Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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- Haifa 1× ep/1047930
- Hebron 1× ep/1047559
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Seite 874 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 46 zusehen Pflegt". Wo es sich aber um Geschichte und Politik handelt, da sind doch gründliche Studien wichtiger als die Autopsie, und damit glaube ich mich länger als er beschäftigt zu haben. Recht hat er, wenn er sagt, daß unsere Waffen ungleich sind. Die seinigen sind die besseren, und ich habe die leidige Gewohnheit, mir manchmal auch Dinge anzusehen, über die ich nicht spreche. Meine Behauptung, daß die Juden nur an sehr wenigen Orten des Zionsstaates ungestört unter sich sein würden, glaubt er dadurch zu widerlegen, daß er sagt: „die von Gubernatis genannten Stätten zählen als Fläche gar nicht mit". Dann fügt er noch hinzu, ich hätte das Programm des Grafen ins Hundertfache vergrößert und wünsche, „daß alle christlichen Besitzthümer kirchlicher Provenienz als exterritorial erklärt werden". — Es wäre sehr gut für den Zionsstaat, wenn dies nur mein Wunsch wäre; aber leider werden die christlichen Mächte dies wünschen und ihr Wunsch wird in diesem Falle Befehl sein. Oder hat Herr Steiner vielleicht von irgend einer christlichen Regierung die Zusage erhalten, daß sie auf die Exterritorialität verzichten wird? Er irrt auch, wenn er glaubt, daß Gubernatis alle christlichen Etablissements im heiligen Lande aufzählt und er selbst scheint sich auch nicht alle „diese Dinge angesehen zu haben". Um seiner Autopsie nachzuhelfen, will ich hier ein kleines Verzeichniß geben, daß aber durchaus nicht auf Vollständigkeit Anspruch macht: Da finden wir die katholischen Klöster in Ramleh, Nazareth, Emmaus, Liberias, die griechischen Mar Saba, auf dem Wege von der Küste nach Jerusalem und auf dem Karmel. Bethlehem, den Juden durch die Erinnerung an Rachel's Grab geheiligt, gilt den Christen als Geburtsstätte Jesu noch viel heiliger und wird nur von Christen bewohnt; Juden werden dort, wie es scheint, gar nicht geduldet: „Der zum Geburtsort des Erlösers gewählte Ort, kann weder Juden noch Mohammedaner dulden," sagt eine durchaus nicht fanatische christliche Schriftstellerin?) Hebron, wo Gott dem Erzvater Abraham erschien, wird jetzt von den fanatischesten Mohammedanern bewohnt, die keine Christen bei sich dulden.') Der Ankömmling in Jerusalem erblickt schon vor dem Jaffathore das großartige Hospiz der Franciskaner Aber von Jerusalem will ich hier absehen, denn Herr Steiner sagt selbst, daß „die Zionisten es sind, die Jerusalem allen Confessionen und Religionen gönnen". Es bleibt nur die von ihm nicht beantwortete Frage: Was wird man davon den Juden gönnen? Wird Jerusalem die Hauptstadt. des Zionsstaats sein? Wird man den Juden den Platz des Tempels zu dessen Wiederaufbau zurückgeben? Und wer wird die Wache an dem den Christen heiligen Grab halten, damit es nicht zu Schlägereien zwischen den verschiedenen christlichen Confessionen komme? Aber es handelt sich nicht blos um die den Christen heiligen Orte, sondern überhaupt um die im heiligen Lande ansässigen Nichtjuden, die sich einer jüdischen Obrigkeit schwerlich fügen, vielmehr den fremden Mächten beständig Gelegenheit zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Zionsstaates geben werden. Neben den ansässigen Christen und Mohammedanern wird es die Regierung mit plündernden Beduinen zu khun haben. In El Kaueitera, unweit Saphet, findet sich sogar eine Colonie von Tscherkessen. Schon vor dreißig Jahren sagte der Engländer Dixon (The holy land cap. 58): „Der schlaue einschmeichelnde Grieche verschafft sich allmälig die wenigen Getreidefelder und die besten Olivenhaine in Juda und unter die großen Grundbesitzer Palästinas muß man die Priore von St. Constantin, Mar Saba und dem heiligen Kreuze rechnen." Gefährlicher für den Zionsstaat als die Nationalgriechen, werden aber die sich zur griechischen Religion bekennenden Russen sein, die sich immer mehr im heiligen Lande heimisch machen. Herr Steiner, der alles mit eigenen Augen sieht, kann freilich' von einem russischen Consul erzählen, der die Juden „liebevoll in seinen Schutz nimmt" und wir glauben ihm dies gerne. Abgesehen davon, daß es ja unter den russischen Tschinowniks auch einzelne wohlmeinende tolerante Leute gibt, und zu diesen mag vielleicht der Consul in Jerusalem gehören, verstehen es selbst die intolerantesten bösartigsten Tschinowniks im Auslande die Menschenfreunde und Toleranten zu spielen; hat doch der famose Pobedoneszeff hier in Wien einem Interviewer gegenüber sich dieser Maske trefflich bedient. Im Auslande sind ja diese russischen *) Mathilde Serao, „Nel paese di