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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 46 Dr» Bwor s Al-ochenschrrrr. Seite 875 Steiner sehr dankbar, daß er mich fragt, ob ich „den kleinen autonomen Staat im Libanon" kenne und ob' ich von politischen Einmengungen der Mächte dort gehört habe. „Stört die Existenz dieses Gottesfriedenreichs irgend eine europäische Macht?" fragt er. Ich könnte mich begnügen, ihm zu antworten, daß dieser kleine Maronitenstaat im Libanon mit seinen zweimalhunderttausend Einwohnern für die Mächte nicht den hundertsten Theil des Werthes von Palästina oder vielmehr des Judenstaats von mehreren Millionen Einwohnern hat. Auch seine Lage im Libanon ist nicht danach, um einen europäischen Staat nach seinem Besitz lüstern zu machen. Es ist wahr, daß dieser Miniaturstaat seit beinahe vierzig Jahren verhältnißmäßige Ruhe genießt, aber er hat dies vorzüglich seiner Kleinheit zu verdanken und dem Christenthum seiner Einwohner. Letzteres veranlaßte Frankreich im Jahre 1860 seine Truppen dahin zu schicken und von christlichen Mächten wurde die Pforte gezwungen, den Maroniten die Autonomie zu gewähren. Seitdem genießt das Ländchen den Schutz der katholischen Mächte, besonders Frankreichs. Wer wird in solcher Weise den Judenstaat schützen? Und was bedeuten überhaupt vierzig Jahre Ruhe im Leben eines Staates? Vor dem Jahre 1860 war aber dieses „Gottesfriedenreich" der Schauplatz fast ununterbrochener blutiger Kämpfe zwischen Maroniten und Drusen, und es war ja das Christenmassacre im Jahre 1860, welches die Intervention Frankreichs veranlaßte. Dieser Staat verlangte damals die Hinrichtung von 1500 Drusen, worauf England, um ihm an Menschenfreundlichkeit nicht nachzustehen, die Hinrichtung von 1500 Maroniten und ihres Bischofs verlangte. „Wir Wilden sind doch bessere Menschen", sagte der Sultan und begnügte sich, die Haupträdelsführer zu verbannen. Nun wohnen jetzt Drusen im Libanon, Hermon und Hauran^), werden also die nächsten Nachbarn des Zionsstaates sein. — Von dem Drusenaufstand und den blutigen Kämpfen im Jahre 1895 scheint Herr Steiner nichts zu wissen. Er fragt mich dagegen, ob ich etwas von Bar Kochba weiß. Hätte er die „Österreichische Wochenschrift" vom 8., 22. Mai und 5. Juni 1896 gelesen, so würde er diese Frage nicht gestellt haben. Aber vor drei Jahren hat er sich vielleicht um jüdische Geschichte noch nicht gekümmert. — „Es war einmal und es kann wieder einmal werden" sagt er. Gewiß, es kann; aber es muß nicht und ist nicht wahrscheinlich. Auch die Griechen glaubten, daß Marathon und Salamis wiederkommen könnten, sind aber im letzten Kriege mit der Türkei schrecklich enttäuscht worden. Für die Juden aber kommt noch eins hinzu: Der streng fromme Jude darf ohne Messias keinen Staat im heiligen Lande aufrichten. Als ob er die modernen Staatengründer mit ihrer Bank, Gründerrechten und Subscriptionsreclamen geahnt hätte, sagte vor dreißig Jahren ein englischer Besucher Palästinas: „Die Rückkehr Israels nach dem heiligen Lande ist ein Werk, das sich nicht von einem'durch commercielle Grundsätze geleiteten Comits ausdenken und so einrichten läßt, daß es zehn Procent abwirft".* 4) Nun, an zehn Procent Dividende denken wohl auch unsere zionistischen Bankgründer nicht, aber daß bei der Frage der jüdischen Colonisation, sowie bei jeder Colonisation, das Finanziell-Materielle eine sehr wichtige Rolle spielt, das leugnen wir nicht. Ja, wir Nichtzionisten, die wir uns von phantastischen Plänen und utopistischen Träumereien fern halten, haben dafür vielleicht mehr Verständniß als die Hauptführer der Zionisten, unter denen sich so wenige praktische Geschäftsleute finden. Aber eben deshalb müssen wir die Verquickung des Heiligen mit dem Profanen ebenso entschieden zurückweisen, wie die sonderbare Alternative — Taufe oder Zionismus — die Herr Steiner uns stellt. An mich persönlich stellt er aber die Forderung, ich solle ihm ein Gebiet nennen, wo ich den Juden eine absolut friedliche Zukunft garantiren könnte. Eine solche Garantie könnte kaum eine Großmacht leisten, ja sie könnte nicht einmal sich selbst eine „absolut friedliche Zukunft" sichern. Beinahe aber möchte ich dem Zionsstaat in Palästina eine sehr unfriedliche und unsichere Zukunft zu garantiren mich versucht fühlen. Aber die Organisirung einer großartigen jüdischen Auswanderung und Colonisirung der Juden aus Rußland und ’J) j-nn bei Ezechiel XLVII 16—18. 