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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ytr. 46 Dr. Bloch's Wochenschrift Lette 873 zart und jungfräulich blieben wie am ersten Tage; das Entzücken der dadurch begeisterten Damen benützt er, um sie ihren Männern zu entfremden und dafür desto näher an sich heran zu ziehen. „Suchen Sie doch", sagt Sauterre, die Unfruchtbarkeit verherrlichend, „eine einzige Stelle im neuen Testament, wie jenes „Seid fruchtbar und mehret Euch und „erfüllet die Erde" im alten Testament. Jesus, der herrlichste der Erdenpilger, hat kein Vaterland, kein Eigenthum, keinen Beruf, keine Familie, keine Frau, kein Kind. Er ist die Unfruchtbarkeit selbst. So hatten denn auch die ersten Secten des Christenthums einen Schauder vor der Ehe. Für die Heiligen war das Weib nichts als Unreinheit. Qual und Verderbuiß. Die absolute Keuschheit war ihnen das Ideal menschlicher Vollkommenheit; ihr Held war der träumerische, unfruchtbare, einsame Egoist, der gar kein anderes Ziel kennt als seine persönliche Seligkeit. Eine Jungfrau ist ihr Ideal der Frau, ihr Ideal selbst der Mütterlichkeit. Erst später wurde die Ehe durch den Katholicismus als ein moralisches Schutzmittel eingeführt, um die Begierden zu regeln, da die wenigsten Männer und Frauen es zu Stande bringen, Engel zu sein. Die Ehe wird geduldet, sie ist das nothwendige Uebel, ein Zustand, welcher denjenigen Christen gestattet wird, die nicht genug heldenhaft angelegt sind, um vollkommen heilig zu sein. Aber heute, wie vor 18 Jahrhunderten wird der wahrhaft Heilige, der sittliche Genius, eine Frau nicht anrühren; er wird sie verdammen und von sich fernhalten. Kann man denn ohne ein Gefühl des Ekels diese Frauen in den Straßen sehen, schmutzig, abgearbeitet, verkommen, die ganze Schaar von Kindern hinter sich herschleppend, wie die Weibchen der Thiere ihre Jungen! In der That weiß der gesunde Menschenverstand des Publicums derartige Dinge zu verurtheilen, indem man die Procession der allzu Kinderreichen aus der Straße verhöhnt, sie zum Gegenstände .des. Spottes..und der Verachtung, machte." In dieser Weise fährt die ganze Gesellschaft fort, ihre verderblichen Anschauungen zu ^entwickeln. Anders freilich denkt Mathieu. Er „in seiner Religion der Fruchtbarkeit" ist davon überzeugt, daß „ein Volk, welches nicht mehr ans Leben glaubt, im Zustande einer gefährlichen Krankheit" ist. „Frankreich, welches einmal ein Viertel der europäischen Bevölkerung zählte, bildet heute nur noch ein Achtel davon. In einem oder zwei Jahrhunderten wird Paris todt am Platze geblieben sein, wie das alte Rom und das alte Athen, und wir werden zum Range des heutigen Griechenland herabgesunken sein. Paris will ja sterben!" Und Zola zeigt, wie Paris an seinem Selbstmorde arbeitet; er zielt auf Paris, und vielleicht trifft er auch andere Städte. Er becft die furchtbaren Folgen der Ammenwirthschuft auf, wie das Kind der Amme zu sterben pflegt und das von ihr schlecht genährte Kind der sorglosen „Dame" nur zu oft lebensunfähig heranwächst, wie Frankreich jährlich durch Verwahrlosung und noch ärgere Verbrechen an 150/:00 junge Leben verliert, die zu erhalten wären, und dadurch so viel Verluste erleidet, als hätte es jährlich einen unglücklichen Krieg zu bestehen — und das Alles, weil die Männer sich nicht durch zu viele Kinder in ihrem Genußleben stören lassen wollen und die „Damen" die ithörichte Idee haben, daß es schön sei, noch zu 40 Jahren wie ein kleines Mädchen auszusehen. Er zeigt alle die verruchten Thaten, zu denen die Furcht vor dem Kindersegen führt, die Frauen, die es mit ihrem Leben bezahlen müssen, daß sie ein neues Leben nicht aufblühen lassen wollen; er zeigt die Laster Sodoms, aber auch ihre natürliche Bestrafung. Mag auch die düstere Schilderung an Uebertreibung und Einseitigkeit leiden, in Einem hat Zola bestimmt Recht: Der Sieg im Kampfe ums Dasein gehört der Fruchtbarkeit, der eigentlichen Religion Israels, dem selbst für seine höchste Tugend, die Ehrung, der Eltern, nichts anderes als Lohn verheißen wird als ein langes Leben auf dieser Erde. Auf dieser Erde! Die zweite Seite der Fruchtbarkeit, die Zola beschreibt, ist die Befruchtung der Erde. Als die Zahl der