Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021324--09365-3033791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 46 Seite 867 Dr. Bloch's Wochenschrift. gesetzt hat, erfüllt? Nein, meine Herren, diese Sache verlangte eine andere größere Auffassung — und andere ganz andere, größere Mittel, wie die Cvllegen unserer Reichen sie in Paris, Berlin aber auch in Budapest zur Verfügung stellen. Wir haben im Grunde bei aller unserer Arbeit bis jetzt nur den kleinen, den Guerilla-Krieg gegen die Antisemiten geführt.. Aber kann man denn die Thätigkeit eines solchen Abwehrvereines überhaupt groß genug denken? Gewiß nicht, wenn man den Umfang und die Ausdehnung der Gegnerschaft, die Größe der Gefahr ins Auge faßt. Was und wie es zu thun wäre, darüber muß ich mir Stillschweigen anferlegen. Es ist ja doch nicht unmöglich, daß wir große Mittel erreichen — vielleicht haben' wir auch einige schwache Aussicht — immerhin pflegt'man denn doch im Kriegsfälle nicht seine Pläne, selbst die entfernten, zu veröffentlichen! Aber lassen Sie mich eine Sache ungescheut herausheben : Auf der constituireuden Versammlung des Gemeindebundes ist ein. einziger praktischer Antrag gestellt worden, jener auf Einbringung eines Gesetzes, welches in allererster Linie die Gemeinden für Plünderungen in ihrem Gebiete haftbar macht. Gewiß hat den Antragsteller bei Stellung dieses Antrages vor Allem der allgemeine Gedanke geleitet, daß hiedurch die fürchterliche Nothwendigkeit zu „schießen" vermieden werden wird. — Die Menschen sind doch nicht aus der Welt, um erschossen zu werden. Aber die actuelle Veranlassung des Antrages.bleibt immer die, daß Hunderte von jüdischen Familien an den Bettelstab gebracht wurden, theils weil sie direct ausgeraubt worden sind, theils weil ihnen die Existenz in ihrer Heimat unmöglich geworden ist. Nun hätte ein solches Gesetz, wenn es, und Gott weiß wann, zu Stande käme, doch für diese Familien in Nachod, Holleschau, Polna, Wsetin, keinen rückwirkenden Werth. Nun frage ich Sie, meine Herren, für wen haben diese mährischen und böhmischen Juden geblutet? Haben sie das nicht für alle Juden! Wäre es nicht auch eine ganz bestimmte Pflicht aller Juden, diese Leute, welche ohne eigene Schuld für uns Alle die Opfer sind, zu entschädigen? Wäre'das nicht eine der ersten Aufgaben eines jüdischen Schutzvereines — wenn wir die Mittel hiezu zu beschaffen wüßten? Oder um noch eine andere Angelegenheit zu erwähnen, wir haben für Galizien eine eigene Action eingeleitet, um den dortigen Juden, die ständig verhungern, Arbeit und Brot zu schaffen. Die großen Kosten der Vorbereitung der Vorarbeit müßten wir ans Eigenem bestreiten. Auch hierüber muß ich mich aller Details enthalten, um nicht vorzeitig Opposition im Laude zu erwecken. Aber ich glaube schon diese einzelnen wenigen herausgeriffenen Fragen, die ich hier berühren konnte ohne mich zn präjudiciren, werden Ihnen, meine Herren, deutlich zeigen, daß es an solchen, von den Juden für die Juden zu bewältigenden Fragen, daß es an Ausgaben im Großen für unser Abwehr-Bureau nicht mangeln würde, wenn uns diese Mittel von Seite unserer Reichen zur Verfügung stünden. Die faktischen Thatsachen aber, welche bei dieser unserer Subscription so eclatant gezeigt haben, daß die Juden aus zwei scharf getrennten Gruppen bestehen — einerseits der kleinen Zahl der Reichen und anderseits der übergroßen Masse der arbeitenden mittleren und den kleinen Leuten und dann den ganz besitzlosen jüdischen Proletariern, daß von diesen zwei Gruppen, die kleine reiche nicht das geringste Interesse für die übrige Masse der Glaubensgenossen hegt und zeigt, führtmich gradaus aus das Ziel, dem ich in meiner Auseinandersetzung hier zustrebe. Wir Juden leiden unter einer ganz merkwürdigen optischen Täuschung, von welcher die ganze nichtjüdische Bevölkerung uns gegenüber geblendet ist. Dadurch, daß wir Juden nur im Stande waren, uns culturell zu affimiliren, daß wir aber durch die Geschichte und durch die Ehegesetze hüben und drüben nothwendig unsere äußere