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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-17 · 46 (17.11.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
46 (17.11.1899)
Date
1899-11-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 866 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 46 kommt noch die weitere am schwersten wiegende, daß jede einzelne, dieser Parteien, wenn sie sich auch alle gegenseitig bis zur Unvernunft, bis aufs Messer bekämpfen, daß, sage ich, jede derselben. uns Juden der anderen Partei als Futter zum Fräße vorwerseu, daß sie alle ohne jedes Gewissen uns Juden als Kanonenfutter verwenden wollen. Wir haben, uns darum, gegen alle. Parteien, zu wehren! . Welche Conclusion haben wir aus diesen Thalsachen zu ziehen? Ich glaube eiue sehr klare: daß wir Juden diesen fanatisch nationalen Kampf nicht mitmachen, nicht unterstützen, daß wir uns auf die Abwehr gegen unsere Feinde beschränken müssen; und daß wir in dieser Selbstbeschränkung verharren, insolange nicht die Staatskunst der österreichischen Staatsmänner das Mittel gefunden hat, die Völker Cisleithaniens zur Vernunft zurückzuführen und aus den rein nationalen rein politische Parteien zu machen; sei es daß sie diese Umwandlung vollführe durch die Vernichtung der heute. herrschenden nationalen Cliquen auf dem Wege des allgemeinen Wahlrechtes, sei es auf einem anderen Wege, den zu errathen ich nicht Witz genug habe. Nun, Sie wissen meine Herren, wir, die Union, vertreten diese Ansicht schon lange, und von diesem Standpunkte aus hat auch Ihr Vorstand seinerzeit eine Abwehr orgauisirt und seine ganze politische Thätigkeit auf dieselbe beschränkt. Gestatten Sie mir, daß ich unmittelbar anschließend die Erfahrungen schildere, welche wir im letzten Halbjahr bei der Orgauisirung dieser unserer Bestrebung gemacht haben; ich möchte erst dann meiner zweiten ganz allgem inen These einen Inhalt geben, jener nämlich, daß wir auch bei uns selbst Alles hinwegräumen müssen, was das Erlöschen der Bewegung aufhalten kann. Denn unmittelbar aus diesen gemachten Erfahrungen wird sich ergeben, was darunter verstanden werden muß. Lassen Sie mich nun in der Geschichte unserer Abwehr im letzten Halbjahr zuerst eine Lichtseite erwähnen! Unstreitig haben wir mit derselben auf die Widerstandslust und Widerstandskraft der Juden in ganz Oesterreich belebend gewirkt. Denn wir haben unsere Thätigkeit überall hin erstreckt. Nirgends aber hat sich die Einwirkung deutlicher gezeigt, als in Wien selbst. Der hiesige Cultus-Vorstand hatte sich immer gegen die Zumuthung seine Thätigkeit über die rein administrative Gestion hinaus zu erweitern, entschieden ablehnend verhalten. Als wir vor einigen Jahren die Stiftung eines Gemeinde-Bundes proponirten, ist dieser Gedanke trotz der Zustimmung der anderen Gemeinden an seiner ablehnenden Haltung gescheitert. Bei Gelegenheit der letzten Vorstandswahlen haben wir wieder die Forderung einer Thättgkeit nach dieser Richtung hin aufgestellt und hiefür speciell von Seite des Präsidiums derGemeinde die heftigsten Vorwürfe geerntet In diesem Punkte ist nun eine Wendung eingetretcn, die wir dankend anerkennen. Sie datirt erst kurz. Sie datirt von jenem Momente, als wir im Vorstande der Union die jüngst abgehaltene Protestversammlung beschlossen und vorbereitet hatten. Damals hat der Vorstand der Gemeinde zu unserer angenehmen Ueberraschung uns die Proposition gemacht, die thatsächliche Abhaltung ihr zu überlassen, was wir ja der ungleich größeren Autorität wegen, welche der Vorstand in der öffentlichen Meinung genießt, bereitwilligst zugestanden haben. Weiters hat er in Fortsetzung dieses Umschwunges, den Gemeindebuud, dieses Schmerzenskind der Union tatsächlich coustituirt und wir wollen hoffen, zumindest aufrichtig wünschen, daß die Männer, die berufen sind, ihn zu leite«, die nöthige geistige Initiative, die Ideen, welche zu einer großen Abwehr nöthig sind, besitzen, und daß sie auch die nöthige Energie, das Temperament aufbringen werden, um diese initiativen Gedanken thalkräftig und wirksam durchzuführen. Hoffen wir — wünschen wir dies wenigstens. Aber nach einer Richtung habe