Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 872 Dr. Bloch's Wochenjchrrft» Nr. 46 das* zeigen Auszüge aus Briefen, die vor Gericht vorgelesen wurden und die Esterhazy besser charakterisiren, als alle seine falschen Zeugenaussagen und sein sonstiges Verhalten in den Processen Zola und Dreyfus. So schrieb er am 28. März 1897 an seinen Cousin, daß er ihn — verheiraten möchte, und fährt dann fort wie folgt: „Magere nichtzu sehrab, damit Du Dich schöner repräsentrrst, und vor Allem trachte, Dir einen etwas älteren Kopf zu machen. Färbe Dein Haar, das macht die Blonden älter. Das Alles für den Augenblick, wo Du Dich vorstellen wirst. . . . Ich möchte Dir eine Mitgift von 800.00 Francs oder eine Million finden. Sage, daß Du Dich mit Politik oder Socialpolitik beschäftigen wirst. Behalte immer eine ernste Außenseite — durchaus ernst; verkehre blos mit sehr gewichtigen Menschen. Du wirst dann später schon das Versäumte einhohlen und kannst dann thun, was Du willst, wenn Du einmal das Geld hast . . . . A e u ß e r e immerroyalistische Gefühle; zeige Dich mit Menschen, die etwas bedeuten und — warte unsere Schritte ab!" In einem anderen Briefe schreibt Esterhazy: „Bitte den Gott der Armen, auf den ich übrigens kein Vertrauen setze, Dich in seinen Schutz zu nehmen. Man spricht mir von einem Mädchen, welches 1500.000 Francs hat. Das wäre zu schön! Ich werde also die Sache einleiten. Ich bedaure, daß Du nicht Herkommen kannst, aber begreife doch, daß Du n u r eine Art hast. Dich reich zu verheiraten, nämlich, wenn Du die Leute fest hineinleg ft — nennen wir doch die Sache wie fie ist! — indem Du Dich für einen Edelmann mit bescheidenem Vermögen ausgibst, der aber einen guten Adelstitel hat und einen berühmten Namen trägt, der ein eifriger Royalist ist und eine politische Rolle spielen will, wenn er eine reiche Heirat macht. Unter uns müssen wir eingestehen, daß Du Dich aus der Affaire nicht anders ziehen kannst, als wenn Du, um es zu wiederholen, die Leute durch eine Hochzeit^hineinlegst. und daß wir deshalb d i e W a r h e i t fchmin'kenmüssen. In Folge defien sprichundseirecht ruhmredig, aber verwirre nichts. Wir können nicht reussiren wenn wir die Leute stutzig machen; der Marquis de Presles (die bekannte Figur aus dem Augier'schen Buche) wird dann nicht mehr so leicht derSchwiegersohn des alten Herrn Poirier. Was den Unterricht in der Ecole politique betrifft, s o ist das doch nur ein Schwindel. Wenn man Dich über Deine Neigungen, über Dein Talent fragt und über das, was Du thust, so sage nur, daß Du D ich nur mit Socialpolitik befasse st uud einen Curs hörst, aber mache^ mir nur keine dummen Streiche Bist Du einmal in einem Bureau eingesperrt, dann bist Du verloren!" Endlich spottet Esterhazy einmal: „Die Unterredung mit den Pfaffen, die hat mich wirklich ganz hingemacht." Wie der Gerichtshof den weisen Rathgeber gelohnt hat, haben wir berichtet. Zur Hilfsaktion für die geplünderten Gemeinden in Mähren. Wir erhalten aus Berlin folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redacteur! In der „Bossifchen Zeitung" befand sich ein Inserat, in welchem die Gemeinde Holleschau um Spenden ersucht. Da von den Gemeinden Böhmens mehrere Schaden erlitten haben, wäre es vielleicht Aufgabe Ihres neu gegründeten Gemeindebund eine einheitliche Aetion einzuleiten, falls eine solche erforderlich ist. Wie die Sachen jetzt liegen, bekommt von hier nur diejenige Gemeinde Geld, die es sich einige Inserate kosten läßt. Das Sammeln im Auslande, bevor man noch im Inland sich bemüht hat, will mir jedenfalls nicht richtig erscheinen. Hochachtungsvoll Dr. Heinrich Meyer-Cohn. Vas Iudenlhum als Religion der Fruchtbarkeit. (Nach Zola's neuestem Roman). Bon jeher hat es unter den Religionen zwei deutlich mrterscheidbare Gruppen gegeben. Die einen fassen, wie das Christenthmn und der Buddhismus, das ganze menschliche Leben als eine Vorbereitung für ein Leben nach dem Tode auf; ihnen kommt daher das irdische Leben fast einer Strafe gleich, für die Erbsünde oder für die in einem früheren Leben begangenen Sünden, sie verherrlichen den Büßer, preisen den Armen selig; Krankheit und Elend macht den