Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 46 (17.11.1899)
- Date
- 1899-11-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mr. 46 Di*a BlOCh’S Zahrg««, XTL Centralorgan für die gesammken Interessen des Iudrnthums. Wien, 17. November 1899. Erscheint jeden Freitag. -»4—H.- ief-Adreffe: Wien, II.« Untere Augartenstraße Ls. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Inhalt. Leitartikel: Die Lage der Inden. — Das österreichische Abgeordnetenhaus. — Vom Jahrmarkt desLebens: Infame Lügen von der Tribüne des Parlaments. Damaskus und Holleschau. Die Nothwendigkeit der Revision des Polnaer Processes. Capitän Adolf Epler. Aus Rußland. Arischer Blutaberglaube. Deutschthümelnde Antisemitenmoral. Jüdische Tabakpflanzer. Esterhazy an seinen Neffen Christian. Eingesendet. — Das Judenthum als Religion der Fruchtbarkeit. — Der Zionsstaat noch einmal. — Correspondenzen: Wien, Miletin, Pisek, Prag, Jglau, Teplitz, Komotau, Cernowitz, Berlin, Paris, London- Liverpool, New-York. — Vermischtes: Wien, Baden, Brünn, Proßnitz, Prziwos. Leipa, Melnik, Breslau, Berlin, Serajewo' Gothenburg. — Feuil leton: Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. *= A. ft. Postsparraffen-Amr Clearingverkehr Nr. 610.976. Nedaction und Aüminillralion: Wien II., Ankere Airnnrkcrrlkr. la. Telephon - Nr. 14.847 --"X Serugsp-ri, für Srsterrrtch- Halbjährig 4 fl. --- 8 Ste. Einzeleremplare 25 kr. lür's Ausland: halbjährig 5 fi. — 12 Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. Dir Lage der Juden. Programmrede des Herrn Sigmund Mayer in der Plenar -Versammlung der Oe st. Israel. Union vom 14. November 1899. Meine Herren! Wenn ich es übernommen habe, hier über die gegenwärtige Lage der Inden zu sprechen, so erwarten Sie nicht von mir, daß ich dieselbe in herzbrechenden Bildern zu schildern suche. Das ist in unserem Kreise überflüssig. Wir Alle kennen diese Lage, sie läßt sich in wenigen Worten zusammenfassen. Die kleinen Existenzen in Galizien, in Böhmen, in Mähren und auch in Wien, werden vernichtet, die mittleren Existenzen schwer bedroht — die großen reichen, gedeihen allerdings weiter, aber die errungene bürgerliche Gleichstellung, das bürgerliche Recht, wird ihnen genau so geschmälert wie dem Kleinsten; die Ehre wird uns Allen tagtäglich abgeschnitten. Und dieser Lage stehen wir seit Decennien ohne Schutz von oben gegenüber. Denn man kann es keinen Schutz nennen, daß, wenn die böse Saat endlich in die Halme geschossen, wenn in Oesterreich, also mitten in einem civilisirten Lande, nicht bei den Tartaren oder Kalmüken, geplündert wird, daß man dann, sage ich, schon weil man sich vor dem Auslande dieser Plünderungen schämt, auf die Leute schießen muß. Nicht von dieser Lage an sich möchte ich also sprechen, sondern wie wir uns zu derselben stellen müssen. Irgend eine effektive Macht die Situation zu ändern, haben wir nicht. Die „Macht der Juden" ist nur leere lügnerische Phrase. Besäßen wir diese uns von den Gegnern angelogene Macht,so hätten wir ste die zweiDecennien her zur Verhinderung der Agitation gebraucht und gebrauchen müssen. Wir können, nüchtern betrachtet, nur zweierlei thun. Wir müssen, so weit wir es von uns aus im Stande sind, Alles vermeiden was dem Antisemitismus weitere Nahrung zuführen kann. Wir müssen zweitens in unseren Kreisen alles aus dem Wege räumen, was das natürliche Erlöschen der Bewegung, und endlich erlischt jede, verhindern, verzögern kann. In erster Richtung meine ich vor Allem nicht in landläufiger Art den Fehlern der Juden nachzuspüren, zu fragen, ob diese nicht den Antisemitismus verschuldet haben. Angenommen, wenn auch noch keinesfalls zugegeben, wir hätten solche, so haben der Hauptsache nach ganz gewiß nicht die Fehler, sondern umgekehrt, die Vorzüge der Juden den Antisemitismus gemacht. Thun Sie, was Sie wollen, Sie werden den Vorwürfen nicht entgehen! Der socialdemokratische Abgeordnete Berner wirft in seiner letzten Rede den Deutschen in Böhmen und Mähren unter Ezechen lebenden Juden, wohlgemerkt, — nur den Juden, nicht auch den dort lebenden deutschen Christen vor, daß sie nicht zu den Czechen abgesallen sind — hätten sie das gethan, würde er ihnen natürlich diese charakterlose Verrätherei vorgeworfen haben. Und es ist sehr köstlich und bezeichnend, daß unter einem und sofort, der christlich-sociale Abgeordnete Biehlolawek, dieser wandelnde Beweis für die geistige Anfpruchslosigkeit für die Bescheidenheit zahlreicher Wähler Wiens, als Gegenruf den Juden wieder vorwirft, daß sie unter Deutschen deutsch, unter Franzosen französisch u. s. w. seien. Die Quelle der antisemitischen Bewegung ist .die Ausartung des gesunden berechtigten Nationalgefühls zum thierischen Raceninstinkt. Diese Ausartung hat sich nirgends so intensiv geltend gemacht und geltend machen müssen, wie in Oesterreich. Denn hier ist der Streit der Nationalitäten ein Kampf um die Herrschaft über den Staat, d. h. um die Herrschaft über alle anderen, Nationalitäten und darum hat er hier diesen ausschließenden, alles beherrschenden Fanatismus, diesen Haß gegeii die Anderen erzeugen müssen. Wenn der Czeche den Deutschen, der Deutsche den Slovenen haßt, warum dann nicht sie alle den Juden! Nun stehen wir hier Juden hierin allerdings auf einem principiell anderen Standpunkt. Unsere Deutschen wollen ein Oesterreich nur wenn es deutsch, unsere Slaven nur wenn es slavisch — die Feudalen nur wenn es feudal — die Clericalen nur wenn es clerical ist. Wir Juden in Oesterreich sind die Einzigen, die ein Oesterreich wollen saus phrase, ein Oesterreich ohne Bedingung. Zu dieser Thatsache