ich schon lebhafte Besorgniß. Sie wissen Alle, meine Herren, zum Kriegführen gehört Geld. Und da verrathe ich Ihnen kein Geheimniß: wir, die Union haben kein Geld — aber jener von der Cultusgemeinde constituirte Gemeindebund ' hat vorläufig wenigstens schon gar kein Geld! Vielleicht daßich ihn -durch diese meine Darlegung in der Suche nach Geld unterstütze! Die Geschichte dieses Geldmangels, hüben wie drüben, verdient-daher jedenfalls erzählt zu werden. .Der Vorstand der Union hat Ihnen schon in seinem letzten Berichte dargelegt, daß unsere Aufforderung, direct und in der Stille an einzelne unserer hervorragendsten das heißt an Geld hervorragendsten Juden gerichtet, ohne Erfolg geblieben war. Im Gegentheil, Zusicherungen, die uns von, sagen wir, hervorragendster Seite in bestimmte Aussicht gestellt worden waren, sind ganz einfach zurückgezogen worden. Nun wir die Union haben gethan was die Cultusgemeinde vielleicht nicht thun kann. Wir haben uns, da die Rothwendigkeit eines Bureaus wie des unseren zu eclatant war, um dasselbe leicht aufzugeben, in die Öffentlichkeit geflüchtet, und in einem Circulare, in welchem wir, unsere bisherige Thätigkeit schilderten, unsere Glaub engen offen zu Subscriptionen aufgefordert. Erlauben Sie, daß ich nur im Allgemeinen ohne jede Namensnennung den Erfolg charakterisire. Bei unseren „Groß-Juden" haben wir auch mit diesem allgemeinen Appell keineswegs den gewünschten Erfolg gehabt! Nicht nur daß ein Theil von ihnen auf die Aufforderung gar nicht reagirt hat — und unter diesen befindet sich, charakteristisch genug, ein Mann allererster Vermögensclasse,. welcher,, allerdings nur mit seinem Namen nicht mit seiner Thätigkeit, an der Spitze einer großen Judengemeinde steht — sondern auch Diejenigen, welche sich gemeldet, haben mit einer einzigen anständigen Ausnahme, so lächerlich kleine Summen beigetragen, daß wir wohl sagen können, sie haben sich nur mit uns d. h. den Juden überhaupt „abfinden" wollen; und zumeist haben sie es in einer Art gethan, welche dem Mißvergnügen, bei dieser ganzen jüdisch gemeinsamen Sache überhaupt herangezogen zu werden, deutlich bekundet hat. Der eine fügt seiner Sendung die unwirsche Bemerkung bei: „ein für allemal", das heißt doch ganz deutlich, man möge ihn nicht mehr belästigen; ein zweiter noch größerer, d. h. noch reicherer, bedingt sich seine Verschweigung in der Liste, und so fort mit Grazie. Nun meine Herren können Sie denken, wie es dem Gemeindebund, welchem diese gelinde Pression nicht zu Gebote steht, geht. Aber, meine Herren, auch mit den zweit- und drittclassigen, den armen nur zwei-, einfachen und Halb-Millionären haben wir ganze schlimme Erfahrungen gemacht. Der Steuerkataster der Cultusgemeinde weiß.von einer ganz stattlichen Liste solcher Steuerträger ' zu erzählen. Nun, die Mehrzahl dieser Herren glänzt in unserem Verzeichniß durch ihre Abwesenheit, und die thatsächlichen Beiträge der Anderen stehen zumeist gleichfalls in grellem Mißverhältniß zu der Wichtigkeit der Sache, zu der Leistung auf welche wir Hinweisen konnten, und am grellsten zu der finanziellen Leistungsfähigkeit der Herren selbst; ist doch Jeder von ihnen gewohnt, für ungleich geringere, ja geringe Dinge, für eine Laune ganz andere Summen auszugeben. Was wir eingenommen, verdanken wir nahezu ausschließlich dem Verständniß und der Theilnahme unserer jüdischen Mittelclasse, und dem gerne gezollten Tribut vieler unserer kleinen Leute in Wien wie auch in der Provinz. Nur diesen Mittel- und kleinen Leuten danken wir es, daß wir schließlich eine Summe eingenommen haben, die uns in den Stand gesetzt hat, einen Vorschuß zurückzuzahlen, ohne welchen wir schon vor Jahr und Tag hätten unser Bureau auflösen müssen; den vielen Anforderungen, welche die letzten Monate uns gebracht haben, gerecht zu werden, und für einen weiteren geraumen Zeitraum unser normales HBget zu decken. Wohlgemerkt das normale laufende Geschäft htt Abwehr, das sich so zusagen bei uns herausgebildet hat. Aber ist mit diesen normalen Angelegenheiten die Aufgabe einer Corporation, die sich die Vertheidigung der Juden zur Aufgabe

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