Menschen der Wunder des Erlösers besonders würdig; das Kind und die Frau, als die Schwachen der Natur, lassen sie besonders gerne zu sich kommen; die Liebe zum Weibe ist ihnen eine Sünde des Fleisches, die Jungfräulichkeit ist ihnen besonders heilig, der ehelose Stand der bessere; fie erwarten alles Heil von der Nächstenliebe des Menschen, von der Gnade Gottes, wenig von öer Gerechtigkeit und von der selbstheilenden Kraft des Lebens. Ganz anders ist der Geist der anderen Gruppe beschaffen. Diese find für das Leben und erwarten Alles vom Leben. „Seid fruchtbar und vermehret Euch" ist ihr Wahlspruch; als schönster Lohn eines wohlverbrachten Lebens gilt ein Haus voll von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern, Enkeln und Enkelinnen, Kindern und Kindeskindern derselben, ein Volk, zahlreich wie der Sand am Meer, wie das, welches den Lenden des arbeitsamen, klugen und friedlichen Patriarchen Jacob entsprossen ist. Ihr Ideal der Weiblichkeit ist nicht die thatenlose Entsagung der Jungfrau, sondern das ejsvdes chajil, das „Tapferweib", das die Habe des Mannes mehrt, sein Haus in Ordnung hält und mit wohlerzogenen Kindern bevölkert. Der heiligste Tag des Jahres, der Versöhnungstag, war der Liebeswerbung der Jünglinge und Jungfrauen von Jerusalem zugewiesen. So hat es auch in den altjüdischen Gemeinden nicht leicht einen alten Junggesellen oder eine alte Jungfer gegeben; die ganze Gemeinde constituirte sich als freiwillige Rettungsgesellschaft, sobald ein Fall dieser Art drohte; der Reiche steuerte Geld bei, der Arme erspähte auf seinen Wanderungen die fehlende Ergänzung des einsamen Menschenkindes, aber geheiratet mußte werden und spätestens ein Jahr darauf stellte sich pünktlich die erwartete Vermehrung des Familienstandes ein; eine unftuchtbare Frau erscheint schon in den Büchern der Bibel als Gegenstand des Hohnes und des Mitleides. Nicht gar so selten waren dagegen jene Familien, deren Kinderzahl das Dutzend des Patriarchen füllte oder selbst stark überschritt. Hat doch der Volkshumor in einer jener durch mündliche Ueberlieserung cursirenden Anectoden sogar die Gestalt jenes stark bekinderten Familienvaters geschaffen, dem ein spielendes Kind auf der Gasse so sehr gefällt, daß er es fragt, wem es gehöre, worauf das Kind verwundert antwortet: „Dein, Vaterl!" Bei einem Großbetrieb kann man eben das Einzelne nicht mehr im Auge behalten. Es ist klar, daß Emile Zola in seinem neuesten Roman „F6condit6“ (Fruchtbarkeit) schon seines Themas wegen nicht an diesem Gegensätze der Religionen vorübergehen konnte. Die jüngste Dichtung des großen Romanciers gruppirt das bedeutendste Sittenbild, das schon seit Langem geschrieben wurde, um die Schicksale eines schlichten Zeichners, namens Mathieu Froment, des Sohnes jenes Pierre Froment, welcher in „Rome" seines Priesterthums müde uud in „Paris" an eine gesunde derbe Frau verheiratet würde. Im Gegensätze zu seinen Landsleuten, deren Ideal das Zweikindersystem und selbst das einzige Kind zu sein pflegt, scheut sich Mathieu nicht, ein ganzes „heiliges Bataillon" von Kindern und Kindeskindern ins Leben zu rufen. Unter beständigem Kampfe um das tägliche Brot erzieht er seine zwölf Kinder zu tüchtigen Menschen und zum 70. Jahrestage seiner Hochzeit versammeln sich um ihn, den 90jährigen und seine 87jährige Frau einhundertachtundfünfzig Nachkommen, darunter Enkel seiner Enkel. Dabei ist sein Haus über alle diejenigen emporgewachsen, welche früher reicher und vornehmer gewesen waren, aber an ihrer Sittenlosigkeit zu Grunde gegangen sind; seine Kinder walten an den Stätten der oft schon durch Einen Todesfall kinderlos Gewordenen. Selbstverständlich kann sich seine ganze Lebensführung nicht entwickeln, ohne die lebhafte Kritik derjenigen zu erregen, welche in dieser schrankenlosen Vermehrung einen Leichtsinn, eine Schamlosigkeit erblicken und ihre eigenen Grundsätze durch große Vorbilder zu begründen versuchen. Dieser Art ist Santerre, der frömmelnde Literat neuesten Stils, dem die Ehe zu sinnlich derb ist, der ganze Bücher über heilige Frauen und Männer schreibt, die in schwärmerischer Liebe 30 Jahre hindurch bei täglichem Umgang so