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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-11-10 · 45 (10.11.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
45 (10.11.1899)
Date
1899-11-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 862 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 45 Wie«. Geheimrath Prof. Dr. Moriz Lazarus wird am 30. November d. I. sein 50jähriges Doctvrjubiläum feiern. Der berühmte Philosoph und Begründer der Völkerpsychologie weilt derzeit in Meran, das ihm eine zweite Heimat geworden ist. Geheimrath Prof. Dr. Lazarus wird den Tag in voller Rüstigkeit und Gesundheit begehen können, seine Stimmung und Arbeitsfreudigkeit sind ausgezeichnet und er arbeitet mit Feuereifer an dem zweiten Theil seiner „Ethik"'. Auch was sonst an ihn herantritt findet ihn allezeit mit einer Hingebung und einem Enthusiasmus bereit, daß man unserer Jugend diese Frische und Freudigkeit für alle Ideale wünschen muß. Es scheint, daß gerade das Trübe und Schwere, das wir als Menschen und Juden erfahren, ihn anspornen, die ihm verliehenen Kräfte zusammenzuhalten, um sie als geistige Waffen im Dienst der guten Sache zu führen und zu verwerthen. Wie«. Der k. k. Hauptmann B a r d a ch, Edler von Chlumberg erhielt von Sr. Majestät dem Kaiser aus Anlaß seines Austrittes aus der Armee den Majorsrang verliehen. Wie«. Sonntag den 29. d. M. fand in dem Bethause des Talmud Thora-Vereins eine Trauerandacht nach dem kürzlich Heimgegangenen Herrn Heinrich Bergers. A. statt. Anwesend waren die Famtlien-Angehörigen des Verblichenen mit Hern Cultusvorsteher Dr. Alfred Berger an der Spitze, Landesschulrath Dr. Gustav Ko h n, Tocent Doctor Grü n f eld, Dr. Maximilian Steiner, Director Simon. B zirksschulrath Dr. M. Spitzer, Ober-Ingenieur Arthur Edler von Mises, der em. Director L ö w, Wilhelm Pappenheim, akad. Maler David K o h n, die Rabbiner Dr. Bach, Buchsbanm und Kramer. Notar Dr. Schiffmann Albert H o r o w i tz, Jnspector M. K a n i tz und A., der gesammtc Lehrkörper der Anstalt mit den oberen Classen, an welche zunächst Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann eine erhebende Ansprache richtete, indem er die hervorragenden Vorzüge und Verdienste des Verstorbenen um die Hebung dieser Schule besonders betonte und sie aneiferte dieses uachamenswerthe, edle Vorbild des wahrhaft frommen Mannes stets vor Augen zu haben, der gleich dem Patriarchen Abraham ein wahrer „Naßi" diesen Ehrentttel mit Recht getragen nnd ein unzerstörbares Monument in den Herzen und in der Mitte Israels, bauernder denn Erz sich errichtet hat. Sein Name sei gesegnet für und für! Wien. Herr Gottlieb Turnowsky, Gesellschafter der hiesigen Tuch-Firma I. Turnowsky u. Comp, ist am 24. October plötzlich einem Herzschläge erlegen. Gegründet vor hundert Jahren (1766), verlegte die erwähnte Firma ihren Schwerpunkt nach Wien und creirte in Jglau eine Filiale, an deren Spitze der wegen seines Edelsinnes und seiner Verdienste um die Jglauer Cultusgemeinde unvergeßliche Herr Ignatz Turnowsky stand und durch welche die Jglauer Tuchindustrie in hohem Maße gefördert wurde. Ein pfadfinderischer Kaufmann von umfaffevder Bildung und ausgezeichneter Leistungsfähigkeit, arbeitete der Verblichene in Gemeinschaft mit seiuem congenialen Bruder, Herrn Wilhelm Turnowsky, auf der gediegenen Grundlage rüstig mit jener Solidarität Wetter, die nicht verfehlte, dem Handlungshause eine vielbeneidete Präponderanz zu sichern. Nebenher bethätigte der Vollendete Prunk- und geräuschlos seinen Gesinnuugsadel und gereichte es ihm jederzeit zur Seelenfteude, einem Mitbruder bei der Begründung seiner Existenz förderlich sein zu können. Ehre seinem Andenken und Friede seinem Geiste! Berlin, 31. October. Herr Rechtsanwalt I. Auerbach ist zum Notar im Bezirk des Kammergerichts ernannt worden. — Die Rothe Kreuz-Medaille HI. Claffe wurde der Frau Ernestine Freund, geb. Krämer, verliehen. — Herrn Commercienrath B. Löser ist die Rothe Kreuz-Medaille II. Claffe verliehen worden. — Zum Chordirigenten der Berliner Reformgemeinde ist der Capellmeister Eduard Levy in Breslau ernannt worden. Manchester, 30. October. Auch unsere große Fabrikstadt wird nächstens einen jüdischen Bürgermeister haben: Dr. Dreyfus, der den Bezirk Bradford Ward im Stadtrath vertritt, hat die besttn Chancen, für dieses hohe Amt gewählt zu werden. Amsterdam. 24. October. Zum Schiedsrichter in dem seit acht Jahren zwischen Rußland und den Bereinigten Staaten von Nordamerika schwebenden Stteit über die Besitzverhältniffe im Behringsmeer ist unser Glaubensgenosse Stadttath Profeffor T. M. C. Affer, bekanntlich einer der hervorragendsten Autoritäten auf dem Gebiete des internationalen Rechts, ernannt worden. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Die Gymnasiallehrer liebten damals (vielleicht auch jetzt noch) die Privatschüler nicht, gaben den sechs Jahren unter ihrer Leitung Stehenden den Vorzug und Michael Klein wurde einer sehr strengen Prüfung unterzogen, allein er bestand sie in glänzendester Weise. Als er sein Zeugniß seinem Pflegevater mit der Bitte sandte, dasselbe auch seinem würdigen Lehrer, dem Pfarrer Willibald, zu zeigen, waren nicht nur die Beiden, sondern auch die neunjährige Sara so entzückt, daß sie ihm einen herzlichen, rührenden Glückwunsch zu diesem wichtigen Lebcnsereignisse schrieb. Brack und Sara hatten erwartet, daß Michael nach mehr als halbjähriger Abwesenheit zu den hohen, jüdischen Feiertagen, die in den Herbst fallen, nach Hause kommen und diese bei ihnen verleben würde, aber er schrieb zu Roschhaschono') Glückwünsche (an den Pflegevater hebräisch, an Sara deutsch, der an den Pfarrer gerichtete Brief war lateinisch abgefaßt) und erklärte daß es ihn zwar mit großer Gewalt zu ihnen zöge, es ihm aber aus mehreren Gründen unmöglich sei, Nikolsburg zu verlassen. Vor Allem halte ihn seine Pflicht als Hauslehrer in Eisler's Haus zurück. Ec könne den Unterricht der Kinder ohne deren Nachtheil nicht so lange unterbrechen. Seine Schüler hätten ihn so lieb und hingen ihm so innig an, daß sie ihm weit mehr als ihren Eltern gehorchten, und er habe die Verpflichtung übernommen, die Knaben an den hohen Feiertagen in der Synagoge neben sich stehen zu lassen (da Ersterer als Vorstand obenanstand, konnte er die Knaben nicht in seiner Nähe haben) und darüber zu wachen, daß sie mehr und andächtiger beten, dagegen aber weniger Lärm und Störung verursachen sollten, als dies die lebhaften Burschen ftüher gethan. — Auch seine eigenen Angelegenheiten schrieb er weiter, hielten ihn gerade um diese Zeit in Nikolsburg fest. Er müsse sich nämlich um die Aufnahme in die philosophische Lehranstalt (die den Rang einer Facultät besaß) bewerben und es würden ihm voraussichtlich hierbei Schwierigkeiten bereitet werden, die er überwinden müsse, und es falle Heuer der Beginn des Studienjahres mit den jüdischen Feiertagen zusammen. Wie er seinem Pflegevater später berichtete, wollte man ihm, da ihm zum erreichten sechszehnten Lebensjahre noch einige Tage fehlten, in der That die Aufnahme verweigern, allein er wußte es endlich durchzusetzen, daß er als ordentlicher Hörer eingeschrieben wurde. Schon in den ersten Tagen bemerkte er, daß einige jndenfeindliche College» etwas gegen ihn im Schilde führten. Seine große Klugheit ersetzte die ihm mangelnde Lebenserfahrung. Er erkannte, daß er es nicht wie der Strauß machen dürfe, welcher den Kopf in den Bauch steckte und nicht gesehen zu werden glaubt, daß ein Ausweichen und Nichtbemerkenwollen nicht zweckmäßig, ja auf die Dauer nicht einmal ausführbar sei und einen Zusammenstoß nicht verhindern könne. Er beschloß daher einem soschen zuvorzukommen, und als einmal während der Vorlesung zwei der ärgsten Judenfeinde, die hinter ihm saßen, einige hämische Bemerkungen über ihn und die Juden im Allgemeinen machten, redete er dieselben, nachdem der Professor den Hörsaal verlassen, aber die meisten Studenten sich noch in demselben befanden, folgendermaßen an: „Meine Herren, Sie werden es mir zugestehen muffen, daß ich Ihnen gewiß nicht die geringste Veranlassung, mich zu beleidigen, gegeben habe. Ich bin gegen Sie, wie gegen Jedermann höflich gewesen und bitte Sie, überzeugt zu sein, daß wenn ich in der Lage gewesen wäre, Ihnen zu dienen, ich dies mit Vergnügen gethan hätte. Mit um so größerem Erstaunen habe ich gehört, daß Sie halblaut, so daß ich es hören konnte, über mich gespottet haben. Wenn Sie über Ihr Benehmen Nachdenken, werden Sie dies selbst verurtheilen müssen. Ich bin der einzige Jude unter allen Hörern dieses Jahrgangs, und wenn mir alle College« in gleicher Weise begegnen wollten, würde meine Lage eine geradezu vollkommen unerträgliche werden. Versuchen Sie es, sich an meine Stelle zu versetzen, malen Sie es sich aus, wie es Ihnen behagen würde, wenn Sie sich allein unter einem Collegium Andersgläubiger befinden würden, und man Sie um Ihrer Confesfion willen verspotten, herabsetzen, kränken wollte. Ich dränge meine Gesellschaft Niemandem auf, ich kann und will Niemanden zwingen mit mir umzugehen, aber", Michael war gegen seine Absicht in einen gebieterischen Ton verfallen „ich dulde es nicht, daß man mich ohne jeden Grund beleidigt *) Zum jüdischen Neujahrsfeste.

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