Gesü“, Neapel 1899. -) Piene Loti, Jerusalem, Paris 1895. Politiker außerordentlich liberal und nehmen sich bedrückter Nationalitäten an, zu Hause aber — siehe Polen, Finnland, Ostseeprovinzen u. s. w. In Palästina mag noch die Absicht mitgewirkt haben, den türkischen Behörden Verlegenheiten zu bereiten, und diese Absicht wird beim Consul im Zionsstaate noch deutlicher hervortreten. Dann wird es nicht mehr nöthig sein, den „Russen zu kratzen" damit der Barbar sichtbar werde. Weiß Herr Steiner nicht, wie Rußland als „Vorkämpfer der Toleranz" in Polen wühlte und dessen Theilung herbeiführte? Kurios ist es aber, wenn er meint, die Pforte habe die Einwanderung der Juden nur verboten, weil sie russische Unterthanen sind. Daß die ch rist li ch en Russen für sie viel gefährlicher sind als jüdische nicht zionistische Einwanderer, das werden die türkischen Staatsmänner doch wohl wissen. Dann sagt Herr Steiner: „Wenn der Jude türkischer Unterthan werden will, dann stehen ihm die Pforten des heiligen Landes weit offen". Ob das so ganz richtig ist, weiß ich nicht, aber einfache türkische Unterthanen werden, das wollen ja die Zionisten nicht. Gewiß, unter dem jetzigen Sultan haben sich die Juden nicht zu beklagen, aber wer weiß, wie es unter seinem Nachfolger sein wird. Die Zustände in Persien und Marokko lassen die Lage der Juden in muselmännischen Ländern aber nicht beneidenswerth erscheinen. Es ist auch gar nicht unwahrscheinlich, daß der übertriebene Nationalismus noch in die Türkei gelangen wird und da wird er wohl noch barbarischer sein. Trotz einzelner Rückfälle und Ausnahmen, nimmt doch der Antisemitismus mit dem Fortschreiten der Civilisation mildere, minder häßliche Formen an. Es mag hier genügen an die Klimax, Xanten, Polna und Damaskus zu erinnern. Und was für ein himmelweiter Unterschied ist zwischen dem Berliner und dem Wiener Gemeinderath! Ich habe („Oesterreichische Wochenschrift" 36, S. 656) gefragt, ob man „irgend einen ^bedeutenden Ort finden wird, an dem sich nicht eine den Christen heilige Stätte, irgend ein christliches Etablissement, Kirche, Kloster, Pilgerhaus oder dergleichen findet". Herr Steiner scheint anzunehmen, daß ich da etwas übertrieben habe; aber er wird mir jedenfalls keinen bedeutenden Ort nennen können, in dem sich kein christliches Etablissement findet. Und die Exterritorialität habe ich nicht gefordert, sondern ich meine, daß die christlichen Mächte sie fordern werden. Aber auch abgesehen von der Exterritorialität werden die im Lande verbleibenden und vielleicht noch hin;ukommenden Christen und Mohammedaner, die ja an manchen Orten die überwiegende Majorität der Bevölkerung bilden, dem Zionsstaate häufige und gefährliche Einmischungen der fremden Mächte zuziehen. Herr Steiner meint zwar, daß jedenfalls genug Bodenfläche für die Juden bleiben wird, und ich möchte seinen Worten keinen falschen Sinn unterschieben, aber es sieht beinahe aus. als ob er sich die Juden im Zionsstaat als Bewohner des platten Landes denkt, die Städte den Andersgläubigen überlassend, die sich am Ende noch Bürgermeister ä la Lueger und Strobach wählen könnten. Er scheint überhaupt mehr die materiell-räumlichen Verhältnissen zu berücksichtigen, wenn er sagt, daß nach Abrechnung „aller christlichen Besitzthümer kirchlicher Provenienz" noch überaus reicher Besitz für die Juden bleiben würde. Ob dies richtig ist und ob auch dann Platz für alle Juden bleiben würde, will ich jetzt nicht untersuchen, denn für mich oder vielmehr für den zukünftigen Zionsstaat ist das socialpolitische Element das wichtigere, oder deutlicher gesagt: werden die zahlreichen christlichen und mohammedanischen Einwohner patriotische Bürger des Judenstaats sein oder ihm nicht vielmehr beständige Verlegenheiten bereiten? In neuerer Zeit hat auch die Einwanderung von Christen aus Deutschland ins heilige Land stark zugenommen. Ansehnliche deutsche Ackerbaucolonien finden sich in Jaffa, Haifa u. s. w. und diese beginnen schon Beunruhigung wegen der befürchteten jüdischen Concurrenz zu äußern. Freundliche Nachbarn dürften die Juden schwerlich an ihnen finden. Es sind ja gewöhnlich nicht die toleranten, religiös indifferenten Leute, welche nach dem heiligen Lande auswandern. Oder hat vielleicht Kaiser Wilhelm in der so sorgfältig geheim gehaltenen vertraulichen Unterredung dem Herrn Dr. Herzl zugesichert, daß diese deutschen Colonisten treue Unterthanen des Zionsstaates sein werden? Ueberhaupt, wenn man, um den antisemitischen Verfolgungen zu entgehen, einen Judenstaat gründen will, muß man ihn sowohl vor dem Eindringen nichtjüdischer, eventuell feindlicher Elemente sichern, als davor, ein Spielball der europäischen Politik, ein Zankapfel für die Mächte zu werden. Da bin ich nun Herrn