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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Dloch's Wochrnfttzrrfr. Seite 877 Prag. Am 1. und 2. d. M. fand die diesjährige Generalversammlung des „Rabbiner-Verband in Böhmen" statt. Mehr als 20 Mitglieder desselben hatten sich eingefunden und nahmen an den ernsten und anregenden Verhandlungen theil. Der Vorsitzende, Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld eröffnete die Generalversammlung, die erste nach dem Regierungsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers, mit einer schwungvollen Rede, die in eine, die Versammlung begeisternde Kundgebung der Loyalität für den geliebten Landesvater ausklang. Auf das verflossene Vereinsjahr zurückblickend, gedachte der Präsident der beiden durch den Tod dahingerafften, hervorragenden Berbandsgenossen, des ehrwürdigen greisen Rabbiners Schidloff s. A. in Tachau und des gelehrten Rabbiners Dr. S. Back s. A. in Smichow, Vicepräsidenten des Verbandes. Hierauf erstattet Dr. Stern (Saaz) ein anregendes und im Ganzen beifällig aufgenommenes Referat über die zionistische Bewegung. Die Beschlußfassung jedoch über eine etwaige Resolution in Sachen des Zionismus, welche die humanitäre Seite desselben zu würdigen hätte, wurde der nächsten Generalversammlung nach Anhörung eines Correferenten Vorbehalten. Sodann wurde die „brennende Zeitfrage", die Polnaer Affaire besprochen. Die Redner Doctoren Ehrenfeld, Fischer, Kisch und Kurrein begnügten sich nicht mit flammenden Worten der sittlichen Entrüstung über die dem Judenthume in dieser Affaire zugefügte Verunglimpfung, sondern regten auch die Ausarbeitung eines Memorandums für die hohen Staatsbehörden an, damit endlich die Verbreitung des Blutmärchens in Wort und Schrift und Bild als Beleidigung einer staatlich anerkannten Confeffion von den Behörden mit aller Strenge des Gesetzes hintangehalten werde. An der diesbezüglichen Debatte betheiligten sich durch treffliche Bemerkungen außer den Genannten auch Dr. Biach (Brüx), Dr. R e u m a r k (Rakowitz) und Dr. S ch o r n st e i n (Leitmeritz). In der Angelegenheit eines Normallehrplanes für den Religionsunterricht an den Mittelschulen berichtet Dr. Kur rein, seine diesbezügliche Ideen abermals vortragend, wonach mehr das gottesdienstliche und religiös-sittliche als das philologisch-historische Moment beim Unterrichte in den Vordergrund zu treten habe (Gebetbuch, Bibellectüre u. s. w.). Die endgiltige Redigirung wurde dem Religionslehrer-Vereine von Prag in Gemeinschaft mit dem Referenten übertragen. Den Schluß der Verhandlungen bildeten die freien Anträge. Aus der gediegenen Fülle derselben heben wir heraus den Antrag des Dr. Fischer, jede Generalversammlung mit einem feierlichen Gottesdienst zu eröffnen und mit einem öffentlichen, populär-wiffenschaftlichen Vortrage zu beschließen; den Antrag des Dr. Hirsch, betreffend die Gründung eines jüdischen Religionslehrer-Seminars und andere, auf die Förderung des Judenthums und die Hebung des Rabbinerstandes abzielende Anträge und Anregungen der Verbandsmitglieder Dr. Re ach (Raudnitz), Dr. Blitz (Laun), Galandoner (Soborten) rc. Schließlich wurde über Antrag des Präsidenten, einem Ersuchen des Centralvereines zufolge, beschlossen, in kleineren Gemeinden auf Wunsch durch Mitglieder des Verbandes Gastpredigten abhalten zu lassen. Dieser Beschluß wird sich hoffentlich als ein segensreicher erweisen und auch den kleineren Gemeinden Gelegenheit geben, sich an den Predigten guter Redner zu erbauen und ihren, besonders in diesen schweren Zeiten so nothwendigen religiösen Halt zu festigen. — Für das Vereinsjahr 1899/1900 wurden in den Ausschuß gewählt: Oberrabbiner Dr. N. Ehrenfeld als Präsident, Dr. A. Kurrein (Teplitz) als 1. Vicepräsident, Dr. A. Posnanski (Pilsen) als 2. Vicepräsident, Dr. S. Stern (Saaz) als Cassier, Dr. I. Hirsch (Karolinenthal) als Schriftführer, Dr. M. Fischer (Prag) und Dr. H. Baneth (Gablonz) als Beisitzer. Jglau. (S t e r b e f a l l.) Mittwoch, den 8. November d. I., starb der hiesige Obercancor i. P., Herr Simon L ö w, im Alter von 61 Jahren. Die ungemein zahlreiche Betheiligung an dem Freitag, den 11. d. M., 2 Uhr Nachmittags, stattgefundenen Leichenbegängnisse gab Zeugniß, wie beliebt der Verstorbene gewesen. Cantor Löw war ein ehrenhafter Charakter, ein guter, treuer Mann und Beamter, und die Armen verlieren an ihm einen wahren Wohlthäter. Der Verewigte versah in der hiesigen Cultusgemeinde durch 40 Jahre das Amt eines Cantors in ausgezeichneter und vorzüglicher Weise. Beim Leichenbegängnisse waren anwesend sämmtliche Mitglieder der Cultusgemeinde- Repräsentanz, die