Kinder über das hinauszuwachsen beginnt, was ein schlichter Zeichner ernähren kann, geht Mathieu aufs Land hinaus und beginnt in harter Arbeit ganzen Flächen scheinbar unfruchtbarer Erde im Schweiße seines Angesichtes das Brod für seine Kinder abzuzwingen, und für jedes neue Kind wird ein neues Feld urbar gemacht. Auch das ist ein Bild jüdischen^ebens. aber freilich aus alter, uralter Zeit, da noch jeder Lwhn unseres Volkes im Schatten seines Weinftockes sich des Lebens im eigenen Lande freuen konnte. Damals haben sie uns gewaltsam vom Lande unserer Väter losgerissen. Werden wir jemals wieder die Berührung mit der Erde gewinnen? Wird es hier, wird es im Lande unserer Vater, wird es anderwärts, wird es nirgends sein? Nur die Geschichte kann diese Frage beantworten. Das Eine aber ist sicher: Israel wird sein, so lange seine Fruchbarkeit sein wird.' Der Zionsstaat noch einmal. Herr H. Jork Steiner hat mir die Ehre erwiesen, meine in diesen Blättern veröffentlichten Ausführungen über den ..Zionsstaat" einer für einen zionistischen Journalisten überraschend höflichen und sachgemäßen Kritik zu unterziehen. Ich möchte säst seine Legitimation bezweifeln, wenn er nicht (S. 821, Sp. 1) gesagt hätte: „Dort, wo ihm (M. L.) die Ansicht des Herrn Grasen nicht paßt, ersetzt er sie durch seine eigene, um nur zu seinem gewollten Resultate zu gelangen". An dieser artigen Wendung erkenne ich den zionistischen Kämpen. Aber ich will aus diesen Ton nicht eingehen und ihm in jener ruhigen und bescheidenen Weise antworten, die uns einfachen Männern aus der Gemeinde gegenüber den neuen Messiassen und ihren Akoluthen zusteht. Vor allem möchte ich ihn jedoch um Beantwortung einer Frage ersuchen. Er sagt, das Verbot der Judeneinwanderung in Palästina könne nicht Folge des politischen Zionismus sein, da dieser erst mit dem Baseler Congreß ins Leben trat und das Verbot schon einige Jahre früher erfolgte. — Ist denn etwa der Coirgreß aus dem Nichts entstanden? Wurde nicht Jahrelang vorher dafür agitirt? Und von alldem soll die türkische Regierung nichts gewußt haben? Das ist alles so geheim gebliebeir wie die vertrauliche Unterredung des Herrn Dr. Herz! mit dem Deutschen Kaiser? Herr Steiner vindicirt dem Zionismus das Verdienst der Aufrüttelung der Juden aus ihrer Gleichgiltigkeit, ein Verdienst, das er freilich mit den Antisemiten theilt. Aber wenn der politische Zionismus erst vor zwei Jahren mit dem Baseler Congreß begonnen, so ist doch alles was früher von jüdischer Seite zur Abwehr und Organisation geschah, nicht das Verdienst der Zionisten, jedenfalls nicht das ihrige allein. Wenn der Antisemitismus im Deutschen Reich etwas abgenommen, wenn er minder schädlich geworden ist, so ist das zum großen Theil Verdienst des durchaus nicht zionistischen „Centralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der schon seit fünf Jahren besteht. Biel älter sind die Israelitische Allianz und andere Vereinigungen zum Schutze der Juden. Und, si licet maynis comparare parva, kann Schreiber dieses sich darauf berufen, daß er über Judenthum und gegen Judenfeinde schon zu einer Zeit geschrieben hat, als manche der Koryphäen des Zionismus ihr jüdisches Herz noch nicht entdeckt hatten. Was dagegen ausschließliches Verdienst der Zionisten ist, das ist die Spaltung und Uneinigkeit, die sie ins Judenthum hineingetragen haben. Zu einer Zeit, da man alle Kräfte gegen den äußeren Feind vereinigen sollte, sehen wir mit Bedauern tüchtige und wohlmeinende Männer, geistige und materielle Mittel nutzlos, ja sogar schädlich verwenden, um einem unerreichbaren Utopien nachzujagen. Man denkt unwillkürlich an die Parteikämpfe in dem von Titus belagerten Jerusalem. Stolz auf die Tage oder Wochen, die er in Palästina zngebracht hat, sieht Herr Steiner auf mich herab, der ich das heilige Land nur aus Büchern und den Zionismus „nicht etitmal aus guten Büchern" kenne. So viel ich weiß, ist Herr Steiner weder Landwirth noch Geolog oder Geograph, trotzdem würde ich bescheiden zugeben, daß er über Boden, Bewirthschastung, Klima u. dergl. in Palästina besser zu urtheilen im Stande ist als ich, da er „nur die Dinge über die er spricht an-

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