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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 45 Dr« s Wochenschrift Seite 863 . ... ich hoffe, daß eine Wiederholung dieses häßlichen Vorfalles nicht mehr Vorkommen wird, und/ wandte er sich an die andern unbetheiligten Studenten, „daß ich durch diesen ohne mein Verschulden hervorgerufenen Zwischenfall nicht in Ihrer Achtung gesunken bin." Nach Michael's Worten war tiefes Schweigen eingetreten, einen Augenblick schien das Auditorium zu schwanken, wie es diese Ang legenheit beurtheilen solle, aber der Wahrheit wohnt eine göttliche Kraft inne und eine Stimme aus dem Kreise der Unbetheiligten rief: „Klein hat Recht, er hat nicht die geringste Veranlassung zu einer Beleidigung gegeben. Er ist unser College, wir lassen ihn nicht kränken! Wenn dies Jemand nochmals versuchen sollte, hat er es mit mir zu thun — li.sse sich das Jeder gesagt sein!" Der Sprecher war für seine neunzehn Jahre ein Riese an Größe und Stärke, der Sohn eines reichen Bauern aus der Hanna; schon manche seiner Collegen, die mit ihm das Gymnasium besucht, hatten bei diversen Keilereien die Kraft seiner Fäuste kennen und achten gelernt, und Alle riefen: „Heiner (so hieß der starke Student) hat Recht, wir lassen Klein nicht beleidigen." Einer der Beiden, welcher den Streit durch seine Neckereien provocirt hatte, trat nun an Michael heran. „Ich habe mich übereilt und bitte Sie um Entschuldigung. Ich und mein Freund Obermaier," er deutete auf den zweiten Beleidiger, „sind in Tirol, wo unsere Väter als Officiere lagen, geboren und erzogen. Wir sind erst, als das Jägerbataillon, deffen Major mein Vater ist, nach Nikolsburg versetzt wurde, hierher gekommen. In Tirol kennt man die Juden nicht, und so hat man uns falsche Begriffe über diese beigebracht, wie ich jetzt einsehe, unbegründete Verachtung gegen die Bekenner der ältesten positiven Religion eingeflößt. — Ich bitte Sie nochmals recht sehr für meine Uebereilung um Entschuldigung. Wenn es Ihnen recht ist, dutzen wir uns". Der Student. Auerberger hieß er, reichte Michael die Hand, in welche dieser kräftig einschlug. — Seinem klugen Benehmen gelang es auch, das gute Verhältniß zwischen sich und seinen Collegen dauernd zu erhalten. Michael wußte, daß sein Pflegevater schwer mit dem Leben zu ringen habe, um sich und Sara redlich zu erhalten, er hielt es daher für seine Pflicht, ihm nicht mehr zur Last zu fallen, sich wenn möglich ein Capital zu sammeln, um sich später, wenn er etwa in der Universitätsstadt keine Lectionen finden sollte, erhalten, und auch die Kosten zur Erlangung des medicinischen Doclorgrades aus seinen Ersparnissen bestreiten zu können, und er wollte alle seine Kräfte anspannen, seine freie Zeit verwerthen und' bat Eisler, es zu gestatten, daß er auch andere Knaben unterrichte, was ihm auch bewilligt wurde, und er war durch Vorbereitungsunterricht für das Gymnasium zumeist in den Ferien beschäftigt, und so war es ihm. trotz feiner Sehnsucht, seinen Pflegevater und seine Pflegeschwester wiederzusehen, drei Jahre lang nicht möglich geworden, nach W. zu reisen. Auch Brack und Sara konnten nicht, wie sie gerne gemocht hätten, nach Nikolsburg reisen. Die Menscheu der Gegenwart vermögen sich kaum in die eigenartigen Verhältnisse, welche vor einem Jahrhunderte bestanden, zurückzuversetzen. Es gab damals keine Mittel zu raschem Verkehre, keine Eisenbahnen, diese wurden erst viele Jahrzehnte später erfunden. Die Entfernungen erschienen zehnmal größer als jetzt, eine Reise erforderte einen zehnfach größeren Zeitaufwand. Auch die damaligen'Handels- und Erwerbsverhältniffe im Allgemeinen und ganz besonders bei den Juden, machten diesen eine möglichst wenig unterbrochene Thätigkeit zur äußersten Nothwendigkeit. Der Jude war gezwungen, in seinem Geschäft einen großen Theil des Jahres zu ruhen, an den jüdischen Feiertagen durch das Religions-, an den christlichen durch das Staatsgesetz. Brack war überdies durch seine Familienverhältnisfe an weite Reisen behindert. Er war Witwer, und wenn er nothgedrungen zum Waareneinkaufe nach Brünn oder anderwärts reisen mußte, blieb Geschäft und Haus unter Sara's Obhut — fein Handlungsgehilfe vermochte nicht selbstständig zu agiren — seine Tochter unter dem Schutz der alten Magd Channa, die schon^als Kind in die Dienste seiner Schwiegereltern getreten und mit der jungen Frau in Brack's Haus gekommen war, und er konnte es vor Ungeduld und Bangigkeit nicht erwarten, wieder heimzukehren, — und so konnte es geschehen, daß volle drei Jahre vergingen, ohne daß Michael