Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 45 (10.11.1899)
- Date
- 1899-11-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 861 Die Großgemeinde ist fortgesetzt in Wahlnöthen. Die Rabbinerfrage freilich bereitet keine Schmerzen, weil sie zur Zeit völlig ruht. Doch die Vorstandswahl bereitet denen, die sie angeht, schwere Kümmernisse. Die Herren Repräsentanten haben eine Commission zur Vorbereitung der Wahl eingesetzt. Diese Commission bereitet auch fleißig und im Schweiße ihre Angesichts vor. Ihre Verhandlungen sind in tiefstes Geheimniß gehüllt, sogar den Herren Collegen gegenüber. Mich bindet keine Amtsverschwiegenheit und keine berufsmäßige Discretion; ich darf also ohne Verrath sagen, daß Wiederwahl die Parole sein wird. Die Verstorbenen freilich kann man nicht wiederwählen, und das ist schlimm; sonst wäre man aller Sorge ledig. So bleibt die Nothwendigkeit bestehen, für einen Platz im Vorstand den möglichst ungeeigneten Mann zu suchen. Man darf das Vertrauen hegen, daß er gefunden werden wird. Das nöthige Wahltalent ist jedenfalls vorhanden. Vor einiger Zeit soll der Rector des Polytechnikums in Charlottenburg, Professor Riedler, in einer öffentlichen Erklärung geäußert haben, das russische Element sei auf den deutschen technischen Schulen unerwünscht. An diese angebliche Aeußerung knüpft die Petersburger „Birschowija Wjedomosti" in einer sonst sympathischen Besprechung der Hundertjahrfeier des Berliner Polytechnikums an und erinnert daran, daß früher der Antagonismus gegen die russischen Studenten in Berlin nicht vorhanden war. Nach der Meinung des genannten Blattes werden die russischen Studenten in Deutschland deshalb nicht gern gesehen, weil sie sich mit der deutschen Industrie bekannt machen, später selbst industrielle Unternehmungen in Rußland gründen und Rußland von der iudustriellen Vormundschaft Deutschlands befreien. Hierzu bemerkt die „Kreuzzeitung": „An und für sich ist die Thatsache, daß russische Studenten in Charlottenburg und vielleicht auch an anderen Hochschulen Deutschlands nicht gerne gesehen werden, richtig. Allein die Ursachen dieser Erscheinung werden von dem russischen Blatte verkannt. Es ist ganz nnd gar nicht Concurrenzneid, der den Antagonismus gegen die russischen Studenten hervorgerufen hat; schon aus dem einfachen Grunde, weil derartige geschäftliche Erwägungen bei den jungen Leuten noch nicht Platz gegriffen haben können. Der Antagonismus entspringt einer ganz anderen Ursache. Im Großen und Ganzen sind es, wie das russische Blatt wissen könnte, nicht junge Russen, die das Charlottenburger Polytechnikum besuchen, sondern russische Juden, und nun wird wohl auch das russische Blatt begreifen, daß bei der Eigenart dieser Elemente unter den deutschen Studenten der Charlottenburger Hochschule eine Abneigung aufkommen mußte, die gegen nationale Russen sicherlich nicht hervorgekehrt worden wäre und auch nicht hervorgekehrt wird. Bei dem großen Andrange und der noch größeren Zudringlichkeit der russischen Juden ist der Antagonismus, den ja die Russen selbst hegen, begreiflich und entschuldbar. Gegenüber diesen Elementen erscheint Mißtrauen nach allen Richtungen hin geboten. Vielleicht nimmt das russische Blatt von dieser Richtigstellung Kenntniß." In der „Kreuzzeitung" ist es Herkommen, sich russischer Gunst zu empfehlen. Es gab eine Zeit, in der man bei diesem Blatte Ursache hatte, sich in russischen Diensten zu glauben. Aus der Lebendigkeit dieser Erinnerung erklärt sich wohl das Bestreben, durch die Betheuerung antisemitischer Gesinnung sich der russischen Huld zu empfehlen. Daß der Mittler, an den man sich in diesem Falle wendete, vom Samen Abrahams ist — das ist der Humor davon. Mannheim, 6. November. (Eine Niederlage der Antisemiten.) Bei den Landtagswahlen im Großherzogthum Baden erlitten die Antisemiten eine vollständige Niederlage, indem diesmal kein einziger Antisemit mehr in den Landtag gewählt wurde und auch keiner in die Stichwahl kommt. Im letzten Landtage waren die Antisemiten noch durch einen Abgeordneten ihrer Partei vertreten. _ Magdeburg. (Literaturverein.) Der unter der Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Rahmer stehende hiesige Literaturverein, dessen Mitgliederzahl stetig zunimmt, hat kürzlich seinen winterlichen Bortragscyklus begonnen. Redacteur M. A. Klausner aus Berlin sprach