Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. BLvch's Wochenschrift Seite 879 doppelt, ganz abgesehen von der Fructificirung durch die Antisemiten, zu der es Anlaß gegeben hat. Wir theilen die Entrüstung, die es hervorgerufen, wenn wir auch die Bermuthung nicht zurückzuweisen vermögen, daß hie und da der Ausdruck der Entrüstung weniger lebhaft gewesen wäre, ließ er sich nicht eben im antisemitischen Sinn verwerthen. Diese Bermuthung wird dadurch bestärkt, daß, wie erwähnt, die „Kreuzzeitung" sich gemüßigt gesehen hat, der Reimerei noch weitere Verbreitung zu geben. Wir wenigstens würden das nicht gethan haben. Ist es uns doch auch nicht eingefallen, die lästerlichen Reden zu wiederholen, die die Herren Antisemiten auf ihrem Parteitag in Hamburg über biblische Personen — ehrwürdig für jeden gläubigen Christen wie Juden — geführt haben. Doch was wir in diesem Fall vermuthen, das entzieht sich dem bündigen Beweis, wenn der Nächstbetheiligte leugnet, etwas Anderes im Sinne gehabt zu haben, als die Erweckung gleicher Entrüstung, ohne Nebenabsicht und ohne Hintergedanken. Solchem Leugnen gegenüber müssen wir uns bescheiden, unsere Meinung im verschwiegenen Busen zu bewahren, können wir lediglich sagen: jene sind ehrenwerthe Männer — aber man kann es ihnen nicht beweisen. Doch die „Kreuzzeitung" gibt sonst noch reichliche Gelegenin die Falten ihres Herzens zu blicken. Im Anschluß au den Abdruck der in Rede stehenden häßlichen Reimerei schreibt sie: „Gewiß bekämpfen wir mit der „Germania" jede Form des Antisemitismus, die den Juden als solchen bekämpft und den berechtigten Kampf gegen den jüdischen Einfluß in einer das Judenthum als Ganzes verletzenden Form führt. Aber festhalten müssen wir an der Auffassung, daß dieser Kampf ausgenommen werden muß, sofern wir uns den christlichen Staat erhalten wollen. Dazu reicht die Zurückweisung einzelner von Juden oder Judenknechten kommenden frechen Angriffe auf die christliche Religion oder ihre Einrichtungen und Gebräuche nicht aus. Die Nothwendigkeit jenes Kampfes wird auch nicht durch die Thatsache widerlegt, daß ehrenwerthe und gottessürchtige Juden derartige Angriffe öffentlich verurtheilen. Denn das fortschreitende Eindringen des jüdischen Geistes in unser öffentliches Leben wird dadurch nicht gehindert. Wäre der Verfasser des Gedichtes Student der Rechte, so würde die Thatsache, daß er das Gedicht verfaßt hat, an sich unsere Justizverwaltung nicht von der Nothwendigkeit befreien, ihn, wenn er die Prüfungen bestanden hat, auf sein Verlangen bei gehörigem Dienst alter zu einem Richteramte zu berufen. Niemand wird leugnen, daß durch das Eindringen derartiger Elemente in unseren Richterstand die Wahrung des christlichen Charakters unseres Staates sehr gefährdet wird. Als aber der Versuch gemacht wurde, das ausnahmslose Anrecht eines jeden, der die formale Befähigung nachgewiesen hat, auf Ernennung zum Richter zu beseitigen, da war es das Centrum, das sich im Einverständniß mit dem judenfreundlichen Liberalismus jenem B.rsuch widersetzte und die bezügliche Vorlage zu Fall brachte". Den Juden „als solchen" also will die „Kreuzzeitung" nicht bekämpft wissen, aber die Bekämpfung des „jüdischen Einflusses", wofern er nur nicht in einer das Judenthm als Ganzes verletzenden „Form" geführt wird, hält sie für berechtigt. Wie man aber den „jüdischen Einfluß" ohne den Juden „als solchen" bekämpfen kann, daß sagt die „Kreuzzeitung" nicht. Sie weiß recht gut, daß bei dem Kampf gegen „jüdischen Einfluß" der Jude „als solcher" getroffen wird; und das ist es auch, was sie will. Nur den Radau- und Knotenantisemitismus will sie von sich abschütteln, dem Salon-Antisemitismus erkennt sie volle Berechtigung zu. Uns wird sie gestatten müssen, einen Unterschied zu Gunsten der von ihr bevorzugten Nuance nicht herauszufinden. Dazu kann uns auch ihre Verbeugung vor „ehrenwerthen und gottesfürchtigen Juden" nicht bestimmen. Sie erklärt das Eindringen des „jüdischen Geistes" in unser öffentliches Leben für verderblich, und sie wird nicht hindern können, selbst wenn sie es möchte — was wir übrigens bezweifeln — daß die Jünger, die sie für ihre Lehre gewinnt, mit dem „jüdischen Geist" zugleich den Juden „als solchen? angreifen und bedrängen, daß sie des „jüdischen Geistes" nicht anders Herr werden zu können glauben, als indem sie den Juden „als solchen" entrechten. Der Hinweis darauf, daß der Verfasser der „Ulk"- Reimerei ein jüdischer Student der Rechte hätte sein können, daß er in diesem Falle die juristischen Prüfungen hätte bestehen und