physische Stammseinheit behalten haben, namentlich aber dadurch, daß die gesammte Judenschast durch zwei Jahrtausende aus wenig Erwerbsarteu — unter denen gerade die charakteristischeste, die agricole fehlt — zusammengedrängt waren, erscheinen wir den Christen fälschlich als eine einheitliche gleichförmige Volksmaffe. Und wie man aus der Ebene zuvörderst, zumeist nur die höchsten Bäume hervorrageu sieht, so beurtheilen die Christen unsere, der Juden ökonomische Verfassung blind nach den verhältnißmäßig wenigen Namen, die ihnen jedesmal genannt werden, nach den einzelnen Erscheinungen, die am stärksten und am öftersten in die Augen fallen müssen. Und das ist natürlich ein heilloser und für uns verhängnißvoller Jrrthum. Die socialen Scheidelinien halten natürlich nicht inne vor den Thoren des Ghetto, und gehen mitten durch die Juden hindurch, genau so scharf wie durch die Christen, vom elendsten jüdischen galizischen Proletarier, gegen den der christliche noch ein Reicher ist, durch die zahllosen Kleinen und Mittleren bis zu den finanziellen Spitzen hinauf. Weil aber diese gewaltigen socwlen Verschiedenheiten verdeckt werden durch die GleichförmigÜit der äußeren Erscheinung und eine weitgehende verhüuguißvolle Gleichartigkeit der Erwerbsarteu, erscheinen wir gegen den Willen der großen Mehrheit von uns, gegen unser Jnleresie in der Gegenwart wie in der Zukunft nur als eine solidarische Masse; solidarisch aber nur für die Angriffe der Gegner. Man macht uns solidarisch mit Elementen, die sich für uns nicht interessiren und für die wir uns umgekehrt noch viel weniger interessiren dürfen. Ihre Interessen sind durchaus nicht die Unserigen. Sie haben die Angriffe des Abgeordneten Berner gelesen. Er greift zuerst Rothschild und Gutmann an. Was sind uns, den jüdischen Mittelclassen, diese Beiden? Wenn die Nordbahn nicht verstaatlicht worden ist, haben die Holleschauer Juden die Actien? Wenn die Südbahn nicht leben und nicht sterben kann, haben wir kleinen Juden den Profit aus den Südbahnbonds gezogen? Wenn die Creditanstalt heute antiquirte, von der öffentlichen Meinung auf das allerentschiedenste verurtheilte Gründergewinue vertheilt, ist die Polnaer Judengemeinde die Großactionäre, welche diesen Gewinn eincassiren? Aber diese bloße Inkongruenz der Interessen wird im Leben zum striktesten Gegensatz zwischen dem großen und dem kleinen Juden. Wenn die Kohlen theurer geworden find, haben diese kleinen Juden, die Kleider-, Leder- und Schnittwaarenhändler, die jüdischen Handwerker die Montanwerke? Oder bekommen sie die Rothschild-Gutmannschen Kohlen billiger als jene des Grafen Larisch? Oder um ein ganz dentliches Beispiel anzuführen: wenn in Nachod die Arbeiter der großen jüdischen Spinner und Weber striken, um bessere Löhne zu erzielen, hatten da die kleinen jüdischen Händler, Handwerker, Hausirer in Nachod und Umgebung vielleicht das geringste Interesse an dem Siege der Fabrikanten? Im Gegentheile! Sie hatten das größte Interesse, daß umgekehrt die Arbeiter siegen, von denen sie leben. Und dieses Verhältniß gilt für überall! Allüberall haben die mittleren und kleinen Juden das höchste mit den Arbeitern ganz gemeinsame, und den reichen Fabrikanten entgegengesetzte Interesse, daß die Löhne möglichst hoch sind. Und wie wird dieses Verhältniß zwischen großen und kleinen Juden verkannt und nicht nur vom christlichen Schuster und Schneider. Lernen Sie weiter aus dem Falle Berner. Hätte er blos auf Rothschild und Gutmann geschimpft, das hätten wir mit großer Gemüthsruhe ertragen. Aber er sagt in seiner jüngsten Rede im Abgeordnetenhaufe ganz allgemein: der Gegensatz zwischen Juden und Christen fei nicht nur jener der Race, der Confeffion, sondern auch der sociale der Classe — alle Juden gehören ihm zu einer Classe, er kennt keine jüdischen Proletarier, keine jüdischen kleine Leute — und da ist es denn nur ein weiterer Schritt von ihm, wenn er unterschiedlos alle böhmischen und mährischen Juden als Ausbeuter hinstellt. Wer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.