über „jüdische Zeitfragen". Im November wird Herr Max Weinberg von hier eigene Dichtungen, im December Herr Rabbiner Dr. Jacob-Göttingen über die gegenwärtige Stellung der Juden im geistigen Leben Deutschlands", im Januar Herr Oberstabsarzt a. D. Dr. Rosenthal über „Luther und die Juden", im Febrmr Herr Rabbiner Dr. Rahmer über „Kaiser und Rabbiner", im März Herr Weinburg über „Nietzsche nnd das Judenthum" vortragen. Paris, 6. November. (Major Esterhazy zu 3 Jahren Gefängniß verurt heilt.) Heute wurde über die Betrugsklage Christian Esterhazy's verhandelt, welchem bekanntlich von seinem Cousin, dem Major Esterhazy, 32.000 Francs unter der Vorspiegelung herausgelockt wurden, daß Letzterer das Vermögen Christian's im Bankhause Rothschild besonders glänzend zu placiren in der Lage sei. Major Esterhazy, welcher wohlweislich zur Verhandlung nicht erschienen ist, wurde in eontumneiarn zu dreijährigem Gefängniß und Rückersatz der 32.000 Francs verurtheilt. Haag, 25. October. (Ein jüdischer Schiedsrichter.) Herrn Professor T. M. C. Asser, einem unserer ersten Rechtsgelehrten, der vor einigen Monaten als Delegirter Hollands beim Friedenscongreß mitwirkte, ist eine große Auszeichnung zu theil geworden. Rußland führt seit acht Jahren einen Rechtsstreit mit den Bereinigten Staaten von Nord-Amerika wegen der Gefangennahme von Seehundsfängern in der Behring-See. Beide Staaten haben nunmehr Herrn Professor Asser zum alleinigen Schiedsrichter in dieser Angelegenheit gewählt. Glinrany, 29. October. Der Mörder des unweit Gliniany im Walde bei Zaworne ermordeten christlichen 11jährigen Mädchens ist bereits hinter Schloß und Riegel im Glinianyer Bezirksgerichte und hat die That schon eingestanden. Einem Gendarmen ist es gelungen, diesen Mörder unweit Gliniany als Vagabunden anzuhalten, in dessen Stiefeln das Tüchlein, welches das Mädchen vor dem Morde getragen, zu erkennen, und so den Mörder zu einem Geständnisse zu zwingen. Wien. (Verlobung.) Sonntag den 5. d. M. hat sich Fräulein Gisela K u l k a, Tochter des Herrn Jacob Kulka, mit Herrn M. 6 Z u c z k a, Cantor in Mariahilf, verlobt. Wien. Rabbiner Dr. Jonathan Wolf übersiedelte am 9. November a. c. in seine Amtswohnung XV. F ü n f h a u s Turnergasse 22 (Tempelhaus). Wien. Die Weltausstellungs-Direction in Paris hat an Herrn Dr. Markus Landau in Wien zwei Einladungsschreiben gesendet: zum internationalen Congreß für Religionsgeschichte und zu dem für Volkstraditionen, ersterer unter der Präsidentschaft von Albert R e v i l l e, letzterer unter der von Gaston Paris und Charles Beauquier. Wien. Die Eheleute Jakob und Johanna Schefranek feierten am 9. d. M. das seltene Fest ihrer goldenen Hochzeit. Bon den drei Töchtern ist die eine an den bekannten hebräischen Schriftsteller und Gemeinde-Functionär Leon Smolensky verheiratet, während die beiden anderen als tüchtige Geschäftsfrauen wirken. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien.) Mittwoch den 15. d. M., 7 Uhr Abends, findet im großen Festsaale des nieder-österr. Gewerbevereines, I., Eschenbachgasse 11, eine Plenarversammlung mit folgender Tagesordnung statt: I. „Ein Wort über den Wiener Volksbildungsverein"; II. Vortrag des Schriftstellers Herrn Jaques I a e g e r, Herausgeber des Wiener Almanachs, Vorstandsmitglied der österr.- ungar. Colonial-Gesellschaft „Ueber seine letzte Reise"; „Wanderbilder aus Rußland, dem Kaukasus, Central-Asien rc". Damen und Gäste willkommen! — Wem der Vortrag dieses glänzenden Redners über „Spanien" in Erinnerung ist, wird auch diesem, für Herrn und Damen, Jung und Alt hochintereffanten Bortrage anzuwohnen nicht versäumen! Wien. Die Oesterreichisch-israelitische Union hält Dienstag, den 14. d. M., V28 Uhr Abends, im großen Saale des „Hotel Continental", II., Taborstraße 4, eine Plenarversammlung mit folgender Tagesordnung ab: 1. Mittheilungen des Vorstandes, 2. Thätigkeitsberichl, 3. Discussion über die Lage der österreichischen Judenschaft, 4. Anträge und Interpellationen. An jene geehrten Glaubensgenossen, welche den Kalender pro 1899/1900 bezogen, und den hiefür entfallenden Betrag noch nicht entrichtet haben, ergeht hiemit das höfl. Ersuchen, die Einzahlung mittelst Pvsterlagsschein oder Postanweisung in den nächsten Tagen zu leisten, da sonst die Einhebung mittelst Postauftrages erfolgen müßte, was unnöthige Mehrauslagen verursacht.