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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 868 Dr. Blocht Woche,rsürrrft. Nr. 46 die kümmerliche Existenz unserer kleinen Juden in den mährischen und böhmischen Judeu-Gemeinden kennt, muß empört sein. Diese Gemeinden sind seit einem halben Jahrhundert von allen Wohlhabenden verlassen worden und zählen heute fast nur Bedürftige oder doch Leute die sich schwer ernähren — und das sind Ausbeuter! Dieser socialdemokratische Abgeordnete, um mit ihm persönlich fertig zu werden, muß sich gefallen Lassen, daß ich ihn vor folgende Alternative stelle: Entweder er — der selber ein Jude — hat wirklich tun dieser socialen Schichtung unter den Juden keine Ahnung, dann ist er wie alle Halbwisser ein gefährlicher Ignorant und hat von nun an in diesen Dingen zu schweigen oder er kennt sie und seine Ausführungen sind einzig Ausfluß seiner Parteitaktik — dann ist nicht nur er um kein Haar besser, als Jene von ihm bekämpften Elenden, welche den Ritualmord zu Parteizwecken ausschroten, sondern es wirst diese seine Rede bei der straffen Disciplin der Socialisten im Hause ein gefährliches Licht auf die Politische, ja auf die Moral überhaupt seiner ganzen Partei. Der Mann selbst ist noch zu wenig gekannt, als daß i ch mich für die eine oder andere Alternative entscheiden könnte. Mag er das selbst thun, mit chm bin ich fertig. Aber welche Conclusion haben wir aus dieser seiner Rede für unser Verhalten zu ziehen. Ich denke, sie liegt sehr nahe. Diese optische Täuschung müss n w i r zerstören. Wir müssen die socialen Differenzen auch bei uns aufzeigen, constatiren, lebendigmachen. Es gibt keine andere vernünftige Politik, als die der Interessen und von hüben und drüben muß das Gemeinsame sich zusammenfinden. Der christliche Proletarier muß wissen, daß ein jüdischer Genosse mit ihm Schulter an Schulter für das gleiche Interesse kämpft. Der kleine christliche Händler muß wissen, daß der kleine jüdische Händler genau dasselbe ist wie er, genau unter demselben wirthschastlichen Drucke steht. Erst von dem Momente tm, als Dr. Lueger seine Parole der „vereinigten Christen", die nicht ziehen wollte, .in . das Schlagwort christlich-s o c i a l umgewandelt, um sich die Schaaren des „kleinen Mannes" gesammelt hat, ist er sieghaft geworden. Diese heutige Gruppirung, nicht nach dem socialen Interesse sondern nach der zufälligen Geburt müssen wir zu durchschneiden trachten. Das" ist die Arbeit des nächsten Decenuiums. Wie sollen wir aber nach Außen jetzt schon deutlich machen, daß wir zu dieser Erkenntniß gekommen sind und von nun an darnach handeln wollen? Ich schlage Ihnen folgende Resolution vor: „Die Oesterreichisch-Jsraelitische Union protestirt auf das Allerentschiedenste gegen die entweder kenntnißlose oder politisch-fraudulose Zusammenwerfung aller Juden als socialununterschiedene Classe und der Bezeichnung aller mährischen und böhmischen Juden als Ausbeuter, wie sie vom Abgeordneten Berner gewagt worden ist. Wir sprechen zwar den reichen jüdischen Classen für ihre Gleichgiltigkeit, welche sie bisher in dem allen Juden aüfgedrungenen Kampfe bewiesen haben, die entschiedenste Mißbilligung aus, aber wir erklären weiters, daß ganz unabhängig von dieser Thatsache wir uns gegen die den jüdische untersten und Miltelclassen imputirte Solidarität mit den socialen obersten jüdischen Schichten verwahren, da die Interessen derselben eben so wenig mit jenen der jüdische» Mittelclasseu zusammenfallen, wie auf der christlichen Seite." Fürchten Sie nicht, meine Herren, den socialen Gedanken! Der sociale Gedanke ist ein echt jüdischer. Was unterscheidet zu allererst den Menschen von allen anderen Wesen, als daß er allein im Stande ist, den fremden Schmerz zu fühlen! Fürchten Sie nicht die Socialisten! Fürchten Sie nicht das Unmögliche! Die ökonomischen Gesetze, die mathematischen Gesetze des wirthschastlichen Verkehres, können nicht aufgehoben werden. Aber fürchten Sie die Antisemiten! Die Gesetze der Gleichberechtigung — die können aufgehoben werden, fürchten Sie das Mögliche! Alles was schwarz nnd reactionär ist in Oesterreich, ist gegen uns. Die Socialisten such nur mehr die einzige Kampfpartei gegen diese Mächte. Und wenn das Dach über den Kopf brennt, werden wir nicht erst fragen, woher das