mit seinem Pflegevater und seiner Pflegeschwester zusammenkam. (Fortsetzung folgt). Briefkasten. W H— g. Dr. Lueger hat unzählige Male schon im Gemeinderathe den Schönerianern zugerufen, daß er die Juden höher achte als sie. Dr. M. W. Es ist ganz klar, daß das „Deutsche Volksblatt" die Hetze gegen die jüdischen Äerzte systematisch betreibt. Und da gibt es noch jüdische Familien, welche Aerzte von notorisch antisemitischer Gesinnung ins Haus lassen! Nemo. Vielleicht schwärmt Schönerer, der nahe Verwandte Schmul Leeb Kohn's, darum so für B i s m a r cf, weil ihm innerlich der Gedanke gar Wohl thut, daß der deutsche Kanzler einmal sehr sympathisch von der ehelichen Verbindung zwischen Juden und Christen sprach.?? Lessing's „Nathan der Weise" wurde z u e r st in der österreichisch-ungarischen Monarchie und zwar in Preßburg im Jahre 1785 aufgeführt. Im Jahre 1842 wurde das Werk auch in griechischer Uebersetzung — unter dem Titel: „Der weise Judengreis" — in Conttantinopel auf die Bühne gebracht. I. W. Das ist pure Heuchelei von Dr. Lueger. Er, der sich als den allmächtigen Mann in seiner Partei führt, sagt immer mit Wallenstein, wenn er sich schämt für die Beschlüsse des Stadtrathes einzutreten: „Ich Hab' hier blos ein Amt und keine Meinung." Man erinnert sich aber ganz gut, mit welch' souverainem Hochnmthe Dr. Lueger in öffentlicher Gemeinderathssitzung Beschlüsse des Stadtrathes verwarf, die ihm nicht paßten. W. B. Sie waren im Rechte. Die Gattin des berühmten deutschen Künstlers Schadow Marianne, war eine geborene Jüdin und hieß mit ihrem Mädchennamen Marianne Devidels. Arthur H—g. Lord Beaconsfield, der schon als Kind der Taufe zugeführt wurde, hat im Parlament einst einem Redner, der gegen die Judenemancipation war, zugerufen r „Ja, ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein, denn;u einer Zeit, wo Ihre Ahnen noch als Wilde lebten, waren meine Ahnen hohe Priester im Tempel zu Jerusalem". Jgnotus. Pfarrer D e ck e r t hat durch seine Spende für Arme ohne Unterschied der Confession, auch Juden, Christen und Antisemiten überrascht. Vielleicht hat ihn die Salvator-Medaille zu einem anderen Menschen gemacht. Veäeremo. I. B. Cooperator D i t t r i ch ist seit der Revisions-Affaire betreffend 100.000 fl. ein stiller Mann geworden. Aber sein Schweigen sollte in der That nicht auch die Anderen zum - Schweigen verlocken. I. B. Klagen Sie getrost, das „Deutsche Volksblatt" hat sich in solchen Fällen noch immer edelmüthig überwunden und lieber sich selbst ins Gesicht geschlagen, bevor es sich einer Vernrtheilung aussetzte. L. in Wien. Sie sind im Jrrthum. Herr Colbert hat bereits dem Judenthum den Rücken gekehrt und ist zur ch ri stlichen Religion übergetreten. Jüdischen Gapitalisten wird von einem langjährigen Fachmanne Gelegenheit geboten, fern von den jetzt so unheimlichen Oesterreich ein industrielles Etablissement zu gründen, bei genügendem Capital große Zukunft bei reichlicher Verzinsung. Interessenten weitere Auskünfte durch Correspondenz unter Chiffre Ä. K. an die Adm. d. Blattes. 377 Dr. Adolf Socks'fche Stillung für Techniker. Der Unterzeichnete Vorstand verlautbart hiemit, daß aus den Erträgnissen des Stistungscapitales neun Stipendien, jedes im Betrage von ö. W. fl. 800.— jährlich, an Studierende der technischen Hochschulen der im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder zur Verleihung gelangen- Competenzberechtigt sind, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses, solche Studierende der Technik, welche ihre Vermögenslosigkeit und die Armuth ihrer Eltern nachzuweisen vermögen. Die ungestempelten Gesuche sind bis 80. November 1899 im Einreichungsprotokolle der israelitischen Cultusgemeinde in Wien, I, Seitenstettengaffe 4, I. Stock, während der Amtsstunden von 9—12 Uhr Vormittags zu überreichen und müssen mit nachstehenden Beilagen versehen sein: 1. Mit Geburts- und Zustandigkeitsdocumenten; 2. mit einem glaubhaften Nachweis der Armuth der Eltern und der Vermögenslosigkeit des Bewerbers; hiebei ist auch der etwaige Genuß eines Stipendiums anzuführen: 3. mit einem Frequentations - Zeugnisse und den Studien- Zeugnissen. Bewerber, welche bereits im Genuffe dieser Stiftung stehen, haben in der Regel den Vorzug. Auszüge aus den Geburts- Trauungs- und Sterbematriken der israelitischen Cultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich, sondern genügt die genau« Angabe der betreffenden Daten. Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche werden nicht berücksichtigt.

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