bei der litzten Wahl, wo beide um die Stelle des Gabbe bei Schiwwe-Krujim3) candidirten wie Reb Jizchak behauptete, in Folge maßloser Jntriguen und Kabalen unterlegen^ Reb David wurde dadurch so verwirrt, daß ev im Schw igen verharren mußte. Reb Jizchak, der ohne es zu verdienen, den Titel eines Ben-ThoroH in Anspruch nahm, und seine Berechtigung hierzu dadurch zu documentiren suchte, daß er mit hebräischen zuweilen recht unpassenden Citaten herumwarf, sprach: „Die Sache ist nit so arg, wie Euch der Maiße Beheme') erschreckt hat. Wirklich, man kann auf ihm i sagen, was Slomo hameloch^) sagt, Moza dibbo hu Ksill") .... und auch der Posik'°) paßt auf Reb David . . . Michael war nicht in der Verfassung abzüwarten bis der langweilige Reb Jizchak alle seine Citate bis auf den Urgrund erschöpft hatte, und dann, vielleicht noch auf Unwegen zu den Thatsachen überging, er unterbrach ihn heftig. „Kommt zur Sache! Was ist's mit meinem Pflegevater? Ist ihm ein Unfall zugestoßen? Lebt er? (Fortsetzung folgt.) Literatur. Profeffor David Kaufmannes posthume Schriften. Wie vielstimmig nur hie jüdische Presse ist, so vielstimmig tönt elegisch die Todtenklage über den Heimgang Professor Kaufman n's, dieses einzig großen jüdischen Gelehrten. Noch haben die großen wissenschaftlichen Zeitschriften der verschiedenen Länder die wissenschaftliche Würdigung des Dahingegangenen nicht gebracht, noch konnte ein Verzeichniß sämmtlicher Schriften K a u f m a n n's nicht aufgesetzt werden, denn immer noch bereichert sich die jüdische Literatur von Schriften, die nach dem Tode des großen Gelehrten an die Oeffentlichkeit kommen und die sich den schönen Kranze seiner Leistungen gleich geretteten Blüthen des-Spätherbstes würdig anschließen. Wie sind dochdiese 3) Friede mit Euch! Begrüßungsformel an den von einer Reise Ankommenden. 4) Unglück. 5) Wörtlich: Sieben Gerufene. Dem Sinne nach eine Versammlung im Nebenraume der Synagoge, wo namentlich an den Feiertagen der Thoraabschnitt, der auch in der Synagoge zur Vorlesung kommt, dort gelesen wird, und dadurch auch minder angesehene Personen, welchen in der Hauptsynagoge diese Ehre nicht zu Theil wird, zur Thora gerufen werden. °) In religiösen Wissen bewanderter Mann. 7) Dummkopf. a> König Salomon. 9) Wer böse Nachricht bringt ist ein Thor. Bibelvers. Wochenschrift» Serie 883 Arbeiten geeignet, den Schmerz, der sich noch nicht gelegt, in unseren Herzen aufzupeitschen, wie vibrirt und zuckt es in uns abermals und abermals, so oft diese späten Kundgebungen des großen Geistes die unermeßliche Höhe unseres Verlustes uns so recht zu Herzen führen! Man muß so recht darin leben in der Atmosphäre der jüdischen Wissenschaft, um diese Nachblüthen auch nur zu bemerken, denn sie sind gar zerstreut- und nicht Jedermanns Sehkraft reicht so weit, sie auch nur zu sehen, geschweige denn dieselben in ihrem ganzen Werthe zu erfassen. Und so sind es nur wenkge posthume Arbeiten Professor Kaufman n's, die hier zur Sprache konnueu viele _ arideren sind gewiß auch mir unbekanut geblieben, andere mögen erst später das Licht der Oeffentlichkeit erblicken. Das Juli-Heft der in London erscheinenden Zeitschrift „.Isvish Huarterlv Revew“ enthält — einige Wochen nach seinem Tode — nicht weniger als drei Arbeiten Kauf m a n n's die eine behandelt ein historisches Fragment aus einer sogenannten Megilla zu Kairo; die zweite leitet die Legende von der Verbrennung Samuel Z a r z a's aus der Interpretation eines Namens ab; die dritte handelt über I e d i d j a R i m i n i. Noch reicher an K a u f m a n n'scheu Arbeiten ist das Juli-Heft der in Paris erscheinenden „Revue des Etudes Juives-'. Da finden wir zunächst eine Feststellung der Zahl der Synagogen in Toledo im 14. Jahrhundert; sodann eine Copie der angeblichen Grabinschriften von Mordechai und Esther in Hamadan (Persien); eine Copie, die sich im Beth Ha-Midrasch zu Wien befindet; ferner einen Gesandschastsbericht über das