danach eine Anstellung als Richter hätte ersitzen können — diese dreifache Voraussetzung einer nicht vorhandenen Bedingung zeigt dreimal unwiderleglich, daß es der „Kreuzzeitung" nicht auf berechtigte Abwehr, sondern auf Vergiftung der Gesinnung ankommt. Gewiß kann es geschehen, daß bei Berücksichtigung einzig der nachgewiesenen Befähigung und des Dienstalters ein unwürdiges Element in ein Amt gelangt. Es kann geschehen und toto die. Ist aber die Etablirung der ministeriellen Willkür hiergegen ein Schutz? Diese Willkür schreit nur nach Mißbrauch und erzwingt ihn förmlich, und irgendwie eine bessere Auswahl der Kräfte zu gewährleisten. Als die „Kreuzzrituug" vor Jahren für sich selbst einen Chefredacteur suchte, hat sie alle die Cautelen angewandt, die sie dem Staat gern aufzwingen möchte; sie nahm in nicht von der Bank der Spötter und nicht etwa aus der Reihe der befähigten Juden, und sie fand — Herrn von Hammerstein. Paris, 15. November. Der Historiograph Giry, Professor an der Ecole des chartes, ist gestern im Alter von 50 Jahren gestorben. Er war in der Dreysus-Affaire einer der hervorragendsten Kämpen für Recht und Wahrheit. Giry erlag einem Typhus, welchen er sich in Rennes während des Processes zugezogen hatte. — In der Hauptsynagoge in der Rue de la Bictoire fand heute Vormittags eine Gedächtuißfeier f.'r den mit der Mission Bretonnet getödteten Hauptmann der Marine- Artillerie Salomon Braun statt. Der Präsident der Republik, die Minister des Krieges, der Marine und der Colonien, der Militär-Gouverneur und Platzcommmandant von Paris waren durch Ordonnanz-Officiere vertreten. London. Unter den neu nach Afrika eingeschifften Truppen ist wieder ein jüdischer Soldat Namens Barnott, Gemeiner im im Essex- Regiment. Ein anderer Mannie Jsaacs, der als Soldat im zweiten Bataillon der Royal-Füsiliere acht Jahre in Indien gedient hatte, und nachdem er zur Reserve übergetreten war, eine Stelle im Local Government Board gefunden hatte, ist jetzt wieder zu den Waffen geeilt, obwohl sein Chef in dieser Behörde, der ihn sehr lieb gewonnen, ihm die zum Loskauf nöihigen 400 Mark schenken wollte. — In dem Treffen bei Fargahars- Farm am 30. October, wurden von jüdischen Soldaten die beiden Lancier-Corporale William Mayers und I. Morris verwundet, während die beiden Gemeinen Samuel von den King Royal Risles und Samuel Raisin vom Leicester-Regiment vermißt werden. — Aus Galatz schreibt man, daß sich dort angeblich jüdische Freiwillige in großer Zahl angeboten haben, um gegen die Leistung des Kriegsdienstes bei der englischen Armee in diesem Feldzuge das Recht zu erwerben, daß die Ueberlebenden in Cypern colonisirt werden. Es solleri 1000 junge Leute unter diesen Bedingungen sich angeboten haben, falls das Ganze nicht ein Tric des Herrn Trietsch, des Propagators der jüdischen Colonilation in Cypern ist. London. Jewish Chronicle veröffentlicht ein Interview mit einem der Flüchtlinge aus Blomfontain, der mancherlei Interessantes über die Juden des Oranje-Freistaates enthält. Ihre Zahl beträgt zwischen 700 und 800 und sie leben in ziemlich günstiger Lage. Einige stammen aus England, aber die meisten sind deutschen Ursprungs, doch wandern jetzt auch russische Juden ein. In Blomfontain ist die einzige Gemeinde, dieselbe zählt 60 Familien, hat aber noch keine Synagoge, sondern benutzt als solche eine alte Subbethariercapelle. An Feiertagen wird der Saal der Stadtverwaltung sür den Gottesdienst in liebevollster Weise zur Verfügung gestellt. Die Regierung hat ein Grundstück für die Errichtung einer Synagoge geschenkt und man hatte auch schon zum Bau die ersten Schritte gethan, Pläne entwerfen lassen rc., als jetzt durch den Ausbruch des Krieges, alles wieder in Frage gestellt ist. Viele dieser jüdischen Bürger des Oranje-Freistaates fechten mit den Buren gegen England. London. Als ein Curiosum verdient es, notirt zu werden, daß in unserer Stadt ein Jude zugleich Parnes und Kirchenrath war. Es handelt sich um H. L. Keeling, der Parneß der West- Synagogue und Kirchenrath seines Kirchspieles war. Liverpool. Was wir kürzlich ankündigen konnten, ist jetzt eingetroffen, Mr. Louis S. Cohen ist zum Lord-Major der zweitgrößten Stadt Englands ernannt worden und zwar erfreulicherweise einstimmig. Louis S. Cohen stammt aus Sydnay, kam aber schon mit 13 Jahren nach England, das seine Heimat wurde. Er trat dort in die große Firma seines Onkels Dawid Lewis ein, wurde dann Compagnon und erwarb ein enormes Vermögen. Seine Interessen sür jüdische Dinge hat er bei vielen Gelegenheiten gezeigt. m ä