4) W. H. Dixon, „Das heilige Land", aus dem Englischen, von I. E. A. Martin, Jena 1870, S. 407. Galizien ist doch nöthig, mehr vielleicht wegen des in diesen Ländern herrschenden Elends als wegen des Antisemitismus, den das Judenthum noch überleben wird, wie es die syrische, römische und spanische Weltmacht überlebt hat. Nur müssen wir bei dieser Colonisirung darauf achten, daß wir nicht vom Regen in die Traufe gelangen. Als man einmal einem vorsichtigen Bankier rumänische Eisenbahnactien als von der Regierung garantirt anpries, fragte er: „Und wer garantirt für die rumänische Regierung?" Ein Charter wird vielleicht von der türkischen Regierung zu erlangen sein — ich kann darüber nichts sagen, da ich über die Absichten der hohen Pforte gerade so gut unterrichtet bin wie die — Zionistenführer, aber wer garantirt die Integrität der Türkei und ihren ewigen Frieden? Das alte Sprichwort: „duobus litigantibus tertius gaudet“ hat sich in Bezug auf die Juden nicht bewährt; wenn Deutsche und Czechen streiten, werden Juden geprügelt, wenn Republikaner und Monarchisten streiten, werden Juden geprügelt. Wir brauchen also ein vom Nationalitätenhader freies Land, das außerhalb des Wettbewerbes der Großmächte liegt, das keinen Eroberer lockt. Da wir aber keine jüdische Colonie im Monde anlegen können, so müssen wir uns, ungefähr wie Herr Steiner wünscht, nach einem Welttheil umsehen, wo wir wenigstens für menschlich absehbare Zeit eine ungestörte, friedliche Entwicklung unter dem Schutze einer Großmacht erwarten können, nach einem Lande, in das kein Eindringen des Antisemitismus zu befürchten ist und wo wir nach achtzehnhundertjähriger Entwöhnung uns wieder daran gewöhnen könnten, einen autonomen Staat zu bilden. Wo dieses Land liegt, das zu sagen habe ich nicht aus die Frage des Herrn Steiner gewartet, sondern vor beinahe einem Jahre an anderer Stelle kurz auseinandergesetzt. Da dies Herrn Steiner trotz seines so großen und frischen Eifers für alles Jüdische unbekannt geblieben zu sein scheint, so will ich es hier wiederholen. Der Welttheil, in dem sich Raum zur Anlegung einer jüdischen Colonie in reichem Maße findet, ist das unter englischer Oberherrschaft stehende Australien, welches bei einem Flächenraum von VU Millionen Quadratkilometer (ungefähr dreizehnmal so viel als Oesterreich-Ungarn) nur circa 474 Millionen Einwohner hat, also noch Platz für einige Hundert Millionen Menschen bietet. Wie günstig Klima, Bodenbeschaffenheit und Lage sind, das beweist das rasche Aufblühen der dort gegründeten englischen Colonien, einige von deren Hauptstädten schon die mancher europäischen Länder übertreffen?) Diese sieben Colonien, die man eigentlich schon Staaten nennen könnte, haben ihre Parlamente, verwalten selbständig ihre inneren Angelegenheiten, stehen aber im Uebrigen unter der englischen Regierung, welche die Gouverneure ernennt. Seit mehreren Jahren wird auch wegen Bereinigung dieser sieben Colonien zu einer Conföderation verhandelt, die wohl bald zu Stande kommen wird. Die englische Regierung verkauft und verpachtet Land an Colonisten zu sehr billigem Preise. Daß dort vollkommene Gleichberechtigung herrscht und freisinnig regiert wird, ist selbstverständlich. Bon Antisemitismus ist keine Spur vorhanden. Es leben überhaupt wenig (ca. 15.000) Juden dort, und für kleine Colonien wäre in den sieben Staaten noch genug Platz. Für eine größere Jndenansiedelung würde sich aber empfehlen, abgesondert von den bereits bestehenden sieben Staaten einen achten zu gründen. Dieser würde selbstverständlich in der ersten Zeit in größerer Abhängigkeit von der englischen Regierung stehen als die anderen, aber mit der Zeit, mit der Gewöhnung an Selbstverwaltung würde er auch größere Unabhängigkeit erlangen, sein eigenes jüdisches Parlament, seine jüdische Miliz rc. erhalten, stets aber in Verbindung mit dem Mutterlands Großbritannien bleiben, deffen Schutz genießend, ihm im Nothfalle mit seinen Milizen oder Freiwilligen, wie die anderen Colonien Australiens, deren Conföderatwn er beitreten könnte, beistehend. Trotz der Vorgänge in Südafrika, die wir nicht billigen können, trotz des englischen Egoismus, über den auf dem Continent so gern geschimpft wird, halten wir England doch für den am besten regierten Staat, für den Staat, bei dem die Judencolonie am ehesten Schutz, Gleichberechtigung und genügende Ruhe zur Entwicklung finden könnte. 5) Melbourne hat eine halbe Million, Sydney 40o.0(,o, Adelaide 130.000 Einwohner.

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