Autodafe der fünfuudvierzig Märtyrer von Sevilla im Jahre l501; hernach eine neue Elegie über R. A z r i e l D a j e n a; endlich Bemerkungen über das Verbot das seither berühmt gewordene Werk „Meor Enajim" von A z a r i a der R o s s i zu lesen. Man sieht, die Themata sind recht verschieden, aber wie verschwindet dieser Reichthum im Verhältniß zu der wirklichen Vielseitigkeit, die Prof. Kaufmann an den Tag legte! — Auch das folgende, erst in diesen Tagen herausgegebene Heft der „Revue des Etudes Juives” enthält drei Arbeiten Kaufmann's; da ziehen an uns vorüber die Gestalten von großen Geisteshelden in Israel, als da waren der „Fürst" R. Schescheth b. Isaak b. Joseph Be n v e n ist e von Sarragossa, M e n a ch e m A z a r i a die Fano, Moses Ehojjim L n z z a t o in Padua. Man sieht, Spanien und Italien sind dem Forscher gleich liebe Länder, wenn es gilt, das Feld der jüdischen Geschichte zu bebauen. Aber ein großartiges Werk, das in demselben Hefte der „Revue" recensirt ist, das Werk „Der Führer Maimuni's in der Weltliteratur" führt uns mit Maimuni. dem Helden, gleich nach Egypten, einem Lande, mit welchem sich Kaufmann in letzteren Jahren mit Vorliebe beschäftigt hatte, so daß man ihn als den künftige Geschichtsschreiber der egyptischen Juden ansah. Wer wird nun au seine Stelle treten? Eln Aufsatz über Dr. Vitalis Felix im September-Hefte der „Monatsschrift für Geschichte nnd Wissenschaft des Judeuthums", deren Neubegründer nnd Mitredactenr K a u f m a n ii war, führt uns wiederum nach Polen, einem Lande, in welchem der durch und durch moderne und universelle Kaufmann wohl die größten und aufrichtigsten Bewunderer hatte, wie merkwürdig diese Behauptung auch klingen nmg. Alle diese Arbeiten werden an Umfang und Wichtigkeit übertroffen von den ..Studien über S a l a m o n i b n G a b i r o l", welche in dem Jahresbericht der Landesrabbinerschule in Budapest ungarisch und deutsch erschienen sind. Es ist dieser Jahresbericht der letzte, der mit K a n f m a n n's. Arbeit geschmückt ist, und welche Bitterkeit dem Worte „letzt" innewöhtien kann, ficht man aus diesem Satze mit erschreckender Deutlichkeit. Dahin sind die Zeiten, wo die wissenschaftliche Welt gewiß sein konnte, daß sie durch diesen Jahresbericht in gewissen Zeiträumen je eine Studie aus der glänzenden Feder K a u f m a n n's erhalten werde. Fast will es uns scheinen, daß diese letzte Programmarbeit Kau f m a n n's womöglich noch gelehrter, noch glänzender, noch ergebnisreicher ausgefallen als die lange Reihe der früheren Programmarbeiten. In den Studien über Gabirol kehrt Kaufmann an dem unerwarteten Ende seines Lebens eigentlich zu dem Felde zurück, auf dem er vor einem viertel Jahrhundert seine ersten Lorbeeren geerntet Hatte, zu dem Gebiete der Religionsphilosophie. An das große Werk „Die Attributenlehre" und an „Bachja ibn Bakuda" reiht sich als gleichwerthige Schrift „Salamon ibn Gabirol" an. Wie es eine Sensaton war, als Salamon Munk in Paris die Entdeckung machte, daß die „Lebensquelle", aus der die christlichen Scholastiker schöpften, des Inden Gabirol's Werk sei, so wird es nicht verfehlen Sensation zu machen, wenn jetzt, nach so vielen hundert Jahren, ein neues Werk Gabirol's sozusagen entdeckt, reconstruirt und zum Theil herausgegeben wird. Auf welchem Wege der Verfasser dazu gekommen ist, lehrt am besten das Werk selbst; eine auszügliche Schilderung vermöchte da von der staunenswerthen Belesenheit in der Philosophie der Griechen, der Juden, der Araber und der Christen nicht einmal annähernd einen Begriff zu geben» und so sollen wir nur all' die Freunde echter gediegener Wissenschaft und all' die Verehrer Kaufmann's auf dieses posthume Werk des großen Antors aufmerksam gemacht haben, denn es ist dies in dem glänzenden Gebäude der K a u f m a n n'schen Geistesarbeit der gewaltige Schlußstein, der ein monumeutum aere pereuuius für das Andenken des großen Meisters bildet. Tr. Samuel Krau ß.