Wasser kommt! Meine Herren! Ich empfehle Ihnen die Resolution und schließe. Ich werde voraussichtlich manchen Widerspruch, manchen Angriff erfahren. Das erschüttert mich nicht. M. V. „ich bin jung gewesen, ich bin alt geworden", ich habe nie etwas Anderes vor Augen gehabt, ich habe auch diesmal mir bei meiner Auseinandersetzung nichts vorgehalten, als das alte deutsche Sprichwort, ein wahres Wahrwort: Iß was gar ist, Denk' was klar ist, Red' was wahr ist. * * * Bei der sich daran anschließenden Debatte sprach Gemeinderath Lucian Brunner in scharfen Worten gegen die in Scene gesetzte Ritualhetze. Er widerlegt den den Socialdemokraten gemachten Vorwurf, daß sie eine Judentruppe seien, und empfiehlt die Vereinigung aller Juden unter dem demokratischen Programm. Unter rauschender Acclamation beleuchtete hierauf Hofrath K a r e i s die den Juden zu Gebote stehenden Actionsmittel. Vor Allem wäre es nöthig, im öffentlichen Leben jene Achtung wiederzuerringen, welche die Juden noch vor 18 bis 20 Jahren besessen haben. Was Einzelne verschuldet haben, werde jetzt der Gesammtheit zum Vorwurf gemacht. Auf die Rede des Abgeordneten Berner übergehend, betont Hofrath K a r e i s, daß derselbe die Entstehung der jüngsten antisemitischen Bewegung in Mähren und Böhmen treffend erklärt habe. Die Ursache derselben waren nationale, confessionelle uud wirthschastliche Privatinteressen, aber noch ein anderer Factor sei für die colossalen Ausschreitungen maßgebend gewesen, nämlich, daß jene Organe, welche die öffentliche Sicherheit zu hüten haben, ihre Pflicht nicht erfüllt hätten. (Stürmischer Beifall.) Das Wichtigste für die Juden sei derzeit die Lösung der nationalen Frage, denn wenn die einzelnen Nationalitäten einander nicht erschlagen werden, wird auch der Jude Ruhe haben. Und wenn Oesterreich bestehen solle, so müssen diese Streitigkeiten ein Ende finden; das Fortbestehen Oesterreichs ist eine europäische Nothwendigkeit. Wenn es den Juden gelänge, der nationalen Frage zur Lösung zu verhelfen, würde man eine große Beruhigung in all,e Gemisther bringest. Der Redner ^empfiehlt die Einigung aller jüdischen Parteien "unter ein gemeinsames Programm und beendet seine interessanten Darlegungen unter dem großen Beifalle der Versammlung. Abg. Straucher besprach die Zustände im Parlament. Der Jude werde dort mit giftsprühenden Blicken angesehen, und zwar nicht nur von der antisemitischen Partei, denn eine solche gebe es ja nicht, sondern von den vereinigten Antisemiten von rechts u n d l i n k s. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, dankte die Versammlung dem für die Interessen der Juden so mannhaft eintretenden Professor M a s a r y k und Abgeordneten Aronawetter und nahm die beantragte Resolution an. Das österreichische Abgeordnetenhaus. So ist denn diese klägliche Debatte nach mehrtägiger Dauer zu Ende gegangen. Kläglich wie ihre Ursache, war ihr Verlauf, war ihr Resultat. Begonnen, nicht dem Rechtsbewußtsein Genüge zu leisten und in der Bevölkerung das Gefühl für Recht zu stärken und in ihr die Scham vor dem begangenen Verbrechen wachzurufen, sondern um der wahnwitzigen Rechthaberei im Nationalitätenstreite neuen Ausdruck zu verleihen oder der verlogenen Judenhetze der Antisemiten Stoff zu geben, um mit alten und neuen Lügen die Leidenschaften verthierter Subjecte wieder aufzustacheln, hat ihr Verlauf bewiesen, daß für alle Parteien der Jude nur der Prügelknabe ist, auf den Deutsche und Czechen, Reactionäre und Socialdemokraten losschlagen, mit dem sie Fangball spielen, ihn dem Haffe des Pöbels, der in jeder Partei vorhanden ist, zuwerfen und den sie preisgeben, sobald es sich um ihre eigene Haut handelt. Gern nehmen wir die Abgeordneten D'Elvert und Dr. Menger von dieser Gesammtcharakterisirung aus, nicht weil sie sich der Juden annahmen, sondern weil der Erstere thatsächlich den ethischen Standpunkt hervorhob und der Empfindung die richtigen Worte verlieh, wie tief beschämend es sei, daß Oesterreich am Ende des. neunzehnten Jahrhundert, an der Schwelle einer neuen Zeit, der man im Vorhinein den Stempel der socialdemokratischen und socialen, d. h. einer den Rechten jedes Individuums, den Rechten jedes Volkes, den Rechten der Gesellschaft in allen ihren Theilen

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