Tempelvorsteher, der Gesammtvorstand der „Chewra-Kadischa", die Cultusbeamten und die Religionslehrer. Die Mitglieder des Cultusausschuffes und der „Chewra-Kadischa" trugen den Sarg vom Trauerhause in den Tempel, woselbst der Rabbiner D. I. I. Unger in einer längeren Trauerrede die Verdienste des Verewigten um die hiesige Cultusgemeinde feierte. In der am Sonntag, den 12. d. M., 6 Uhr Abends, abgehaltenen Cultusanschußfitzung widmete Vorsteher der Cultusgemeinde, Herr Adolf Lieblich, dem verstorbenen Cantor einen ehrenden Nachruf, und wurde noch beschlossen, diese Trauerkundgebung dem Sitzungsprotokolle einzuverleiben. Teplitz. Wenn die zionistischen Bestrebungen nicht schon älteren Datums wären und nach heißen, wenn auch unblutigen Kämpfen, nicht bereits Anerkennung und Zustimmung gesunden hätten — sie müßten jetzt, Angesichts der traurigen Vorgänge in Böhmen, mit aller Wucht ergriffen werden. Nun dürfte es kaum Einen ehrlichen Juden, der mit seinem Volke fühlt, leidet und kämpft, geben, welcher nicht zur Einsicht gelangt wäre, daß man sich außerhalb des antisemitisch verseuchten Europas ein gesichertes Asyl schaffen müsse, fern von den Schauplätzen bestialischer Kämpfe und blut- und beutegierger Verfolgungen! Schon früher, bevor von gewissenlosen Strebern der Haß entfeffelt und zum Brande angefacht wurde, war das Los der Juden in den östlichen Ländern kein neidenswerthes und die große Mehrzahl kämpfte schwer und bitter um das karge Brod, während man in jedem Juden einen Krösus sah. In den letzten Jahren aber, wo der Antisemitismus geradezu Parade macht und sich nackt in öffentlichen Versammlungen, in Kreisen zeigt, in denen man Bildung vermuthet, leben sie das Leben des gehetzten Thieres. Zu jeder Stunde kann jeder Hallunke seine Meute auf fie loslassen, sie berauben, zerfleischen, ihre Existenz zerstören, ihr Dasein vernichten, ohne irgend welche Gefahr zu laufen, denn Resolutionen und Interpellationen schaden Niemandem wie sie Niemandem nützen. Es gibt Vereine für entlassene Sträflinge, Vereine für die Befreiung schwarzer Sklaven, Vereine führ Bekehrung - von Heiden, Vereine zum Schutze der Thier, aber keine Vereine zum Schutze mißhandelter und beraubter Juden; und an der Neige des neunzehnten Jahrhunderts stehen wir da, wie zur finstern Zeit der Kreuzzüge in Acht und Bann, auf unsere eigene Hilfe angewiesen! Ja, unsere Lage ist am Ausgang des Jarhunderts viel ungünstigerals gegen die Mitti desselben, zur Zeit der Herrschaft des Absolutismus. Damals ruhete die Hand der Polizei gleich schwer auf allen ohne Unterschied der Stände und Confesfionen; jede Regung der Willkür wurde sofort unterdrückt und Ausschreitungen wie die jetzigen, Angriffe auf Leben und Besitz, wurden als Räuberei und Mordbrennerei gestraft. Wir lebten ruhig unterm Schutze einer starken Staatsgewalt; fteilich in Ghettis. Aber sind wir jetzt nicht social im Ghetto? — Sind wir nicht gesellschaftlich ausgeschieden und auf uns selbst gewiesen? Als unfern separaten Antheil an der Freiheit bekommen wir deutsche Hiebe bei Einführung der Sprachenverordnung durch Badeni und czechische Schläge bei Aufhebung derselben durch Clary — als ob wir die Politik lenken, die Minister nominiren und mißliebige Verordnungen erlassen würden! Diese beispiellose, durch einen finstern Clericalismus gezüchtete Verrohung des Volkes, warf uns mitten vom Wege des Fortschrittes in die Zeiten barbarischer Zustände, die man längst begraben glaubte, zurück, in denen die Inquisition. die Tortur, die Hexenproceffe, die Blutmärchen und die Scheiterhaufen Spanien und einen Theil Deutschlands verwüsteten, uns ernstlich daran mahnend, an eine Rückzugslinie und an einen gesicherten Platz zu denken. — Als die Verfolgung der Juden in Rußland losbrach, flüchteten diese vorübergehend nach Oesterreich - wohin flüchten fie nun vor den jammervollen Vorgängen in Oesterreich? — In den meisten Staaten des altersschwachen Weltteils ist es dumpf und schwül, wir müssen eine Thür nach einem andern Theile der Erde offner», wo uns die frische Lust vom Libanon und Sinai kräftigend entgegenweht, wo Syrien und Arabien brach liegend, der Söhne derer harren, die sie einst gepflegt und ftuchtbar gemacht und wo der Judenhaß nicht so üppig in die Halme schießt, wie im Abendlande. Das Abendland! Hier dunkelt's immer mehr; sogar über das Land, das zuerst die Menschenrechte proclamirte; über das Vaterland Boltaire's und Rouffeau's senkt fiche di schattige Dämmerung und die Gespenster vergangener Zeiten spuken in Nacht nnd Nebel des so schmerzlich kreisendenden Jahrhunderts.

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